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Olyvar

Stadtbewohner

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Occupation: Lord Commander

Location: Steinfaust

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166

Tuesday, July 25th 2017, 7:07pm

Der Weg nach Hause - Coming home soon

1. bis 29. Grünglanz 517; von Timgad nach Sen'afe

Lately I've been wondering what's been going on
I've been here before, but I don't remember when
And every time we get to where we're entering
I feel my beliefs and hopes surrendering

But I know, I'll be coming home soon
Yes, I know, I'll be coming home soon

Cause like the enemies that we are battling
I am nothing but a human alien
Left with nothing else but to keep wandering
Down this path whilst stopping my hands trembling
Because I know that I'll be coming home soon
Yes, I know, I'll be coming home soon

I've seen inside the devil's dreams where brave men die
And graveyards open up their arms for mothers left to cry
I have seen the bleeding and I know what I've done
But just like every other fool here I'll keep marching on

Because I know, that I'll be coming home soon
Yes, I know, that I'll be coming home soon
With a soldier's eyes,
With a soldier's eyes… *

I act like I'm okay. Please don't interrupt my performance


Timgad

Ihre Reise nach Timgad dauert diesmal acht lange Tage, statt sechs, denn sie kommen mit den vielen Pferden nur langsam voran, und wer immer Kalam und ihn selbst auf den völlig verrückten Gedanken gebracht hat, es würde schon irgendwie gehen, mit ihren diversen abheilenden Verletzungen acht lange Stunden täglich im Sattel zu verbringen und dabei fast dreißig reiterlose Pferde vor sich herzutreiben, gehört der Kopf abgerissen. Doch sie erreichen die rote Stadt am Rand der Sahil Sahyun am frühen Morgen des neunten Grünglanzes und sind alle noch am Leben. Sie haben auch keines der Pferde verloren, sind auf ihrem Weg nichts Größerem begegnet, als einem verschreckten Fennek, der rasch das Weite gesucht hatte, und sie haben sogar ihre fünf Sinne noch einigermaßen beisammen. Olyvars Knie ist zwar geschwollen und protestiert vehement gegen jede Belastung, aber seine Schulter ist halbwegs wieder zu gebrauchen… nur seine gebrochenen Finger machen ihm ein wenig Sorgen. Kalams Wunden haben die Reise ebenfalls einigermaßen überstanden, jedenfalls ist keine der verheilenden Narben rot und entzündet, und seine Prellungen sind inzwischen auch zu schwachen, gelblichen Schatten verblasst. Doch die Haut des ehemaligen Sithechjünger ist in der Wüstensonne ohnehin so dunkel geworden, dass man die verheilenden Blutergüsse kaum mehr erkennen kann. Wüsste Olyvar es nicht besser und hätte ihm jemand erzählt, dass der quietschlebendige, sonnenverbrannte, schwarzhaarige Riese mit den hellen grünen Augen und dem breiten Grinsen im Gesicht bis vor einem Mond noch ein ziemlich untoter, fünfhundert Jahre alter Vampir gewesen war, er hätte kein Wort davon geglaubt. Kalam und Karamaneh sind – im wahrsten Sinne des Wortes aufgrund der anderen Umstände – so offensichtlich im Siebten Himmel (nicht, dass sie es vorher nicht gewesen wären, doch jetzt leuchten sie beide und strahlen eine Wärme ab, als würden sie ständig ihre Umgebung mitheizen), dass es aller Schmerzen und seines inneren Elends zum Trotz herzerwärmend ist, einfach nur in ihrer Nähe zu sein und sie miteinander zu erleben. Selbst Zaleh wagt sich allmählich ein wenig aus ihrem Schneckenhaus, so behutsam wie kleiner Käfer, der nach einem schweren Regen vorsichtig seine Fühler ausstreckt. Ihre Haut ist heller, als die ihrer Schwester und würde vermutlich nie deren goldenen Honigton tragen, doch sie verliert langsam den fahlen, blauweißen Schimmer entrahmter Milch und nimmt ein blasses Leuchten an, satt und fehlerlos wie das seidige Kernholz einer Pappel. Sie ist immer noch so schüchtern, dass sie sich nur selten dazu durchringen kann, ihn oder Kalam direkt anzusprechen, doch mittlerweile murmelt sie nicht mehr jedes ihrer Worte erst Karamaneh zu, die sie dann übermittelt, und wenn einer von ihnen in ihre Richtung sieht, zuckt das Mädchen inzwischen auch nicht mehr zusammen als erwarte sie im nächsten Augenblick Schläge. Das mag vor allem an Sand und Zalehs täglichem Umgang mit einem Tier, das so viel größer und stärker ist, als sie selbst, liegen. Olyvar hatte ihr Rayyans Stute gegeben, weil Zaleh kaum Ahnung von Pferden hat und er Sand am besten einschätzen kann. Immerhin ist er sie selbst oft genug geritten, um zu wissen, dass sie zwar schnell und temperamentvoll sein kann, grundsätzlich aber ein sanftes Wesen hat, und geduldig und nachsichtig ist. Sie hatte das Tier sofort ins Herz geschlossen, auch wenn er den leisen Verdacht hegt, dass sie das zuerst vor allem deshalb getan hatte, weil es Rayyans Pferd gewesen war. Von der miserablen Meinung des Magiers über Reittiere im Allgemeinen und alle, die man je versucht hatte, ihm unter den knochigen Hintern zu jubeln, im Besonderen weiß Zaleh ja nichts. Und so hatte sie begonnen, allmählich auch mit ihm und Kalam zu sprechen – erst nur über das Tier und den richtigen Umgang mit ihm natürlich. Dann über Heilkräuter. Irgendwann hatte sie sanfte Mahnungen von sich gegeben, dass sie sich und ihre Verletzungen doch besser schonen sollten, die wie flehende Bitten geklungen hatten.

Außerdem hatte sie den Wunsch geäußert, Rayyans Grab zu besuchen, etwas, das sie zweifellos allen Mut gekostet hatte, den aufzubringen sie im Stande gewesen war. Also hatten sie es getan und schweigend dabei zugesehen, wie das Mädchen eine Wüstenrose im Sand vor den Felsen gepflanzt hatte, die sie aus dem Palmenhain von Talebkhan mitgebracht hatte. Sie hatte keine Tränen dabei vergossen, aber für einen Moment hatte sie so zerbrechlich ausgesehen, als wäre sie aus durchscheinendem Rauchglas und jeder Windhauch könne sie in tausend Stücke zerspringen lassen. An diesem Abend hatte Olyvar Zaleh Sands Zügel in die Hand gedrückt und gesagt: "Hier. Sie gehört jetzt dir. Rayyan hätte das sicher so gewollt." Und damit war die sandfarbene Culstute endgültig Zalehs Pferd geworden – und wird jetzt mit einer Zärtlichkeit überschüttet und mit einer Fürsorge gepflegt, die als vage Ahnung tieferer Wesenszüge schon in Talebkhan während Kalams Pflege in dem Mädchen aufgeschimmert waren, und für die sie Jahre lang wohl einfach keine Verwendung hatte. Sand nimmt beides dankbar an, aber auch gelassen hin, und gibt Zaleh damit Sicherheit. Das Mädchen war in einem Harem groß geworden, und auch wenn weder Karamaneh, noch sie selbst viel darüber preisgegeben hatten, Olyvar hatte aus dem wenigen, was sie davon erzählten, deutlich heraushören können, dass der des Sadairiprinzen – wo andere vielleicht Horte weiblicher Gemeinschaft sein mögen – wohl eher eine Schlangengrube gewesen war. Das erste Mal war ihm dieser Gedanke gekommen, als Karamaneh ihnen erzählt hatte, sie erwarte ein Kind. Während er beinahe komisch ausgesehen haben muss vor Staunen, ehe ihm eingefallen war, dass das jetzt ja wohl möglich ist, und dann in ein breites Grinsen ausgebrochen war, war Zalehs Blick als allererstes in tödlichem Schrecken zu Kalam gezuckt. Doch der hatte nur ein warmes Lächeln im Gesicht getragen, und die Begeisterung über die Tatsache Vater zu werden unmissverständlich aus allen Poren geatmet. Erst, als sie das gesehen hatte, war auch auf ihrem schmalen Gesicht ein zaghaftes Lächeln erschienen und sie hatte sich für ihre Schwester freuen können. Auch die Art, wie das Mädchen Karamaneh und Kalam manchmal beobachtet, wenn sie glaubt, keiner bemerke es, diese Mischung aus ungläubigem Staunen und völliger Faszination… das und ihre Angst vor Männern im Allgemeinen lassen ihn vage ahnen, wie ihr Leben etwa ausgesehen haben muss. Und nachdem man Karamaneh fortgeschickt hatte, um für Nabil zu spionieren, hatte sie überhaupt niemanden mehr gehabt und niemandem trauen können, weder den Eunuchen, die den Harem bewachten, noch den Konkubinen, die um Fahds Gunst buhlten, so sehr sie ihn selbst auch gefürchtet haben mögen, noch den anderen Sklavinnen, denn in Azurien hat, wie jeder weiß, selbst der Staub Augen. Sie hat einfach keine Ahnung von der wirklichen Welt - oder überhaupt von der Welt – und grundsätzlich scheu und zurückhaltend wird sie vielleicht immer bleiben… doch ganz allmählich fasst sie wenigstens zu Kalam und ihm ein wenig Vertrauen.

Sie verbringen drei Tage in Timgad und kommen, wie schon auf ihrem Herweg, wieder in der Sadath Manzil Karawanserei unter. Sie brauchen diese Tage, weil sie alle die Rast dringend nötig haben und weil es ein wenig Zeit in Anspruch nimmt, die überzähligen Pferde zu angemessenen Preisen zu verkaufen. Das bringt ihnen jedoch ein kleines Vermögen ein, welches, da sind sie sich einig, hauptsächlich Zaleh zugesprochen wird, die ja nichts besitzt als ihre Haut am Leib, und Karamanehs Schwester damit schlagartig zu einer wohlhabenden jungen Frau macht. Außerdem haben sie verschiedene Einkäufe zu erledigen, unter anderem Zaleh mit dem Nötigsten auszustatten und ihre Vorräte aufzustocken. Und sie suchen einen Heilkundigen auf, der sich ihrer annimmt. In ganz Timgad ist kein Aniran aufzutreiben – die nächsten, so wird ihnen beschieden, gibt es erst in Mar'Varis – doch dem Heilkundigen, den sie schließlich finden, einem kleinen, kugelrunden, grauhaarigen Azurianer namens Al-Dschuzdschani (was sicher keiner von ihnen richtig ausspricht), bescheren sie als erstes einen Anflug von Erheiterung. Lädiert und angeschlagen, zugepflastert mit schmutzigen Verbänden und zerfledderten Schienen wie sie sind, schieben sie beide nämlich als erstes synchron die völlig unversehrt aussehende Karamaneh nach vorn. Al-Dschuzdschani schüttelt nur erheitert den Kopf, bestätigt aber nach einer kurzen Untersuchung die Schwangerschaft der Malankari. Er stellt Karamaneh einige leise Fragen und verkündet dann drei erwartungsvoll lauschenden Ohrenpaaren, Mutter und Kind befänden sich in der siebten Woche und seien, soweit er das sagen könne, beide wohlauf, gegen die morgendliche Übelkeit helfe im Übrigen ein Tee aus geriebener Ingwerwurzel - und ob er sich dann jetzt vielleicht um die beiden Herren kümmern dürfe, sie sähen nämlich so aus, als hätten sie das dringend nötig… Al-Dschuzdschani versteht sein Handwerk, und verfügt obendrein über einige wirksame, wenn auch recht kostspielige Heilmittel. Kalam – niemand verliert ein Wort über sein früheres Dasein als Lahama gegenüber dem Heiler und dem kommt anscheinend nicht das geringste verdächtig vor – wird eingehend untersucht, bekommt frische Verbände angelegt wo es nötig ist, und dann einen Trank aus Opalstaub, Rosengranatpulver und allerlei Kräutern verabreicht, der so scheußlich schmeckt, wie er aussieht, aber die Genesung wesentlich schneller vorantreiben soll. Olyvar selbst werden fachmännisch die gebrochenen Finger geschient, dann wird sein Knie mit kühlenden Salben bestrichen und fest einbandagiert, und auch ihm bleibt ein bitterer Heiltrank nicht erspart, diesmal hauptsächlich aus Flussspat und Korinellin. Er kann förmlich spüren, wie sein Knie abschwillt, noch während sie mit dem Heilkundigen sprechen und ihn für seine Mühen entlohnen, der sie beide morgen für weitere Behandlungen wiedersehen will. Bevor sie zwei Tage später die Stadt wieder verlassen, sucht Olyvar noch den Wekîl auf und versichert dem Mann, dass die Ruinen von Talebkhan nun von den bösen Geistern befreit und die Pilgerreisen dorthin ab sofort weit weniger gefährlich wären, und so verlassen sie Timgad, und wenden sich auf der Straße der elf Oasen nach Osten in Richtung Mar'Varis, nunmehr nur noch mit zwei zusätzlichen Pferden an den Führleinen.


Mar'Varis

Ihre Reise nach Mar'Varis dauert acht Tage und verläuft ereignislos, sieht man einmal davon ab, dass sie die Wegstrecke in gedrückter Stimmung zurücklegen – als sie vor wenigen Wochen das letzte Mal auf dieser Straße unterwegs waren, war Rayyan noch bei ihnen und jeder Ort, an dem sie lagern, erinnert sie an den Magier und ihren Verlust. Es kostet Olyvar alle Mühe, sich nicht im finsteren Tal der Trauer zu verlieren und einigermaßen zu funktionieren… und die anderen spüren es, auch wenn sie dankenswerterweise kein Wort darüber verlieren, sondern sich nur still und wachsam in seiner Nähe halten. Kalam und er, dank der Heilkünste Al-Dschuzdschanis beide immerhin fast wieder ganz die Alten, nehmen während ihrer Reise zum Blutfluss die Arbeit mit Atarangi auf, und die Beschäftigung hilft ihm sehr. Der Hengst gewöhnt sich rasch daran, sich ein Halfter anlegen zu lassen, aber er folgt grundsätzlich nur Kalam und - wenn es sein muss -, auch Karamaneh. Olyvar, der eigentlich sehr viel mehr Ahnung von der Ausbildung roher Pferde hat, wird mehr oder weniger höflich, dafür jedoch konsequent ignoriert. Dennoch hat er nur selten ein Pferd wie dieses erlebt, das sich praktisch selbst einreitet. Kalams Gewicht auf seinem Rücken zu tragen erscheint Atarangi offenbar vollkommen selbstverständlich, und er würde wohl auch willig einen Sattel oder eine Trense akzeptieren, hat aber natürlich wenig Ahnung von den Feinheiten eines Reitpferdedaseins. Körpersprache versteht er zwar sofort, Hilfen und Stimmkommandos muss er jedoch erst lernen, und dazu die nötige Kraft und Muskeln an den richtigen Stellen entwickeln. Doch sein natürliches Gleichgewicht ist außergewöhnlich und damit auch seine Balance… und letzten Endes geht es in der Kunst des Reitens im Kern ja hauptsächlich darum. Der zentaurische Gedanke, so hatte es Colevar einmal genannt. Eine solch physische Einheit mit dem Tier unter einem zu bilden, dass man wie ein Wesen denken, handeln, fühlen und sich bewegen kann. Mit Bayvard war ihm das selbst schon immer gelungen – doch das ist kein so großes Kunststück, denn der Hengst war seinerzeit von einem hervorragenden Rittmeister ausgebildet worden. Mit Gærem hatte er es sich hart erarbeiten müssen, und Tamra… Tamra schenkt es ihm einfach. Die Culstute will alles richtig machen und verhaspelt sich dabei zwar manchmal, doch wenn sie noch ein wenig gelassener wird, dann ist er mit ihr bald dort, wo er hinwill. Atarangi ist von solchen Philosophien noch himmelweit entfernt und er hat zu viel Vorwärtsdrang und Temperament, um wirklich einfach zu sein, aber er gibt sich alle Mühe. Kalam bestimmt bald Geschwindigkeit und Richtung, und setzt auch durch, dass Anhalten stillstehen und abwarten heißt - nicht auf der Stelle treten, herumzappeln oder rückwärtsgehen. Einfach nur stehen ist seine schwerste Übung, also bringen sie ihm als erstes bei, den Kopf auf Kommando nach unten zu nehmen und im Genick nachzugeben, und allein das lässt ihn schon sehr viel gelassener werden, auch wenn es natürlich noch viel Übung braucht. Kalam reitet den Hengst also jeden Tag für ein kurzes Stück des Weges, allerdings ohne Sattel und mit einem improvisierten Zaumzeug ohne Gebiss, weil sie nichts haben, das dem Hengst, der deutlich größer ist als ihre Culstuten, auch passen würde.

Olyvar setzt also in Gedanken den Besuch eines Sattlers, der ihnen alles an Ausrüstung beschaffen könnte, auf die Liste an Dingen, die sie in Mar'Varis erledigen müssen, und die rasch ziemlich lang wird. Sie müssen zu Saifudin, doch sie wollen ohnehin wieder im Brüllenden Löwen einkehren, denn Olyvar will dem Wirt die Obsidianwaffen zurückbringen und sein Gold holen. Karamaneh will in die Madrasa Al- Qarawiyyin, allerdings nicht wegen ihrer Schwangerschaft, denn es geht ihr wirklich gut, sondern wegen ihrer zerschnittenen Zunge. Die Verletzung mag alt sein, aber sie wurde ihr absichtlich zugefügt, ein Aniran wird sie also heilen können. Kalam und er selbst würden sich wegen der magischen Heilung ihrer verbliebenen Verletzungen, vor allem der diversen kleineren Brüche, gleich anschließen. Außerdem hat Olyvar für den Schah von Mar'Varis zwei Andenken aus der Sahil Sahyun mitgebracht, auch wenn er den Dunklen tun und den Mann selbst aufsuchen wird, um sie ihm zu übergeben. Nein, er wird einen Boten schicken – mit den blanken Schädelknochen Ariskabalas' und Jocharrans von Qum'Ran und seinen besten Grüßen, schließlich hatte der Schah ihnen gesagt, sie sollen ihm den Kopf jedes Ultha bringen, den sie finden würden. Und er wird zu Rayyans Großmutter gehen. Er wird in ihrer kleinen, verräucherten Küche sitzen, Minztee trinken, ihr vom Tod seines Freundes und ihres Enkelsohnes erzählen, und mit ihr um ihn weinen. Dann wird er ihr, auch wenn sie es vehement ablehnen wird, er weiß, wie stolz sie sein kann, einen fürchterlich großen Batzen Silber aufdrängen, damit sie ihre Schar stets hungriger Kindermäuler füttern kann, und wenn sie sich ernsthaft weigern sollte, seine Münzen anzunehmen, wird er ihr eben ein Geschäft vorschlagen und ihr das blöde Mullagatawnarezept einfach für eine solche Summe abkaufen. Sie würden Nesta, Madoc, Briallen und die Kinder ein letztes Mal besuchen und sich endgültig von ihnen verabschieden, und Kalam hat außerdem noch vor, sich einmal quer über den Obstmarkt des Großen Bazars zu futtern – seit er wieder ein Mensch ist, ist er ganz versessen auf Grünzeug. In Timgad war ihm sogar kreuzschlecht geworden, weil er ungefähr eineinhalb Stein Feigen und Orangen auf einmal gefressen hatte (anders hatte man es einfach nicht bezeichnen können).

Sie erreichen Mar'Varis am zwanzigsten Grünglanz, auf den Tag genau zwei Monde, seit sie es auf dem Weg in die Sahil Sahyun verlassen hatten, und bleiben für vier Tage in der Stadt, um sich und ihren Pferden eine Rast zu gönnen und alles zu erledigen, was sie sich vorgenommen hatten. Saifudin scheint sich ehrlich zu freuen, sie wiederzusehen, auch wenn das bei seiner furchtbar umständlichen, listigen Art schwer zu sagen ist und hat Olyvars Truhen sicher für ihn verwahrt. Manch andere ihrer Gänge fallen ihnen ebenso leicht und enden mit vielen guten Dingen, etwa der Fähigkeit, wieder ohne Schmerzen tief Luft zu holen oder mit dem ganzen Gewicht auf dem linken Bein stehen zu können – und Karamaneh spricht voller Stolz, wenn auch noch mit ein wenig Mühe, weil es nach so langer Zeit sehr ungewohnt für sie ist, ihre ersten nicht zischelnden S und Sch-Laute. Andere Dinge, die sie erledigen müssen, fallen schwer und enden in Tränen. Natürlich nimmt die alte Naim sein Silber nicht einfach so - und Olyvar weiß, er wird diese verdammte Suppe nie kochen, ohne dabei an Rayyan denken zu müssen. Wieder andere ihrer geplanten Vorhaben laufen ins Leere, denn zu ihrer Enttäuschung sind der Kupferschmied und seine Familie nicht mehr in der Stadt, sondern auf Weisung der mar'varisischen Schmiedegilde weiter nach Nazret gezogen, wo sie sich niederlassen sollen. Ach ja, und Kalam bekommt während ihres Aufenthalts in der Stadt zahllose und zum Teil exorbitant hohe Angebote für sein ungewöhnliches Pferd, die er jedoch lächelnd ausschlägt, stattdessen bezahlt er ein kleines Vermögen an einen mar'variser Sattler für passendes Zaumzeug, einen Sattel und Packtaschen. Am vierundzwanzigsten Goldschein verlassen die die große, alte Stadt am Blutfluss, diesmal, ebenso wie ein halbes Dutzend anderer Reisender mit eher leichtem Gepäck, im Kielwasser von vier bis an die Zähne bewaffneten, berittenen Trupps der "Unsterblichen Zehntausend", die der Schah auf die drängenden Bitten mehrerer Karawanenführer nach Norden sendet, um die Handelsstraße vor den in letzter Zeit gehäuften Überfällen räuberischer Beduinenstämme zu schützen.


Sen'afe

Da sie nicht mit einer großen und entsprechend langsamen Handelskarawane auf der Shakh unterwegs sind, und außerdem in Gesellschaft von sechzig schwer bewaffneten Söldnern mit ausdauernden Pferden reisen, kommen sie zügig und vollkommen unbehelligt voran, und erreichen Sen'afe nach nur drei Nächten. Jetzt, zu Beginn des Sommers, reisen sie in der Nähe des Flusses wieder in den kühlen Nachtstunden und verschlafen die heißen, stickigen Tage in ihren Zelten – und während der langen Wegstunden ihrer nächtlichen Ritte vertreiben ihnen meist Kalam und Karamaneh mit glühenden Visionen ihres zukünftigen Zuhauses oder besser gesagt, mit dem Schmieden der Pläne von selbigem, die Zeit. Olyvar hatte den ehemaligen Sithechjünger nach ihrem Aufbruch aus Mar'Varis irgendwann gefragt, was sie vorhaben, wenn sie wieder zu Hause in Talyra wären und erfreut erfahren, dass sie bleiben und sich in der Feenwasserbucht niederlassen wollen. Sie sprechen über die Möglichkeit von Landvergaben und Landerwerb im talyrischen Umland, fachsimpeln über Bodenbeschaffenheiten, Rodungsmöglichkeiten, die in Frage kommenden Steinbrüche für das benötigte Material, die besten Bauhölzer, die Lage möglicher heißer Quellen, die sich vielleicht nutzen lassen, die besten Baumeister, Erdmagier, Sägemühlen und Handwerker… und der Zimmermann, der an Olyvar verlorengegangen ist, ist sofort bereit, beim Bau des Hauses zu helfen, wo er nur kann. Karamaneh und Zaleh zeichnen derweil die ersten Pläne, verwerfen sie (auf Kalams dezente Anmerkung hin, dass er sicher mit ihr auch in einer einfachen Hütte leben würde, wenn sie das wirklich will, das das aber nicht nötig sein wird) wieder, vergrößern alles und zeichnen neue (das tun sie noch zweimal), und kichern schließlich die halbe Nacht lang über die fragliche Anzahl der benötigten Zimmer, wobei man sich irgendwann auf ein Dutzend (oder mehr) einig wird. "Das wird dann ein äh… ziemlich großes Haus, wenn ich mir das so ansehe", bemerkt Olyvar irgendwann, im Schein der untergehenden Sonne über die jüngsten 'Baupläne' der beiden Frauen gebeugt, als sie ihr letztes Lager vor Sen'afe unter ein paar ausladenden Amarulen aufgeschlagen haben. Inzwischen hat das Haus, das da auf ein paar Bögen feinen Papiers entsteht, zwei Stockwerke, Erker, Giebel, Kamine und viele Fenster, und er fragt sich insgeheim, ob es auf der Landzunge, wo es irgendwann stehen soll, überhaupt Platz finden wird. "Wollt ihr einen Gasthof aufmachen?" Karamaneh errötet ein wenig, vergräbt ihr Näschen in den Packtaschen und erklärt mit der Hand auf ihrem noch vollkommen flachen Leib, dass das hier sicher nicht ihr einziges Kind bleiben wird. "Das ist mir klar," erwidert Olyvar belustigt, der bereits weiß, dass sich Kalam und sie eine große Familie wünschen. "Aber gleich ein Bäckerdutzend?" Kalam grinst nur still in sich hinein und überlässt es seiner Frau, sich zu erklären. Die führt an, dass es da ja noch Zaleh und Missandei gäbe - und überhaupt, selbst wenn es kein Bäckerdutzend werden sollte, ausreichend Zimmer könne man nie genug haben… nur für den Fall. "Keine Sorge, a pìuthar**, erwidert Olyvar lachend. "Ich ziehe dich nur auf. Wir bauen dir ein ordentliches Haus – für wie viele auch immer."

Am siebenundzwanzigsten Grünglanz kehren sie im Al-Waha bei Omar Nivarhend und seiner Frau Genna ein, und werden so gastfreundlich und herzlich willkommen geheißen wie lang vermisste Freunde. Sie erzählen den Wirtsleuten natürlich nicht die ganze Wahrheit, aber sie bleiben so nahe daran, wie sie es wagen und haben damit immer noch eine haarsträubend aufregende Abenteurergeschichte zum Besten zu geben, an die man sich in Sen'afe noch jahrzehntelang erinnern wird. Sie besuchen die Badehäuser, die Basare und die tausend kleinen Geschäfte in der steinernen Stadt, die durch ihre hohen Gebäude und dicken Mauern, und den beständigen Wind, der von den fernen Daharbergen heranweht, selbst zu dieser Jahreszeit angenehm kühl ist, und gönnen sich zwei faule Tage. Das heißt, er gönnt sich faule Tage. Die Malankari, ihre Schwester und der ehemalige Sithechjünger durchstreifen Sen'afe auf der Suche nach Anregungen für ihr zukünftiges Zuhause und treffen mit dem ein oder anderen Händler sogar Abmachungen, dieses oder jenes mit der nächsten Handelskarawane nach Talyra zu schicken. Kalam und Karamaneh besuchen außerdem den Sithechtempel, in dem sie vor fast drei Monden geheiratet hatten (wo sich Mōla Nusafir trotz seines fortgeschrittenen Alters drolligerweise schier überschlagen will, dass das Paar, das er jüngst als Priester des Vermummten getraut hatte, schon so bald Nachwuchs erwartet), doch Olyvar folgt ihnen hier nicht… er kommt stattdessen nachts in das Haus des Totengottes, und er kommt allein. Er will auch gar nicht den Tempel selbst besuchen, sondern die verwitterten Gräber in seinem verwilderten Garten. Die Steinsarkophage tragen keine Inschriften, nur in Stein gemeißelte Linien und Spiralen, die ihn frappierend an die Muster von Kalams Tätowierungen erinnern. Er weiß nicht, wessen Gebeine in welchem Grab ruhen, also entscheidet er sich für die sandfarbene Steinplatte, deren Muster denen Kalams am ähnlichsten sehen und legt sacht die Hand auf den rauen Stein. Er fühlt sich merkwürdig warm an, obwohl die Nacht kühl ist. "Ar diathan a tha air nèamh, gu naomhaichear d' ainm…" Götter unser, die ihr seid in den Himmeln… Beginnt er leise, und als er das Gebet beendet, ist ihm selbst schon ein klein wenig leichter ums Herz. "Euer Sohn kann nicht hier sein, weil er nicht weiß, wer er ist und es wahrscheinlich auch nie erfahren darf. Ich weiß nicht, was für ein Mann Ihr wart und zu welchen Göttern oder Geistern Ihr gebetet habt, aber ich bin hier, um im Namen Eures Sohnes eines für Euch zu sprechen und Euch von ihm zu erzählen… " Bei diesen Worten muss er an Yara'Sanchale denken und es ist, als spüre er ihre warme Zustimmung im sachten, kühlen Nachtwind. Weil er hier ist, weil er das hier tut und ihren eigenen, wie Kalams Toten, seine Ehre erweist. Olyvar setzt sich auf die gesprungenen Pflastersteine, lehnt sich mit dem Rücken an den Sarkophag und beginnt, dem Mann, der seit mehr als fünfhundert Jahren hier begraben liegt und von dem er nur die Legenden kennt, von seinem Sohn und dessen neugewonnenem Leben zu erzählen. Von Kalams unerschütterlicher, felsenfester Standhaftigkeit im Angesicht unmöglicher Entscheidungen, Gefahren, Verlust und Tod, von Karamanehs Liebe zu ihm, von ihrem Mut und ihrer Tapferkeit, und dem Kind, das sie erwarten… davon, das etwas von ihm in dieser Welt bleiben wird. Damit fängt es an, doch es endet nicht hier. Irgendwann kann Olyvar einfach nicht mehr aufhören, zu reden – sich alles von der Seele zu reden, selbst seine verworrensten Gedanken; über seine Trauer und seinen Schmerz zu sprechen, das Leid, das beständig an ihm nagt wie die Sandviper an den Eingeweiden dieses kheyriser Sklavenjungen in der Geschichte… und so werden die beiden Toten in den namenlosen Gräbern in Sen'afe zu seinen Beichtvätern.


*frei nach Jack Savoretti: Soldier's eyes
** Schwester
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Kalam

Stadtbewohner

Posts: 81

Occupation: Sithechjünger a.D.

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167

Tuesday, July 25th 2017, 7:13pm

Der Weg nach Hause - Going home

In the distance day was dawning
Comes to me the early morning
Something tells me that I'm going home

The brand-new sun shines bright
From the darkness fields of light
Something tells me that I'm going home

Soft the rain is gently falling
Lightly 'cross the city morning
I get the feeling that I'm going home

As the ship is rolling nearer
Ah, the feeling just to be there,
Something tells me that I'm going home

Now the skylines reach my eyes
The ridge stands out in highland skies
I just can't believe I'm going home

Going home
Where the summer's coming in
And the moonlight on the river
Shows me where I've been*



Die Verborgene Oase

30. Grünglanz bis 20. Goldschein, auf der Shakh nach Norden von Sen'afe bis zur Verborgenen Oase und weiter nach Caer Torrelobar

Von Sen'afe aus reisen sie allein auf der Shakh weiter, denn die Söldner der "Unsterblichen Zehntausend" (wer immer ihnen diesen hochtrabenden Namen verpasst hatte, unsterblich sind sie nicht), sind längst ohne sie weitergezogen, und eine Karawane geht gerade nicht nach Norden. Einen Tag später, mitten im Nirgendwo unterhalb des Suth, wissen sie auch, warum: es ist Anfang Goldschein und im nördlichen Azurien beginnt pünktlich auf den Tag genau die Regenzeit – und sie tut es ziemlich eindrucksvoll mit einem Wolkenbruch, der sie alle, ihre Pferde, ihr Gepäck, die Zelte, einfach alles innerhalb von wenigen Augenblicken vollkommen durchweicht – wären sie alle miteinander samt ihrer Tiere kopfüber in den Bar el-Atbár gesprungen, hätten sie auch nicht nasser werden können. Doch wo andernorts ein Wolkenbruch eine vielleicht heftige, aber meist auch recht kurze Angelegenheit sein mag, hält der Regen hier einfach an, wird zu einem unablässigen Prasseln, das in stoischem Gleichmaß auf sie niedergeht - fünf lange Tage hintereinander werden sie auch noch nicht einmal mehr ansatzweise wieder trocken. Wenigstens sparen sie sich dank der schweren Regenfälle sowohl das nächtliche Reisen, als auch den Umweg, den sie sonst wegen der Blutfliegen um die Sümpfe des Suth hätten machen müssen. Sie bleiben einfach auf der Shakh und setzen tropfnass ihren Weg fort, denn wenn derartige Wassermassen niederrauschen, fliegen noch nicht einmal mehr größere Vögel, geschweige denn irgendwelche Stechmücken. Doch abgesehen davon und von der Tatsache, dass die unerträgliche Hitze nachlässt, wird ihre Reise durch den Regen um einiges unangenehmer. Auf warme Mahlzeiten müssen sie notgedrungen verzichten, denn ein Kochfeuer in Gang zu bringen, ist völlig aussichtslos. Kein Feuer des Nachts, das hungrige Raubtiere auf Abstand hält, bedeutet allerdings auch lange Wachen für Olyvar und ihn selbst, entsprechend hungrig, müde und niedergeschlagen sind sie. Wenigstens ist der ständige Regen so warm, dass sie nicht auch noch frieren müssen, zumindest tagsüber nicht. Doch nachts wird es kühler, und sie können kein Feuer entzünden, nur unter dem Laubdach der tropfenden Bäume entlang der Flusswälder Schutz suchen.

Nach fünf Tagen erreichen sie endlich die Verborgene Oase, jene tiefen Schluchten, in denen sich nicht nur ein Wasserfall und ein Dutzend kristallklare, von üppigem Grün gesäumte Steinbecken befinden, sondern auch mehrere Höhlen in den verwitterten Felswänden. Eine davon ist groß genug, sie selbst, ihr Gepäck und die Pferde aufzunehmen, hat einen hochgewölbten Eingang und ein bauchiges Inneres wie die Rundung einer riesigen Amphore, so dass sie zum ersten Mal seit Tagen wieder im Trockenen sind. Schwärzliche Rauchspuren an der Decke und ein kleiner Vorrat an trockenem Holz und Kameldung, die in einer Nische aufgestapelt sind, verraten, dass die Höhle wohl des Öfteren Reisenden oder Beduinen als Unterschlupf dient. Allerdings ist die Feuerstelle schon lange nicht mehr benutzt worden und sie finden auch keine Anzeichen dafür, dass sich irgendwelche größeren Raubtiere kürzlich hier aufgehalten hätten. Nachdem die Pferde versorgt sind, fördert eine kurze Bestandsaufnahme ihrer Habseligkeiten zutage, dass die Hälfte ihrer Vorräte durch den Regen verdorben ist – das Maismehl besteht nur noch aus wässrigem Brei und die Hirse ist zu schimmligen Klumpen geworden. Ihre erste warme Mahlzeit besteht also nur aus einem Dörrfleischeintopf mit aufgeweichtem Fladenbrot und ein paar Handvoll Datteln, aber dank Olyvars Kochkünsten schmeckt es dennoch. Kalam weiß zwar nicht, wie es den anderen geht, aber er hätte auch alte Schuhsohlen gegessen, so lange sie nur warm gewesen wären. Auch der gesamte Rest ihres Gepäcks ist zumindest feucht, vieles davon sogar klatschnass, so dass sie alles zum Trocknen auslegen müssen: ihre Schlafpelze, die Zeltplanen, sämtliches Lederzeug, die durchweichten Packtaschen und Schabracken der Pferde, ihre Ersatzkleider, die Zunderschachtel samt Inhalt… zumindest das Leder würde einen ganzen Tag brauchen, um zu trocknen, und danach würden sie gründlich einfetten müssen, damit es nicht völlig steif wird. Wie sie es auch drehen und wenden, ein Weilchen werden sie hier festsitzen. Nachdem sie gegessen haben, lehnt Kalam sich mit dem Rücken an einem kleinen Felsbrocken, streckt die langen Beine aus und hat seine Frau praktisch auf dem Schoß, während Zaleh sich am Feuer zusammenrollt. Karamaneh liegt, im trockensten seiner Hemden, das sie gefunden hat, durchfroren und müde in seinen Armen. Olyvar hingegen, ohnehin noch ziemlich nass, wagt sich noch einmal in den Regen, um unten in der Schlucht in einem der Wasserbecken das Geschirr auszuwaschen.

"Du frierst nie, nicht wahr?" Hört er seine Frau irgendwann schon halb im Schlaf murmeln, während sie sich auf der Suche nach Wärme noch näher an ihn drängt. Seine eigenen Kleider hängen wie die aller anderen zum Trocknen über ein paar langen Ästen, die an den Höhlenwänden lehnen, und sämtliche ihrer Schuhe stehen so nahe am Feuer, wie es nur irgend geht, ohne dass Gefahr besteht, dass Funkenflug oder leckende Flammen sie erreichen. Wenigstens hatten sie ein paar trockene Kamelhaardecken gefunden, die ganz unten unter den Zelten auf Ajalas Rücken gepackt gewesen waren, auch wenn sie ziemlich nach Pferd riechen. "Du bist immer warm. Als wärst du deine eigene Sonne." Er hält sie noch ein wenig fester, wickelt die Decke um ihre kalten Füße und drückt einen Kuss auf ihr regenfeuchtes Haar. "Nein, mir ist nicht kalt. Wie geht es dem Baby?"
"Gut", murmelt sie gähnend. "Dem ist ja warm."
"Gleich wird es besser, a mhuirnín. Schlaf, wenn du kannst. Ich lasse dich nicht frieren." Kalam betrachtet ihr Gesicht im magischen Licht der prasselnden Flammen und sein Lächeln bekommt etwas sehr Sanftes. Langsam sieht man es ihr an, obwohl ihr Leib nach wie vor flach ist: das Leuchten auf ihren Wangen, das nicht von der Wärme des Feuers herrührt, ihr Gesicht, das einen Hauch voller wirkt, ihr Körper, der auf kaum merkliche Weise glatt und gerundet ist, ihre Brüste, so empfindsam und schwer, selbst ihr Geruch ist anders. Sein Geruchssinn ist nicht mehr der, der er einmal war, ebenso wenig wie sein Sehvermögen im Dunkeln, sein Gehör oder seine unmenschliche Stärke – aber seine Nase ist immer noch um Längen besser als die eines Menschen. Warum das so ist, darüber kann Kalam nur spekulieren, doch als er einmal mit Olyvar darüber - und über all die anderen Veränderungen, die sein Menschwerden mit sich brachte -, gesprochen hat, hatte der Drachenländer angemerkt, vielleicht wäre seine Nase ja einfach deshalb so gut, weil er sie schließlich jahrhundertelang trainiert hatte. Ähnlich den Geruchssinnen eines guten Parfümeurs oder Weinkenners, die sich mit tausenden verschiedener Aromen und Duftstoffe oder Bouquets auskennen würden, nur dass er eben die Nase eines Jägers habe, eingestimmt auf die Gerüche, die von ihn so lange für Bedeutung gewesen waren: andere Wesen, mögliche Gefahren… mögliche Beute, die Wildnis, die Nacht und ihre Geschöpfe. Kalam kann nicht sagen, ob das der Wahrheit entspricht, doch in seinen Augen macht es durchaus Sinn.

Karamaneh duftet so haarsträubend gut wie immer, aber da ist eine neue Nuance in ihrem ureigenen Geruch, ein Grundton wie ein nachhallender Akkord, der vorher nicht da war – schwer und warm wie honigduftende Blüten und reife Sommererde. Er kann immer noch nicht ganz fassen, dass sein Kind in ihr heranwächst und er ist völlig fasziniert von all den kleinen Veränderungen, nicht nur den körperlichen… manchmal ist ihr morgens ein wenig schlecht, aber das gibt sich nach ein paar Schlucken Tee und einem Stück Fladenbrot meist ganz von selbst wieder, manchmal sind scharfe Gerüche ihr zuwider – auf dem Großen Basar von Mar'Varis hatte sie ihn nicht zu einigen Ständen begleiten können, ohne grün um die Nase zu werden und hastig das Weite zu suchen – doch es geht ihr gut. Sie blüht auf, sie trägt bisher leicht an ihrem Kind und sie wird mit jedem Tag schöner. Als er irgendwann aufblickt, aufgestört von einem Geräusch oder einer Bewegung, sieht er Olyvar im Höhleneingang stehen. Wasser rinnt dem Mann in Sturzbächen aus den Haaren und der Kleidung, denn draußen geht der Regen noch immer unvermindert als graue Wasserwand nieder, und sein Rauschen übertönt jedes Geräusch. Der Blick des Drachenländers ist zwar auf sie gerichtet, auf ihn und die schlafende Karamaneh, doch er gilt gar nicht ihnen – er geht direkt durch sie hindurch, als sehe der Mann etwas in weiter Ferne oder als blicke er auf etwas, das es vielleicht nur in seinem Inneren gibt – und er ist so voller Sehnsucht, dass es Kalam das Herz bricht.

Sie bleiben zwei Tage in der Verborgenen Oase – so lange, bis ihre Sachen einigermaßen getrocknet sind und die Regenfälle wenigstens soweit nachgelassen haben, dass keine Gefahr mehr besteht, zu ertrinken sobald man auch nur den Mund aufmacht. Die graue Wolkendecke reißt zwar kein bisschen auf, so dass sie die Sonne überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber ab und an bricht der Regen so unvermittelt ab, wie er begonnen hatte… dann steigt rauchige Feuchtigkeit wie dichter Nebel aus der Dschungeloase zwischen der Shakh und dem Blutfluss zu ihrer Rechten und hüllt die ganze Welt in waberndes Grau. Olyvar macht ihnen immer noch Sorgen – er gibt sich zwar alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, doch es gibt keinen Zweifel daran, dass ihn der Tod des Narrenkönigs und der Verlust Rayyans schwer mitgenommen haben. Man kann es seinem Gesicht ansehen, seiner Haltung, seinem Gang. Selbst wenn es ihm hin und wieder gelingt, seinen Schmerz für eine Weile zu vergessen, kann man sehen, wenn ihn der Schlag der Erinnerung buchstäblich aus dem Nichts trifft und ihm geradezu in die Kniekehlen fährt. Sie versuchen alle, ihn irgendwie beschäftigt zu halten – er selbst nötigt ihn zum Schwerttraining, zur Hilfe bei Atarangis Ausbildung, zu Wachdiensten und Lagerarbeiten, die Frauen bitten ihn, Wasser zu holen oder hin und wieder auf die Jagd nach ein paar Gazellen oder einer Schlange zu gehen, um frisches Fleisch bekommen und Karamaneh hält ihm ständig Zeichnungen des Hauses unter die Nase, das sie bauen wollen und fragt ihn Löcher in den Bauch zu Bauweisen, Steinarten, Holzsorten und ähnlichem… Das alles hilft, aber selbst zu dritt schaffen sie es nicht, ihn ständig im Auge zu behalten. Außerdem scheint der Mann sich aus irgendeinem Grund nicht wirklich darauf zu freuen, nach Hause zu kommen. Wenn er von seinen Kindern spricht, werden seine grauen Augen zwar warm und dunkel wie Ruß, aber es ist kein Vergleich zu der liebevollen Begeisterung, mit der Karamaneh Zaleh von der Goldenen Harfe, dem Leben dort und dem vielköpfigen Blutaxtclan vorschwärmt oder von Niniane und ihrem wundersamen Baum am Smaragdstrand erzählt. Olyvar trauert – und es würde Zeit brauchen, bis er Rayyans Tod halbwegs überwunden hat… wenn es denn nur an Rayyans Tod liegt. Dieser Gedanke drängt sich Kalam nicht zum ersten Mal auf, aber er spürt instinktiv, dass der Drachenländer in nächster Zeit nicht darüber reden würde – nicht mit ihm, nicht mit Karamaneh, mit niemandem.

Trotz des Wetters kommen sie gut voran und da sie unterwegs einer kleinen, freundlich gesinnten Beduinensippe mit zwei Dutzend Meharas und einer kleinen Herde Ziegen begegnen, können sie ihre Vorräte aufstocken und ein paar Ölhäute erwerben, die sie und ihr Gepäck fortan ganz gut vor dem Regen schützen. K'billinin wäre ihr nächstes Reiseziel gewesen, das sie wohl am elften oder zwölften Goldschein erreicht hätten - doch sie müssen die kleine Stadt in weitem Bogen umgehen, da die Regenfälle das gesamte Tal und die Shakh mit ihm völlig überschwemmt hatten. Also beschließen sie schweren Herzens, dem Wekîl und seiner Rose keinen Besuch mehr abzustatten - ihr Umweg hatte sie schon drei Tage gekostet und dank des Proviants, den sie von den Beduinen gekauft haben, werden ihre Vorräte bis zur Karawanserei der Hundert Tore in Caer Torrelobar reichen. Also reiten sie weiter, das lange letzte Wegstück am Rand der Großen Salzebene – nach dem Regen nichts als ein endloses, weißes, flaches Meer zu ihrer Linken – entlang, bis sie Azurien endgültig hinter sich lassen. Die letzten vier Tage ihrer Reise nach Caer Torrelobar hatte es nur noch stundenweise geregnet – und hinter ihnen verwandelt sich die karge, sandige Landschaft jenseits der Flussoase mit ihrem wenigen, fedrigen Grün hier und da in eine endlose, blütenübersäte grüne Savanne, die erfüllt ist vom Summen von Millionen und Abermillionen von Insekten, tausenden von Schmetterlingen und ganzen Schwärmen von Vögeln.


Caer Torrelobar

20. bis 21. Goldschein, in Caer Torrelobar

Sie erreichen Caer Torrelobar am zwanzigsten Goldschein und kommen wieder in der Karawanserei der Hundert Tore bei Barisan Grenzgänger, dem Wirt und Karawanenmeister in der Grenzstadt am Sandwall unter – sie bekommen sogar dasselbe Gemach, das sie auf ihrem Herweg schon hatten und der Anblick des Tisches weckt sowohl bei Karamaneh, als auch bei Kalam Erinnerungen. Hier hatten sie ihre erste wirkliche Unterhaltung geführt, nachdem er sie und das halbverhungerte Waisenmädchen mitten in der Nacht in den Straßen aufgesammelt hatte… Im Gegensatz zu jenen Tagen im Eisfrost ist die große Karawanserei jedoch diesmal - bis auf einen kleineren Handelszug aus Harkan'nar - fast leer, und in der damals so überfüllten Stadt herrscht zwar auch jetzt geschäftiges Treiben, aber sie platzt längst nicht mehr aus allen Nähten. Die Annehmlichkeiten einer großen Karawanserei ersparen ihnen viele Mühen - ihre Pferde werden gut von den zahlreichen Stallburschen versorgt, ihr Gepäck und ihre Habseligkeiten sind aussortiert, durchgesehen und ordentlich verstaut, die Truhe mit Olyvars Gold ruht sicher verwahrt in Barisans tiefstem Keller, ihre Schmutzwäsche – und davon haben sie reichlich – ist in den fachkundigen Händen eines halben Dutzends Wäscherinnen bestens aufgehoben, und sie haben gut gegessen… eigentlich hätten es zwei gute, ruhige Tage in der kleinen Stadt werden können. Sie hatten jedenfalls vor, sich und ihren Pferden eine Rast zu gönnen, ausgiebig die Badehäuser und die Markthallen zu besuchen, und sich in aller Ruhe nach einer Reisegesellschaft umzusehen, die wie sie nach Ildala weiterziehen würde – ein Flussschiff zu nehmen macht in dieser Richtung wegen der Gegenströmung wenig Sinn. Doch als Karamaneh und er nach dem Essen im großen Gastraum der Karawanserei Barisan in seinem Kontor aufsuchen, und nach dem mageren kleinen Straßenmädchen namens Reisig fragen, das sie im Eisfrost in seiner Obhut gelassen hatten – und von dem Kalam eigentlich erwartet hatte, es inzwischen mindestens Zweig oder Ast nennen zu müssen – zieht der bärbeißige Wirt die Schultern nach oben und schüttelt betrübt den Kopf. Karamaneh stößt einen kleinen, fragenden Schreckenslaut aus und Kalams Blick verfinstert sich drohend. "Was soll das heißen, sie ist nicht mehr hier?"

"Aiwa, nun…" beginnt Barisan zu erklären und in seiner Stimme schwingt ein seltsamer Unterton mit, der nichts Gutes verheißt, "vielleicht drei oder dreieinhalb Siebentage nachdem Ihr sie bei mir gelassen hattet, es muss Mitte Taumond gewesen sein, war ein Trupp Söldner aus der Wolfsmark hier, zwei Dutzend Köpfe stark. Die sahen aus, als hätten sie schon einiges gesehen und verstünden ihr Handwerk, Ihr kennt die Sorte," fügt er nach einem Seitenblick auf Kalam hinzu. "Wollten weiter nach Azurien. Sagten, sie wollen sich den Unsterblichen Zehntausend anschließen oder vielleicht sogar den Weißen Reitern von Naggothyr… hmph, als ob das so einfach wäre. Wie auch immer, sie haben viel Silber hiergelassen, wisst Ihr? Wollten nur das beste Futter für ihre Tiere, gutes Essen und guten Wein - sie mussten ein paar einträgliche Aufträge gehabt haben, aiwa? Sie haben mir nichts kaputtgeschlagen oder ähnliches und auch nicht mehr Sauerei hinterlassen als andere, aber sie haben sich jeden Abend fürchterlich betrunken und sich irgendwann aus der Stadt eine Wagenladung Huren herbestellt. Keine billigen, aber auch nicht die wirklich teuren. Ich hab' mir gar nichts groß dabei gedacht, auch wenn ich nicht gerade begeistert war, aber…" er zuckt ein wenig hilflos mit den massigen Schultern und rauft sich den dichten, kurzen schwarzen Bart. 'Ich bin nicht Borgil' spricht er zwar nicht aus, aber es klingt dennoch unterschwellig in seinen Worten mit. "Natürlich habe ich Reisig nicht in ihre Nähe gelassen, keines von den kleineren Botenkindern. Sie sind noch nicht so schnell und flink wie die großen, und ich will nicht, dass sie sich für lauter Nichtigkeiten irgendwelche Prügel einfangen. Aber an diesem Abend ist sie trotzdem aus der Küche entwischt – sie war ja noch so klein. Sie hat zwar schon geholfen, bei den Stellmachern die Kienspäne und Holzreste zum Anheizen aufzusammeln, oder Kameldung draußen auf dem Hof in ihrem kleinen Eimer aufzulesen, aber… " sie können an seiner Stimme hören, dass er das Mädchen ein wenig gerngehabt haben muss, trotzdem hätte Kalam den Mann am liebsten am Kragen gepackt und die Wahrheit auf der Stelle aus ihm herausgeschüttelt. "Und dann?" Knurrt er mit so viel Geduld, wie er noch aufbringen kann. "Naja, sie kam in den Gastraum getrippelt, wo die Söldner gerade mit den ganzen Weibern zugange waren und ich… ich äh… wollte mir das nicht mit ansehen, also war ich hier in meinem Kontor, und auf einmal hat eine von den Huren losgekreischt: "Das ist mein Kind! Mein Kind!" Ich bin hinübergerannt, um zu sehen, was da vor sich ging und da saß eines der äh… " seine Augen huschen verlegen zu Karamaneh… "äh… Mädchen auf dem Boden, hat Rotz und Wasser geheult und Reisig von oben bis unten abgeküsst. Ich wollte natürlich wissen, was bei Imugdubs Geldkatze das heißen solle, da ging sie auch schon auf mich los wie eine verbrühte Wildkatze, hat etwas von Kinderdieb und Mädchenstehler gezetert, und die Söldner waren alle sofort auf den Beinen, sternhagelvoll wie sie waren, und haben sich als Ehrenretter aufgespielt. Ich versicherte ihr natürlich sofort, dass sie von zwei guten Seelen hergebracht worden war, die sie nachts mutterseelenallein auf den Straßen eingesammelt hatten, dass ich sie nicht gestohlen, sondern ihr Essen und ein Dach über dem Kopf gegeben hatte, doch die Hu…äh… die Mutter hat mir gar nicht wirklich zugehört.

Wie dem auch sei, das Ende vom Lied war, dass sie die Kleine mitgenommen hat… ich weiß nicht, ob sie wirklich ihre Mutter war, sie kann selbst unmöglich älter als siebzehn gewesen sein. Vielleicht war sie auch ihre ältere Schwester oder eine sonstige Verwandte, oder hat die Kleine einfach großgezogen - aber Reisig hat sie gekannt, also… " Barisan lässt in einer schicksalsergebenen Geste die tellergroßen Hände sinken und blickt ganz schuldbewusst drein. Kalam fährt sich mit der Hand durch das Haar und schüttelt den Kopf. "Ihr wollt mir also sagen, dass das Mädchen wieder bei seiner Mutter ist, die eine ziemlich junge Hure ist, ist es das?"
"Ah… nein, Sire," der Leiter und Wirt der Karawanserei der Hundert Tore stößt einen leisen Kehllaut aus, "wenn es doch nur so wäre…"
"Sagt uns auf der Stelle, wo sie ist!"
"Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Reisigs Mutter, die… sie sollte vor drei Tagen gehenkt werden. Hat ein Dutzendmal auf einen ihrer Freier mit seinem eigenen Munddolch eingestochen und ihm dann die Kehle durchgeschnitten. Danach hat sie versucht zu fliehen, aber die Stadtgarde hat sie eingefangen und ins Loch geworfen. Die Gerüchte sagen, sie hätte gestanden, aber ausgesagt, der Kerl, den sie erstochen hat, hätte sie und ihr Kind misshandelt. Am Abend bevor sie… also, sie hat sich mit einer zerbrochenen Tonflasche die Pulsadern aufgeschnitten. Als ich davon hörte, bin ich zu den Wachen gegangen und habe nach der Kleinen gefragt, aber sie hatten keine Ahnung von einem Kind, hatten keins gesehen und mir versichert, dass auch keins bei der Hure gewesen war, als sie sie verhaftet hatten. Seitdem ist Reisig nicht wieder aufgetaucht, weder hier in der Karawanserei, noch bei den übrigen Straßenkindern. Bei den Bettlern unten an den Docks hat sie auch keiner gesehen. Meine Leute suchen nach ihr, wann immer ich ein paar Hände erübrigen kann. Ich war auch bei der Garde, aber…" er fährt sich mit der Hand über die Stirn und hält sie dann vor sein Gesicht, als wolle er verhindern, dass sie sehen, was er denkt. Dann räuspert er sich ein paarmal. "Sie reißen sich nicht gerade ein Bein aus, um ein solches Kind zu finden. Es tut mir entsetzlich leid, Sire… M'ladie… aber ich fürchte, Reisig ist…"
"Wann genau war das?" Unterbricht Kalam den Mann, bevor er es aussprechen kann und seine Stimme klingt wie ein Peitschenhieb. Barisan fährt zusammen. "Vor sechs Tagen, Sire. Ich meine den Mord… seit dem Abend hat Reisig keiner mehr gesehen."
Kalam dreht sich zu Karamaneh um, die ihre Arme um ihre Mitte geschlungen hat, als wolle sie ihr ungeborenes Kind irgendwie vor all dem Gehörten beschützen. "Sechs Tage… das kann sie schaffen, oder? Sie war ja vielleicht klein, aber sie hat sich auf den Straßen ausgekannt. Sie war zäh."
"Ja," hört er sie flüstern, plötzlich von wilder Hoffnung erfüllt. "Ja, ja… sie könnte…"
"Aber Sire, M'ladie…" setzt Barisan mitfühlend an, doch Kalam beachtet ihn überhaupt nicht. "Nimm Zaleh, a mhuirnín und geh mit ihr nach oben. Warte in unserem Gemach, aye? Ich hole Olyvar. Wir suchen sie… und wenn sie noch lebt, finden wir sie auch."

Als der Morgen graut, haben sie zehn lange Stunden die Stadt auf der Suche nach Reisig durchkämmt und zwar zahllose Straßenkinder dabei gefunden, aber nicht das Mädchen, nachdem sie suchen: klein für ihr Alter - sie ist etwa fünf - und dünn, mit Haut so dunkel wie Waldhonig, aschblondem Haar, vermutlich verfilzt, und grauen Augen, aufgrund ihrer dunklen Haut wahrscheinlich ein Mischblut halb herzländischer, halb azurianischer Abstammung. Sie hatten ganz Caer Torrelobar bei der Suche nach ihr auf den Kopf gestellt und irgendwann das Bordell besucht, in dem sie mit ihrer Mutter gelebt hatte. Dort hatten sie dann die ganze Wahrheit erfahren - und danach außerdem den Hurenwirt mit grimmiger Genugtuung zu Brei geschlagen. Das tote Freudenmädchen war tatsächlich erst siebzehn gewesen und sie war Reisigs Mutter. Ihr Name war Nerys und sie hatte in dem Hurenhaus gearbeitet, seit sie zehn war… zehn! Kalam spürt sauren Geschmack im Mund und spuckt aus. Mit zehn eine Hure, mit zwölf Mutter und mit siebzehnt tot… Herr der Knochen… Die anderen Frauen dort waren voller Mitgefühl gewesen, wenigstens die meisten von ihnen, aber wirklich weiterhelfen hatten sie ihnen auch nicht können. Keine von ihnen hatte das Kind nach der Mordnacht noch einmal gesehen. Der Freier, den Nerys in ihrer Verzweiflung umgebracht hatte, hatte sie schwer misshandelt, und weil er genau dafür bezahlt hatte – nicht bei ihr, sondern bei ihrem Zuhälter – hatte niemand auf ihre Schreie reagiert. Kalam ist wirklich nicht zart besaitet, aber was sie von den Huren zu hören bekommen hatten, nachdem die einmal angefangen hatten, zu reden, hatte selbst ihm den Magen umgedreht. Dann hatte der Mann sich auch an der Kleinen vergreifen wollen, und Nerys, die sicher kein Ausbund mütterlicher Tugenden gewesen war, hatte ihrer Tochter zugeschrien, sie solle fortlaufen und sich verstecken… und ihren Peiniger dann erstochen. Seither ist Reisig verschwunden. Vermutlich hat sie genau das getan, was ihre Mutter von ihr verlangt hatte: sich irgendwo verkrochen, wo niemand sie finden würde. Olyvar und er hatten sich vor gut vier Glockenschlägen getrennt. Während der Drachenländer die Tempel und Waisenhäuser Caer Torrelobars abklappern und dann ein kleines Adamarahlager am Nordrand der Stadt aufsuchen will, hatte Kalam sich zum Flusshafen aufgemacht – vielleicht hatten die Dockschwalben ja irgendetwas gesehen oder gehört. Haben sie nicht, wie er mittlerweile herausgefunden hat. Die Dämmerung naht, und er ist todmüde, sehr hungrig und ihm ist elend zumute. Es ist, als hätte die Erde sich aufgetan und das Kind verschluckt. Man sollte doch meinen, nachdem sie drei Siebentage bei Barisan in der Karawanserei gewesen war, dass sie dorthin gehen würde, wenn sie einen sicheren Platz gesucht hätte… oder war sie vielleicht… ihm kommt ein ungeheuerlicher Gedanke. Wohin rennt ein kleines Mädchen, das Angst hat? Zu seiner Mutter. Was, wenn sie sich in jener Nacht wirklich versteckt hatte? Dann war ihre Mutter nach dem Mord aus dem Hurenhaus geflohen. Was, wenn die Kleine sie dabei gesehen und zu ihr gewollt hatte – und dann beobachten musste, wie die Wachen sie einfingen und abführten? Aber sie haben sie nicht gehenkt, sie hat sich vorher…

Kalam ist so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er die Hafenhure überhaupt nicht bemerkt, die mit wiegenden Hüften versucht, seinen Weg zu kreuzen, um in der letzten Schicht für diese Nacht vielleicht noch ein Silberstück zu ergattern. Er wirft sie fast um, als sie gegen ihn taumelt "He, nicht so stürmisch, mein… ahh…" Noch bevor die Frau ihren Versuch fortsetzen oder ihren Satz beenden kann, hat er sie am Arm gepackt und zur Seite gezerrt. Er lässt ihr auch keine Zeit, ihren Schrecken zu verdauen. "Wo ist der Totenacker der Stadt?" Sie blinzelt ihn im diffusen Zwielicht der endenden Nacht erschrocken an, doch dann werden ihre Augen schmal. Irgendwann war sie einmal hübsch, aber davon hat ihr das Leben nicht viel gelassen. "Ihr seid doch der, der nach der armen Kleinen sucht… nach Nerys' Balg," stellt sie fest und er nickt knapp. "Aye. Ich glaube, ich weiß, wo sie sein könnte. Bei ihrer toten Mutter."
"Auf dem Totenacker?" Bittere Belustigung schwingt in ihrer Stimme mit. "Herzchen, dort landet nur, wer das auch bezahlen kann. Niemand zahlt für das Begräbnis einer toten Hure und Mörderin in hartem, felsigen Boden, nicht in dieser Stadt."
"Hat man sie verbrannt?"
"Nein. Verbrecher, Bettler und Gesindel landen in der Grube… einen halben Tausendschritt am Fluss entlang nach Süden. Da ist ein kleiner Seitenarm des Bar el-Atbár. Dort werfen die Totengräber die Leichen einen Sandhang hinunter und die Blutechsen und Wolfsfische, und die Schlangen, erledigen dann den Rest, aiwa? Keine Sauerei, kein Gestank, keine Mühe. Ihr glaubt doch nicht… dass die Kleine dort ist?"
Doch, genau das glaubt er. Wenn sie das Loch, in das man ihre Mutter geworfen hatte – er nimmt an, dass es sich dabei um den hiesigen Kerker handelt – beobachtet hat, wenn sie gewartet hat und dann mit ansehen musste, wie die Leiche ihrer Mutter fortgeschafft worden war… dann kann es vielleicht sein, dass sie dort ist. Das sind ziemlich viele Wenns, er weiß, aber es ist die einzige Hoffnung, die er noch hat. Kalam kramt nach ein paar Münzen in seiner Tasche, drückt sie der Hure in die schmutzigen Finger, macht auf dem Absatz kehrt und rennt in die Richtung, die sie ihm gewiesen hat.

Jenseits der Stadtmauern ist der Boden entlang der Flussufer uneben. Sandige Flecken wechseln sich mit Felsen und feuchten, halb ausgetrockneten Wasserlöchern ab, in deren Nähe seine Stiefel tief einsinken. Dazwischen liegen kleine, lichte Haine von Akazien und Tamarisken… das hier ist zwar kein Sumpf, noch nicht einmal ein schmales Stück Feuchtsavanne, aber auch nicht weit davon entfernt. Es wäre jedoch von bemerkenswerter Schönheit gewesen, hätte der Gestank nach fauligem Brackwasser und Verwesung nicht über allem gehangen wie Hexennebel. Kalam findet den Sandhang, von dem die Hafenhure gesprochen hatte ohne Schwierigkeiten, doch er ist leer. Hier und da liegen die Reste zerfetzter Leichentücher unten an der Wasserlinie, er sieht auch zerkaute Stricke und einen zerfledderten Schuh im Sand, aber keine Leichen, auch wenn der Geruch verrät, dass bis vor kurzem welche hier gewesen waren… doch die Aasfresser und Räuber des Flusses waren schneller, und sie sind sehr effektiv. Kalam wendet sich ab und er wäre wohl geradewegs an ihr vorbeigelaufen, denn sie hat sich zu einer Kugel zusammengerollt und trägt die gleichen Farben wie Sand, Morast und Staub, und der Leichengeruch überdeckt alles andere. Doch dann gibt sie ein winziges Geräusch von sich, ein verlorenes Wimmern, das ihn erstarren lässt - dann sieht er sie am Fuß einer verkrüppelten Tamariske kauern. "Reisig?" Sie hat ihn nicht bemerkt, doch als sie seine Stimme hört, richtet sie sich auf und ihr kleines Gesicht starrt erschrocken und tränenüberströmt zu ihm hoch. Dann erkennt sie ihn, schnappt nach Luft, springt auf ihre Füße – für einen Moment sieht er nichts als spindeldürre nackte Beine und magere Ärmchen – und wirft sich geradewegs auf ihn zu. Sie ist es, allein, verdreckt und in einem Zustand völliger Hysterie. Das Mädchen hat sich so überraschend an seine Knie katapultiert, dass er sie erst nach einem erschrockenen Herzschlag hochhebt und festhält, damit sie sich nicht ganz auflöst, denn sie sieht so aus, als könne genau das geschehen. Genaugenommen sieht sie aus wie ein kleiner, vom Blitz getroffener Schössling und sie heult wimmernd Rotz und Wasser – aber nicht laut und kreischend, wie andere verängstigte Kinder das tun, sondern erschreckend leise… und das macht ihm mehr Angst, als alles andere. "Ist ja gut," er klopft sacht ihren Rücken, spürt jede kleine Rippe einzeln und ansonsten nichts als Erleichterung, sie endlich gefunden zu haben. "Jetzt bist du sicher, a leannan. Du bist sicher." Er hält sich nicht länger an diesem Ort auf, sondern trägt sie ohne Umschweife zurück in den Flusshafen, kauft bei einer Frau mit einem dampfenden Kessel einen Becher Fischsuppe und zwingt die Kleine dann mit sanfter Gewalt, sie in winzigen Schlucken zu trinken. Das tut sie auch und zwar gierig, aber es ist dennoch ein schwieriges Unterfangen, weil sie ihn gleichzeitig auf gar keinen Fall loslassen will; sie hat ihr verschwollenes, rotfleckiges Gesichtchen an seiner Brust vergraben und ihre Arme klammern sich an seinen Hals, als könne er verschwinden, wenn sie es nicht täte. "Schsch, alles wird gut," versucht er sie zu beruhigen, hat aber nur mäßigen Erfolg damit. Immerhin hört sie mit dem herzzerreißenden Weinen auf, auch wenn ihr zarter Körper noch immer von stimmlosem Schluchzen geschüttelt wird. "Alles wird gut, Kleines. Ich gehe nicht wieder weg und Karamaneh ist auch hier. Sie wartet schon auf dich, aye?" Dann erklärt er mit der größten Selbstverständlichkeit: "Du kommst mit mir, Reisig, und du wirst bei uns bleiben." Er muss sich nicht fragen, was Karamaneh dazu sagen wird – er weiß, dass sie das Kind schon im Eisfrost ins Herz geschlossen hatte und nach allem, was hier geschehen war, wird sie das Mädchen auf keinen Fall noch einmal aus ihrer Obhut geben. Und er könnte das auch nicht. "Was macht schon eines mehr oder weniger. Hier, trink den Rest der Suppe aus. Und dann gehen wir."

Sie verlassen Caer Torrelobar gleich am nächsten Morgen – nachdem sie eine Näherin aufgetrieben hatten, die Reisig praktisch über Nacht die nötigsten Kleider schneidert und einen Schuster, der ihr ein paar einfache Bundschühchen fertigt, denn die Lumpen, die sie am Leib getragen hat, taugen nur noch zum Verbrennen und sie hatte überhaupt keine passenden Schuhe. Ihr völlig verfilzter Haarschopf war nicht mehr zu retten gewesen und außerdem voller Läuse, so dass Karamaneh und Zaleh ihr den kleinen Kopf hatten kahlscheren müssen. Kalam, der sie stundenlang gehalten hatte, waren anschließend ausgiebig mit übelriechenden Kräutersuden und Essig Haar und Bart ausgewaschen worden, weil er sich bestimmt welche von ihr geholt hatte. Er riecht immer noch nach Essig, als sie aufbrechen – nach all dem, was Reisig hier erleben musste, wollen sie die Stadt nur noch verlassen und nach dem, was Olyvar und er mit dem Zuhälter ihrer toten Mutter angestellt hatten, ist es vielleicht auch besser, sie tun das so rasch wie möglich. Reisig sitzt vor ihm im Sattel und verfolgt mit großen, wachen Augen die Geschehnisse, doch auch wenn sie futtert wie ein kleiner Goblin und schon nicht mehr so ausgezehrt aussieht, hat sie bisher noch kein Wort mit auch nur einem von ihnen gesprochen… als hätte sie ihre Stimme irgendwo in dem Alptraum, den sie durchleben musste, verloren.


Ildala

22. Goldschein bis 4. Sonnenthron 517; von Caer Torrelobar bis Ildala

Es sind vierhundertfünzig Tausendschritt von Caer Torrelobar nach Ildala, doch die Reise ist in keiner Weise mit der auf der Ras Melshakh in Azurien zu vergleichen – denn hier gibt es entlang des Sandwegs alle vierzig Tausendschritt einen Gasthof und in praktisch jedem Dorf, durch das sie kommen, finden sich ein kleiner Markt, ein paar Handwerker und ein Schmied oder Stellmacher, alles Annehmlichkeiten, die das Reisen sehr viel angenehmer machen. Abgesehen davon sind zwischen Caer Tarpin und Caer Gaillard so viele Templer auf dieser Straße unterwegs, das eine Jungfrau auch mutterseelenallein und splitterfasernackt vom Sandwall bis nach Ildala reiten könnte, ohne auch nur einmal behelligt zu werden. Theoretisch jedenfalls. Trotzdem kommen sie langsamer voran, denn je, denn nun haben sie Reisig bei sich, die einfach nicht acht Stunden jeden Tag im Sattel sitzen kann. Und wenn es nicht die Kleine ist, die eine Rast braucht, dann ist es Zaleh, die sie alle aufhält, weil Karamanehs Schwester alle naslang vom Pferd springt, um dieses oder jenes Kräutlein am Wegesrand aufzusammeln, und mit den Zeichnungen in ihrer Abschrift des Kanon der Heylenden Pflanzen zu vergleichen. Zwischen den Seiten dieses furchtbar dicken Wälzers, den sie in Mar'Varis bei einem Buchhändler auf dem Großen Basar gefunden hatte, presst sie ihre Beute auch. Sie ist zwar nach wie vor schüchtern, doch ihnen gegenüber hat sich ihre Befangenheit weitgehend gelegt – ihr Haar wird jeden Tag ein wenig heller, ihre Haut jeden Tag ein wenig dunkler und Sommersprossen blühen auf ihrer Nase, ihren Wangen und Schultern, trotz des geflochtenen Strohhuts, den sie trägt. Zart und feenhaft, und heller als Karamaneh mit ihren satten, warmen Gold- und Honigtönen, wird sie immer bleiben, doch ihr Anblick ist kein Vergleich mehr zu dem blassen, kränklichen Etwas, das sie in Talebkhan gefunden hatten. Ihre Finger sind außerdem ständig grün und ihre Nägel braun gerändert, weil sie ekstatisch in der Erde nach Wurzeln gräbt und sie liebt Sand, Rayyans ehemalige Imazighalstute, mittlerweile heiß und innig (was auf Gegenseitigkeit beruht). Karamaneh geht es nach wie vor ausgezeichnet und seine Frau strahlt jeden Tag mit der herzländischen Sommersonne um die Wette. Ihr Haar, das sie seit ihrem Besuch im Hascht Behescht wieder wachsen lässt, reicht ihr schon fast bis auf die Schultern und ringelt sich an den Enden in widerspenstigen goldenen Locken hier und dort hin, so dass sie es in der Hitze meist mit ein paar Nadeln im Nacken feststeckt oder unter den Rand ihres breitkrempigen Lederhuts schiebt. Inzwischen im vierten Mond schwanger wölbt sich unter ihrem Nabel allmählich eine kleine sanfte Rundung, die ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen, einfach dagewesen zu sein scheint. Doch so sehr er auch des nachts, nachdem sie sich geliebt haben und eingehüllt in träge Zärtlichkeit in ihren Schlaffellen oder den weichen Kammgarnlaken eines Bettes in einem Gasthof liegen, sein Ohr auf ihren nackten Bauch legt und in ihr Inneres lauscht, noch kann er dort nichts hören, außer das leise Glucksen ihres Magens. Reisig hingegen sieht aus wie eine kleine Blume, die frisches Wasser bekommen hat, nachdem jemand auf sie getreten war: unter all dem Dreck und Staub war in Caer Torrelobar ein eigentlich hübsches kleines Ding zum Vorschein gekommen. Mit ihrem raspelkurz geschorenen Haar, den ein wenig wie kleine Flügel abstehenden, durchscheinenden Öhrchen und immer noch zu dünn, wie sie ist, sieht sie zwar aus wie ein kleiner Junge, doch sie erholt sich allmählich und verliert nach und nach auch ihre Scheu vor Olyvar und Zaleh. Merkwürdigerweise zuerst vor dem Drachenländer, obwohl der auf sie, winzig wie sie im Vergleich zu ihm ist, noch viel größer und bärenhafter wirken muss, als er es ohnehin tut. Vielleicht erkennt ihre kleine Kinderseele aber auch nur instinktiv, dass er trauert wie sie und wie sie selbst einen furchtbaren Verlust erlitten hat. Manchmal streckt sie während sie dahinreiten einfach die Arme nach ihm aus und wechselt von ihm zu Olyvar hinüber, der kein Wort sagt, Reisig nur vor sich in den Sattel setzt, einen Arm um sie legt und dann mit ihr in kameradschaftlichem Schweigen weiterreitet.

Als sie nach zwölf langen Tagen auf dem Sandweg am vierten Sonnenthron endlich Ildala erreichen, herrscht in den Herzlanden längst Hochsommer. Die Tage reihen sich heiß und still aneinander, und das Licht scheint das einzige zu sein, das sich bewegt. Kalam, der einige Zeit nach seinem Erwachen als Sithechjünger im Tempel des Totengottes in Termenés verbracht, Ildala seither immer wieder besucht hatte und sich daher gut in diesem Fürstentum auskennt, führt sie in der Stadt in den Gasthof 'Taraslans Einkehr', der wie auch die Harfe in Talyra, die Symbole von Tatze, Kralle und Schwinge unauffällig am Türsturz des Eingangs trägt. Er hat lange überlegt, ob er hierherkommen soll, zu jemandem, der ihn gut von früher kennt und dann entschieden, dass das hier wohl die Feuertaufe werden wird. Sie hatten sein Menschsein bisher nicht direkt geheim gehalten, waren damit allerdings auch nicht hausieren gegangen. Saifudin in Mar'Varis und Omar Nivarhend und seine vielköpfige Familie in Sen'afe, hatten ihn zwar auch als Lahama kennengelernt und dann als Mensch wiedergesehen, doch sie sind nur wenig mehr als flüchtige Bekannte und über Vampire weiß man in Azurien nicht so viel, wie hier in den Herzlanden. Sicher hatten auch sie sich gewundert, doch weit weniger, als erwartet - und es war auch weit weniger von Bedeutung. Aber hier… hier wäre es von Bedeutung, und auf die Reaktion ist er mehr als gespannt – er hat auch keine Ahnung, was Niniane, Colevar und Borgil in Talyra sagen werden. Außerdem wird er es bald dem Kadjen der Rabani offenbaren müssen, das noch vollkommen ahnungslos ist, weiß der Himmel, wie er ihnen das am besten beibringen soll. Sie überlassen ihre Pferde den Stallburschen – 'Taraslans Einkehr' mag nicht ganz so groß sein wie die Goldene Harfe, aber es ist ein stattlicher Gasthof mit eigenen Stallungen und ein weithin bekanntes Haus – und machen sich dann auf den Weg ins Innere. Die Wirtin, eine ehemalige Gardistin und resolute Mittvierzigerin namens Maeve, mit einmal tiefschwarzem, doch schon lange ergrautem Haar und zahllosen kleinen Lachfältchen um die hellwachen, wasserblauen Augen, kennt sowohl die Rabani, als auch die Achyuta, und bietet Sithechjüngern jederzeit Quartier und Unterschlupf unter ihrem Dach. Sie kennt auch Kalam selbst gut – jedoch nur als Vampir und Sithechjünger. Doch es hilft nichts, es noch länger hinauszuzögern. Kalam holt tief Luft, drückt die Tür zur Schankstube auf, die jetzt am Vormittag angenehm leer ist, und findet sich Auge in Auge mit Maeve persönlich gegenüber, die auf der anderen Seite des großen, quadratischen Raumes hinter ihrem wuchtigen Tresen steht und Tonkrüge poliert. Die Schilderung dessen, was Leute tun, wenn sie einen Geist erblicken, hat er zwar immer für ziemlich übertrieben gehalten, angesichts der Erfahrung, die er nun machen darf, ändert er seine Meinung jedoch ziemlich gründlich. Maeve ist für gewöhnlich keine Frau, die leicht zu schockieren wäre. Doch jetzt… sie fällt zwar nicht auf der Stelle in Ohnmacht, aber ihr stehen regelrecht die Haare zu Berge und sie sieht zu Tode erschrocken aus. Der Tonkrug entgleitet ihren kraftlosen Fingern und rollt polternd zu Boden. Sie bemerkt es nicht einmal. "Hallo, Maeve."

"K-kalam?"
"Ich bin es, Maeve. Versprochen."
"Dass du es bist, sehe ich!" Erwidert sie prompt mit einem Hauch Schärfe in der Stimme. Dann entgleisen ihre Gesichtszüge völlig, als sie das, was sie da sieht, wirklich begreift. "Aber… du… du… bist… Heilige Rhiappa, deine Haut! Deine Augen…" Hinter ihm drängen sich Karamaneh, Zaleh mit Reisig auf dem Arm und Olyvar, die alle mehr oder weniger neugierig an ihm vorbei zu spähen versuchen, aber nicht viel sehen können, weil er den Eingang ganz gut allein ausfüllt. "Ich bin ein Mensch, Maeve. Ich bin wieder ein Mensch."
Maeve verdreht die Augen und geht zu Boden, und für eine so kräftige Frau - sie ist in keiner Weise dick, aber sie hat die Statur einer Veteranin (was sie auch ist) - sinkt sie recht anmutig in sich zusammen. Als sie ein paar Augenblicke später wieder zu sich kommt, wirkt sie zwar immer noch reichlich vom Donner gerührt, aber da er inzwischen neben ihr auf dem Boden sitzt und ihr einen Becher starken Branntweins an die Lippen hält, den sie auch mechanisch schluckt, kann sie sich aus nächster Nähe von der Wahrheit seiner Worte überzeugen. Nachdem der erste Schreck ausgestanden ist, malt sich auf ihrem Gesicht immer noch heillose Verwirrung, aber sie glaubt ihm zumindest, dass er menschlich und absolut echt ist… und hinter ihrem Schrecken sieht er auch vage erfreute Spekulation aufkeimen. Beim Gedanken daran, dass das der Vorgeschmack auf das sein könnte, was ihn in Talyra erwarten mag, wird ihm allerdings ein wenig mulmig zumute – und es ist ja auch nicht so, als wäre das die einzige Überraschung, die er bereithält. Weil Maeve ohnehin noch in der Horizontalen ist und es schlimmer wohl nicht mehr werden kann, jedenfalls hofft er das, offenbart er ihr den ganzen Rest auch gleich noch. "Ich will dir jemanden vorstellen: das ist Karamaneh, meine Frau."
"Frau… wie Frau… wie in Ehefrau?!" Echot sie ungläubig und ihr wollen schier die Augen aus dem Kopf fallen. "Allerdings," erwidert Kalam grinsend. Maeve vergisst, den Blick wieder abzuwenden und starrt Karamaneh, die höflich lächelt, einen Moment lang einfach nur offenen Mundes an. Dann reißt sie ihren Kopf wieder zu ihm herum, öffnet und schließt ihren Mund und stößt erstickte Laute aus, die Kalam ziemlich belustigen. "Aber sie ist schwanger!" Soweit er weiß hat Maeve vier Töchter und ist längst mehrfache Großmutter, vielleicht bemerken solche Frauen derlei Dinge ja mit der Zielsicherheit eines Spürhundes. Kalam teilt einen lächelnden Blick mit Karamaneh und seine Mundwinkel beben immer noch vor unterdrücktem Gelächter. "Ja."
"Von dir?" Geradeheraus und zielsicher mitten hinein ins Fettnäpfchen. Maeve hat das Herz am rechten Fleck, aber im richtigen Moment besser den Mund zu halten, hat noch nie zu ihren Stärken gehört.
"Von wem denn sonst," erwidert er gereizt, aber nicht ganz ohne Mitgefühl – schließlich ist der Gedanke ziemlich unglaublich, selbst angesichts der besonderen Umstände. Doch Karamaneh prustet bei der Frage so empört, dass Maeve schulbewusst zusammenzuckt - geschieht ihr auch recht. "Das wird dich lehren, so etwas von meiner Frau zu denken," grollt Kalam mit sichtlicher Genugtuung, doch dann bekommt er Mitleid mit der armen Wirtin und zieht sie auf die Füße. Maeve kommt ächzend in die Senkrechte und wirft Karamaneh einen um Vergebung heischenden Blick zu, doch als er ihr auch den Rest vorstellt, also Zaleh, Reisig und Olyvar, fährt sie schon wieder zusammen und hätte um ein Haar den guten Branntwein verschüttet. "Der Lord Commander von Talyra?! Du bringst den Lord Commander von Talyra in mein Haus ohne mir vorher Bescheid zu geben, bist du von allen guten Geistern verlassen?" senkt sie ihre Stimme und blickt hektisch vom Tresen auf den Boden, zu den Tischen, Hauptsache nicht in Olyvars Richtung. Der verfolgt ihr Treiben mit zunehmender Verwirrung und Kalam muss sich ein Lachen verbeißen. "Du hast glühende Anhänger unter sämtlichen Veteranen und fast allen diensttuenden Gardisten in den ganzen Herzlanden," informiert er den Drachenländer, dessen Gesicht einen halben Herzschlag lang vollkommene Verständnislosigkeit zeigt und dann umgehend absolut unergründlich wird - wie immer, wenn er Gefühle verbirgt. "Wie du äh… die unterbesetzte, heruntergekommene Stadtgarde in den letzten zehn Jahren wieder auf Vordermann gebracht hast und natürlich deine Verteidigung von Liam Cailidh, haben dich ein bisschen berühmt gemacht, glaube ich. Und Maeve hier ist eine deiner größten Verehrerinnen." Die Wirtin zischelt ihn empört an, schafft es aber gleichzeitig, Olyvar ein betretenes Lächeln zu schenken und für einen Moment sieht sie tatsächlich aus, als wolle sie sich an so etwas Närrischem wie einem Knicks oder etwas Ähnlichem versuchen. "Du hast seinen Auftritt beim Buhurt vor…"
"Maeve, ich verspreche dir, wir erzählen dir alles, unsere ganze verrückte Geschichte, und darfst Olyvar hier anschmachten so lange du willst, aber fürs erste brauchen wir drei gute, saubere Zimmer für ein paar Tage, etwas zu Essen und heißes Wasser zum Waschen. Und den Namen eines Schiffes, das in nächster Zeit nach Talyra ausläuft, aye?"
"Hmpf!" Macht die Wirtin von 'Taraslans Einkehr' verdattert. "Hmpf!" Gibt auch Olyvar von sich, etwas verlegen - und zusammen entsteht ein Laut schnaubend vollendeter Synchronität.


*frei nach Runrigs "Going home"
I do very bad things, and I do them very well

Olyvar

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Tuesday, July 25th 2017, 7:34pm

Der Weg nach Hause - What shall we do with the drunken sailor…

Thig crioch air an t-saoghal, ach mairidh ceol agus gaol
(Die Welt mag irgendwann enden, aber die Liebe und die Musik werden bleiben; Sprichwort)

4. Sonnenthron bis 24. Sonnenthron 517, von Ildala nach Talyra


Zuzusehen wie Zaleh mit allem fertig wird, erstaunt Olyvar jedes Mal aufs Neue. Er kann sehen, wie ihr das Herz bis zum Hals schlägt, als sie zum ersten Mal ganz allein und ohne Karamaneh an ihrer Seite mit einem ihr völlig fremden Mann und obendrein richtigen Herzländer in der Allgemeinsprache spricht; ihr Puls flattert in ihrer Halsbeuge wie ein gefangener Nalini. Doch der Straßenverkäufer, der gefüllte Brotfladen und geröstete Fleischspieße feilbietet, versteht sie – Ildala ist voller Reisender, ein seltsamer Akzent löst hier nirgendwo besonderes Interesse aus – und das schiere Entzücken in ihrem Gesicht, als der Mann ihre Münzen entgegennimmt und ihr ein mit Käse und Oliven gefülltes Fladenbrot reicht, weckt in Olyvar das Gefühl, gleichzeitig Lachen und Weinen zu müssen. "Er hat mich verstanden!" Jubelt sie und klammert sich wieder an seinen Arm, als sie weitergehen. "Olyvar, er hat mich verstanden! Ich habe in der Allgemeinsprache mit ihm gesprochen und er wusste genau, was ich gesagt habe!"
"Und gefressen hat er dich auch nicht," erwidert er und lächelt über ihre Aufregung. "Gut gemacht, a nighean*."
Verräterische Röte steigt ihr in die Wangen und sofort senkt sich ihr Blick. "Es war schwer… zu ihm zu gehen… und… aber ich hab' es gemacht!"
"Ja, das hast du," er tätschelt ihre Hand auf seinem Arm, aber seine Mundwinkel zucken. "Du warst sehr tapfer."
Ihr Kopf sinkt noch tiefer. "Du machst dich über mich lustig…"
Ihm liegt schon eine lockere Bemerkung auf den Lippen, doch er schluckt sie ungesagt hinunter. "Nein… ich weiß wie schwer dir das fällt, ich habe schließlich Augen im Kopf, aye? Es ist nur, dass ich mir meistens nicht vorstellen kann, wie schwierig das alles für dich sein muss. Für mich sind das lauter selbstverständliche Dinge."
Er erinnert sich an jenen Tag in Timgad, als sie endlich alle Pferde der getöteten Sadairis verkauft hatten. Dabei war eine ansehnliche Summe zustande gekommen, die aus Zaleh schlagartig eine vielleicht nicht gleich wirklich steinreiche, doch ziemlich wohlhabende Frau gemacht hatte. Doch als er ihr einen Beutel Münzen davon gegeben und ihr gesagt hatte, sie solle sich damit erst einmal das am dringendsten Nötige und auch alles andere kaufen, was sie für die Reise brauchen würde, hatte sie ihn nur völlig verständnislos angesehen und nach einer Weile hochrot hervorgestammelt, sie wisse nicht wie.
'Was meinst du damit?' Hatte er verwirrt gefragt und Zaleh hatte ausgesehen, als wolle sie am liebsten irgendwo in einem Mäuseloch verschwinden. 'Was ist es denn, das du nicht weißt?'
'Geld,' hatte sie geflüstert.

'Geld?' Er hatte sie angestarrt und nichts begriffen. 'Du weißt nicht, wie man…'
'Ich habe doch noch nie Geld gehabt!' Hatte sie mit bebender Stimme hervorgebracht und war den Tränen nahe gewesen. 'Ich… ich weiß, wie die Münzen heißen, aber ich weiß nicht, was man dafür kaufen kann. Ich habe noch nie irgendetwas gekauft…'
Also hatte er Karamaneh geholt und sie hatte ihre Schwester bei ihren Einkäufen begleitet. Seither hat Zaleh einiges über Münzen gelernt, aber da sie die letzten Wochen immer unterwegs und selten länger als für wenige Tage an einem Ort gewesen waren, hatte sie wenig Gelegenheit gehabt, ihr theoretisches Wissen über Geld, dessen Wert und die Möglichkeit des Feilschens und Handelns auch praktisch zu erproben. Doch gerade eben hatte sie mit einem gefüllten Fladenbrot ein weiteres Bisschen Unabhängigkeit gewonnen. "Du warst wirklich tapfer," fügt er hinzu, doch sie hört ihm schon gar nicht mehr zu. Ihr Kopf pendelt hin und her, während sie die unüberschaubare Anzahl der Läden und Straßenhändler betrachtet, welche die krumme Gasse anfüllen und wohl die Möglichkeiten abwägt, die ihr jetzt offenstehen. Hartwürste, Olivenöl, Schafs- und Ziegenkäse und eingelegtes Gemüse in Tonkrügen, Stoffe, Schuhe, Körbe, bunte Haarbänder… ihre Finger graben sich in seinen Arm.
"Olyvar, ich kann mir alles kaufen, ganz allein!"
Er muss die Freude über ihre neuentdeckte Unabhängigkeit einfach teilen. "Aye, das kannst du," pflichtet er ihr bei und stibitz sich ein Stück von ihrem Brotfladen. "Kauf aber lieber keine Pflanzenpresse oder ein dressiertes Äffchen. Das wäre auf dem Schiff ein wenig schwierig zu handhaben."
"Schiff," wiederholt Zaleh und schluckt. Ihr Puls, der kurzfristig zur Ruhe gekommen war, beginnt wieder zu flattern. "Wann… äh… wann gehen wir denn auf das Schiff?"
"Noch nicht, a nighean," erwidert Olyvar sanft. "Erst gehen wir diese Briefe zu einem Rabenschlag bringen, damit sie zu Hause wissen, wann wir ankommen, aye? Dann gehen wir einen Bissen essen und warten dabei auf deine Schwester, Kalam und die Kleine, und danach holen wir die Pferde und unser ganzes Gepäck aus dem Gasthof." Mit allem, was Kalam und die Malankari mittlerweile schon für ihr zukünftiges Heim erstanden hatten, würden sie dafür ein Fuhrwerk von Maeve leihen müssen. "Das Schiff wird erst heute Abend auslaufen."

Kalam, Karamaneh und ihr Findelkind sind bei einem Aniran, dessen Schild sie gestern entdeckt hatten und der sich heute Morgen tatsächlich noch kurzfristig für sie Zeit hatte nehmen können… eigentlich wegen Reisig und deren anhaltender Sprachlosigkeit, aber der ehemalige Sithechjünger würde wohl darauf bestehen, dass der Heiler sich Karamaneh auch gleich noch einmal ansieht, ganz gleich wie gut sie sich fühlen mag. Eine Überfahrt auf einem Schiff zu finden, dass nach Talyra geht, war gar nicht so einfach gewesen, nicht, wenn sie alle ihre Tiere behalten wollen und die Pferde zu verkaufen stand natürlich völlig außer Frage. Maeve hatte ihnen zwar eine schnelle Karavelle nennen können, die zwei Tage nach ihrer Ankunft in Ildala nach Talyra ausgelaufen wäre, doch auf dem Schiff war einfach nicht genug Platz für sie, ihr Gepäck und ihre Tiere gewesen, also hatten sie schweren Herzens beschlossen, auf die nächste Handelskogge zu warten, die nach Norden gehen würde… und das hatte gedauert. Sie hatten zwar relativ rasch und für ein kleines Vermögen eine Überfahrt auf der Pelikan buchen können, einem bauchigen Monster mit Platz für gut 200 Quader Ladung, dafür würde die jedoch mit höchstens sechs Knoten bei Windstärke sechs über den Ildorel kriechen und es sind neunhundertfünfundvierzig Seemeilen bis nach Talyra – außerdem könnte sie bestenfalls bei einem lauen Lüftchen gegen den Wind kreuzen. Um mit einem Schiff wie diesem während der Sommermonde halbwegs erfolgreich von Ildala aus nach Nordwesten zu segeln, hatten sie also auf den Mistral aus dem Süden warten müssen, einen heißen Wüstenwind – und der hatte fast zwei Siebentage auf sich warten lassen. Doch gestern Abend hatte er endlich begonnen zu wehen und der Steuermann der Pelikan hatte Nachricht schicken lassen, dass sie heute bei Sonnenuntergang auslaufen würden. Von der Hoffnung, vielleicht zu Njálls Namenstag wieder zu Hause zu sein, hatte Olyvar sich schon in Sen'afe verabschiedet – dafür war die Zeit einfach zu knapp und der Weg zu weit gewesen.

Am späten Nachmittag kommen sie alle in den Hafen, samt ihrer sechs Pferde und einem Knecht Maeves mit einem Ochsenkarren, auf dem sich ihre Habe stapelt. Sie führen ihre Tiere über die schwankenden Planken, hoffen inständig, das keines der Pferde seekrank werden wird und haben ihre liebe Mühe, Atarangi und Barria, die überhaupt nichts davon halten, in den dunklen Schiffsrumpf und in ihre Verschläge dort geführt zu werden, überhaupt an Bord zu bringen, schaffen es irgendwie, während die Schauerleute ihr Gepäck verstauen, und inspizieren schließlich ihre Kajüten, die zwar sauber, aber wie erwartet winzige Dinger sind, in denen sie sich kaum umdrehen können. Zaleh und Reisig teilen sich ein Quartier, Kalam und Karamaneh ein anderes und Olyvar, der seefest genug ist, überlegt ernsthaft, ob er nicht um die Hängematte eines einfachen Seemanns bitten soll, in der würde er sich im Gegensatz zu seiner winzigen Koje wenigstens ausstrecken können. Irgendwann treffen sie sich alle auf dem Vorderdeck wieder, eigentlich um zuzusehen, wie sie auslaufen - doch nichts geschieht. Die Ladung ist verstaut, die Mannschaft steht versammelt auf ihrem Posten, und sie haben sich längst von dem Fuhrmann mit seinen Ochsen verabschiedet. Eigentlich wäre alles bereit, doch der Kapitän fehlt, wie sie irgendwann von einem herumdrucksenden Schiffsjungen erfahren. "Was soll das heißen, der Kapitän fehlt?"
"Naja, M'lords, M'ladies… er hatte das lange Warten auf den Mistral satt und ist ins Hu…äh… Amüsierviertel gegangen. Er ist immer noch dort, denke ich."
"Denkst du?!" Olyvar packt den Jungen am Arm und sein Ton alarmiert ihn genug, sich loszureißen und ein paar Schritt zurückzuweichen. "So… ist er das." Olyvars Blick fällt auf Zaleh und Karamaneh, die der Verzweiflung nahe erscheinen, dass ihre Abreise sich noch einmal um wissen die Götter wie viel Zeit verzögern könnte und verspürt selbst ziemliche Resignation. Dann tauscht er einen Blick mit Kalam, der nur nickt. "Dann werden wir ihn wohl holen gehen. Welches Haus besucht er denn?" Der Junge zuckt hilflos mit den Schultern. "Alle, Sires."

Sie lassen die Frauen auf dem Schiff zurück mit der Weisung, den Steuermann – oder wen auch immer – notfalls mit Gewalt davon abzuhalten, ohne sie auszulaufen, sollte der Kapitän zwischenzeitlich auftauchen und suchen das Hurenviertel Ildalas auf, das sich direkt an den Hafen anschließt. Ein Kupferling sichert ihnen die Dienste eines Straßenjungen, der bereit ist, sie in die entsprechenden Häuser zu bringen und sie folgen ihrem kleinen Führer grimmig, die Hände auf ihren Schwertgriffen und an ihren Geldkatzen. Ildala ist eine Hafenstadt und ihr Hafen ist mehr als geschäftig, was bedeutet, dass ungefähr ein Drittel der weiblichen Bevölkerung der Stadt im horizontalen Gewerbe arbeitet – mehrere Straßenhuren haben sie beide schon im Vorübergehen angesprochen. Es kostet sie geschlagene drei Stunden und mehr Silber, als ihnen lieb ist, doch am Ende finden sie den Kapitän der Pelikan stockbesoffen in einem Freudenhaus, das bezeichnenderweise 'Zum trunkenen Seemann' heißt. Sie schubsen die Hure, die an seiner Seite schnarcht, mehr oder weniger sanft aus dem Bett und holen den Mann dann mithilfe des Inhalts eines Wasserkruges und mehrerer Ohrfeigen wenigstens ansatzweise ins Bewusstsein zurück. "Schiff? Was'n Schiff?" Der Mann stiert sie nur trübe an und kratzt sich über die Barstoppeln. "Weninneressierndas?"
"Uns," knurrt Olyvar mit zusammengebissenen Zähnen. "Und dich auch, du versoffener Halunke. Warum beim Dunklen bist du nicht an Bord?"
Der Kapitän nuschelt etwas von "Verdammerwind" und kotzt dann ausgiebig in den Nachttopf. Selbst danach ist noch eine wohlkalkulierte Mischung aus Drohungen und Überredungskunst vonnöten, den Kerl irgendwie zum Mitkommen zu bewegen - und sie müssen obendrein bei der Hurenmutter des Hauses seine Zeche bezahlen, denn die Geldkatze des branntweinseeligen Kapitäns der Pelikan ist nirgendwo aufzutreiben. Kaum sind sie auf der Straße, kippt ihnen der Mann schon wieder aus den Latschen, diesmal sogar endgültig. Ihm scheint nichts zu fehlen, denn er schnarcht wie ein ganzes Rudel hungriger Branbären, aber wach ist er weder für Gold noch für gute Worte mehr zu bekommen. Kalam wuchtet sich den Kerl also kurzerhand über die Schulter und sie tragen ihn in den Hafen und auf die Pelikan zurück, die dankenswerterweise noch vor Anker liegt und nicht ohne sie abgefahren ist.

Ihre grimmige Wut beginnt erst nachzulassen, als der Kapitän – der Steuermann hatte ihn Seosamh Seafraid Coll genannt – in seiner Kajüte liegt und dort seinen Rausch ausschläft, die Anker gelichtet sind und die Pelikan schwerfällig auf den offenen Ildorel hinaussteuert. Offenbar braucht es an Bord dieses Schiffes zwar einen grundsätzlich anwesenden Kapitän, doch bei Bewusstsein oder gar auf den Beinen muss dieser anscheinend nicht sein, denn die Mannschaft erledigt alles auch ganz ohne seine Einmischung. Zwei Tage später erscheint Coll dann tatsächlich an Bord seines Schiffes, auferstanden aus dem Branntweindelirium und die ganze Geschichte scheint ihm furchtbar peinlich. Er bezahlt seine Schulden mit hochrotem Kopf und versichert ihnen mehrfach, dass das nicht mehr vorkommen würde. Olyvar enthält sich jeden Kommentars, aber Karamaneh, mitfühlend und vergebend wie sie nun einmal ist, bekommt im Lauf der nächsten Tage heraus, dass der Mann in jüngster Zeit einige Schicksalsschläge zu verkraften hatte und daher nicht ganz auf der Höhe sei. Wie auch immer, als er denn endlich das Kommando übernimmt, erweist er sich als passabler Seefahrer und steuert die Pelikan sicher in den raumen Wind, so dass sie ihre beste Geschwindigkeit auch aus dem beständig wehenden Mistral herausholen kann und wenn das nicht möglich ist, fahren sie bei Halbwind. So machen sie ganz gute Fahrt, doch wie befürchtet erreichen sie kaum mehr als fünf bis sechs Knoten Höchstgeschwindigkeit und auch das nicht immer. Was er in denkbar kurzen Worten an Rhordri und Borgil geschrieben hatte – er hatte es einfach nicht über sich gebracht, von Rayyans Tod zu schreiben, das will er nicht auf einem Bogen Papier mitteilen – nämlich, dass sie um den 24. Sonnenthron mit der Pelikan in Talyra ankämen, wird sich also als ziemlich richtig herausstellen. Abgesehen von Karamanehs mangelnder Seefestigkeit, die sich, bedingt durch die Schwangerschaft, wahlweise morgens über die Reling beugt, um ihr Frühstück wieder von sich zu geben, oder grün um die Nase wird, sobald der Wind zunimmt, verläuft ihre Reise über den Ildorel absolut unspektakulär und ziemlich ruhig.

Der Aniran in Ildala hatte Reisig bis auf ihr Untergewicht eine gute Gesundheit und das Alter von fünf Jahren bestätigt, und den frischgebackenen Zieheltern geraten, dem Kind einfach Zeit zu lassen, all das schlimme in seiner Vergangenheit zu vergessen und zur Ruhe kommen zu lassen, dann würde sie auch von sich aus wieder sprechen. Die Malankari und Zaleh bringen der Kleinen und auch Kalam während ihrer Schiffsreise dennoch die Grundzüge ihrer geheimen Zeichensprache bei, und auch Olyvar sieht ihnen wann immer er kann neugierig über die Schultern. Reisig ist eine gelehrige Schülerin und besitzt eine rasche Auffassungsgabe für ein fünfjähriges Mädchen - und er ist sich sicher, dass Kalam nur der Kleinen zuliebe so tut, als sei das alles für ihn viel schwieriger und manchmal geradezu ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst er schnappt ein paar Zeichen auf, weil Reisig sich damit natürlich auch an ihn wendet, wenn sie etwas möchte… und das tut sie schon nach wenigen Tagen ziemlich gewandt. Außerdem haben sie Zeit – Zeit zum Nachdenken, zum Trauern, Zeit, um zu Atem zu kommen, denn sie sind in Sicherheit, sie müssen sich um nichts kümmern und haben keinerlei Verpflichtungen an Bord. Also führen sie oft lange Gespräche in den lauen Sommernächten, die sie an Deck verbringen, weil es in den stickigen Kajüten kaum auszuhalten ist, und sprechen über die Götter und Roha, über Rayyan und den Narrenkönig, über Yara'Sanchale und ihre verrückte, lange, traurige, gefährliche, blutige und wundersame Reise, die nun bald ihr Ende finden würde. Worüber Olyvar kein Wort verliert, ist das, was ihn in Talyra vielleicht erwarten mag… oder auch nicht. Er wird seine Kinder wiedersehen, das zumindest weiß er so sicher, wie er weiß, dass die Sonne im Osten über dem Meer der Ruhe aufgeht, und das muss ihm einstweilen genügen. Am Morgen des 24. Sonnenthron, fast sechs Monde nachdem sie Anfang Eisfrost aus Talyra aufgebrochen waren, kommt schließlich Land in Sicht. Am Nachmittag laufen sie in den Perlenhafen ein und werden von zwei Ruderbooten an ihren Anlegeplatz geschleppt… und auf dem Kai hat sich eine kleine Menge versammelt, die anscheinend sehnsüchtig auf ihre Rückkehr wartet.


*wörtl: Mädchen, hier: Kleines
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.