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16

Montag, 7. März 2016, 10:04

Grauschwert

Irgendwann im Winter. Schweinefressenkalt.

Für so ein kleines, wabbeliges Bartlos-Hochding fällt es recht anmutig, denkt Lippe noch und dann denkt der Goblin erst einmal gar nichts mehr, denn sein schwarzes, verschrumpeltes Unholdherz setzt glatt für drei Schläge aus, als er nach Jahren der Sehnsucht und Vergötterung aus unerreichbarer Ferne, nach Äonen der Einsamkeit, nach Zeitaltern des brennenden Verlangens endlich, endlich – er kann es kaum fassen! – wieder seinem heißgeliebten Meister gegenübersteht. Er ist es wahrhaftig! Sein Meister! Meister Grauschwert, wie er leibt und lebt und in voller Lebensgröße… in Über-Lebensgröße sogar! Der ist doch gewachsen...
>DU?!<tönt es ihm recht fassungslos entgegen und lässt den Goblin schier platzen vor Stolz und die kleinen roten Schweinsäuglein vor Verehrung und Aufregung wie im Fieberwahn glänzen. Er hat mich angesprochen! Mich! Er erinnert sich… Lippe zittert, schnieft, rotzt und besinnt sich endlich auf seine guten Goblinmanieren, sprich: er wirft sich mit einem heiseren Kreischen auf den Boden - und zwar einfach über den niedergeschlagenen Jungen - und macht willfährig einen Kotau nach dem anderen, wobei er sich seinen hakenförmigen Goblinrüssel schier am Boden platt drückt.

"Meister! Mein Meister! Ya? Lippe hat dich nicht vergessen, Meister! Lippe kommt dich retten! Ya, ya? Lippe rettet dich, rettet dich vor allem! Jeden Steckbrief, den die garstigen Wachleutz-Hochdinger aufgehängt haben, hat der gute, guuute Lippe abgerissen, jeden einzelnen." Tränenblind vor Rührung und Ergebenheit schnoddert Lippe sich den Rotz vom grünen Zinken und plinkert verliebt zu Meister Grauschwert hinauf, als ihm siedend heiß etwas einfällt. "Meister!" Haucht er. "Ich hab gesehen, wie die Wachleutz-Hochdinger euch und eure Diener in garstige Ketten gelegt haben und…" er senkt seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, legt die zerfledderten Blumenkohlohren eng an den kaum noch behaarten Schädel und raunt: "Ich hab' euer graues Schwert, Meister. Hier." Er angelt ächzend nach dem unförmigen in Lumpen und Papierfetzen gehüllten, langen Gegenstand, mit dem er gerade den armen Rekruten bewusstlos geschlagen hat, und legt das ganze so demütig vor die Gitterstäbe zu Tiuris Füßen wie ein Gläubiger im Tempel eine Opfergabe vorm Altar darbringt. "Ist Lippe nicht ein guter Goblin? Ein feiner Lippe? Ein braver Sklave, ya? Lippe tut alles für euch, Meister, alles für euch!"
Meister! Mein Leben für dich!

Kalam

Stadtbewohner

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Beiträge: 65

Beruf: Sithechjünger a.D.

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17

Montag, 11. April 2016, 13:30

Armer Ritter

(einfache Süßspeise aus altbackenem, weißem Brot, sehr beliebt bei herrenlosen Goblins)

Irgendwann in Langschnee und Silberweiß 515/516

Kalam glaubt seinen Augen nicht zu trauen und seinen Ohren traut er noch viel weniger. Er kann auch nicht fassen, dass Rayan und er so bescheuert waren, auf den Loaritter zu hören. Nicht nur, dass Tiuris himmelsschreiende Rechtschaffenheit sie alle drei hinter Gitter gebracht hat, nur damit ein paar bartlose Sommerjungen ihre rotznäsigen Gesichter nicht verlieren, nein, jetzt plaudert er auch noch mit dem armbrustbewaffneten Bengel als sei alles in bester Ordnung - und dann taucht aus dem Nichts auch noch sein größter Verehrer hier auf, samt seinem verdammten Schwert, wo immer der götterverfluchte Goblin das eigentlich her hat. >Du?!< tönt Tiuri, extrem fassungslos, aber auch hinreichend vertraut um deutlich werden zu lassen, dass er das hässliche Grüngesicht offenbar ziemlich gut kennt. >Meister, mein Meister!< kräht der Goblin enthusiastisch zurück und wirft sich auf der Stelle in den Staub zu Tiuris Füßen. Kalam indes tauscht einen verstörten Blick mit Rayyan, der jedoch auch nur völlig ratlos mit den Schultern zucken kann. Dann werden sie Zeugen eines denkwürdigen Sermons – eine Unterhaltung kann man es beim besten Willen nicht nennen, weil nur und ausschließlich der Goblin redet. Ritter Tiuri, dem Retter der hübschen Witwen, hilflosen Waisen, Jungfern in Nöten und ratlosen Rekruten, hat es nämlich anscheinend völlig die Sprache verschlagen. Lippe, so heißt ihr unerwartetes Helferlein in der Not (oder auch nicht) ganz offensichtlich, hat nicht nur die Steckbriefe Tiuris abgerissen (aha, interessant) und ihre Konterfeis schön hängen lassen, er hat auch beobachtet, wie sie zum ersten Mal verhaftet worden waren und er hat Tiuris Schwert in Sicherheit gebracht. >Ist Lippe nicht ein guter Goblin? Ein feiner Lippe? Ein braver Sklave, ya? Lippe tut alles für euch, Meister, alles für euch!< Da der Loaritter nach einer geraumen Weile des Schweigens immer noch entgeistert auf das grüne Ding zu seinen Füßen und sein ihm dargebotenes Schwert starrt und wohl vor Verwunderung seine Zunge verschluckt hat, springt Kalam ein. "Ja", knurrt er ungeduldig. "Ganz feiner Goblin. Toller Goblin. Der Goblin ist der Held des Tages. Jetzt sieh zu, dass du den Schlüssel findest und lass uns hier raus."
Der Goblin wirft ihm nur einen erbosten Blick zu und zischelt etwas davon, er würde Befehle ganz bestimmt bloß vom Meister selbst entgegennehmen, nicht von einem Lakaien des Meisters. Damit reißt Kalam endgültig der Geduldsfaden. Sie haben keine hundert Jahre Zeit, sich hier die Beine in den Bauch zu stehen und auf irgendeine Reaktion zu warten - oder darauf, dass ein paar erwachsene Gardisten zurückkämen. Der arme Nathan ist samt seiner rasierten Knöchel vielleicht schon auf halbem Weg nach Azurien. "Dann nicht", schnappt er grollend, tritt vor und rüttelt einmal, zweimal prüfend an den Gitterstäben. Auch nicht fester als die letzte Nacht, sehr gut. Er hat sie schon einmal hier herausgebracht, dann tut er es eben noch einmal auf die gleiche Art und Weise. Eine kleine Weile fluchender, fauchender Kraftanstrengung seinerseits später, stehen sie alle wieder auf dem Gang vor den Zellen und die Hafenwache Ambars ist um ein ruiniertes Gitter mit verbogenen Eisenstäben reicher. Der junge Rekrut lebt noch, soweit sich das feststellen lässt, auch wenn er später wohl mit einer gewaltigen Beule und einem noch gewaltigeren Brummschädel wieder zu sich kommen dürfte. Kalam reißt dem auf der Stelle loszeternden Goblin Fahl einfach aus den grünen Pfoten und drückt es Tiuri in die Hände, der blinzelt als würde er gerade aus einem unschönen Traum aufwachen. "Wir müssen hier verschwinden und zwar auf der Stelle", zischt er warnend, dann dreht er sich zu dem Magier um. "Kannst du uns wieder nach draußen verfrachten? Zurück in die Seitengasse? Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Hafen."
I do very bad things, and I do them very well

Rayyan

Hänfling

Beiträge: 129

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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18

Mittwoch, 22. Juni 2016, 20:30

Ene, mene, mu und raus bist du!

Irgendwann in Langschnee und Silberweiß 515/516

Rayyan kann nicht aufhören mit dem Kopf zu schütteln und sich wiederholt zu fragen: Was bei Sarunirs schimmeligem Arsch… Er hat sich einsperren lassen. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen, auch wenn er sich an das erste Mal nicht erinnern kann und Schuld an seiner Misere tragen ein Schatz, ein milchheller Knöchel, Ambar’s Schlüssel, eine ganze Horde von Huren, ein Drachenzahnstocher, ein Buch der Prophezeiungen und ein gewisser, langbeiniger Loaritter. Dessen Rittertugenden Rayyan ihm gerne sonst wohin schieben würde und der selbst jetzt, wo sie so eindeutig auf der falschen Seite der Gitterstäbe stehen – zum ZWEITEN MAL – offenbar den Ernst ihrer Lage nicht erkennt, sondern ganz gemütlich ein Schwätzchen mit ihrem Wächter hält! Bei dem es sich zwar um einen laufenden Meter handelt, aber um einen laufenden Meter mit einer Armbrust. Am meisten zweifelt Rayyan dabei an seinem eigenen Verstand, der ihn doch tatsächlich dazu gebracht hat sich nicht gegen Tiuris bescheuerte Kapitulation aufzulehnen, sondern sich festnehmen zu lassen.

Der Blutwein. Es muss der Blutwein sein. Irritiert wechselt er einen Blick mit Kalam – dessen Miene exakt Rayyans Gedanken widerspiegeln. Genau in diesem Moment macht es ‚PLONK‘ und besagter wandelnder Meter mit Armbrust sackt ohnmächtig zu Boden. Bei dem was dahinter auftaucht, die fiese, grüne Fresse zu einem fast schon glückseligen Grinsen verzogen, verliert Rayyan kurzzeitig die Kontrolle über seine Gesichtszüge Was bei Sarunir… nein, das IST Sarunirs schimmliger Arsch! Zumindest so oder ähnlich sieht die Kehrseite des dunklen Archonen in Rayyans Vorstellung aus. Sarunirs schimmliger Arsch auf zwei Beinen wirft sich auf jeden Fall voller Elan dem Blutaxtsproß vor die Füße und verlangt kreischend nach Lob: „Ist Lippe nicht ein guter Goblin? Ein feiner Lippe? Ein braver Sklave, ya? Lippe tut alles für euch, Meister, alles für euch!“
Sie alle drei starren Sarunirs schimmligen Arsch, der sich inzwischen im Staub vor der Zellentür windet und aus gelbunterlaufenen Augen ehrfürchtig (und schrecklich verliebt) zu Tiuri hoch blinzelt, für mehrere Herzschläge einfach nur verstört an – besser gesagt starrt Tiuri mit offenem Mund seinen unerwarteten (und wahrscheinlich unterwünschten) Verehrer an, während Kalam und Rayyan wiederum Tiuri anstarren und darauf warten, dass der Loaritter die Gunst der Stunde nutzt und seinem Sklaven den Befehl erteilt, die vermaledeite Tür zu öffnen. Was dieser aber nicht tut.

Gerade als Rayyan Tiuri einen ordentlich Stoß gegen die Schulter verpassen will, wendet sich Kalam einfach direkt an den Goblin und weist ihn an, sie rauszulassen, aber das Mistvieh will von ihnen keine Befehle annehmen – und Tiuri tut noch immer nichts, außer dazustehen und völlig verblödet auszuschauen. Daraufhin nimmt Kalam die Sache selbst in die Hand. Wortwörtlich. Und Rayyan lässt ihn machen, folgt ihm dann hinaus auf den Gang und öffnet dort, noch bevor sein Freund ihn dazu auffordern muss, ein Portal. Dass er das auch IN der Zelle hätte machen können, unterschlägt er geflissentlich. Ein tödlich genervter Vampir bleibt ein tödlich genervter Vampir. Außerdem hat er keine Ahnung mehr, warum sie gestern nicht auch einfach durch das arkane Netz geflüchtet sind. Wahrscheinlich weil ich zu betrunken war, den verdammten Spruch zu sprechen.

Er hält das Tor offen, so dass Kalam und Tiuri (der sich noch immer an Fahl festklammert, als würde es ihm bestimmt jeden Augenblick wieder jemand wegnehmen wollen) hindurchtreten können – und erwischt das Ebenbild des schimmligen Arschs eines gewissen Archons gerade noch an den viel zu langen, schmierigen Ohren, bevor der ebenfalls an ihm vorbei in das Gewebe schlüpfen kann. „Vergiss es, du bleibst schön hier“, knurrt Rayyan und fährt im gleichen Atemzug Tiuri über den Mund, der im Hintergrund schon den Finger zum Protest gehoben hat: „Schnauze. Ich will nichts hören von Großmut und Hilfsbereitschaft. Deine hochgelobten Tugenden haben uns das hier eingebrockt, jetzt ist Schluss mit diesem Ritterschmalz.“ Womit er dem Goblin einen kräftigen Tritt versetzt, so dass dieser das Gleichgewicht verliert und stürzt. Diesen Moment nutzt Rayyan, um durch das Tor zwischen den Welten zu schlüpfen und es hinter sich zu schließen. Der vorwurfsvolle Blick, den er daraufhin von Tiuri kassiert, perlt an ihm ab, wie Wasser an eingefettetem Leder. Sie haben nun wirklich schon genug Probleme am Hals, ein ausgewachsener, stinkender Goblin, der einem Ritter hinterherhüpft und alle naselang seinen eigenen Namen schreit, ist das Letzte, was sie jetzt gebrauchen können. Außerdem ist das Vieh von ganz alleine in die Garnison hineingelangt, es wird auch wieder einen Weg hinaus finden und wenn es dazu noch ein paar viel zu pflichtbewusste Milchbärte niederschlagen muss, dann soll es das tun.

Nur wenige Augenblicke später finden sie sich wieder in exakt der Seitengasse, aus der sie aufgebrochen sind. In synchroner Einigkeit richten sie ihre Umhänge und Kapuzen und beeilen sich dann so schnell wie möglich so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die Garde zu bringen – die sich an ihre Fersen heften wird, sobald einer der Rekruten Alarm geschlagen hat. Bei diesem Gedanken beschleunigt Rayyan seine Schritte, denn noch einmal wird er sich nicht festnehmen lassen, völlig egal ob ihm ein ausgewachsener Soldat oder ein verängstigter Hänfling gegenüber steht.
Kalam behält Recht. Es ist tatsächlich nicht weit bis zum Hafen. Sie riechen und hören ihn schon, kaum sind sie um die nächste Ecke gebogen und von da an müssen sie nur noch dem impertinenten Gestank nach Fisch und dem Schreien der Möwen über ihren Köpfen folgen.

Irgendwie – und Rayyan hat keine Ahnung wie, aber entweder Soris stellt ihm praktisch das Bein oder Kalam erschnüffelt seit neuestem auch Hinweise auf zwei Beinen – finden sie in den Massen, welche sich um diese Stunde – welche genau es ist, wissen sie nicht – gegen das Hafenbecken, um die vielen, bunt geschmückten Stände und zwischen die Mauern der weit gestreckten Lagerhallen drängeln, innerhalb kürzester Zeit jemanden, der ihnen zumindest die Nummer des Piers nennen kann, an dem das Schiff des Scheichs angeblich vor Anker liegen soll. Zwar können sie nicht rücksichtslos unter Einsatz ihrer Ellbogen durch das Gewühl pflügen, denn das würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen (unter anderem auch die der Soldaten, welche in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Ware inspizieren oder aus dem Schatten heraus die Leute beobachten), aber allein Tiuris Größe verschafft ihnen eine gewisse Bewegungsfreiheit. Allerdings nur so lange, bis Rayyan bemerkt, dass eben Tiuris Größe ('zwei Hübsche und ein Großer') immer öfters den Blick eines Wachhabenden auf sich zieht. Also verpasst er dem elendlangen Loaritter irgendwann einen diskreten Tritt gegen die Wade und knurrt ihm zu, gefälligst ein Stück in die Knie zu gehen, damit er nicht so aus der Menge sticht. Im eiligen Watschelgang geht es daraufhin weiter zum Pier Nummer zwanzig.

Wo nicht nur ein, sondern gleich vier schlanke Schiffe im trägen Auf und Ab der späten Nachebbe schaukeln. Rayyan kennt sich mit Schiffen nicht aus – und meidet sie, wann immer möglich, wie die Pest -, aber sein Bruder Rajid war ganz vernarrt gewesen in diese 'Schwimmenden Holzpferde', wie man sie in der Wüste auch gerne spöttelnd nennt. Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, war er zum Hafen von Mar'Varis geflitzt und hatte den schlanken Karavellen, den dickbauchigen Galleonen, den wendigen Katamarans, den vollbelladenen Barken und Piragas und den prächtig bemalten Dschunken zugesehen, wie sie mit der Flut in den Hafen eingelaufen waren. Rajid hatte nicht nur viel Wissen über Schiffe gesammelt, sondern dieses Wissen auch gerne geteilt – völlig egal, ob mit freiwilligen, oder unfreiwilligen Zuhörern. Deshalb erkennt Rayyan die Schiffe als Bagallas, schlanke, lange, hochseetaugliche Segelschiffe, die ganz und gar typisch sind für das azurianische Hafenbild. Und alle tragen sie die gleichen Farbe und die gleichen Segel.
Während ihre Blicke synchron von Schiff eins zu Schiff zwei zu Schiff drei zu Schiff vier und wieder zu Schiff eins wandern, neigt sich Rayyan leicht zu Kalam und raunt: "Wenn ich dir Nathans Hose unter die Nase halte, kannst du dann erschnuppern, auf welchem Schiff er sitzt?"

Nathanael

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Beiträge: 750

Beruf: CoffeeClubBetreiber

Wohnort: Bavaria

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19

Montag, 12. September 2016, 16:32

„Na los… Perle,… Aufstehen“, säuselt es von weiter weg, wie eine angenehm laue Brise an Nathans Ohr. Schmatzelnd dreht sich der Ex-Hexer zur Seite und wickelt sich in den eh reichlich vorhandenen Stoff, um ihn herum ein. Noch ein bisschen weiter schlafen nicht aufwachen und schon gleich gar nicht die Augen öffnen. Irgendwas schaukelt tief in Nathans Bewusstsein hin und her, aber das kann auch Einbildung sein. Definitiv keine Einbildung ist das fordernde Schütteln an seinen Schultern, dass ihn plötzlich ruckartig hin und her wirft und ihm spontan fast den empfindlichen Magen umdreht.
„Lass das Kali…“ nuschelt er genervt. Boah, dass sein Weib nach so einem Saufgelage mit Rayyan aber auch immer so herzlos sein muss! Miststück …Dabei schmerzt ihm der Kopf sowieso schon als würde Hedkjar, der Schmied, in regelmäßigen Abständen seinen Hammer statt auf den Ambos, auf seine Stirn knallen lassen. Widerwillig dreht sich Nathanael auf die andere Seite, um so der Belästigung seiner Geliebten zu entgehen.
„Perlchen, Perlchen! Aufstehen“ Ein penetranter Geruch nach strengen, orientalischen Gewürzen weht in Nathans Nase, als sich Kali zu ihm herunter beugt und nimmt ihm fast den Atmen. Ein neues Parfüm aus ihrer Heimat? Auf jeden Fall stinkt es!
„Also gut…du hast es geschafft. Ich stehe ja schon auf.“ Missmutig richtet sich der Hexer auf und reibt sich die Augen. So einen Kater hatte ich ja schon lange nicht mehr. Einmal abgesehen davon, dass ihm zum Kotzen übel ist und er tierische Kopfschmerzen hat (was nach einer durchzechten Nacht mit seinem Meister ja an sich nichts Ungewöhnliches ist) herrscht in seinem Kopf absolute Leere. Er kann sich weder daran erinnern, wie er nachhause in sein Bett gekommen ist, noch wann, wie, warum und mit wem er überhaupt los gezogen ist. Kurz zusammengefasst: er weiße nichts mehr vom vergangenen Abend! Außer das sein Meister irgendwie damit zu tun hat!
„Scheiße….“, murmelt Nathan leise. Als er die Hand heben will, um sich am Kinn zu kratzen, berühren seine Hände nur Stoff. Er hat sich in Bettlagen oder einen bettlaken artigen Stoff verfangen, der dummerweise komplett um ihn herum gewickelt ist.
„Perlchen, du vorsichtig sein. Ich dir helfen…“
Bevor der verdutze ehemalige Hexer überhaupt weiß wie ihm geschieht, wird der Stoffberg ihm über den Kopf gezogen. Urplötzlich ist es furchtbar hell. Seine müden und versoffenen Augen tränen, und das obwohl der niedrige Raum nur durch ein paar Lampen, die an den hölzernen Wänden befestigt sind, dämmrig erhellt wird.
„Ohooooooo…..Perlchen…..machen viel Arbeit, der Aisha…oh..oh…du nur sehen wie du sehen aus. Stink… stink. Dreck, Dreck und was ist das? Blutig frisch Zeichen auf Oberarm…hässlich…Scheich mögen zarte Haut, nicht stink, stink!“
Was?
Wenn Nathan jemals dumm aus der Wäsche geguckt hat, dann in diesem Augenblick, als ein dunkelhäutiger Mann, mit nackter, glänzender Brust, die mindestens zweimal so breit wie seine ist, und nur mit Stoff Hosen bekleidet, sich mit blinkernden dunklen Augen und einem breiten Lächeln auf den Lippen zu ihm runter beugt.
Was immer ich gestern zu mir genommen habe. Ich tue es nie wieder! Habt ihr gehört Götter! Nie wieder!
Doch Nathans Versuch die Halluzinationen abzuschütteln schlagen fehl. Noch immer steht statt seiner Geliebten der schwarzhäutige Hüne vor ihm und statt ihr kleines Häuschen befindet er sich…ja verdammt….wo befindet er sich eigentlich?
„Was ist hier los? Wo bin ich und…was…soll das alles hier?“
Der Hüne lächelt ihn wieder mit diesem breiten Lächeln an, dass Nathan reflexartig eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Der Raum in dem er sich befindet ist nicht groß. Er sitzt auf einem großen Bett, dass mit durchsichtigen Vorhängen behängt ist, feine Stoffe, mit seltsamen Mustern und Farben, die Nathan fremd vorkommen. In der Mitte des Raumes wurde ein hölzerner Trog mit dampfenden Wasser aufgestellt, wohl für ein Bad.
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

Tiuri

Stadtbewohner

Beiträge: 28

Beruf: Stadtgardist

Wohnort: Goldene Harfe, Talyra

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20

Dienstag, 5. Dezember 2017, 18:25

Kalam würdigt Rayyans Frage nur mit einem kalt funkelnden Blick und einem kehligen Grunzen ab, das im besten Fall Nein, wahrscheinlicher aber: Ich erwürg dich gleich mit der beschissenen Hose; heißt. Tiuri bekommt das allerdings nur am Rande mit während er, an Fahl geklammert wie an eine lang verloren geglaubte Liebe, die vier Schiffe anstarrt und gleicheizeitig immer noch versucht Lippes plötzliches Auftauchen (und Verschwinden) zu verarbeiten. Schön langsam beginnen sich die Zahnräder in Tiuris Kopf wieder in normalem Tempo zu drehen und er registriert die vier azurianischen Schiffe die vor ihnen auf dem Wasser umher dümpeln.

Byrrfandarryachyislinn... denkt er und stellt mit einem Blick zur Seite fest, dass seine beiden Mitstreiter diesen Gedanken, wenn auch vermutlich nicht auf Zardakh, schon vor einigen Augenblicken hatten. Erst jetzt dämmert ihm was Rayyan da gerade eben gesagt hat und er wendet sich seinen beiden Freunden zu. Während der Sithechjünger halb genervt, halb besorgt auf die Schiffe starrt, sieht der Magier – eine Hand so fest an einen Holzpfosten gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortreten – eher so aus als würde er sich die ganze Sache lieber noch einmal überlegen und Nathan seinem Schicksal als Haremskurtisane überlassen.

„Aber du könntest uns doch auf das Schiff…“ er fuchtelt, in Ermangelung eines passenden Wortes ein bisschen mit der freien Hand in der Luft vor Rayyans Nase rum. „plöppen!“ beendet er den Satz schließlich und macht dazu noch ein bezeichnendes Plop-Geräusch mit den Lippen, das ziemlich genau so klingt als würde sich Pumquat plötzlich in Olyvars Büro materialisieren. „Wenn wir nahe genug sind könnte Kalam dann vielleicht doch seine Qualitäten als Spürhund unter Beweis stellen, oder?“

Wenn das nach der Demonstration an zeitlich völlig unpassender Ritterlichkeit von vorhin überhaupt noch möglich ist, sieht Tiuri den beiden Männern in den Augen an wie er gerade auf ihrer Beliebtheitsskala auf unterirdisch landet, kann das aber in diesem Moment einfach nicht ändern. Erstens, fällt ihm gerade nichts Besseres ein und zweitens, haben sie wirklich keine Zeit zu verlieren, denn schließlich könnte Nathans Verkleidung jeden Moment auffliegen.
Oder noch schlimmer, sie ist schon aufgeflogen und Nathan liegt schon mit einem Stein ans Bein gekettet am Meeresboden.

Auch Kalam und Rayyan fällt zu diesem Zeitpunkt allerdings keine bessere Idee ein und so reden sie nicht weiter um den heißen Brei herum. Rayyan öffnet zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ein Tor in das magische Netz und Kalam und Tiuri treten vor ihm hindurch. Sie landen in einem halbdunklen Laderaum voller Kisten und einem aufdringlichen Geruch nach Moschus, Zimt und Koriander. Tiuri niest so verhalten wie möglich und erntet sofort ein vehementes, zweistimmiges „pssst!“. Kalam stellt fest, dass er hier nichts, aber auch wirklich gar nichts riechen kann was ihnen irgendwie weiter helfen würde und Rayyan tritt zurück in das magische Gewirr und schließt den Vorhang zwischen den beiden Ebenen gerade soweit, dass er noch hinaus spähen kann. „Ich halte hier die Stellung, ihr beide seht euch nach Nathan um!“

So leise und vorsichtig wie sie nur können, huschen Tiuri und der Vampir durch das Schiff. Immer wieder springen sie hinter Kisten oder verstecken sich hinter einem breiten Fass in der Erwartung, dass sie jeden Moment entdeckt werden könnten. Doch das Schiff ist kaum bemannt und so strecken sie ihre Köpfe vorsichtig durch eine Klappe an Deck und sehen sich um.
„Riechst du etwas?“ Kalam hält für eine Weile konzentriert die Nase in den Wind und schüttelt dann den Kopf ehe sie sich wieder zurück ziehen und zu Rayyan schleichen, der immer noch das magische Gewirr offen hält.
Schon ein paar Liderschläge später stehen sie, ihren Augen nicht trauen könnend und mit offenen Mündern in einer Wolke von Parfum und roten Schleiern