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Olyvar

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16

Samstag, 27. Februar 2016, 11:40

Das Recht auf Geheimnisse

Mitte Silberweiß

>Die wohlhabende Dame. Vielleicht nicht die unauffälligste Wahl, aber sicher die glaubhaftere...< Olyvars Mundwinkel zucken im Bemühen, ein leises Lächeln zu unterdrücken und er nickt. "Dann wird es die wohlhabende Dame. "
>Außerdem kann ich mich im äußersten Notfall immer noch verwandeln,< fügt Karamaneh hinzu und er kann sehen, dass sie ihm sowohl seine Überraschung, als auch die Frage anmerkt, die ihm augenblicklich auf der Zunge liegt. Außerdem kann sie seine Gedanken lesen – aber das ist in diesem Moment wohl keine große Kunst. >Nicht in die Schattenkatze< fährt sie daher auch eilig fort, aber dann gerät ihre Antwort ins Stocken und sie wird ausweichend. Olyvar nickt nur – er drängt sie nicht. Er ist durchaus neugierig, weil Wandler ihn stets faszinieren, und er weiß, dass manche Warge mehrere Wandelgestalten ihr Eigen nennen, jedoch nie mehr als drei. Doch es ist Karamanehs Entscheidung, was sie ihm offenbaren mag und was sie lieber noch für sich behält – vor allem, wenn es ihr unangenehm scheint oder ihr sogar Angst macht… Sie hat ein Recht auf ihre Geheimnisse, wie jeder andere auch. "Natürlich, wie Ihr wünscht." Das meint er, wie er es sagt, denn er vertraut ihr: er wird ihr nichts aus der Nase ziehen, dass sie ihm nicht aus freien Stücken offenbaren will. Karamaneh versichert, dass sie mit Borgil sprechen würde und will wissen, was sie sonst noch tun könne und was er unternehmen würde. "Vorbereitungen treffen", erwidert er mit einem halben Lächeln. "Ich werde hier einiges zu erledigen haben, wenn ich die Stadt für eine Weile verlasse. Rhordri und meine Offiziere können mich vertreten, ich werde dem Stadtrat einfach sagen, dass es eine persönliche Ritterangelegenheit ist, dagegen kann niemand etwas haben.

Ich werde sehen, dass ich uns ein paar für die Reise nützliche Dinge besorgen kann - Heilsteine, Kräuter, Karten, die wir vielleicht brauchen können, solche Dinge. Ich werde meine alte Lederrüstung Instandsetzen lassen wenn nötig und mich nach einem vierten Mann – oder eine Frau – für Eure Suche umsehen. Und ich werde mich nach einem Schiff erkundigen, dass Anfang Eisfrost nach Ildala ausläuft, aber ich schätze, es wird die Seehure werden, sie fährt regelmäßig und direkt von Talyra nach Ildala und müsste zu dieser Zeit sogar hier sein. Aber zuerst…" er wirft einen schicksalsergebenen Blick über das Schriftrollen- und Bücherchaos auf dem langen Tisch, "werde ich auch noch den Rest dieses Durcheinanders hier für Niniane durchsehen, nur damit ich ihr morgen sagen kann, dass das einzige, was ich über Prophezeiungen oder Orakel oder Weissagungen und diesen ganzen Unsinn in den Archiven der Steinfaust gefunden habe, das hier ist." Olyvar fischt mit spitzen Fingern eine so zerfledderte, vergilbte Seite von einem Stapel uralt und halb zerfallen aussehender Blätter aus Papyrus, dass man kaum noch erkennen kann, dass überhaupt jemals etwas darauf geschrieben stand. "Zumindest kann ich auf der Seite das Wort Prophezeiung noch lesen, hier oben im Titel des Manuskripts oder was immer es ist. Leider sind die wenigen anderen Worte darauf, die noch zu entziffern sind, wenig hilfreich und scheinbar völlig unzusammenhängend. Hier ist das Wort "neun". Es könnte aber ebenso gut "nein" heißen. Oder "nun". Und hier unten steht auch noch etwas von vergessen – oder vergeben? Es ist kaum noch zu lesen. Und da etwas von Leid." Er reicht ihr vorsichtig den brüchigen Papyrusbogen, so dass sie ihn ins Licht halten und ansehen kann. "Ich habe keine Ahnung, was das sein soll oder ob es überhaupt irgendetwas bedeutet. Seht Ihr die Zeichnung dort am Rand? Könnt Ihr erkennen, was das sein soll?"
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Karamaneh

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17

Mittwoch, 2. März 2016, 16:53

{Mitte Silberweiß 516}
Ihr haltet nicht viel von Prophezeiungen, oder?
Verblasste Spuren Zeichen

Ganz behutsam, um das uralte, brüchige Dokument nicht noch mehr zu beschädigen als es dies ohnehin schon ist, nimmt Karamaneh den Papyrusbogen von Olyvar entgegen. Nur ganz flüchtig berühren ihre samtweichen Fingerspitzen, die davon zeugen, dass sie noch nie zuvor in ihrem Leben wirklich schwere Arbeiten leisten musste, dabei seine raue Männerhand. “Ihr haltet nicht viel von Prophezeiungen, oder?”, stellt die Malankari vorsichtig fest, während sie sich interessiert über den Papyrusbogen beugt, um die nahezu unleserlichen Textfragmente zu studieren und die verblasste Zeichnung in Augenschein zu nehmen, auf die der Lord Commander sie hingewiesen hat. Sie erinnert sich noch sehr gut an Olyvars erste spontane Reaktion auf Colevars und Calaits Erzählungen. “Warum?” Die Frage entschlüpft Karamaneh vollkommen unbewusst, sie nimmt nicht einmal richtig zur Kenntnis, dass sie sie tatsächlich laut ausgesprochen hat, so sehr hält sie der Anblick der altertümlichen Zeichnung gefangen.

Die Darstellung wirkt, trotz des schlechten Zustandes des Papyrus und der verblassten Farbbrillianz ausgesprochen kunstfertig. Die Feinheit und der Detailreichtum der Ausarbeitung von einst lässt sich heute nur noch erahnen, dennoch ist nach wie vor spürbar welche Sorgfallt der damalig Skriptor in seine Arbeit hat fließen lassen. Karamaneh, die die Schönheit der Künste im Hawa Mahal schon früh zu schätzen gelernt hat, seufzt bei dem Anblick verzückt. Sie wendet den Papyrusbogen vorsichtig hin und her, um die Zeichnung im unterschiedlich einfallenden Licht besser betrachten zu können. “Ein Kelch”, murmelt sie ganz in Gedanken versunken mehr an sich selbst als Olyvar gewand. “Aber was ist das hier neben dem Hauptelement?” Die Malankari und runzelt leicht die Stirn. “Ein Band? Oder...”, ihre Worte geraten einen Augenblick lang ins stocken, “eine Schlange?” Sie senkt das Blatt ein wenig, damit der Lord Commander ebenfalls einen Blick auf die Darstellung werfen kann.

“Sieht ein wenig wie eine Zahl aus... eine Neun...”, überlegt sie. “Mit etwas Phantasie könnte man diese zwei Worte hier”, die Malankari deutet auf eine besonders vergilbte Textpassage, “als Neun Kelche deuten...” Fragend schaut sie Olyvar an. “Habt ihr eine Idee, was damit gemeint sein könnte?”, erkundigt sie sich ratlos. “Vielleicht kann Niniane mehr damit anfangen...” Mit diesen Worten streckt Karamaneh die Hand aus, um dem Lord Commander den Papyrusbogen zurückzugeben. “Welches Interesse hat sie überhaupt an diesen alten Texten? Was hofft sie zu finden?” Die junge Frau lässt den Blick kurz umher und über all die verstreuten Pergamente und Folianten im Raum schweifen. “Schwer vorstellbar, dass das Schicksal einzelner seit so langer Zeit vorgezeichnet sein soll...” Sie streicht die Falten ihres Gewandes glatt und erhebt sich langsam. “Ich sollte gehen”, erklärt sie schließlich lächelnd. In einem spontanen Anflug von Dankbarkeit ergreift sie Olyvars Hände und nimmt sie in die ihren, als dieser sich ebenfalls erhebt. “Danke, ihr wisst nicht wieviel mir Eure Unterstützung und Hilfe bedeutet.” Karamaneh gibt die Hände des Lord Commanders wieder frei und wendet sich zum Gehen. “Danke. Habt Dank.”
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Olyvar

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18

Mittwoch, 2. März 2016, 18:48

Die Wege der Protektorin sind unergründlich

(und ihre Gedanken erst recht)

Mitte Silberweiß


"Nein", schnaubt Olyvar leise, während Karamaneh unendlich behutsam das alte Papyrus betrachtet. "Nein, das tue ich nicht." Es ist kein Geheimnis – sie war dabei, als Colevar und Calait ihre Geschichte erzählt hatten, sie hat erlebt, wie er reagiert hat, als Cole ihn auf die Wahrsagerin im Heerlager von Arrassigué angesprochen hatte… Denk nicht mehr daran.
>Warum?< Ihre simple Frage erschreckt ihn mehr, als er ihr oder sich selbst gegenüber zugeben würde, denn eine ehrliche Antwort darauf würde ihn zwingen, sich Erinnerungen zu stellen, die er begraben und vergessen wissen will. "Ich glaube einfach nicht daran", erwidert Olyvar daher ausweichend und doch so ehrlich, wie er kann. "Ich glaube, mir gefällt die Vorstellung nicht, dass ich keine Wahl habe… dass mir etwas vorbestimmt sein soll, dass ich nur eine Spielfigur auf dem Schachbrett gelangweilter Götter bin. Dass mein Schicksal festgeschrieben steht und sich erfüllen muss, ob ich das auch will oder nicht." Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber auch keine Lüge. Karamaneh sieht ihn nicht an, zu gebannt hängt ihr Blick an dem Manuskript in ihren Händen, aber sie hört ihm zu. "Versteht mich nicht falsch, ich glaube an die Macht der Götter… ich habe sie am eigenen Leib erfahren und ich bin ein Ritter Brans. Und wenn die Zwölf ihren Priestern die Drachenkarten gegeben haben, um einen Blick in die Zukunft von uns armen Sündern werfen zu können, dann mag das so sein. Aber ich weigere mich, die Worte einer alten Vettel zu glauben, die mit ihrer Glaskugel und faulem Zauber in einem Heerlager herumfantasiert. Wahrscheinlich hat sie irgendwann irgendwo einmal eines dieser 'Bücher der Prophezeiungen' in die Finger bekommen und ein paar Sprüche daraus auswendig gelernt, die ihr besonders gut gefallen haben. Abgesehen davon sind Karmesin und Rayyan der Beweis, dass sie Unrecht hatte." Er zuckt mit den Schultern und sein Blick schweift nachdenklich ins Leere. "Vielleicht ist es leichter an die Macht einer Prophezeiung zu glauben, die einem letzten Endes eine solche Liebe verspricht. Eine solche Gewissheit…" Er hört die leise Wehmut in seiner Stimme und verstummt, gerade als Karamaneh ebenso gedankenverloren flüstert, es sei ein Kelch. "Was?" Neugierig geworden beugt er seinen Kopf ebenfalls über den Papyrusbogen und sieht, was sie meint. "Ihr habt recht…" völlig verblüfft starrt er auf die Zeichnung, "es ist ein Kelch." Wie hatte er das nicht sehen können?

>Aber was ist das hier neben dem Hauptelement? Ein Band? Oder… eine Schlange?<
"Für mich sieht es aus wie eine Spur aus Fliegendreck.." seufzt er und folgt ihren schlanken Fingern wohin sie deuten, während Karamaneh weiter überlegt und das ganze schließlich als "Neun Kelche" betitelt.
>Habt ihr eine Idee, was damit gemeint sein könnte? Vielleicht kann Niniane mehr damit anfangen...< Sie reicht ihm das Papyrus zurück und er legt es vorsichtig zurück auf den Stapel. >Welches Interesse hat sie überhaupt an diesen alten Texten? Was hofft sie zu finden?< Olyvar unterdrückt ein amüsiertes Lächeln. So viele Fragen auf einmal hat er die sonst so wortkarge Wandlerin überhaupt noch nie stellen hören, geschweige denn so viel reden - vielleicht sollte er ihr öfter uralte, staubige Aufzeichnungen unter das hübsche Näschen halten. "Nein, ich habe keine Ahnung, außer dass sie offenbar etwas über Prophezeiungen oder alle Aufzeichnungen von Prophezeiungen selbst sucht. Die Wege unserer Protektorin sind unergründlich… und ihre Gedanken erst recht. Was immer ich von Weissagungen und Orakeln halten mag, Niniane nimmt sie offenbar ernst." Und allein das sollte mir Sorgen genug machen.
>Schwer vorstellbar, dass das Schicksal einzelner seit so langer Zeit vorgezeichnet sein soll...<
"Aye", stimmt er zu und atmet hörbar aus. "Seht Ihr… genau das meine ich. Schwer vorstellbar. Tausend Jahre…" zitiert er Colevar und die Singdrossel und schüttelt noch einmal den Kopf, diesmal eindeutig ungläubig. >Ich sollte gehen, < Karamaneh steht auf und verabschiedet sich, aber als sie seine Hände nimmt, um ihm zu danken, drückt er zwar sanft ihre Finger, doch ihre Worte wehrt er ab. "Keine Ursache. Ich tue das wirklich gern. Vergesst nicht – Ihr helft mir, einen Chal'at loszuwerden, den ich nie wollte. Ich gebe Euch Nachricht, sobald Rayyan wieder hier ist oder ich etwas von ihm gehört habe, aye? Slan lead, Karamaneh. Grüßt Borgil und Azra von mir und sagt dem Zwerg, ich komme am Shentag vorbei – dann werde ich auch wissen, ob wir eine Überfahrt auf der Seehure nach Ildala bekommen."
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Olyvar

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19

Samstag, 5. März 2016, 00:04

Wann wirst du wiederkommen, Da?

Am Abend des 2. Eisfrost 517

"Wann wirst du wiederkommen, Da?"
Olyvar sitzt vor dem prasselnden Kaminfeuer in der Halle des Westflügels, in jedem Arm einen der Zwillinge und Njáll praktisch auf dem Schoß, obwohl der Junge dafür eigentlich schon zu groß ist. Sein jüngster hat die Frage gestellt, zum ungefähr vierten Mal an diesem Abend, und Olyvar erwidert ebenso geduldig wie die dreimal zuvor: "Ich weiß es nicht, mo ghille. Ich kann es wirklich nicht sagen." Fianryn schmiegt sich noch ein wenig fester an ihn, Connavar hingegen nickt. "Die azurianischen Wüsten sind riesengroß, Ni, das weißt du doch", antwortet er seinem Bruder. "Und Da muss Karamanehs Schwester ja erst einmal finden."
"Ja-haa. Aber wann…"
"Es wird ein paar Wochen dauern. Vielleicht auch ein paar Monde. Ich kann es wirklich nicht sagen, Njáll."
"Hey, wir dürfen so lange bei Tante Morna bleiben", wirft Fianryn aufmunternd ein und das versöhnt Njáll wie erhofft wieder ein wenig mit der Welt. Diantha ist mit ihrem Edelsteinhandel so eingespannt und so oft auf geschäftlichen Reisen oder an irgendwelchen Fürstenhöfen um dieses oder jenes kostbare Kleinod zu schätzen, dass Olyvar die Kinder für die Zeit seiner Abwesenheit zu Rhordri und Morna bringen wird. "Und ihr müsst auf Koira achten, sie füttern und mit ihr üben, ich lasse sie bei euch. Habt ihr eure Sachen schon gepackt?"
Ein dreistimmiges, ungeduldiges "Aye" antwortet ihm und er lächelt zufrieden. "Ihr werdet mir so fehlen."
"Du wirst uns auch fehlen, Da."
"Aber ihr versteht, dass ich das tun muss. Und warum." Es ist eigentlich mehr eine Frage, als eine Feststellung – und diesmal antworten ihm nur zwei geseufzte "Aye" und ein kategorisches "Nein." Njáll ist mit seinen noch nicht ganz acht Jahren noch nicht in der Lage, solche Dinge zu begreifen, die Zwillinge hingegen schon. Olyvar öffnet schon den Mund, um seinem Sohn die Gründe für seine Reise in den Süden zu erklären, doch Connavar kommt ihm zuvor.

"Ni, wenn Bræn Heledd verloren hätte, würdest du ihm doch auch helfen, sie zu finden, oder?"
"Klar würde ich das! Aber Onkel Rayyan und Onkel Kalam… "
"Weil du Bræns Freund bist. Und wenn du der einzige wärst, der ihm helfen könnte, weil du etwas hast, das man unbedingt braucht, um Heledd zu finden."
"Klar! Aber Bræn verliert Heledd nie! Und warum…"
"Darum geht's nicht. Da ist Karamanehs Freund und die hat ihre Schwester Zaleh verloren, irgendwo in Azurien. Deshalb geht er mit Karamaneh, damit er ihr helfen kann, ihre Schwester zu finden und um auf sie aufzupassen. Sie ist doch ein Mädchen. Rayyan, Kalam und der Narrenkönig helfen auch."
"Na gut… weil die Wüsten so groß sind? Gehen sie deshalb alle?"
"Ja genau. Weil die Wüsten so groß sind."
Njáll brummt zwar noch ein wenig unzufrieden vor sich hin, verschenkt aber großmütig einen versöhnlichen Kuss und kuschelt sich an ihn. Olyvar kämpft mit einem Lachen und drückt Connavar an sich. "Das hast du gut erklärt", flüstert er, doch Conn grinst nur. Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder weiß der Junge – ebenso wie seine Schwester - genau, dass es nicht nur darum geht, dass die Wüsten so groß sind oder dass Karamaneh vielleicht Schutz braucht. Wann sind die Zwillinge so erwachsen geworden? "Wann gehst du?" Will Fianryn wissen und Olyvar küsst die Stirn seiner Tochter und atmet den vertrauten Duft ihres Haares, das so kastanienbraun wie sein eigenes ist – sonst ist das Mädchen ganz und gar Kizumu. Connavar hingegen wird ihm immer ähnlicher, hat aber das rötlichere Haar seiner Mutter.
"Sehr früh – zur Stunde der Jungfrau. Morna wird morgen früh herkommen und euch dann mitnehmen, aye?"
"Da, können wir dann…"
"Ja, ihr könnt."

Eine Stunde später liegt Olyvar, eingekeilt zwischen Connavar, Njáll, seiner Tochter, dem Hund und Katze, die auf seiner Brust frenetisch schnurrt, in seinem breiten Ehebett und starrt in die Dunkelheit. Die Kinder sind längst eingeschlafen und selbst der Hund schnarcht leise vor sich hin, er selbst findet hingegen keine Ruhe. In der Stille der Nacht lässt er seine Gedanken schweifen… hierhin und dorthin, und schließlich zurück zu jenem Abend vor knapp einem Siebentag, als Rayyan und Kalam unvermutet bei ihm aufgetaucht waren, im Gepäck eine Flasche des allerbesten Hamadat, der zu kaufen war, die saftigsten Orangen aus Ildala und dazu eine ganz und gar haarsträubende, herrlich verruchte, wahnwitzige Geschichte - auch wenn er keine Ahnung hat, dass er nur eine sehr geschönte und zensierte Version zu hören bekommt, sie ist immer noch grandios. Die beiden hatten sich offensichtlich gesucht und gefunden – oder sie waren zumindest sehr schnell Freunde geworden. Noch immer spürt Olyvar leises Gelächter in sich aufsteigen, wenn er nur daran denkt, was die beiden, Tiuri und dieser Zauberer Nathan in Ambar erlebt… und überlebt hatten. Unsere Reise nach Azurien wird nicht halb so komisch werden… aber zweifellos ein Abenteuer. Der weitaus größte Schock war gewesen zu erfahren, dass Rayyan jetzt tatsächlich reich war. Reich! Wie die Alte in Arrassigué es prophezeit hatte… Dieser Gedanke hat etwas derart verstörendes an sich, dass er sich beinahe unruhig hin und hergeworfen hätte, was er einfach nicht kann, da zu beiden Seiten Kinder an ihm kleben und Fianryns Kopf an seiner Schulter liegt. Ifrinn! Er zwingt sich also, ruhig zu liegen und schiebt den Gedanken entschlossen beiseite. Nicht, dass er Ray das Gold nicht gönnen würde… von Herzen, der Magier war lang genug arm wie eine Tempelmaus. Es ist der Gedanke, dass die… wie hatte Calait sie genannt? Die blöde Turbanschnepfe mit einer weiteren Weissagung recht behalten hatte. Ifrinn an Diabhuil! A Dhias, thois cobhair… Er schlägt das Zeichen der Götter vor seiner Brust und verbannt auch diesen Gedanken so entschieden wie er nur kann in die tiefsten Kellergewölbe seines Verstandes. Rayyan hatte sofort zugestimmt, als er rundheraus gefragt hatte, ob der Magier ihn und den Narrenkönig vielleicht nach Azurien begleiten würde, um Karamaneh zu helfen (und beinahe augenblicklich angefangen, von der Küche seiner Großmutter zu schwärmen, die er unbedingt besuchen will). Kalam hatte ihnen zugehört, einen Moment lang geschwiegen und dann aus freien Stücken seine Hilfe angeboten. Er hatte von der Zwielichtflamme erzählt, und Olyvar, der im Geiste schon mit allerlei obskuren, notwendigen zusätzlichen Vorbereitungen für eine Begleitung wie Kalam beschäftigt gewesen war, hatte den Wert und die Möglichkeiten, die sich hier so unerwartet eröffneten, sofort erkannt. Damit war es ausgemachte Sache – die zwei hatten sich nach einem feuchtfröhlichen Hamadat-Abend verabschiedet, Rayyan in den Pfirsich, Kalam zur Protektorin, wo er zu Gast war so lange er hier weilt, und er hatte am nächsten Tag dem Kapitän der Seehure die gebuchte Überfahrt für fünf Passagiere am Morgen des 3. Eisfrosts nach Ildala bestätigt.

Es dauert noch eine ganze Weile, ehe Olyvar in einen unruhigen Schlaf fällt und als die Tempeltrommeln dumpf die Stunde der Gefangenen schlagen, ist er schon wieder auf den Beinen. Er küsst seine Kinder zum Abschied, krault Koira zwischen den pelzigen Ohren und heißt die Hündin, zu bleiben, stupst Katze auf die braune Nase, die sich schnurrend an seinen Finger schmiegt und geht – in der Stille einer endenden Winternacht, gehüllt in eine Rüstung aus gehärtetem, beschlagenen Leder mit verschlungenen, abgewetzten Mustern und einen pelzgefütterten, aber schlichten Umhang. Gold und Edelsteine, Notgroschen für ihre Reise abgesehen vom Inhalt seiner prall gefüllten Geldkatze, sind in seinen Schwertgurt und den Saum seines Umhangs eingenäht, und sein einziges Gepäckstück neben Síal in einer abgewetzten Lederscheide an seiner Seite und einer laiginischen Targe auf seinem Rücken, ist ein Seesack aus festem Tuch. Als die Tempeltrommeln die Stunde der Jungfrau schlagen, verlässt Olyvar die Steinfaust und macht sich auf den Weg zum Hafen.
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Diantha

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20

Mittwoch, 17. August 2016, 17:32

~Im Taumond~


Kurze Zeit später, nachdem sie von Morna mit einem verfrühten Abendessen versorgt und alle noch einmal kräftig gedrückt wurden und sich bei ihr bedankt haben, brechen die vier Tarascons mit Sack und Pack zum Westflügel der Steinfaust auf. Während der kurzen Strecke bekommt Njáll seinen Mund nicht zu: Er erzählt von der Schule, wobei das, was er gelernt hat, viel weniger erzählenswert scheinen als die Mitschüler. Außerdem davon, dass er dass er unbedingt ein Pony wie die Zwillinge haben möchte und vieles mehr. Diantha muss ihn ganz deutlich ab einem gewissen Zeitpunkt unterbrechen, um auch von den beiden anderen etwas zu hören. Die Zwillinge geben sich da schon deutlich verhaltener. „Und wie ist es bei euch in der Schule?“, möchte Diantha von den beiden wissen. „Alles gut“, stellt Fianryn einsilbig fest. Sie wirkt noch erwachsener, als zu dem Zeitpunkt, als ich gefahren bin…, denkt sich Diantha beim Anblick der schlanken, kaum mehr kindlichen Gestalt und den so wissend blickenden grünen Augen. „Sonst gibt es auch überhaupt nicht Neues?“, bohrt Diantha nach und erntet von ihrer Tochter nur ein Schulterzucken. Connavar ist da dann doch ein wenig kooperativer: „Naja, Fianryn hat einen neuen Bogen bekommen und ich übe weiter mit verschiedenen zweihändigen Waffen.“ „Und ich habe ein neues Holzschwert bekommen, das viiiiiel größer als das letzte ist! Weil ich jetzt schon sehr groß bin“, schaltet sich Njáll mit einem stolzen Grinsen über beide Wangen ein. „Das ist großartig Schatz“, antwortet Diantha und streicht ihm über das lockige Haar. „Ein neuer Bogen also?“, wendet sie sich dann an Fianryn. „Würdest du ihn mir morgen zeigen?“ „Wenn wir Zeit finden“, gibt das Mädchen zurück, doch ganz kann sie den Stolz nicht verbergen. „Ich denke die werden wir finden.“
Im Westflügel angekommen verschwindet Fianryn in ihrem Zimmer, während Connavar sich anbietet Koira zu holen, was Diantha gerne annimmt. Währenddessen nimmt sich die Immerfrosterin der Tasche ihres Jüngsten an und geht mit ihm in sein Zimmer. Kaum hat sie allerdings die Tür geöffnet, fühlt sie sich wie vom Blitz getroffen. „Njáll, wie schaut es denn hier aus?!“, will sie wissen. Der Junge wirkt beinahe genauso überrascht wie sie, als könne er sich nicht mehr daran erinnern, sein Zimmer in einem derartigen Chaos hinterlassen zu haben: Bücher, Spielzeug und Kleidung liegen wild verstreut, Decke und Kissen sind mitten in dem Chaos nicht zu sehen. „Hmmm…“, gibt er zurück. „Ich schätze, ich weiß was ich morgen zu tun habe?“ Wieder dieser charmante Augenaufschlag, dem es schwer zu widerstehen ist, wenn man sich lange nach ihm gesehnt hat. „Das kannst du aber laut sagen!“ Njáll kommt somit ohne größeren Ärger davon, denn im nächsten Augenblick hören sie das aufgeregte Bellen Koiras, die natürlich prompt Dianthas Ankunft gerochen hat und übermütig bellend in das Zimmer gerannt kommt. Die nächsten Minuten sind von übermütigem Bellen, verrückten Herumgehüpfe und einer rauen Hundezunge geprägt, bis der Hund sich irgendwann wieder beruhigen kann. Dann macht er einen Abstecher zu Fianryn, um diese nicht ganz so überschwänglich zu begrüßen. „Wir sind jeden Tag gekommen um mit ihr zu spielen“, erzählt Njáll. „Aber Katze wollte sich nur ganz selten streicheln lassen, sie war irgendwie böse auf uns, glaube ich.“ Diantha nickt, das kann sie sich bei dem alten Mädchen gut vorstellen, vermutlich wird sich das Tier ihr gegenüber auch eine ganze Weile sehr offensichtlich desinteressiert zeigen und bei jedem Versuch sie zu streicheln flüchten. „Tja, so sind die meisten Katzen eben.“

Nach noch ein wenig gemeinsam verbrachter Zeit, in der die Kinder Diantha über die neusten Ereignisse in der Steinfaust in Kenntnis setzen und ihr auch den Brief zeigen, den Olyvar geschrieben hatte, ist es Zeit fürs Bett. Die Zwillinge wünschen eine gute Nacht und verschwinden in Richtung ihrer Betten, bei Njáll sieht das schon ganz anders aus. Zunächst braucht er eine halbe Ewigkeit, bis er sich überhaupt genug abgeregt hat, bis er seinen Schlafanzug vollständig und richtig an hat. Als nächstes würde er Diantha am liebsten noch von hunderttausend Erlebnissen berichten, während er schon im Bett liegt. Nach einer ganzen Weile geduldigem Zuhören zieht diese schließlich einen Schlussstrich und versichert ihm, sich morgen alles fertig anzuhören, jetzt sei aber wirklich Zeit fürs Bett. Nach einigen Widersprüchen fügt er sich schließlich doch und schläft wenige Augenblicke später wie ein Stein. Leise löscht Diantha das Licht und schleicht sich aus dem Zimmer, um einen Blick auf Connavar und Fianryn zu werfen. Beide scheinen noch auf sie gewartet zu haben und die Immerfrosterin wünscht ihnen mit einem Kuss auf die Stirn eine gute Nacht. „Es ist gut, dass du wieder da bist“, murmelt Connavar ihr leise hinterher, sodass Diantha es kaum gehört hätte, was ihr das Herz warm werden lässt. Der Gedanke daran, nun schlafen gehen zu müssen, löst hingegen weniger gute Gefühle in ihr aus und mit einem Seufzen steigt sie die Treppe hinauf. Da ist es: Ihr Schlafzimmer, ganz ohne Olyvar. Ist es dann überhaupt ihr Schlafzimmer? Es fühlt sich ohne ihn so fremd und kalt an, obwohl Rhordri natürlich veranlasst hatte, im Westflügel einzuheizen. Allein Olyvars Abwesenheit scheint den Raum abzukühlen. Selbst Koira, die sich neben dem Bett niedergelassen hat, kann daran nichts ändern.
Es ist ein seltsames Gefühl, heimzukommen ohne dass er sie erwartet. Auch wenn sie in letzter Zeit hin und wieder Unstimmigkeiten gehabt hatten, so war er doch immer da gewesen, eine Konstante auf die man sich verlassen kann. Rasch entkleidet sich die Immerfrosterin und kriecht unter ihr liebstes Fell, doch selbst das lässt sie sich nicht wirklich wohler fühlen. Es ist unglaublich, wie klein man sich in einem Bett für zwei Personen fühlen kann. Als würde sich eine unglaubliche Leere neben ihr ausbreiten. Wo Olyvar wohl gerade ist? Ob es ihm gut geht? Ob alles so verläuft, wie geplant? Hundert Gedanken kreisen durch Dianthas Kopf, doch einen traut sie sich kaum zu denken. Ob er mich auch vermisst? Sein letzter Brief war wie stets sehr sachlich gewesen, sie konnte wenig über seinen Gemütszustand herauslesen. Sie wünschte, sie wäre wie geplant pünktlich heimgekommen, dann wäre sie vor seiner Abreise da gewesen, hätte seine Pläne mitverfolgen können, seinen Überlegungen folgen können. So kann sie nur hoffen und ihm das Beste wünschen. Es ist eine Hilfslosigkeit, die sie überhaupt nicht leiden kann, weil sie nicht helfen kann, nichts tun kann, außer zu warten. Selbst einen Brief zu schreiben würde nichts nützen, denn er würde vermutlich nie pünktlich bei ihm ankommen.

Diantha seufzt in das Halbdunkle hinein. Sie hat ihr Nachtlicht noch nicht gelöscht, da sie ohnehin nicht schlafen kann und so zumindest den Schatten an der Wand mit den Augen folgen kann. Da fällt ihr Blick auf eine kleine Gestalt im Türrahmen. „Njáll?” Als Antwort erhält sie nur ein herzzerreißendes Schluchzen. „Schätzchen, komm her, hast du schlecht geträumt?“ Verschlafen und schniefend kriecht Njáll zu ihr ins Bett und legt sich in ihren angebotenen Arm. „Was hast du denn geträumt mein Herz?“ Sanft streichelt sie dem Kleinen über die Haare, bis er sich wieder halbwegs beruhigt hat. „Ich bin aufgewacht und dann…“ Der kleine Körper wird von einem neuen Schluchzer geschüttelt. „Dann dachte ich, du bist wieder weg!“ Diese Aussage trifft Diantha mehr, als sie sich anmerken lässt und sie drückt ihren Sohn fest an sich. „Ich bin da und ich bleibe auch da“, redet sie beruhigend auf Njáll ein, doch dieser kann sich noch immer nicht beruhigen. „Aber wie lange genau?“, will er weinend wissen. Obwohl Diantha sehr versucht wäre, ihm eine konkrete Zeit zu geben, nur damit er sich beruhigt, wagt sie es nicht. Niemand weiß besser als sie, wie schnell sich das Leben ändern kann und sie möchte keine Versprechungen machen, die sie nicht halten kann. „Lange mein Herz, ganz lange, versprochen.“ Alles reden hilft wenig, Njáll hat sich derart in seine Sorge hineingesteigert, dass er sich so bald nicht abregen wird. „Was hältst du davon, wenn du heute Nacht ausnahmsweise hier schläfst? Dann kannst du ganz sicher gehen, dass ich morgen früh auch noch da bin?“ Noch immer schluchzend nickt der Kleine und kuschelt sich noch fester in ihren Arm, auch wenn das kaum mehr möglich ist. Allmählich wird Njálls Atem wieder langsamer und sein Kopf in ihrem Arm schwerer. Diantha wagt es kaum, sich zu bewegen und schläft nach einer halben Ewigkeit schließlich auch ein, nicht ohne ihren letzten Gedanken an ihren Mann in diesem fernen, unbekannten Land zu richten, in dem er sich befindet.
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Rhordri

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21

Sonntag, 14. Mai 2017, 13:11

Ende Sturmwind 517

Dunkle Schwingen, dunkle Kunde

Rhordri steht am Ende des langen Ganges im äußersten Westflügel der Steinfaust vor der eisenbeschlagenen Tür aus Steineiche und weiß beim besten Willen nicht, wie er den vor ihm liegenden Tag überstehen soll. Seine alten Augen sind rot und verschwollen, seine knubbelige Nase läuft, weil er den ganzen Morgen Rotz und Wasser geheult hat und nun steht er hier und soll Diantha und den Kindern diese Nachricht überbringen. Es ist der erste, schwere Gang von vielen, die er am heutigen Tag noch vor sich hat und er weiß einfach nicht, woher er die Kraft nehmen soll, das zu bewerkstelligen, wenn es ihm jetzt, beim allerersten, schon so schwerfällt. Dabei muss er auch noch zu Borgil, zu Cinneidínn Bronzedraht, zu Padraig Einarm, Pumquat und… zu Colevar. Götter, dass das mir passieren muss, verdammt… Noch vor der Dämmerung, zur Stunde der Jungfrau, hatte ihn ein Botenjunge aus dem Schlaf gerissen mit der Nachricht, ein völlig ausgezehrter Rabe aus dem Süden sei eben mit einem Brief vom Lord Commander an ihn, Rhordri, im Rabenschlag angekommen. Natürlich hatte er sich auf der Stelle aus seinem warmen Bett gewuchtet, war steifknochig, unrasiert und mit einem löchrigen Strumpf in seine Stiefel geschlüpft und hergeeilt. Er hatte den Rabenmeister angewiesen, sich gut um das erschöpfte Tier zu kümmern und sich dann in Olyvars (ohne den Mann so leeres) Solar zurückgezogen, um in Ruhe den Brief zu lesen. Er wünschte, er hätte es nicht getan. Dann hatte er etwa zwei Stunden gebraucht, um die Nachricht zu verdauen, sich einigermaßen zu fassen und daran zu machen, seine traurige Pflicht zu erfüllen. Was würden nur die Männer… Und die übrigen von Olyvars Sieben? Herrje, er darf gar nicht daran denken. Die Tempelglocken schlagen gerade zur Stunde des Morgenrots, wenigstens würde er die arme Diantha und die Kinder nicht aus den Betten werfen. Er kann sie hinter der Tür schon in der Halle rumoren hören, wo sie wohl alle gerade beim Morgenmahl sind. Wegen des anstehenden Inarifestes übermorgen ist kein Unterricht im Tempel, denn alle Welt und die ganze Stadt bereiten sich auf den Hochtag der Göttin vor. Du schindest Zeit, Alter! Mit schwerem Herzen betätigt er mit seinen alten, knorrigen Soldatenfingern den furchtbar zierlichen Türklopfer und wartet. Es dauert nicht lange, bis Diantha ihm öffnet, ein breites, argloses Lächeln im Gesicht und eine Tasse dampfenden Cofeas in der Hand. Sie sagt irgendetwas davon, dass es schön wäre, ihn zu sehen, ob er vielleicht das Morgenmahl mit ihnen teilen würde – er ist ja oft zu lästerlich früher Stunde in der Steinfaust und es wäre nicht das erste Mal, dass er mit Olyvars Familie frühstückt, etwa wenn er des nachts Dienst hatte oder die Frühwache übernehmen muss. Doch er schüttelt nur den Kopf und weil ihm einfach die Worte fehlen, alle Worte, hält er Diantha schweigend den zerknitterten – und mit reichlich Tränenspuren versehenen – Brief Olyvars hin. "Hier, lies. Er kam heute morgen an. Zeig ihn nicht den Kindern."

Mar'Varis, 20. Taumond 516
Olyvar von Tarascon an Rhodri Dinefwr, Kastellan der Steinfaust
Steinfaust zu Talyra am Nordostufer des Ildorel


Rhordri,

Ich schreibe noch immer dir, da ich nicht weiß, ob Diantha mittlerweile nach Hause zurückgekehrt oder noch in ihren geschäftlichen Angelegenheiten auf Reisen ist und daher ein Brief an sie vielleicht nicht ankäme. Falls sie inzwischen zurück in Talyra ist, dann bitte sie in meinem Namen zu bleiben und ihre Geschäfte so lange aufzuschieben, bis ich zurück sein kann. Es wird ihr vielleicht nicht gefallen, doch ich kann nicht sagen, wie lange ich noch fort sein werde, auch wenn unsere Suche sich ihrem Ende zu nähern scheint. Der Rückweg ist so unendlich lang und meine Kinder sind nun schon seit fast zwei Monden ohne mich, ich will sie nicht noch länger ohne ihren Vater und ihre Mutter lassen. Ich hoffe, sie wird das verstehen und es wird ihr möglich sein, ihr Bleiben zu arrangieren. Sollte das nicht gehen, dann fühle dich bitte frei, die Kinder zu Borgil und Azra oder zu Niniane zu bringen, wenn es dir und Morna zu viel werden sollte. Ich hoffe inständig, wir können uns bald auf den Weg nach Hause machen, doch hier sind Dinge im Gange, die unsere schlimmsten Befürchtungen weit übersteigen und wir sind längst in eine sehr viel verworrenere und größere Geschichte hineingestolpert, als nur die Rettung einer verschleppten Schwester, doch davon gleich. Ich hoffe, dass in der Steinfaust und in Talyra alles in bester Ordnung ist, und alle die unseren bei guter Gesundheit sind; ganz besonders deine Töchter und deine wachsende Enkelschar. Ich bete zu den Göttern, dass meine Kinder ebenfalls wohlauf sind, und auch, dass Morna und du noch nicht versucht waren, sie in deinem alten Boot auf den Ildorel hinauszufahren und dort über Bord zu werfen. Ich weiß, sie können gelegentlich eine rechte Plage sein. Wir sind alle heil und mehr oder weniger unversehrt in Mar'Varis angekommen – ich schrieb dir ja bereits aus Sen'afe, dass die Karawane, mit der wir auf der Shakh nach Süden gereist sind, überfallen wurde und der Narrenkönig während dieses Kampfes verwundet worden war – doch seine Verletzungen heilten recht gut und waren eigentlich keine Katastrophe. In Sen'afe jedoch schloss sich uns der Nandé Ogoun an - du wirst dich an ihn erinnern, er war Karamanehs Leibwächter in den Diensten des Händlers Nabil - und behauptete, Borgil habe ihn selbst hinter uns hergeschickt. (Ich denke, er hat in dieser Sache die Wahrheit gesagt, bitte dich aber dennoch, bei Borgil deswegen nachzufragen. Du wirst ohnehin zu ihm gehen und ihn von einigen Dingen unterrichten müssen.) Kalam warnte uns vor Ogoun, doch Rayyan, der Narrenkönig und ich – und auch die Malankari selbst – hatten keinen Grund, dem Mann zu misstrauen und schlugen seine Warnungen in den Wind. Wie bitter haben wir das bereut. Ich komme mir so unendlich dumm deswegen vor, nicht auf den Sithechjünger und seine Nase gehört zu haben, dass ich mich selbst ohrfeigen möchte. Denn hätten wir es getan, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Doch nun muss ich dir eine schreckliche Nachricht mitteilen und da es keinen Weg gibt, das schonend auszudrücken, schreibe ich es geradeheraus: Der Narrenkönig ist tot, Rhordri. Ogoun hat sich, ganz wie Kalam es befürchtete, als Verräter erwiesen und ihn erschlagen. Es stellte sich heraus, dass der Nandé die ganze Zeit über, auch nach dem Felsenkessel, in Nabils Diensten stand. All die Geschehnisse, die sich hier in Mar'Varis in den letzten beiden Tagen ereigneten und die Umstände, die zu ihnen führten, sind ziemlich furchtbar und zum aus der Haut fahren kompliziert, so dass ich sie nicht niederschreiben kann, denn ich muss bis zu Kalams und Karamanehs Rückkehr (sie sind im Haus von Sonne und Mond und statten dem Südlichen Orakel einen dringenden Besuch ab) mit dem Brief fertig werden. Was du jedoch wissen musst, ist, dass der Narrenkönig für uns, seine Freunde, sein Leben ließ und dass sein Tod wenigstens nicht vergebens war. Er konnte noch Dinge von ungeheurer Wichtigkeit für uns in Erfahrung bringen, ehe er starb, so dass wir wissen, wohin uns unsere Schritte als nächstes führen werden. Gerade jetzt, während ich dir schreibe, treffen wir die letzten Vorbereitungen, in die Sahil Sahyun aufzubrechen, wo wir hoffentlich sehr bald Zaleh finden werden. Kalam hat Ogoun getötet, er ist also gerächt. Wir verbrannten den Narrenkönig am gestrigen Tag an den Ufern des Bar el-Atbár, so dass ich seine Asche nach Hause bringen kann. Ich will ihn auf dem Sithechacker zur Ruhe betten, dort, wo auch die anderen Blaumäntel liegen, so dass er im Kreis der unseren seinen Frieden finden mag. Es tut mir leid, dir das aufbürden zu müssen, Rhordri, aber du wirst meine Familie, meine übrigen Sieben und die ganze Steinfaust davon unterrichten müssen, dass wir einen Bruder verloren haben. Den unseligen Cha'lat konnte ich einfordern, auch wenn mich das viel gekostet hat. Die Umstände, die dazu führten, sind noch haarsträubender - doch das werde ich dir irgendwann bei einem Abend mit sehr, sehr viel Branntwein erzählen, wenn ich wieder in Talyra bin. Jedenfalls haben wir das Geleitschreiben des Schahs und sind nun in dieser und anderer Sache mehr oder minder in seinem Auftrag unterwegs. Ich kann dir unmöglich von allem berichten, worüber wir im Zuge von Ogouns Verrat gestolpert sind und was wir alles erfahren haben. Doch du musst wissen, ich kann dir das nicht ersparen, dass wir uns in große Gefahr begeben werden. Wir haben keine Wahl. Die Spur, die wir verfolgen, ist vielversprechend, doch die Männer, die wir jagen, haben uns etwa einen Siebentag voraus und wir dürfen die Fährte nicht kalt werden lassen. Ich will, dass du Borgil von allem berichtest, vor allem von Nabil Saif-Al-Qadir und Ogoun und ich verlasse mich darauf, dass der Zwerg wissen wird, was zu tun ist. Ogoun ist tot, hinter Nabil – und seinem Herrn – sind wir selbst her… und mit der Hilfe der Götter werden wir sie auch zur Strecke bringen und Zaleh befreien. Ich kann nicht abschätzen, wie lange unsere Jagd noch andauern wird, aber ich hoffe und bete, dass sie in den nächsten Siebentagen ihr Ende findet und wir alle nach Hause zurückkehren können. Sag meinen Kindern, dass ich sie sehr liebe und es nicht erwarten kann, wieder bei ihnen zu sein.

In Liebe
Olyvar

Nachtrag: Es ist Sturmtag. Agnirs Hochtag mag hier in den Weiten Azuriens keine Bedeutung haben, aber er ist der Herr der stürmischen Gezeiten. Betet für uns.
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Rhordri« (14. Mai 2017, 13:18)


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Sonntag, 23. Juli 2017, 14:36

Beinahe 13

Ende Sturmwind 517

Als Diantha nicht reagiert, schiebt sich Fianryn an ihrer Stiefmutter vorbei – sie war ihr zur Tür gefolgt, als sie das Klopfen gehört hat – und blickt voller Schrecken erst in die vom Weinen geröteten Augen ihres Ziehgroßvaters, dann auf den Brief in dessen zitternder Hand. Sie hört Rhordris Worte - 'Hier lies. Er kam heute Morgen an. Zeig ihn nicht den Kindern' - zwar und weiß, sie gelten eigentlich Diantha, doch in diesem Moment, in exakt diesem Augenblick, hört Fianryn auf, ein Kind zu sein. Sie tritt nach vorn und nimmt dem alten Kastellan ganz ruhig, fast besonnen, den Brief aus den schwieligen Fingern, streicht ihn sorgsam glatt. Da! Oh, Götter im Himmel, Da…!
Doch es ist nicht ihr Vater, den die schreckliche Nachricht betrifft, und obwohl es furchtbar ist, vom Tod des Narrenkönigs zu lesen - ein Mann mit einem großen Herzen, den sie ihr ganzes Leben lang gekannt und als einen von den Sieben ihres Vaters liebgehabt hatte – ist Fianryn so unendlich erleichtert, dass ihr Vater lebt und unversehrt zu sein scheint, dass ihr Tränen der Erleichterung, nicht der Trauer, zuerst in die Augen steigen. Fast schämt sie sich dafür, doch sie kann einfach nicht anders. Rasch überfliegt sie die restlichen Zeilen und ihr klopfendes Herz behält nur die Wörter 'Verrat', 'große Gefahr' und 'Betet für uns!' Das werde ich tun, Da! Gelobt sie im Stillen. Ich werde jeden Tag für dich beten, wenn du nur heil zu uns zurück kommst! Dann faltet sie den Brief sehr sorgfältig wieder zusammen und legt ihn behutsam auf eine der Holztruhen unter den Haken für Mäntel und Umhänge, wo die Botenkinder und Kämmerer immer die Briefe, Nachrichten und kurzen Noten an den Lord Commander oder seine Familie hinterlassen, wenn sie niemanden antreffen. Fianryn schließt die Augen und streicht ihre Röcke glatt, dann tritt sie an Rhordris Seite, der mit seltsamer Miene ihr Tun verfolgt hat, und nimmt seine eisenharte, schwielige Soldatenhand fest in ihre so viel kleinere. "Ich gehe mit dir zu Padraig und Cinneídinn, zu Pumquat und zu… zu Onkel Colevar. Und zu Borgil. Du musst das nicht allein tun. Der Narrenkönig war einer der Sieben meines Vaters. Ich bin Olyvars Tochter. Wir sagen es ihnen gemeinsam."
Rhordri wirkt erschüttert, dann jedoch schärft sich der Blick, mit dem er auf sie hinuntersieht – er ist ja nicht so viel größer, wie sie selbst und längst nicht so hochgewachsen, wie ihr Vater – und einen Moment lang mustert er sie blinzelnd, als sähe er sie zum ersten Mal. Doch dann nickt er, drückt sanft und kurz ihre Hand und lässt sich widerstandslos von ihr fortführen.

Als erstes suchen sie Pumquat auf, der in Tränen ausbricht und an ihrer Schulter heult wie ein kleiner Koboldjunge. Dann suchen sie mit dem Koboldmagier gemeinsam den Ersten Trupp der Maulwurfsgarde und finden ihn - und mit ihm Cinneídinn Bronzedraht - in den feuerfesten Gewölben der Steinfaust, wo sie Fetzer und Brandbomben zusammensetzen. Auch der Sappeur schließt sich ihnen an und ihr nächster Weg führt sie zum Nordtor hinauf, zu Padraig Einarm. Überall ist es dasselbe, sie bringen Trauer und Schmerz, und gestandene Männer weinen Tränen der Trauer um einen verlorenen Freund und Bruder, einen der ihren, einen der Sieben. Am schlimmsten ist der Besuch bei Borgil in der Harfe. Colevar, seine Frau und sein kleiner Sohn sind gerade dort, um den ersten Namenstag des Kleinen mit ihren Freunden in der Stadt ein wenig zu feiern, und Fianryn hasst es, ihnen diesen Freudentag so verderben zu müssen, doch sie haben keine Wahl. Der Abend in der Harfe endet in entsetzlicher Trauer – die übrigen der Sieben bleiben bei Colevar, halten eine spontane Totenwache für den Narrenkönig, und Borgil tobt vor Zorn über den Verrat des Mannes namens Ogoun, von dem in dem Brief ihres Vaters die Rede gewesen war. Obwohl sie gern geblieben wäre, obwohl sie das Gefühl hat, bleiben zu sollen, bringt Rhordri sie nach Hause und erklärt, ein Gasthaus, selbst eines wie die Harfe, sei zu so später Stunde kein Ort für ein junges Mädchen wie sie. Er bringt sie bis hinauf in den Westflügel, obwohl das wirklich nicht nötig wäre, und auf ihrem ganzen Weg durch die Festung kann sie spüren, dass das Wort in der Steinfaust bereits die Runde gemacht hat: der Narrenkönig ist tot. Als sie die schwere Eingangstür zu den Privatgemächern ihrer Familie aufdrückt, ist es dunkel und still im Westflügel und sie weiß, weil sie es ganz tief in ihrem inneren spüren kann, dass sie kein beinahe dreizehnjähriges Mädchen mehr ist, nicht nach diesem Tag, nicht mehr so wie vorher. Und am Morgen wartet auf sie das Schwerste an dieser ganzen Sache von allem: sie wird es Conn und Njáll sagen müssen.

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