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Colevar

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Freitag, 25. August 2017, 00:04

Kavell yr Arth

Kavell yr arth – Die Wiege des Bären

Die Wasserfälle des Sarthe, dort wo das gleichnamige Tal sich im Herzen des Fürstentums von Lyness zu bewaldeten Felsschluchten verengt und der Fluss die Berge verlässt, liegen etwa einen halben Tagesritt westlich von Talyra. Die Sarthefälle sind weder sonderlich hoch, noch tosend, doch sie ziehen sich auf einer Länge von gut einhundert Schritt in zahlreichen kleineren und größeren Kaskaden über viele felsige Vorsprünge, Simse und Felskanten, breite wie schmale, bis ins Flachland des Larisgrüns hinunter. Zwischen den einzelnen Wasserfällen bildet der blaugrüne Fluss immer wieder kleine Teiche und Seen von irisierend schimmerndem Türkis und Aquamarin, deren Wasser so klar wie Glas und so weich wie Seide erscheint. Am Fuß der Fälle und am Beginn der Sartheschluchten gedeihen vor allem Rotbuchen, Elsbeeren, Silberweiden, Eiben und mächtige, knorrige alte Roteichen, Hagedorne und Linden – hin und wieder findet man hier auch bleiche Herzbäume, die in ganz Lyness noch als heilig angesehen werden, auch wenn sie keine Gesichter tragen. Tiefer in der Schlucht und an den Hängen der felsigen Sartheberge rauscht der Wind hingegen eher in den dunkleren Wipfeln von Zedern und Indigotannen, von Sternkiefern und Bergahornen und in den Tälern sind die lichten Birken- und Wisperpappelhaine voll goldenen Lichts und grünen Smaragdgrases, lang und weich wie Frauenhaar, das im Herbst alljährlich zu Bronzegold verbleicht. Das Sarthetal in Lyness erscheint auf den ersten Blick nicht lieblich und wildromantisch, wie das übrige Umland Talyras, sondern ein wenig verwunschener, urtümlicher und rauer mit seinem schäumenden Fluss, den tiefen Schluchten und den dicht bewaldeten Hügeln, auf deren Rücken und Flanken sich steinerne Klippen schroff und blau in den Himmel hinauf türmen. Hier und dort liegen Felder voller Flachs und Korn oder Viehweiden auf Lichtungen mit hohem Gras und zahlreichen Kräutern; zwischen den Bäumen verbergen sich verstreute Orte und Siedlungen mit vom Alter silbrig gebleichten Blockhäusern, deren Balken nordisch anmutende Schnitzereien tragen, oder einsame Waldhöfe, trutzig wie kleine, hölzerne Festungen, auf deren tief gezogenen Dächern das Gras üppig wächst.

Am Ende der Sartheschluchten, dort, wo die Wasserfälle ihren Anfang nehmen, steht auf einer größeren Lichtung zwischen den Felswänden zur Linken und dem Fluss zur Rechten eine mächtige, uralte Roteiche. Ihr gewaltiger Stamm, der sicherlich noch acht Schritt Durchmesser auf Brusthöhe hat, und die ausladenden Wurzeln, die sich in dichtem Geflecht durch den Boden ziehen, bilden gleichsam die Mitte des Westerkers eines Langhauses, und ihre Krone wölbt sich immergrün und dicht über nahezu die Hälfte von dessen breitem, zu allen Seiten tief herabgezogenen, weit überstehenden Satteldachs. Das Langhaus mit seinem rechteckigen Grundriss wird von einem Mittelschiff mit zwei aufeinander gesattelten, leicht erhöhten Dächern und hohen Sprossenfenstern an beiden Seitengiebeln gequert, während das Vordach hier von ganzen Baumstämmen getragen wird. Schnitzereien, die verschlungene Tiermuster im nordischen Stil - vor allem Bären - zeigen, zieren die Balken, Dachtraufen und Fenstersimse dieses Hauses. Noch ist sein Lärchen- und Roteichenholz rötlich und waldhonigfarben, doch mit der Zeit und den Jahren wird es wohl zu silbrigem Graubraun verbleichen. Am Westende des Hauses verbreitert sich die überdachte Veranda zu einer weitläufigen Terrasse, auf der Platz für eine Sommerküche mit einer runden Feuerstelle und einem gemauerten Ofen sowie einem regengeschützten Freisitz ist. An nahezu allen Säulen und Stützpfeilern des Vordaches wurden Hopfen und Waldreben, wilder Wein, Kletterrosen und Rotbeeren gepflanzt, und die noch zarten Triebe ranken sich zwar schon emsig am Holz empor, so dass sie in den kommenden Jahren weite Flächen der Seiten Langhauses erobern werden, doch noch sind sie klein und ihr üppiges Grün ist vorerst nur zu erahnen. Zwischen dem Haus und der Felswand am Südende der Sartheschlucht, wo sich die Pferdeställe in hohen, natürlichen Steingewölben befinden, liegt eine weitläufige Lichtung und entlang des schmalen Pfades, der sich durch das Smaragdgras schlängelt, finden sich ein mit geflochtenen Zäunen umfriedeter Küchengarten - im Sommer 517 frisch umgegraben und noch recht spärlich bepflanzt - und eine solide gebaute Scheune mit einem schindelgedeckten Dach und einem luftigen Heuboden. Ein kleines Schlachthaus mit einem gemauerten Fundament aus Flussstein und einem gewaltigen Kessel darin auf der einen, und ein Hühnerhaus auf der anderen Seite schließen sich an.

Im Inneren des Langhauses wird der vordere Teil des Erdgeschosses von einem breiten Vorraum eingenommen, der sowohl als Windfang, als auch als Garderobe und Diele dient. Hier finden sich Haken für Mäntel und Umhänge, geschnitzte Bänke, Borde mit Schließkörben aus Weidengeflecht und eingebaute Kassettenschränke entlang der Wände, die Platz in Hülle und Fülle für Linnen, Wolle, Decken, Pelze, Jagd- und Reitkleidung, Stiefel und ähnliches bieten. Ein bogenförmiger Durchgang führt von hier aus weiter ins Mittelschiff des Langhauses. Dort finden sich gleich links und rechts dieses Durchgangs geschwungene Treppen hinauf ins Obergeschoss, während zur Linken, nach Süden hin, ein lichtdurchfluteter Wohnraum mit hohen Sprossenfenstern, welche auf die Lichtung hinausblicken, liegt. Gegenüber, zum Fluss und nach Norden hin, befinden sich hier zwei Räume: ein Bad mit einem Boden aus Naturstein, einer gewaltigen, kupfernen Wanne und einem ebensolchen Kessel, der von der Küche aus mitbeheizt werden kann, sowie eine geräumige Küche mit zahlreichen Schränken, Borden und zwei Vorratskammern an den Wänden, die sich direkt anschließen. Ein gewaltiger Holzofen samt Wasserschiff, Backofen und gusseiserner Herdplatte, eine offene, gemauerte Feuerstelle gleich daneben und ein Spülstein samt Wasserpumpe liegen im hinteren Teil der Küche, während der vordere Teil fast vollständig von einem langen, breiten Esstisch eingenommen wird.

Der größte Teil des Erdgeschosses wird jedoch von der weitläufigen, rechteckigen Halle beansprucht, die sich vom hinteren Hauptgiebel mit dem Wurzelwerk und dem Stamm der Roteiche bis hinein in das Herz des querenden Mittelschiffs zieht, und - bis auf ein quadratisches Stück an jedem Ende - über die ganze Höhe des Hauses reicht, so dass ihr mit Schnitzereien versehenes Balkenwerk von unten gut zu sehen ist. In der Mitte dieser Halle ist eine längliche Feuergrube aus grauem Flussstein einen Schritt tief in den Boden eingelassen, groß genug, um einen Ochsen am Spieß auf ihr zu rösten, sollte einem der Sinn danach stehen. Mit Holz eingefasste Erdbänke säumen diese Feuerstelle, ausgelegt mit weichen Lamm- und Büffelfellen und bestickten Kissen. Am hinteren Ende der Halle, zu Füßen des gewaltigen Eichenstammes und zwischen seinen ausladenden Wurzeln, die noch einen Schritt hoch den Giebel hinauf verschlungene Treppen, Simse und Ablageflächen bilden, findet sich eine weitere, kleinere Feuerstelle. Auch hier liegen weiche Pelze, Decken und Kissen einladend bereit, und an den Wänden finden sich hölzerne Truhen und Kassettenschränke aus waldhonigfarbenem Holz, reich verziert mit Schnitzwerk, Intarsien aus Horn und metallenen Beschlägen, während Wurzeln und Stamm kunstfertig in das Innere und die Einrichtung integriert wurden: hier und dort stehen hier Laternen aus geflochtenem Bronzedraht oder dicke Stumpenkerzen in flachen Steingutschalen. Zwischen bestickten herzländischen Wandteppichen zieren auch nordische Rundschilde, kunstvoll geschmiedete Äxte, azurianische Scimitars, bemalte Häute des Wolkenvolkes und kunstvoll geflochtene Grasmatten in seltsamen Mustern und bunten Farben der Resande die Wände und geben Behaglichkeit, verleihen der Halle durch ihre exotische Fremdartigkeit jedoch auch etwas Geheimnisvolles.

Im Obergeschoss liegen helle, großzügig geschnittene Räume mit hohen Sprossenfenstern, die zu beiden Seiten von der Galerie abgehen, jeweils vier auf jeder Längsseite des Hauses, sowie zwei weitere im Mittelschiff. Ganz am Ende der Halle, dort, wo die Roteiche halb im, halb außerhalb des Giebels steht, verbreitert sich die umlaufende Galerie zu einem offenen Freisitz über der Halle, der hauptsächlich als Bibliothek und Arbeitszimmer genutzt wird – hier finden sich Regale voller Bücher, ein breiter Schreibtisch und mehrere Darrgestelle, die bis zum Balkenwerk des Daches hinaufreichen, wo Calait ihre Kräuter trocknen kann. Auch im Mittelschiff liegt ein derartiger Freisitz am oberen Ende der Treppen, jedoch nicht ganz so groß wie der erste. Die Räume am vorderen Giebelende, über dem Vorraum des Langhauses, dienen den beiden alten Heckenrittern, Sire Mallifer dem Mittellosen und Osfryd Ohneland als Schlafgemächer. Das Schlafgemach Colevars und Calait Lorcains liegt im Mittelschiff des Hauses und geht nach Süden, Rúns zukünftiges Kinderzimmer liegt direkt gegenüber. In den übrigen Räumen des Obergeschosses befinden sich zwei Gästezimmer und eine kleine Waffen- und Rüstkammer - oder sie stehen noch leer und harren der Dinge, die da kommen werden.



Die zweibeinigen Bewohner Kavell yr Arths:

Calait Lorcain
manchmal auch die Singdrossel genannt; Zaubersängerin und kräuterkundige Beinahe-Heilfrau, Gemahlin Colevars von Lyness und Herrin von Kavell yr arth, eine Resande-Wolkenkind Mischlingsfrau und ehemalige Abenteurerin

Sire Colevar Lorcain von Lyness
ehemaliger Hauptmann der Lanzergarde der Steinfaust, nunmehr Späher und Grenzwächter im Dienst der Steinfaust, Erbe von Lyness, ein Sithechritter, Gemahl Calaits und Herr von Kavell yr arth

Rún
Calaits und Colevars Sohn, ein – für sein Alter ziemlich großes – und recht unerschütterliches Kleinkind mit blauen Augen und dunkelbraunem Haar

Sire Mallifer der Mittellose
ein etwas großspuriger, in die Jahre gekommener zaundürrer Heckenritter mit dem Herz am rechten Fleck, Mädchen für alles auf Kavell yr Arth

Sire Osfryd Ohneland
ein stämmiger, breitschultriger und stiernackiger, ebenso in die Jahre gekommener Heckenritter mit großem Herzen und noch größerer Klappe, Mädchen für alles auf Kavell yr Arth


Die vierbeinigen oder sonstigen tierischen Bewohner Kavell yr Arths:

Filidh,
ein Schneeschimmel und Rimmerhengst, Colevars Schlachtross
Snerra,
eine grauweiße cardosser Stute mit viel Temperament, Calaits Reitpferd
Rimma,
Rimmer-Cardosser-Mischlingsstute, Schneeschimmel, geboren 512, vielversprechende Nachzucht von Filidh und Snerra
Ak'kul,
'helle Asche', Rimmer-Cardosser-Mischlingshengst, Rauchschimmel, geboren 517, ebenfalls Nachzucht von Filidh und Snerra
Zabhiz,
eine schon alte, aber noch rüstige schwarzweiße Reninkerstute, Zugpferd
Adnaan,
ein schon alter, aber noch recht rüstiger schwarzweißer Reninkerwallach, Erziehungsonkel der kavell'schen Fohlen, Zugpferd
Stoffel,
äußerst freundlicher und recht kommunikativer braunweiß gefleckter Hausesel, Maskottchen und 'ich schleppe brav die Kräuterkörbe meiner Herrin' – Lastesel, sehr trittsicher und klug, und daher Aushilfs-Blindenesel für Calait, wenn Reykir gerade nicht zur Hand ist
Reykir,
sehr großer, vernarbter, stummelohriger Schatten- oder Silberwolf-Hunde-Mischling aus den Kampfgruben Brugias, Calaits "Blindenhund" und Colevars treuer Jagdgefährte, äußerst wachsam und beschützend was die Seinen angeht, besitzt eine extreme Abneigung gegen Bären jedweder Art (vermutlich, weil man ihn einst gegen welche antreten ließ)
Shirin,
kleine, bunte Resanderhündin, einst verspielt und freundlich zu jedermann, besitzt eine extreme Abneigung gegen Wasser jeglicher Art, jedoch in die Jahre gekommen und daher meist behaglich am Kamin schlafend oder in der Sonne dösend
Mistress Grau,
waschechte Rotatkissa aus Dunkelschein mit einem vernarbten Gesicht und grau-schildpattfarbenem Fell, ebenso in die Jahre gekommen wie Shirin und ihr daher oft Gesellschaft leistend
Brenin,
ein Sohn von Mistress Grau und irgendeinem Kater auf Burg Lyness, der mutig genug war, der Rotatkissa den Hof zu machen, beinahe ebenso groß wie seine Mutter, jedoch von dunklerer Farbe und rauchig-schwarzem Anthrazit mit leuchtend grünen Augen

Skar,
ein Schellenfalke und ehemaliger Schützling Calaits, der sich gelegentlich auf Kavell yr arth blicken lässt
Vivi,
ein Käuzchen, das von Calait und ihrer Schwester einst von Hand aufgezogen wurde und nun samt gefiederten Göttergatten und ewig hungriger Brut in einen hohlen Baum am Rand der Lichtung von Kavell yr arth eingezogen ist, (jedenfalls behauptet Calait steif und fest, es wäre tatsächlich Vivi)

sowie

Pickfleck, Mims, Bommel, Nesta, Ceri, Dilys, Grug, Fussel, Gwenfrewy und Goldfeder
Ihres Zeichens allesamt ruhige, zutrauliche Orpinhühner, dazu ein prachtvoller Gockel namens Trottel - was er nicht ist - in schwarz, goldbeige, schwarzweiß gescheckt und porzellanfarben, die fleißig Eier legen (und das freundlicherweise auch meist in ihren Legenestern tun, anstatt sie in den Brennnesseln am Rand der Lichtung zu verstreuen) sowie Calaits Garten weitgehend schneckenfrei halten
»Colevar« hat folgende Dateien angehängt:
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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Calait

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 15:52

Home

Roads go ever ever on
Under cloud and under star,
Yet feet that wandering have gone
Turn at last to home afar.
Eyes that fire and sword have seen
And horror in the halls of stone
Look at last on meadows green
And trees and hills
They long have known.
- J.R.R. Tolkien


Silberweiß 517, Burg Lyness im Sarthetal

Ihre Finger tanzen zum federleichten Takt einer fröhlichen Melodie über den Stein, während sie schimmernde Wolken in die eisige Winterkälte atmet. Irgendwo über ihr, an einem Himmel, dessen Blau so durchdringend ist, das es in den Augen brennt, scheint die Sonne. Eine runde Scheibe blank poliertes Silber. Sie spendet nur wenig Wärme und die Wehrmauer bietet nur wenig Schutz vor den eisigen Winden, die seit nun fast drei Tagen toben, sich zwischen den schroffen Spitzen der Sartheberge verfangen und immer wieder neuen Schnee und noch kältere Temperaturen bringen, aber das stört Calait nicht. Sie ist bis zur Nasenspitze in dicke Winterpelze aus buntem Kaninchen- und Hörnchenfell eingepackt und in der Burg brennen zwei Dutzend Feuer, um die steinernen Kammern, die große, von hölzernen Säulen getragene Halle und teilweise sogar die langen Gänge warm zu halten. Und wenn ihr doch einmal friert, braucht sie nur die Küche aufsuchen und es sich dort neben Rhiains mächtigem Steinofen auf dem gefliesten Sims bequem machen – sofern es ihr denn gelingt, die Schar an halbwüchsigen Reykirwelpen im Zaum zu halten, die um ihre Röcke wuseln und alle gleichzeitig versuchen, ihr auf den Schoss zu krabbeln. Und dafür, mit ihren gerade mal sechs Monaten, schon viel zu groß sind.

Als sie irgendwo unter sich die mächtigen Torketten rasseln hört, beugt sie sich neugierig etwas über die Zinne und beginnt zu grinsen, als sie die Hufe von einem halben Dutzend Pferden im Schnee knirschen hört und gleich darauf das vertraute Glitzern ihres Mannes in der Dunkelheit ihrer Blindheit wahrnimmt . Im Morgengrauen waren er, sein Vater und eine Handvoll ihrer Männer aufgebrochen, um an der Hohen Warte nach dem Rechten zu sehen und direkt im Anschluss Streitigkeiten zwischen zwei Bauern in Ribérac zu schlichten. Als die Reiter das Torwerk passieren, huscht sie zur gegenüberliegenden Seite und wartet. Sie weiß, sie steht an einem Platz, wo Colevar sie gut sehen kann, sobald er aus den Stallungen herausgetreten ist und den Zwinger überquert hat. Derweil alle anderen sich beeilen ins warme Innere, ans Feuer und den Met, zu kommen, hält er direkt auf sie zu.

Kaum steht er hinter ihr, dreht sie sich zu ihm um und lässt sich einfach steif wie ein gefällter Baum an seine Brust kippen. "Ich würde dich ja umarmen,", erklärt sie, seufzt theatralisch und schmiert großzügig Bedauern zwischen ihre Stimmbänder: "aber der Umhang wiegt mindestens 50 Stein. Schau." Zum Beweis zuckt sie unter den Lagen an Fellen ein paar Mal hilflos mit ihren Händen, woraufhin Colevar kurzerhand den eigenen Umhang öffnet. Im nächsten Moment findet sie sich in paradiesischer Wärme, allerdings auch unfähig zu atmen und mit einem Mund voller Fell. "Mhhgn! Pfffrtt. Bwwhhh…" "Was sagt du? Ich kann dich nicht verstehen", hört sie ihn irgendwo über sich dumpf durch den Büffel, den er sich gegen die winterliche Kälte umgelegt hat. Mit Kaninchen oder Füchsen muss man bei ihrem Mann gar nicht anfangen, möchte man nicht den halben Bestand im Larisgrün für ein einziges Kleidungsstück opfern. "Hngbrn!", protestiert sie in seinen gefütterten Lederwams hinein und klettert ihm kurzerhand auf die Zehen, was ihn allerdings nur zum Lachen bringt, nicht aber dazu sie aus seiner atemraubenden Umarmung zu entlassen. Obwohl sie sich seit Rúns Geburt gut erholt und gleich ein paar zusätzliche Pfunde auf ihr altes Gewicht obendrauf gepackt hat, empfindet Colevar sie immer noch als leicht. Nicht länger als Fliegengewicht, aber immer noch leicht genug, um sie für einen Kuss (oder andere Zwecke) mühelos in die Höhe zu heben. Erst als ihr empörtes Prusten in ein etwas hektischeres Nach-Luft-schnappen übergeht, zeigt er endlich Erbarmen und schlägt zumindest eine Seite seines Umhangs zurück. Mit einem übertriebenen Röcheln streckt sie ihre Nase in die winterliche Kälte und plustert ihre Backen, als ob sie kurz vor dem Erstickungstod gestanden hätte.

"Osfryd ist mit Rún in der Küche und lässt sich von Rhiain mit Honigküchlein füttern." "Sich oder ihn?" "Abwechselnd." "Unser Sohn ist ein kleiner Vielfraß." Wem sagst du das, denkt sich Calait und dankt ihren Ahnen, dass ihr Junge sich inzwischen zumindest tagsüber davon überzeugen lässt, etwas anderes als Muttermilch zu sich zu nehmen. Vielleicht würden ihre Brüste bald wieder ein bisschen kleiner und sie hätte nicht andauernd Kreuzschmerzen. "Der kommt schon zu seinem Recht." "Gesprochen von Recht!", schnappt sie sich den roten Faden, den Colevar ihr da so schön vor die (nichtsichtbaren) Füße legt und macht nun doch einen Schritt zurück, so dass sie ihrem Mann ins Gesicht sehen kann und verkündet stolz: "Ich habe heute Recht gesprochen." Anstatt ihr aber sofort zufrieden den Kopf zu tätscheln, zucken seine Mundwinkel im Bemühen ein vielleicht etwas nervöses Lächeln zu unterdrücken. Sie könnte fast schwören, er sieht alarmiert aus. "Ahm… resandisches Recht, oder herzländisches Recht?" "Oey! Nach bestem Wissen und Gewissen", erklärt sie würdevoll und rümpft ihr Näschen im Versuch ihn von oben herab anzufunkeln, was aus physikalischen Gründen einfach schlichtweg unmöglich ist. Ich brauche eine Leiter.

Sein Misstrauen ist zwar verschwunden, dafür zeigt sich jetzt unverhohlene Belustigung in seinem Gesicht. Außerdem schimmert in seinen Augen ein Glitzern auf, das sie nur zu gut kennt. Ach, was soll's. Ich kann auch später erzählen. Damit ist das Reden vorerst vergessen. Ihr Mund ist für eine ganze Weile anderweitig beschäftigt. Der Rest von ihr auch und als sie schließlich zum Reden zurückkehren hat Calait keine Ahnung mehr, wie sie überhaupt in ihr Gemach geschafft haben, aber da sind sie jetzt und liegen splitterfasernackt zwischen zerwühlten Laken und es ist überhaupt nicht mehr kalt. Mit einem höchst zufriedenen Schnurren schmiegt sich Calait an Colevars Seite, knabbert ein wenig an seiner Schulter und lässt ihre Finger auf seinem Oberkörper gleichzeitig von Narbe zu Narbe wandern. Das war die Verfolgungsjagd. Das war in der Klamm. Das hier war ich. Gerade eben… chrm… und das hier… Die feinen Ringe sind nahezu vollständig verschwunden, mit bloßem Auge womöglich gar nicht mehr zu sehen, aber Calait kann sie spüren. Rillen in seiner Haut, wo der erste Armbrustbolzen vor so vielen Jahren seine Schulter durchschlagen hatte. Lía hatte sich damals um die schwärende Wunde gekümmert, sie mit einer heilsamen Kräuterpaste beschmiert und Maden eingesetzt, die das tote Gewebe wegfressen sollten. Calait hat noch Colevars fassungsloses: "Maden?" im Kopf und die resignierte Belustigung in seiner Stimme, als er gefragt hatte: "Werden sie lange genug bleiben, dass ich ihnen Namen geben muss?" Keines der Tierchen hatte sich heimisch eingerichtet und als er nach dem zweiten Armbrustbolzen in dieselbe Schulter in der Steinfaust gelandet war, hatte Mealla mit ihren Heilkräften dafür gesorgt, dass von der Verletzung nichts geblieben war, außer ein Haufen böser Erinnerungen.

Das ist so lange her. Eine andere Zeit. Ein anderes Leben. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich eines Tages einen herzländischen Fürstensohn heiraten würde, hätte ich ihn offiziell für irre erklärt. Apropos Fürstensohn… Sie stupst ihn einmal probehalber an, um zu überprüfen, ob er noch wach genug ist, um ihr zuzuhören. Seine warme, große Hand streicht über ihren Rücken und lässt sich mit festem Griff auf ihrem Hintern nieder. "Hmm?" Für einen Herzschlag lang erwägt sie das Reden noch einmal aufzuschieben, aber dann beginnt sie entschlossen zu erzählen, sonst würde sie nie dahinkommen, wo sie hinwill. In ihr eigenes Haus. "Ihr wart gerade aus dem Tor und ich und Rún wollten es uns gerade mit einer großen Schüssel süßem Haferbrei mit eingelegten Pflaumen vor dem Feuer in der Halle gemütlich machen, als ich Leór cáinid für Gwenyan und Elystan spielen musste. Branntwein, pardon, Brengwain hat mir auch überhaupt keine Wahl gelassen, sondern darauf bestanden, dass das in Abwesenheit deines Vaters und dir meine Aufgabe sei. Widerspruch zwecklos. Ich habe mir also Rún und die Schüssel Haferbrei geschnappt und bin ihr hinaus durch die halbe Burg bis zur Schmiede gefolgt, wo es… ziemlich gestunken hat. Nach ranzigem Butterschmalz. Das tut es übrigens immer noch, also wundere dich nicht. Sie sind schon dabei die Sauerei zu bereinigen. Spätestens im Frühling, wenn es warm wird, werden sie die letzten Flecken finden, da bin ich mir sicher." "Butterschmalz? In der Schmiede?", hakt Colevar ein wenig verwirrt nach. "Willst du mir auch erklären, was es da zu suchen hat?" "Das tue ich doch gerade, wenn du mich nur nicht ständig unterbrechen würdest. Also, das war so: Dayren hat sich ja heute Morgen auf den Weg nach Talyra gemacht, um sich unter den Winterwaisen einen weiteren Lehrling auszusuchen. Elystan hat deshalb in der Zwischenzeit die Verantwortung über die Schmiede. Jetzt ist ihm das Schmierfett ausgegangen. Weil er gerade ein Eisen im Feuer hatte, hat er Nyn gebeten im Dorf neues zu holen. Er hat aber nicht genau gesagt, welches Fett. Nyn ist also ins Dorf und hat dort Fett erstanden." "Oh nein…" Colevar ahnt es schon und Calait kann sich ein flüchtiges Kichern nicht verkneifen. "Aye, also. Sie hat ihm also das Fett gebracht und er hat Löffel damit beauftragt die Scharniere des Blasebalgs damit einzuschmieren. Löffel hat von Fetten keine Ahnung, dem ist also nichts aufgefallen, erst als das Zeug angefangen hat drei Tausendschritt gegen den Wind zu stinken und sein Blasebalg ihm fast in Flammen aufgegangen ist, hat Elystan die Verwechslung bemerkt. Nyn hat ihm anstelle von Schmierfett allerfeinstes Butterschmalz mitgebracht."

Jetzt lacht Colevar tatsächlich. "Warte, warte, es wird noch besser! Elystan, außer sich vor Wut, rannte samt dem Topf Fett also in die Küche, um seine Schwester zur Rede zu stellen. Es entbrannte ein Streit, zu dessen Schlichtung ich herbeizitiert wurde. Ich habe mir brav beide Seiten angehört, aber noch während Nyn mir ihre Version der Geschichte geschildert hat, ist mir etwas aufgefallen. Sie hat nämlich erzählt, ihr Bruder hätte ihr nur gesagt, er bräuchte Fett, er hätte nicht gesagt, welches Fett, sie sei also mit den fünf Kupfern los, die er ihr gegeben hatte und hätte Fett gekauft. Ich habe sie unterbrochen: 'Moment… Wieviel Kupfer?' Worauf sie: 'Fünf! Er hat mir fünf Kupfer gegeben und mit denen bin ich dann auf den Markt gegangen und habe...' 'Fünf?', habe ich sie ein zweites Mal unterbrochen und sie hat erneut bestätigt: 'Fünf!' Da klang sie schon ein bisschen irritiert. Aber ich konnte gerade nicht so auf sie achten, weil ich Rún eine angelutschte Pflaume aus den haferbreiverschmierten Griffeln fischen musste, um zu verhindern, dass er sich am Kern verschluckt. Also ich wieder: 'Fünf Kupfer?' Ich konnte es gar nicht glauben. Und sie hat es nicht verstanden. 'Fünf Kupfer!', hat sie mich angeschnappt, als sei ich diejenige, die nicht mehr alle Besen im Schrank hätte. Das hätte sie mir doch gerade gesagt. Fünf Kupfer! Fünf! Sie hat es mir an den Fingern vorgezählt, als würde ich sehen können. Aber alles, was mir dazu einfiel, war: 'Und mit diesen fünf Kupfern bist du ins Dorf und hast anstelle eines Topfs Schmierfett einen ganzen Topf allerbestes Butterschmalz erstanden?' Und sie nur so: 'Ja!' Ich meine, einen ganzen Topf! Das schaffe nicht einmal ich. Nicht einmal mit meinem ganzen Resandeblut. Nicht einmal mit denen!" Womit sie an sich hinab nickt, wo sich ihr wirklich voluminöser Busen gegen seine Seite wölbt. "Aber meinst du, auch nur einer von denen hätte verstanden, worauf ich hinauswollte? Nein! Die haben mich alle angestarrt – ich bin mir absolut sicher, die haben mich alle angestarrt -, wie die Lämmchen, wenn es blitzt."

"Das Ende vom Lied war, dass Elystan den restlichen Inhalt für gutes Silber wiederverkauft und davon das benötigte Schmierfett und eine ordentliche Lederschürze erstanden hat und du unbedingt mit Aneirin reden solltest, damit Nyn in Zukunft die Monatseinkäufe für Branntwein den Drachen, äh, Brengwain übernimmt. Ein solches Handelstalent darf einfach nicht verschwendet werden. Ich bin überzeugt, Nyn könnte sogar dem Schah von Mar'Varis seinen Smaragdfußschemel für einen Apfel und ein Ei abschwatzen." Sein warmes, dunkles Lachen bringt seine Brust zum Beben und sie, die halb drauf liegt, gleich mit. Dann aber fragt er: "Und wo liegt jetzt dein Problem, Hexchen?" und sie wird übergangslos ernst. "In der Verantwortung."

Seit nun bald etwas mehr als einem halben Jahr leben sie auf Burg Lyness. Notgedrungen, weil ihr Haus eine halbfertige Baustelle im Winterschlaf ist. Sie hätten auch in Talyra in ihrem Häuschen überwintern können. In ihrem alten, kleinen Häuschen am Stadtrand, das Dank Borgils unerschöpflicher Goldmittel nicht nur wiederaufgebaut wurde, sondern auch nicht mehr windschief und zugig ist, sondern ein gemütliches, kleines Nest, ausgestattet mit allem möglichen Komfort, wie einem richtigen Holzherd, einer Wasserpumpe und einem breiten Bett. Der Zwerg hatte ihnen das Häuschen zu Rúns Geburt geschenkt. Natürlich nicht ohne Hintergedanken – Borgil hatte sich ausgerechnet, dass sie viel öfter und länger in der Stadt zu Besuch wären, wenn sie dort eine eigene Bleibe haben. Calait hatte tatsächlich erwogen, sich dort über die Wintermonate häuslich niederzulassen. Davon hatte allerdings Aneirin nichts wissen wollen (so lange ohne seinen Enkel, das käme überhaupt nicht in Frage) und Colevar auch nicht, weil er sonst den Bau ihres eigenen Hauses an den Sarthefällen nicht hätte vorantreiben können. Im Goldschein hatten sie also ihre Siebensachen, Stoffel, die Hunde und das Baby eingepackt, sich tränenreich von der Familie Blutaxt, Niniane und Olyvar verabschiedet und waren auf die Burg gezogen.

Calait war herzlich aufgenommen worden und Rún war zeitweise wie vom Erdboden verschluckt, weil jeder, aber wirklich jeder im gesamten Fürstentum, den jüngsten Spross des Hauses Lorcain und Erben von Lyness wahlweise hatte bewundern, auf dem Arm schaukeln und ihm alberne Grimassen hatte schneiden wollen. Vor allem die zwei Heckenritter hatten sich als vortreffliche Kindermädchen entpuppt, einer großväterlicher als der andere. Übertroffen werden sie dabei nur noch von Aneirin selber, der Klein Rùn sogar zum Knochenwürfeln in den Tanzenden Eber mitnimmt. Angeblich bringe er Glück und außerdem könne ein Mann nicht früh genug damit anfangen, sein Geld mit einem ehrlichen Handwerk zu verdienen. Wo da der Zusammenhang zum Betrügen beim Knochenwürfeln sein soll, weiß sie zwar nicht, aber… Fakt ist, sie bekommt ihren Sohn, außer wenn er Hunger hat, nicht allzu oft zu Gesicht. Allerdings kümmern die Leute sich nicht nur um ihren Sohn, sondern auch um ihr Wohlbefinden, ihr Essen, ihren Alltag, sogar um ihre Unterleibchen und ihre Bettwäsche. Nicht, dass dieser Luxus nicht hin und wieder angenehm wäre, aber sie ist es nicht gewohnt müßig zu gehen. Diener zu haben. Und am Ende die Verantwortung für diese Diener zu haben.

"Ich habe auch erst gelacht. Aber dann habe ich mich gefragt: Was, wenn es nicht einfach nur um eine mit Butterschmalz verschmierten Blasebalg, sondern um etwas anderes gegangen wäre? Um etwas… Lebenswichtiges?" Colevar neben ihr regt sich, dreht sich, ohne sie loszulassen, zur Seite und sie fühlt seinen Blick auf sich, aufmerksam, aber ohne die Unruhe, die sie plagt, widerzuspiegeln. "Du hast deine Sache doch gut gemacht, Hexchen." "Aye, das habe ich, aber darum geht es nicht. Es geht um… die Menschen von Lyness. Sie kennen euch. Dich und Aneirin. Sie vertrauen euch. Aus gutem Grund. Sie wissen, sie können sich auf euch verlassen. Mit ihren Sorgen und Nöten können sie jederzeit zu euch kommen und ihr kümmert euch darum. Euch haben sie ihre Leben anvertraut, willig sich eurem Urteil zu beugen, egal wie hart es sein mag. Aber ich… Ich bin deine Frau, aye, aber ich bin nur deine Frau, Colevar. Oh, ich kann mich gut um Dinge kümmern. Ich kann betrügen, ich kann lügen, ich kann feilschen, ich kann das Leben meistern. Aber auf meine Art. Und ich glaube nicht, dass meine Art einer herzländischen Fürstin gerecht werden würde. Ich könnte nie so gerecht und so weitsichtig sein, wie ich es sein sollte. Außerdem bin ich eine selbstsüchtige Ehefrau und als solche, sage ich dir jetzt, dass ich es wirklich satt habe, dass jemand anders dir dein Essen kocht. Ich will deine Wäsche waschen, ich will dich am Ende eines langen Tages am Haus in Empfang nehmen, ich will Rúns Brei selber kochen, meine eigenen Fußboden schrubben und absolut niemand außer mir hat deine Socken zu stopfen!" Inzwischen liegt sie nicht mehr neben ihm, sondern sitzt auf ihm und bohrt ihm ihren Finger wiederholt in die Brust. "Ich.Will.Mein.Eigenes.Haus.Jetzthuch!"

Colevar setzt sich auf und zwar so schnell, dass sie beinahe hintenüber gekippt wäre, würde er sie nicht festhalten. "Den Göttern sei Dank, Hexchen. Ich dachte schon, du willst vielleicht hierbleiben." Dann küsst er sie, erklärt voller Überzeugung: "Ich liebe dich" und verspricht, dass sie, sobald die Schneeschmelze eingesetzt hätte, ihr Haus fertig bauen würden. "Ich dachte… du wolltest… vielleicht hier… bleiben", japst Calait atemlos zwischen weiteren Küssen, woraufhin er, genauso atemlos, erwidert: "Nein. Zu viele… Menschen."

Und so kommt es, dass Colevar, Calait, Rún und ihre tierisches Gefolge Ende Taumond, einen Mond nachdem Olyvar, Rayyan, der Narrenkönig, Karamaneh und dieser Kalam (den sie nicht kennt, ihr Mann aber schon) in Richtung Süden aufgebrochen waren, geschlossen auf die Baustelle ziehen und dort bis zum Frühsommer und dem Richtfest in einem kleinen, bunt eingerichteten Zeltlager hausen. Und Calait kann endlich wieder selber für die ihren kochen.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Calait

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 15:56

Mallifers Malheur

Beerenreif 517

"Oh! Ich hab's! Ich werde ein Ruhmlied auf dich singen!" Sich geräuschvoll räuspernd wirft sich Calait in Positur, holt tief Luft und schmettert los:

"Liebe Freunde, seht ihn an, er hatte ein Malheur!
Gestern Morgen lief ihm auf der Arbeit alles quer
Sein Schädel brummt, die Luft ist raus, sein Kreuz ist lahm und krumm
Nun sollt Ihr wissen, warum Mallifer heut nicht zur Arbeit kommt…"

Osfryd pfeift begeistert und beginnt den Rhythmus mit zu klatschen, derweil Mallifer etwas von "Ruhmlied! Wird auch Zeit!" in seinen mit Kupferringen geschmückten, mächtigen Schnauzbart, dessen geflochtene Enden ihm bis auf die Brust hinab reichen, murmelt. Noch ahnt er nicht, was sie da zu seinem Ruhm und seiner Ehre gedichtet hat. Hätte er mal auf Colevar gehört.

Es lag das höchste Eck des Dachs voller Schutt und Dreck,
"Sire Mallifer," sprach Colevar, "bring diese Steine weg,
Aber wirf' sie ja nicht runter, lass' dir lieber Zeit,
Trag sie in deinem Korb nach unten, ist der Weg auch weit."

Doch Korb um Korb, treppauf, treppab, das dauerte zu lang,
So nahm er eine Kiste, an die ein Seil er band,
Das legte er übers Umlenkrad und zog die Kiste rauf,
Und langsam aber sicher nahm das Unheil seinen Lauf.

Das Seil war gut gesichert mit 'nem Haken an der Wand,
Dann ging er hoch und lud die Kiste voll bis an den Rand,
Auf seinem Weg nach unten bedacht' er leider nicht,
Dass die Kiste voller Steine schwerer war als sein Gewicht.

Er nahm das Seil und löste es, doch eh' er sich versieht,
Die runterkommende Kiste ihn in die Höhe zieht,
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Schritte geht's ihm gar nicht schlecht,
Beim siebten Schritt kreuzt dann jedoch die Kiste seinen Weg."

An dieser Stelle beginnt Osfryd lauthals zu lachen und das Geräusch weckt Stoffel, der im Schatten der Roteiche neben Mallifer döst. Und weil Stoffel ein geselliger Esel ist, stimmt er fröhlich mit ein. Bei den noch kommenden Strophen muss Calait ganz schön laut werden, um das Duett der beiden Schreihälse zu übertönen.

"Sie trifft ihn wie ein Keulenschlag, ansonsten bleibt er heil,
Doch stetig aufwärtsstrebend umklammert er das Seil,
Die Kiste donnert abwärts - sein Kopf ans Umlenkrad,
Sah Sterne bloß - und dass die Kiste Grundberührung hat.

Das Scheißding kippt und jede Menge Steine fallen raus
Sie liegen kreuz und quer, mit dem Un-Gleichgewicht ist's aus,
Nun ist er schwerer, abwärts sausend, wurd' ihm kalt und heiß,
Die Landung auf dem Trümmerhaufen dämpfte nur sein Steiß.

Inzwischen knallte oben nun die Kiste an das Rad,
Der Boden brach, der Rest der Steine hagelte herab,
Jedoch traf ihn nicht alles,- nein -, ein Stein ging glatt vorbei,
So dachte er: "Der Götter Lob, das Schlimmste ist vorbei!"

"Hmph!", macht Mallifer beleidigt, während Osfryd sich immer noch ausschütten will vor Lachen. In diesem Moment kommt Colevar mit Rún auf dem Arm um die Ecke und will amüsiert wissen, was sie da eigentlich mit ihren armen Heckenrittern anstelle. "Osfryd ist schon lila im Gesicht, Hexchen, und Mallifer sieht aus, als hätte er auf etwas Saures gebissen."
"Glä!", bestätigt Rún, woraufhin Calait von ihrem improvisierten Thron aus Strohsäcken und Kissen in die Höhe hüpft, ihre Rücke über den Knien rafft und trällernderweise zielstrebig auf Mann und Sohn zuhält, im fröhlichen Takt des Liedes ihre Hüfte schwingend:

"Er ließ das Seil erleichtert los, worauf der Kistenrest,
Vom oberen Seilende sich auf ihn fallen lässt,
Genau auf seinen Kopf, verflucht, es staubt und blitzt und kracht,
Nach einer halben Stunde ist er dann wieder aufgewacht.

Die Haut in Fetzen, machte er dann Knocheninventur,
Drei Zähne weg, die Nase schief, ne Arm und Beinfraktur,
Er möcht nicht klagen, doch er weiß, wir halten ihn für dumm,
Weil Ihr nun wisst, warum Mallifer heut nicht zur Arbeit kommt."

Sie erntet tosenden Applaus und begeistertes Ih-Ah-en, sowie gedämpftes Gelächter von Colevar. Außerdem einen feuchten Schmatzer von ihrem Sohnemann, als sie ihn entgegennimmt. "Mamma! Mamma singen. Offi singen. Mallmall Aua." "Da hast du völlig Recht!", pflichtet Calait ihrem Sohn bei und an Mallifer gewandt, mit einer angemessenen Portion Mitleid in der Stimme: "Böses Aua." Nur Colevar hat so gar kein Mitgefühl mit dem armen Mann und korrigiert staubtrocken: "Verdientes Aua." Calait erwägt ihm einen dezenten Ellenbogenstoß zu verpassen, aber eigentlich hat er Recht. Hätte Mallifer auf ihn gehört – beziehungsweise auf ihn, Osfryd oder Bairne oder Orn… oder überhaupt alle die gestern beim Hausbau geholfen hatten -, befände er sich jetzt nicht in der misslichen Lage von Kopf bis Fuß in Verbänden und Birkenrindengipsen zu stecken.

Soris sei Dank gibt es auf Burg Lyness eine ausgezeichnete Heilkundige, die den lädierten Heckenritter wieder ordentlich zusammengeflickt hatte. Außerdem ist er randvoll mit Mohnblumensaft und hat keine Schmerzen. Außer der verletzte Stolz, der tut selbstverständlich fürchterlich weh und muss allenthalben beklagt werden. Alles in allem ist Mallifer allerdings gut davongekommen, weshalb Calait nun, weniger als einen Tag nach dem Unglück, auch schon den Spott ausgepackt hat. Und den wird der gute Mann seiner Lebtage nicht mehr loswerden.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Olyvar

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 15:59

To the river

Life asked death: Why do people love me, but hate you?
Death responded: Because you are a beautiful lie and I'm a painful truth. (Unknown)

Beerenreif 517


Sie hatten die Stadt durch das Verder Tor verlassen und waren nach Westen in Richtung Lyness geritten, gerade als die Sonne aufgegangen war, und Licht und Farben in die Welt zurückgebracht hatte: die Baumwipfel hatten sich grün gefärbt und die Felsen begonnen zu leuchten. Sie hatten nicht den Kreuzweg bis Grimmen und dem 'Blauen Schwert' genommen und waren dann nach Süden abgebogen, sondern auf Wildwechseln und Waldpfaden, die Olyvar so gut kennt wie seine Hemdtaschen, direkt nach Südwesten geritten: an den Weiden des Waldhofs vorüber, zwischen den Ruinen des Rabenbruchs und Zwölfeichen hindurch nach Sils Amboss und dann weiter nach Südwesten bis zum Sarthe, den sie gegen Mittag erreicht hatten. Dann waren sie dem Flusslauf nach Westen gefolgt, hatten ihn an einer seichten Stelle überquert und schließlich den breiten Saumpfad gefunden, der zu den Wasserfällen am Ende der Sartheschluchten führt. Eine Stunde später liegen sie vor ihnen zu ihrer Rechten: schäumende, silberweiße Kaskaden, die auf einer Länge von fünfzig Schritt oder mehr in zahllosen breiten, niedrigen, verwinkelten Stufen, Treppen und Katarakten den Berghang eingekerbt haben. Merkwürdigerweise ist ihr beständiges Rauschen ganz sanft, beinahe wie ein stetes, seidiges Murmeln. Kalam und Karamaneh hatten sich auf dem Weg hierher hin und wieder leise unterhalten und ihn unaufdringlich an ihren Gesprächen teilhaben lassen, ohne dass er selbst irgendetwas hatte sagen müssen, und dafür ist er dankbar. In den letzten Tagen hatte er viel zu viel erklären und erzählen müssen, hatte tausend Worte zu hunderten von Leuten gesagt, so dass seine Kehle sich ganz wund anfühlt und seine Stimme heiser ist. Doch heute hat er noch kein Wort gesprochen, seit sie Talyra verlassen haben. Nun stehen sie am Fuß der Wasserfälle, wo der Pfad entlang des südlichen Flussufers sich verschmälert, ehe er ansteigt und in den Schatten von Erlen und Silberweiden eintaucht. Irgendwo dort oben auf einer Lichtung am Beginn der Fälle muss das Haus oder der Rohbau des Hauses liegen. Plötzlich dreht der sachte Wind und trägt ihnen fröhliche Stimmen und Gelächter zu, und darüber schwebt Calaits rauchige, doch klare Stimme, die ein heiteres Spottlied zum Besten gibt. Olyvar weicht jede Farbe aus dem Gesicht, und auch Kalam und Karamaneh neben ihm erstarren auf ihren Pferden. Von oben tönt es ahnungslos:

'Das Scheißding kippt und jede Menge Steine fallen raus
Sie liegen kreuz und quer,- mit dem Un-Gleichgewicht ist's aus,
Nun ist er schwerer, abwärts sausend, wurd' ihm kalt und heiß,
Die Landung auf dem Trümmerhaufen dämpfte nur sein Steiß.'

Inzwischen knallte oben nun die Kiste an das Rad,
Der Boden brach, der Rest der Steine hagelte herab,
Jedoch traf ihn nicht alles,- nein -, ein Stein ging glatt vorbei,
So dachte er: "Der Götter Lob, das Schlimmste ist vorbei!"


Er hört, wie Kalam einen leisen, erstickten Kehllaut von sich gibt und wechselt einen entsetzten Blick mit den anderen. Auch Karamaneh ist blass geworden. "Oh Götter," würgt Olyvar schließlich hervor - und würde am liebsten auf der Stelle umdrehen und wieder nach Hause reiten. Dort oben herrscht Freude. Lachen. Wärme. Ausgelassenheit. Und sie bringen solche Kunde. "Ich kann ihnen das nicht antun."
Er kann sehen, wie Kalams Kiefer sich anspannen, um die Worte zuwege zu bringen. "Wir müssen," hört er ihn leise und gefasst sagen, doch der ehemalige Sithechjünger sieht genauso schockiert aus, wie er selbst. Karamaneh, kreidebleich und angestrengt, nickt ruckartig wie eine schlecht geführte Marionette. Doch keiner von ihnen bewegt sich oder macht Anstalten, die wenigen Schritt den Pfad hinauf zu dem Haus auf der Lichtung weiterzureiten. Irgendwo oben tut ein Esel oder Maultier frenetisch seine Begeisterung Kund, und ein Geräusch ist zu hören, das klingt, als ersticke jemand vor Lachen. Dazwischen kann Olyvar Colevars tiefe, dunkle Stimme ausmachen, aber er kann nicht verstehen, was er sagt. Nur die letzten Verse von Calaits Lied sind deutlich zu hören und schweben gut gelaunt zwischen den Bäumen und den moosigen Felsen den steilen Hang herab:

"Er ließ das Seil erleichtert los, worauf der Kistenrest,
Vom oberen Seilende sich auf ihn fallen lässt,
Genau auf seinen Kopf, verflucht, es staubt und blitzt und kracht,
Nach einer halben Stunde ist er dann wieder aufgewacht.

Die Haut in Fetzen, machte er dann Knocheninventur,
Drei Zähne weg, die Nase schief, 'ne Arm und Beinfraktur,
Er möcht nicht klagen, doch er weiß, wir halten ihn für dumm,
Weil Ihr nun wisst, warum Mallifer heut nicht zur Arbeit kommt."


Olyvar spürt einen beinahe schmerzhaften Ruck in seinem Magen. Er weiß nicht, wie es Kalam oder der Malankari geht, aber ihm ist schlecht. In diesem Augenblick hasst er es, Colevar und Calait das antun zu müssen. Ihr Glück und ihre Zufriedenheit derart zunichte zu machen. Solchen Schmerz zu ihnen zu bringen. Und er hasst sich selbst dafür, derjenige zu sein, der es Colevar sagen wird. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Manche Pflichten sind grausam. Und das hier ist mehr als das – es ist der letzte Freundschaftsdienst, den er Rayyan erweisen kann. Er hatte seiner Großmutter in Mar'Varis die traurige Nachricht gebracht. Er hatte einen langen Brief an Táhirih in Hólar geschrieben und einen Botenraben an den Hohen Magischen Rat auf der Dheremaja gesandt. Er hatte eine knappe, höfliche Botschaft an Mealla und eine weitere an Nathanael geschickt, zu mehr hatte er sich einfach nicht durchringen können. Das hier ist anders. Es ist persönlich und es wird ihm das Herz noch einmal brechen, und Colevars dazu, er weiß es. "Weiter," hört er sich selbst schließlich sagen, als sich das Schweigen so lange dehnt, dass es ihm in den Ohren dröhnt und lenkt Tamra über den steilen Pfad bergauf.
Did we turn left last time, or right? What does it matter? Lost is lost.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Colevar

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 16:38

Erdbeben

Beerenreif 517

I just feel pain. A lot of pain. I thought I could imagine, how much this would hurt, but I was wrong. (Haruki Murakami)


Colevar grinst noch immer still in sich hinein, als er Rún bei Calait und Mallifer lässt und sich mit Osfryd wieder den Fenstern zuwendet. Sie waren eine Überraschung für Calait, heute Morgen angekommen, und es war eine elende Schinderei gewesen, sie alle den Pfad hinaufzuschaffen, aber nun stehen sie hier, sauber aufgereiht und aneinander gelehnt unter dem tiefgezogenen Laubengang über der hölzernen Veranda, welche das gesamte Haus umläuft – außer der rückwärtigen Giebelseite, wo die gewaltige Roteiche steht, die sich nun halb im, halb außerhalb des Hauses befindet. Genaugenommen hatten sie das Nordende ihres Langhaus - eine, wie er findet, recht gelungene Mischung aus herzländischen und nordischen Elementen - um den Baum herum errichtet: seine Wurzeln bilden in der Halle im inneren einen natürlichen Hochsitz, sein Stamm ist das Herzstück des Giebels und schafft gleichsam einen zweiten Rauchfang nach oben, und seine immergrüne Krone wölbt sich schützend über die Hälfte des Daches. Sie hatten nur zögerlich hier an den Wasserfällen am Ende der Sartheschluchten Fuß gefasst und den Winter über auf Burg Lyness verbracht… doch sie hatten Fuß gefasst. Nachdem Calait sich von der Schwangerschaft, die sie beinahe ihr Leben gekostet hatte, erholt gehabt hatte und der Kleine kräftig genug gewesen war, waren sie von Talyra nach Lyness gezogen. Sie hatten zwar schon im vergangenen Sommer mit den Erdaushubarbeiten für ihr Haus begonnen, die Steine für die Kamine zusammengetragen, das im Winter zuvor geschlagene Holz und die ganzen Baumstämme für die tragenden Balken und den Dachstuhl zusammengebracht und ähnliches, aber dann im Herbst nicht weiter daran gearbeitet, weil zu viele andere Dinge zu tun gewesen waren: im ganzen Fürstentum von Lyness waren die Ernten eingebracht, die Tiere von den Sommerweiden in den Bergen herabgetrieben und das Vieh für den Winter geschlachtet worden; das Herbst-Thing war zusammengekommen - eine Art Versammlung aller lynesser Sippen, Familien und Clans -, das Saatgut für das kommende Frühjahr hatte abgewogen und zugeteilt werden müssen, die Viehbestände kontrolliert, die Grenzen abgeritten und die Hohe Warte, der Wachtturm am Kreuzweg, hatte vor dem Winter noch ein neues Dach gebraucht. Auch auf der Burg hatte jede Hand gezählt, auch wenn sie es noch so eilig gehabt hatten, mit einem Baby den vergleichsweisen Luxus eines so großen, komfortablen Haushalts mit seinen zahlreichen Bediensteten gegen eine Baustelle einzutauschen. Doch sobald das Tauwetter eingesetzt und die Frühjahrsaussaat im Boden gewesen war, hatten sie ihre Siebensachen gepackt, waren in einem schreiend bunten Resandezelt (das Calait aus Lederhäuten und Stoffresten genäht hatte) auf ihre Baustelle gezogen, hatten die Ärmel hochgekrempelt und sich an die Arbeit gemacht. Und da es an willigen Arbeitern und helfenden Händen für den Erben von Lyness hier in seiner Heimat nie mangelt, sind sie nun, nur ein paar Monde später, auch fast fertig: das Haus steht, das Dach ist mit Schindeln gedeckt, die Böden sind verlegt, die Treppen eingebaut. Nur die Fenster müssen noch eingesetzt und am Innenausbau muss noch einiges etwas getan werden. Außerdem haben sie die gewölbeartigen Höhlen an der Felswand am Rand der Lichtung in Offenställe für die Pferde - und Stoffel, den talyrischen Hausesel, den Calait unbedingt hatte mitnehmen müssen - verwandelt, besitzen ein Räucherhaus und eine geräumige Scheune mit einem luftigen Heuboden (wenn auch noch nicht ganz eingedeckt), und, der Gipfel der Dekadenz, einen Abtritt. Heute sind sie wegen der Mahd der letzten Waldwiesen nur ein halbes Dutzend Männer auf der Baustelle - und Mallifer, natürlich, der es sich trotz seines akuten Sterbedeliriums nicht hatte nehmen lassen, auch anwesend zu sein, was bedeutet hatte, dass sie ihn am Morgen hatten herschleppen müssen (und so zaundürr der alte Heckenritter auch sein mag, er ist schwer).

Kaum haben Osfryd und Colevar eine der bleigefassten Scheiben in ihren hölzernen Sprossenrahmen in den Händen und hochgehoben, schlägt Reykir an und weil Stoffel ein wirklich geselliger Esel ist, stimmt er gleich mit fröhlichem Iahen in das Bellen des Hundes mit ein. Also setzen sie ihre kostbare Last behutsam wieder ab und blicken sich um, doch das sanfte Rauschen der Wasserfälle übertönt noch jedes Geräusch sich nähernder Schritte oder Hufschläge auf dem Pfad – zumindest für ihre Ohren. Aus den Augenwinkeln sieht Colevar, wie seine Frau sich unter der Roteiche, wo sie neben Mallifers Krankenlager auch ihre provisorische Sommerküche eingerichtet hatten - die aus einer Feuerstelle, einem eisernen Dreifuß samt Kessel (im Augenblick voller Brombeerkompott) und einer mit Flusssteinen ausgelegten Gargrube (voller Hefeküchlein) in der Erde besteht - aufrichtet wie ein Erdhörnchen. Sie dreht den Kopf lauschend in alle Richtungen und beugt sich dann zu Mallifer hinab, um ein paar Worte mit dem alten Ritter zu wechseln, doch der Mann kann vorerst auch nur ratlos den Kopf schütteln. Colevar tritt aus dem Schatten des Laubengangs, wachsam, aber nicht alarmiert, eine Hand aus reiner Gewohnheit am Griff eines seiner beiden Langmesser. Doch als er die Augen zum Schutz vor der Sonne mit der freien Hand abschirmt, kann er drei Reiter sehen, die den Pfad zur Lichtung heraufkommen: Es ist Olyvar, und zu seiner Überraschung ist er nicht allein, sondern hat Kalam Chelain und die Malankari, Borgils Ziehtochter Karamaneh, bei sich. Kalams Frau. Er kennt den Sithechjünger gut und er gönnt ihm sein Glück, aber es war doch ein gelinder Schock gewesen, von dieser Heirat zu erfahren – einfach, weil niemand, den er kennt, je von so etwas gehört hätte (abgesehen von den Zwielichtklagen einer Bardin, deren Phantasie mit ihr durchgegangen war). Calait, neben Niniane wohl inzwischen eine von Borgils besten Freundinnen, hatte beinahe so brühwarm wie die Protektorin von der ganzen Sache erfahren und Borgil gegenüber in etwa genauso reagiert wie Lady Niniane auch: sie hatte dem Zwerg gesagt, er solle sich nicht so anstellen und sich lieber für Karamaneh freuen. Colevar pfeift grinsend nach Reykir, der still wird und an Calaits Seite zurückkehrt, und auch Stoffel stellt sein Iahen, mit dem er stets Besuch ankündigt, endlich wieder ein, so dass auf der Baustelle nur noch gedämpft das Hämmern und Sägen derer zu hören ist, die auf der anderen Seite des Hauses weiter mit ihren Arbeiten beschäftigt sind und nicht hier herumstehen, weil sie Maulaffen feilgehalten und sich Spottlieder auf genesende Heckenritter angehört haben, so wie sie. Calait und er hatten die Nachricht, dass die Azurien-Abenteurer endlich nach Talyra zurückgekehrt waren, erst am gestrigen Abend erhalten und sich eigentlich vorgenommen, in die Stadt zu reiten und die Heimkehrer zu besuchen, sobald diese Fenster gesetzt wären – doch anscheinend ist Olyvar ihnen zuvorgekommen. Für einen kurzen, kurzen Moment ist nichts als Freude in Colevar, seinen (ehemaligen) Lord Commander endlich wiederzusehen… und er hat auch noch Kalam mitgebracht, den er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Ihm geht noch der Gedanke durch den Kopf, dass der Sithechjünger ein ziemlich machtvolles Zwielichtflammenamulett besitzen muss, wenn er hier so unbekümmert in der talyrischen Hochsommersonne herumreiten kann, und er fragt sich auch flüchtig, warum sowohl er, als auch Karamaneh – die beiden sind doch frisch vermählt? – so ernste Mienen zur Schau tragen. Dann zügeln ihre Gäste ihre Tiere und steigen aus den Sätteln, und er sieht Olyvars Gesicht… doch es ist ein Olyvar, den Colevar noch nie gesehen hat. Der Mann sieht nicht nur mitgenommen aus, sondern geradezu am Boden zerstört, und Colevar zieht besorgt die Stirn in Falten. "Hol Bjarne und Orn, und nehmt ihnen die Pferde ab," wendet er sich an Osfryd neben ihm und der alte Heckenritter setzt sich in Bewegung. "Ihr könnt sie auf die untere Wiese stellen…"

Dann steht Olyvar vor ihm. Er ist sauber gekleidet, unverletzt… alles an ihm makellos, bis auf sein Gesicht. "Was?" Fragt Colevar zutiefst alarmiert. "Was ist geschehen?" Calait tritt mit fragender Miene neben ihn, Rún auf dem Arm, und ihm kommt ein furchtbarer Gedanke. "Ist es Rhordri?" Das liegt vielleicht nicht unbedingt nahe, schließlich ist der alte Kastellan ein zäher, rüstiger Kerl, aber er ist wirklich nicht mehr der Jüngste. "Was ist mit Rhordri?" will Calait besorgt und verwirrt wissen, während ihren unerwarteten Besuchern die Pferde abgenommen werden.
"Nicht Rhordri," erwidert Olyvar heiser und scheint die Zügel einer wundervollen braunen Culstute nur widerwillig loszulassen. "Ich habe schlimme Neuigkeiten."
Colevar nimmt den Drachenländer am Arm und drängt ihn in Richtung Haus. "Um Himmels Willen, Mann, du siehst furchtbar aus – komm, setz dich in den Schatten, bevor du umfällst." Er bringt Olyvar, der sich widerstandslos abführen lässt, unter die ausladenden Äste der Roteiche, wo sie sich alle auf den knorrigen, verschlungenen Wurzeln niederlassen, und auf das fragende Zupfen Calaits an seinem Hemdsärmel, erwidert er mit einem flüchtigen Lächeln in ihre Richtung, dass außer Olyvar auch Kalam und Karamaneh zu ihnen gekommen waren. Inzwischen glaubt Colevar auch zu verstehen und Mitgefühl legt sich auf seine Züge. "Wenn es um den Narrenkönig geht, wissen wir schon Bescheid. Rhordri und deine Tochter waren…"
"Nein." Olyvar schüttelt den Kopf wie ein Pferd, das versucht, sich von den Fliegen zu befreien. Das Gesicht des Mannes sieht gespenstisch aus, schockiert und weiß, und seine Augen sind rot gerändert. Doch wenn es nicht der Narrenkönig ist, dann…
"Götter," keucht Colevar und in seiner Brust ballt sich eine Faust. "Diantha? Was ist mit ihr…"
"Rayyan," entfährt es Olyvar und Colevar erstarrt, bis ins Mark erschüttert. "Was?" flüstert er. "Was?"
"Rayyan ist tot," fährt Olyvar mit einer Stimme fort, die nicht die seine ist.
"Nein," erwidert Colevar, um Vernunft bemüht. "Nein, das ist er nicht."
"Hör mir zu!" Olyvar sieht ihn zum ersten Mal direkt an und packt ihn am Arm. Colevar hätte sich gern aus diesem Griff gewunden, um vor dem, was kommt, fliehen zu können, doch der Drachenländer lässt ihn nicht. "Hör mir zu, Cole. Rayyan ist tot. Er hat einen Tagesritt entfernt von den Ruinen Talebkhans in der Sahil Sahyun gegen ein halbes Dutzend Männer und ein Munduskind gekämpft, und ist dabei getötet worden. Wir waren bei ihm, als er starb. Wir haben ihn in einer Felsenhöhle in der Wüste begraben. Er ist tot, Cole. Rayyan ist tot."
Colevar hört seine Worte, doch ihre Bedeutung dringt nicht zu ihm durch. Irgendwo riecht es nach angebrannten Brombeeren.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Karamaneh

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Donnerstag, 26. Oktober 2017, 21:01

Your Absence

The Last Act of Love

It hurts because the story of your life
had so many more beautiful chapters to it
but yet the book of your life had been abruptly closed.
(Narin Grewal)

Today my forest is dark.
The trees are sad and
all the butterflies have
broken wings.
(Raine Cooper)

Grief is the last act of love
we have to give to those we loved.
Where there is deep grief,
there was great love.
(Bob Deits)

There are days when your absence is the loudest silence I've ever heard.
(Dr. Joanne Cacciatore)

{Mitte Beerenreif 517; Kavell yr Arth}


An einem anderen Tag als diesem hätte Karamaneh die Schönheit dieses Ortes bewundert, dem Rauschen der Wasserfälle gelauscht und den Anblick des umliegenden Waldes genossen. Sie hätte Calait lachend in die Arme geschlossen, hätte Colevar herzlich begrüßt, Rún angelacht und anerkennend zur Kenntnis genommen wie groß und kräftig der kleine Junge in den vergangenen Monden geworden ist. Anschließend hätte sie sich gut gelaunt neben Calait im Schatten der Roteiche niedergelassen und die Resande und ihren Mann mit allerlei Fragen in Sachen Häuslebau gelöchert nur um sich später bereitwillig zu einer ausgiebigen Besichtigungsrunde überreden zu lassen.
Stattdessen sitzt sie nun aschfall und blass um die Nasenspitze herum neben Kalam auf einer knorrigen Baumwurzel, die Hände schützend um ihren beständig wachsenden Bauch geschlungen, unfähig ihrer Umgebung mehr als die gerade so nötige Aufmerksamkeit zu schenken. »Er ist tot, Cole. Rayyan ist tot.« Olyvars Worte treffen die Malankari trotz der Zeit, die mittlerweile seit dem Tod des Magiers vergangen ist, immer noch mitten ins Herz. Nicht so sehr Rayyans wegen, obschon sein Tod sie schmerzt wie alle anderen auch, vielmehr noch ist es jedoch Olyvars Trauer, die mit jedem Tag zu wachsen anstatt abzunehmen scheint, die sie so sehr berührt. In den vergangenen Monden in Azurien ist der Lord Commander der Steinfaust wie ein großer Bruder für sie geworden und so fällt es Karamaneh einfach unendlich schwer mitansehen zu müssen wie sein Herz ein weiteres Mal zerbricht... ohne das sie irgendetwas dagegen tun könnte.

Doch die Malankari ist keinesfalls allein mit ihrer Bestürzung. Die Nachricht von Rayyans Tod trifft Colevar ebenso hart wie Olyvar, das ist dem Mann deutlich anzusehen. Und auch die übrigen Anwesenden halten erschrocken den Atem an, als sie von der traurigen Kunde erfahren. Die Stille, die sich auf der vor kurzem noch mit fröhlichem Gelächter erfüllten Lichtung ausbreitet, ist paradox laut. Gellend laut.
Gleichzeitig steigt Karamaneh der süßlich beißende Geruch verbrannter Brombeeren in die Nase und sie hält kurz den Atem an, um einen unerwarteten Anflug von aufwallender Übelkeit zu verscheuchen. Das allmorgendliche Unwohlsein des ersten Schwangerschaftsdrittels hat sie zwar mittlerweile dankenswerter Weise hinter sich, doch vor allem auf sehr intensive oder strenge Düfte reagiert sie nach wie vor überempfindlich. Sie lässt ihren Blick hastig umher schweifen und der Ursprungsort des unangenehmen Brandgeruchs ist schnell gefunden: ein eiserner Dreifuß samt Kessel, der recht recht nah bei beisteht. Ohne lange zu überlegen springt Kara auf die Füße, überbrückt die kurze Distanz und nimmt den Kessel mit seinem verbrannten Inhalt eilends vom Feuer. Das heißt, sie will ihn vom Feuer nehmen, doch das Gusseisen ist so glühend heiß, dass sie sich beinahe die Finger daran verbrennt. Sigruns Unterweisungen in Sachen Sicherheit in der Küche, wie sie sie eine gute Köchin ausmachen, sind der Malankari offenkundig noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Glücklicherweise hat auch einer von Colevars Heckenrittern, etwas später soll sie erfahren das er Sire Osfryd Ohneland gerufen wird, das Brombeerkompottmalheur bemerkt und kommt Karamaneh sogleich zu Hilfe. Ohne viel Fedelesen zu machen nimmt er sich der stinkenden Angelegen an ihrer Stelle an, holt den heißen Kessel mit seinen mit ledernen Arbeitshandschuhen geschützten Händen von den Flammen und macht sich anschließend leise grummelnd und fluchend daran dessen unangenehm qualmenden Inhalt umgehend zu entsorgen.

Die Malankari sieht dem Mann dankbar hinterher, während er sich entfernt. Dabei bleibt ihr Blick am dunklen Waldessaum am Rande der Lichtung hängen. Unwillkürlich stolpert sie die wenigen Schritte zu ihrem Platz auf den knorrigen Wurzeln der Roteiche zurück. Das Ganze mag kaum mehr als ein oder zwei Minuten gedauert haben, doch ihr kommt es vor wie eine kleine Ewigkeit. Lärmend ruft sich die alles lähmende Stille, die Olyvars Worten gefolgt war, wieder in Erinnerung und die junge Frau bemerkt erschrocken den leblosen Körper eines unscheinbaren Schmetterlinges im Staub zu ihren Füßen. Die filigranen Flügel sind zerrissen und der traurige Anblick schürt die Trauer in ihrem Innersten.
Karamanehs Augen suchen den Blick ihres Mannes. Sie hat Olyvar und ihn hierher begleitet, weil sie das Gefühl hat es den beiden schuldig zu sein ihnen in dieser schweren Angelegenheit zur Seite zu stehen. Immerhin ist Rayyan bei dem Versuch gestorben ihre Schwester zu retten. Doch jetzt wo sie hier sitzt und die von Schmerz gezeichneten Gesichter Colevar, Calait und Olyvar vor sich sieht fehlen ihr die richtigen Worte. Es gibt so viel zu erzählen, und nicht alles was sie zu berichten haben ist schlecht, doch im Augenblick überschattet Rayyans Abwesenheit einfach alles. So viel hatte noch vor ihm gelegen, ein ganzes halbes Leben.

Karamaneh wird bewusst wie wenig sie eigentlich immer noch über den Azurianer weiß, obwohl sie doch so viele Siebentage und Monde tagein tagaus miteinander unterwegs gewesen waren und so manches miteinander durchgemacht hatten. Karamaneh lächelt wehmütig, als ihr einmal mehr bewusst wird, dass erst die Ereignisse in Mar'Varis das Verhältnis zwischen Rayyan und ihr drastisch verändert und sie einander tatsächlich näher gebracht hatte. Sie hatten begonnen miteinander zu reden. Zu lachen. Trotzdem, im Vergleich zu Olyvar oder Colevar weiß sie im Grunde nicht viel über den Magier. Seinen Namen. Seine Herkunft. Seine Berufung. Seine Verbindung zu Tahiri, der Tochter des Schahs. Palastgerede eben. Und sonst? Sie weiß, dass er Pferde nicht sonderlich mochte. Dass er sehr großzügig sein konnte. Einen eher derben Humor pflegte. Einem guten Tropfen Hamadat niemals abgeneigt war. Das er stolz war. Loyal. Ein Mann der zu seinem Wort stand, wenn er es einmal gegeben hatte.
Tränen steigen der Malankari in die Augen, als sie daran denkt wie gerne sie Rayyan doch noch besser kennen gelernt hätte, dass sie dazu nun jedoch nie mehr die Gelegenheit haben wird. Da spürt sie wie Kalam ihre Hand nimmt und diese sanft drückt. Sie ist mit ihrem Kummer nicht allein. Sie alle sind mit ihrem Kummer nicht allein, die Trauer um Rayyan verbindet alle wie sie hier versammelt sind. Ein schwachses Lächeln huscht über Karamanehs Gesicht. Ja, wie gerne hätte sie Rayyan besser kennen gelernt, und vielleicht ist es gerade das, was sie (und auch Zaleh) an seinem Tod am allermeisten schmerzt. Denn während Olyvar und Colevar um den Mann trauern, den sie kannten, trauert sie selber um den Mann, den sie nie die Gelegenheit hatte richtig kennen zu lernen. Sein Tod ist wie ein Buch, das zugeschlagen wurde lange bevor sein letztes Kapitel gelesen werden konnte. Und es lässt sie alle mit den gleichen Frage zurück: Was wäre gewesen wenn?

Eine winzige Bewegung in ihrem Bauch reißt sie aus ihren düsteren Gedanken. Das Kind in ihrem Leib, von den rhythmischen Bewegungen des langen Rittes hinaus ins Sarthetal in sanftem Schlummer gewiegt, scheint von den fehlenden Bewegungen geweckt worden zu sein und langsam zu erwachen. Unwillkürlich legt sie Kalams Hand, die immer noch die ihre hält, auf die sich immer deutlicher rundende Wölbung ihres Bauches. Und tatsächlich, da ist sie wieder, eine kleine zur Faust geballte Hand die energisch gegen die sie umgebende Begrenzung pocht. Hallo, ich bin auch noch da, scheint die Regung sagen zu wollen. Karamaneh lächelt wehmütig. Es mag gerade Olyvar im Moment vielleicht nur ein schwacher Trost sein, aber des Narrenkönigs und Rayyans Opfer, so schmerzhaft der Verlust der beiden Männer auch ist, war nicht umsonst. Zaleh ist gerettet, Kalam wieder ein Mensch und in ihr selbst wächst ein neues Leben heran. Die Grenzen, die Leben und Tod trennen, sind bestenfalls schattig und vage. Wer vermag stets zu sagen, wo das eine endet, und das andere beginnt?* Überhaupt, können die Toten je wirklich tot sein, wenn sie in den Seelen der Hinterbliebenen weiterleben?**
Das Rauschen der Sarthefälle verdrängt die lärmende Stille und füllt sie mit seinem, zumindest für Karamanehs Ohren, tröstlichen Klang. Ein anderes Mal, zu einer passenderen Zeit, das nimmt sie sich vor, würde sie das Tal genauer erkunden. Vielleicht im kommenden Sommer, dann, wenn sie sich wieder wandeln kann. Auf samtigen Pfoten würde sie durch das schattige Unterholz schleichen und auf den großen Felsen unterhalb der Wasserfälle in der Sonne liegen, um dem Gesang des Wassers zu lauschen. Doch all das hat Zeit. Denn im Gegensatz zu Dayan, die es, wie sie sich erinnert, sehr bekümmert hat, sich während der Zeit ihrer Schwangerschaft nicht wandeln zu können, stört es Karamaneh kein bisschen, dass sie ihre Gestalt im Augenblick nicht verändern kann. Die Aussicht darauf es in wenigen Monden wieder tun zu können, erfüllt sie lediglich mit Vorfreude. Vorfreude, weil es bedeutet, dass Kalam und sie endlich ihr Kind in den Armen halten können. Dass ein neues Leben das Licht Rohas erblickt hat.


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*Edgar Allan Poe, The Premature Burial
**Carson McCullers, The Heart Is a Lonely Hunter
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Calait

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Beruf: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Wohnort: Talyra

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7

Freitag, 27. Oktober 2017, 16:14

Winter

Sometimes a goodbye hurts so much, you wish there never had been a hello.


Rayyan tot. Das ist… lächerlich. Der Mann ist wie eine Katze. Der hat mindestens neun Leben, der kann gar nicht tot sein. Fast möchte sie den Kopf schütteln, das Ganze mit einem weniger bestürzten, als irritierten Schnauben abtun. Der Gedanke sickert durch ihren Verstand, aber sie kann ihn nicht aufrechterhalten, weil der Ernst in Olyvars Stimme keine Illusionen zulässt. Weil der Schmerz, der von ihm ausgeht, und die Trauer, die sich in seinen Knochen festgesetzt hat, jede Hoffnung im Keim ersticken. Und weil ihr Mann neben ihr in diesem Moment erstarrt. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Seine Finger zwischen ihren werden kalt. Kalt wie Eis. Dann brandet eine Woge Frost über die Lichtung und glänzender Raureif brennt sich knisternd in den Stamm der knorrigen, alten Roteiche, unter welche sie sich alle zurückgezogen haben. Mallifer zu ihren Füßen fängt schlagartig das Schlottern an, irgendjemand japst zischend nach Luft und selbst die Pferde, die im Schatten des Waldrands gerade von einem Knecht versorgt werden, schrecken auf. Und in ihrer Dunkelheit geht Colevars silberne Gestalt in perlmuttkalte und klirrend scharfe, blaue Flammen auf. Sein Gesicht aber bleibt blank wie geschliffenes Silber. Wie die trügerische Stille an einem kristallklaren Morgen, die einem Sturm vorausgeht.

Der erste Atemzug tut weh. Der zweite ist schier unerträglich und der Dritte fühlt sich an, als würden ihre Lungen reißen. Aber der Schmerz, der von Colevar ausgeht und der sich wie tausend Dolche in ihr Herz bohrt, ist schlimmer, als alles andere. Er ist derart überwältigend, dass sie noch einen vierten Atemzug braucht, bevor sie es schafft sich von ihrem Entsetzten loszueisen. Überwältigt von dem Moment, bemerkt sie weder, wie Karamaneh mit Osfryds Hilfe die Brombeeren vom Feuer rettet, noch dass ihrem Sohn die frostigen Temperaturen überhaupt nichts auszumachen scheinen. Ebenfalls vergisst sie für eine Sekunde völlig, wie ungerne sie Rún aus den Händen gibt. Vor allem, seit er das Gehen gelernt hat und mit unverwüstlichem Eifer seiner vermutlich ererbten Abenteuerlust nachgeht. Da sie ihn weder sehen, noch spüren kann, hilft ihr nur ihr feines Gehör ihn ausfindig zu machen, wenn er sich wieder einmal davongestohlen hat. Allen Göttern sei Dank ist die allermeiste Zeit Reykir bei ihr und hilft ihr den Welpen zu hüten. Wenn sie tatsächlich ganz alleine mit Rún sein muss, was sie aus naheliegenden Gründen zu vermeiden versucht, bindet sie ihn entweder irgendwo fest, oder lässt ihn schlicht nicht aus ihren Armen.

Sie dreht sich um und reicht Rún der nächsten Person hinter ihr, merkt nur noch wie ihr zappelnder Sohn in irgendwelcher Wärme verschwindet und schlingt dann ihre Arme fest um die Hüfte ihres Mannes. Damit sie all die Qualen, gleißend hell und schmerzhaft blendend, die das Begreifen mit sich bringt, umfassen und festhalten kann, während ihr haltlos die Tränen über die Wangen laufen. Es tut mir leid, murmelt sie in tränenerstickten Gedanken, es tut mir so leid. Obwohl die Kälte beißt, lehnte sie sich dagegen, fängt sie auf und streckt alle ihre Sinne nach ihrem Mann aus, warm und tröstend wie die Sonne, nachdem man durch kühle Schatten gewandert war, bis sie spürt, wie das Eis unter ihrer Berührung schmilzt. Der Raureif, der glänzend das Gras und die Baumwurzeln überzieht, verwandelt sich in der Beerenreifwärme in feinen Dunst, der aufsteigt und sich verliert. Colevars Schmerz indes verliert sich nicht, er behält ihn nur eisern im Griff. Legt Eisen um sein Herz und holt Luft. Calait lässt ihre Finger in die Höhe wandern, nimmt sein Gesicht zwischen ihre Hände und wartet, bis sein Blick auf ihr ruht. Kaum merklich neigt sie den Kopf. Die stumme Frage, ob er alleine sein möchte. Ob sie die anderen wegschicken soll, oder… seine Wange schmiegt sich tröstlich in ihre Handinnenfläche und sie nickt. Später. Dann dreht sie sich zu Olyvar um und deutet mit einer Hand auf die Decken, die sie zwischen den Wurzeln ausgebreitet haben, um das Sitzen etwas bequemer zu gestalten: „Setzt euch… setzt euch und erzählt es uns.“
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Kalam

Stadtbewohner

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Beruf: Sithechjünger a.D.

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8

Samstag, 11. November 2017, 22:15

I remember everything about that day

Beerenreif 517

In a couple of years, people will ask: You still miss Rayyan? After all this time?
And we will say: Always.


Kalam hätte sich der Brombeeren angenommen, er weiß ja, was die Nase seiner schwangeren Frau von strengen Gerüchen halt (nämlich gar nichts), und sie sind auch ihm, immer noch gesegnet mit einem nicht ganz menschlichen Geruchssinn, unangenehm beißend in die Nase gestiegen - doch er kann nicht, den im selben Moment geschehen mehrere Dinge und sie passieren alle gleichzeitig. Es wird schlagartig eiskalt und knisternder Reif überzieht die Lichtung mit fahlem Silber, dann bekommt er plötzlich Colevars Jungen in die Arme gedrückt und findet sich Nase an Nase mit einem neugierig, aber wachsam dreinblickenden Kleinkind wieder, gleichzeitig begreift er instinktiv, was - oder besser wer - die Quelle dieser unnatürlichen Kälte ist, nämlich der Sithechritter, der ebenso schlagartig die grauweiße Farbe verwitterter Knochen angenommen hat, und von seiner Frau und Olyvar flankiert um Beherrschung ringt. Also zieht Kalam Karamaneh an sich, kaum dass sie fröstelnd wieder an seiner Seite auftaucht, dreht dem beißenden Eishauch den Rücken zu und schirmt seine Frau und das Kind mit seiner eigenen Körperwärme ab. Er spürt die Kälte zwar, doch er friert nicht – seine Haut ist immer warm, als liege seine Körpertemperatur stets im Bereich leichten Fiebers. Der Frost verschwindet so rasch wieder, wie er aufgetaucht war und alles, was von den winzigen, weißen Eiskristallen im Sommergras der Lichtung bleibt, ist ein feiner Silberdunst, der in der Sonne rasch zerfasert und verweht. Karamaneh setzt sich mit einem mitfühlenden Blick in Richtung Colevars, Calaits und des Lord Commanders wieder neben ihn auf eine der Wurzeln und schweigt ein wenig gedankenverloren, während er selbst den Jungen auf den Schoß nimmt, der mit großen Augen das Tun seiner Eltern verfolgt und der alternde Heckenritter auf seinem Krankenlager demonstrativ die letzten Raureifreste von seinen Decken klopft. "Geht es, a mhuirnín?" Sie nickt nur wehmütig und er nimmt ihre Hand. "Es genügt schon, dass wir hier sind," meint er nach einer Weile leise, als hätte er etwas von ihren Gedanken erraten… zumindest glaubt Kalam zu ahnen, woran sie denkt. "Wir müssen gar nichts sagen oder tun. Es reicht, einfach nur hier sein, aye? Sie wissen zu lassen, dass sie nicht allein sind." Karamaneh nickt, legt einen Moment lang ihren Kopf an seine Schulter und stupst dem Knirps auf seinen Knien dann sanft vor das runde Bäuchlein. Rún – Borgil hatte ihnen gesagt, wie der Junge heißt – verfolgt ihr Tun mit großem Interesse, entdeckt dabei seinen Nabel unter dem Rand des Saums seines Kittelchens und unterzieht ihn einer kritischen Betrachtung. "'Mutzig," verkündet er dann ernsthaft (und obwohl kein Krümelchen auf seiner Haut zu sehen ist) was sie beide wider Willen und aller Trauer zum Trotz zum Lächeln bringt. "Aye, Kleiner. Ich bin mir sicher, deine Mama steckt dich heute Abend noch in ein Bad." "Nein, nein, nein!" Protestiert der Zwerg entschlossen, wird aber wieder abgelenkt von einer Bewegung seiner Mutter oder vielleicht auch von ihren Tränen oder Colevars entsetzlich leerem Gesichtsausdruck. Selbst wenn die Welt endet, geht das verdammte Leben weiter – auch wenn man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Olyvar, Karamaneh und er selbst hatten die letzten vier Monde Zeit, den Verlust Rayyans ein wenig zu verkraften, den schlimmsten Schmerz schon hinter sich zu bringen… für Colevar ist er ganz frisch und erwacht für sie selbst damit auch wieder zum Leben... auch wenn sein Biss nicht mehr so rot und tief sein mag. Kalam hebt Karamanehs schlanke Finger in seinen an sein Gesicht und küsst sie sanft, dann lehnt er sich an den Stamm der Roteiche in seinem Rücken. Rún balanciert einen Moment wacklig auf seinen Knien und tut es ihm dann einfach gleich, nur dass er ganz selbstverständlich ihn als Lehne benutzt. Er ist ein hübsches Kind: groß und kräftig, lässt jetzt schon erahnen, dass er mit Colevars blauen Augen, dem Gesicht seines Vaters und dem sattbraunen Haar seiner Mutter einmal schrecklich gut aussehen wird, und strahlt bei allem eine Art erdverbundener Unerschütterlichkeit aus, die ihn älter wirken lässt, als er eigentlich ist. Wie ihr Kind wohl werden würde? Würde es seine grünen Augen bekommen und Karamanehs goldenes Haar? Oder wäre es dunkel wie er? Oder eine Mischung aus ihnen beiden? Gleich darauf regt Karamaneh neben ihm sich ein wenig, lauscht in ihr Inneres, als höre sie dort etwas, das nur sie wahrnehmen kann und legt dann seine Hand auf ihren sanft gerundeten Leib. Selbst durch die – zugegeben dünnen, schließlich ist es Hochsommer - Schichten ihres Gewandes kann er das zarte Stupsen in ihrem Inneren spüren, ein Zittern gegen seine Handfläche, einmal, zweimal… dann ist es wieder verschwunden. Sie sehen sich an und sie lächeln beide, erfüllt von den gleichen Gedanken, durchsetzt von Wehmut, Trauer, Schmerz… und Hoffnung, Vorfreude, Zuversicht. "Papa Aua! Mama aua…" konstatiert Colevars Sohn in diesem Moment fachmännisch, aber auch mitfühlend, und Kalam reißt sich vom Anblick seiner Frau los, um dem Blick des Kleinen zu folgen: Calait hat die Arme fest um Colevars Mitte geschlungen und weint leise an seiner Seite. "Aye. Sie haben eine schlimme Nachricht bekommen, und jetzt sind sie traurig."

"Tau-rig," wiederholt der Kleine gewissenhaft, als probiere er den Klang und das Gefühl eines neuen Wortes. "Ja, sehr traurig sogar. Manchmal müssen auch wir weinen, obwohl wir schon groß sind."
"Ah-hm."
>Setzt euch… setzt euch und erzählt es uns,< hören sie Calait schließlich sagen, und die Resande drängt sowohl ihren Mann, als auch Olyvar mit sanftem Nachdruck zu den Fellen, Kissen und Decken zwischen dem ausladenden Wurzelwerk des Baumes. Sie hält sich dicht an Colevars Seite, lässt ihn nicht einmal los, als er sich mit einem kaum hörbaren, ohnmächtigen Ächzen auf ein paar Lammfellen auf einem kniehohen Strunk niederlässt, so fest von seinem Schmerz umschlungen, dass ihm weder Tränen noch Worte entweichen können. Osfryd – sie erfahren den Namen des alten Heckenritters, denn er stellt sich leise vor – erscheint bei ihnen, bringt ein kleines Fass Met, ein paar Trinkhörner und in seinem Schlepptau auch zwei kräftig aussehende Frauen, die frisches Brot, gebratene Hühner, ein kleines Rad Käse und mit Hackfleisch gefüllten und mit Schafskäse überbackenen Sommerkürbis auf hölzernen Platten vor ihnen abstellen, und nach mitfühlenden Blicken in Colevars Richtung wieder verschwinden. Auch der Baulärm auf der anderen Seite des Hauses – das Hämmern und Sägen der unsichtbaren Helfer dort – ist längst verstummt: offenbar hatte sie jemand, Kalam nimmt an, dass es Osfryd war, nach Hause geschickt. Der alte Heckenritter hingegen bleibt, ebenso wie sein verletzter Kamerad, der sich allerdings auf seinem Lager aufgerichtet und ein paar dicke Kissen in seinen Rücken gestopft hat. Die harten wettergegerbten, bärtigen Gesichter, eines kräftig und breit, das andere hager, beinahe knochig, blicken synchron kummervoll drein (allerdings nicht, bevor sie sich nicht mit Argusaugen davon überzeugt haben, dass es Rún in seiner Obhut auch ja an nichts fehlt). Olyvars gramerfüllter Blick ist fest auf die Glut in der Feuerstelle gerichtet, seine Augen rot wie Rost, und Kalam kann sehen, wie der Drachenländer darum kämpfen muss, überhaupt Worte zu finden, geschweige denn einen Anfang ihrer haarsträubenden Geschichte… also schluckt er die Enge in seiner eigenen Kehle entschlossen hinunter und bricht leise das sich dehnende Schweigen. "Ich erinnere mich an alles, was an diesem Tag geschehen ist. Ich war es, der Rayyan gefunden hat. Aber ihr solltet die ganze Geschichte hören." Und so beginnt er zu erzählen, angefangen bei jener kalten grauen Dämmerung im vergangenen Eisfrost im Perlenhafen, als sie an Bord der Seehure gegangen waren, bis zum Mittag des vierundzwanzigsten Sonnenthrons, als sie auf der Pelikan nach Talyra zurückgekehrt waren… ohne den Narrenkönig und ohne Rayyan. Er erzählt von allem, lässt nichts aus und beschönigt nichts: weder die Prophezeiungen, noch Ogouns Verrat oder Rayyans schändliches Verhalten. Nicht seinen Wunsch, den Magier umzubringen, nicht die Ereignisse im Hascht Behescht oder das Massaker von Zarzūra, nicht Rayyans Aussprache mit Karamaneh oder seine eigene Unfähigkeit und seinen eigenen Unwillen, ihm ebenfalls zu verzeihen, nicht, wie sie mit ihm gelacht hatten und nicht wie er gestorben war… oder für wen… Calait und Colevar erfahren alles, die ganze verworrene, schreckliche, wundersame Geschichte ihres Abenteuers, von Zalehs Rettung, seiner Menschwerdung und dem Kind, das Karamaneh unter dem Herzen trägt, von Rayyans Sinneswandel und seinem selbstlosen Opfer, von Fahds entsetzlichem Vorhaben und den Machenschaften der Ultha… einfach alles. Es wird Abend, bis er all das berichtet hat, unterstützt von Karamaneh, die es hin und wieder übernimmt, den roten Faden weiterzuspinnen oder ihre eigenen Ansichten einzubringen, der Met wird ausgeschenkt und Calait reicht auch noch etwas weitaus Stärkeres… es schmeckt, als trinke man flüssiges Feuer, weswegen Karamaneh tunlichst die Finger davon lässt, doch es wirkt unleugbar kräftigend… zumindest, vermutet Kalam im Stillen, bis zu dem Punkt, an dem man besinnungslos davon umfällt. Doch wenigstens hat ihre lange Geschichte die Atmosphäre unter der Roteiche ein wenig verändert: nach der ersten Wucht des Schocks und des Entsetzens betäubt der Nebel der Trauer zwar immer noch alles, doch die schiere Ungeheuerlichkeit all des Gehörten hat auch dafür gesorgt, dass Colevars waidwunder Verstand sich – wenn auch vielleicht nur vorübergehend – noch mit anderem beschäftigen kann… es vielmehr muss. Der Sithechritter sieht zwar immer noch vom Schmerz gezeichnet und vollkommen verstört aus, aber nicht mehr unbedingt ausschließlich wegen Rayyans Tod.
I do very bad things, and I do them very well