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Azra

Stadtbewohner

Posts: 1,058

Occupation: Wirtin der Goldenen Harfe

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436

Thursday, August 18th 2016, 2:33pm

Der Dämon an die Wand gemalt

6. Eisfrost 516

Nach nur einem weiteren Mond ist sich Azra absolut sicher, dass irgendetwas mit Calait ganz und gar nicht stimmt und das ihre anhaltenden Beschwerden nicht, wie ursprünglich gehofft, schlicht von der Schwangerschaft selbst hervorgerufen werden. Doch Niniane gibt sich zurückhaltend, was ihre Gedanken angeht und wann immer jemand fragt, hält sie sich vage und bemüht sich um Zuversicht. Azra ist allerdings nicht entgangen, wie der Blick ihrer Freundin nach jeder Untersuchung für einen kurzen Moment, in dem sie sich unbeobachtet glaubt, auf der Singdrossel zu ruhen kommt. Dann wird das Gold ihrer ungewöhnlichen Augen erst dunkel und warm vor Mitgefühl und schliesslich hell und kalt wie poliertes Messing, als versuche sie sich innerlich vor derlei Gefühlen zu verschließen oder gegen etwas zu wappnen, das bislang nur sie sehen kann. Inzwischen beunruhigt die Tatsache, dass Niniane ein Geheimnis hütet, Azra fast mehr, als, als es Calaits kontinuierlich schlechter werdender Gesundheitszustand tut. Sie macht sich unlängst nicht mehr nur Sorgen um die Schwangere, sondern auch um Niniane, doch so sehr sie sich auch darum bemüht der Halbelbe stumme Unterstützung zuzusichern, will es ihr nicht gelingen deren Verschlossenheit in dieser Sache zu durchdringen.

Seit etwas mehr als einem Siebentag bewohnt Niniane zusammen mit ihrem Mann Cron und ihren Kindern Shaerela und Leir, die beide von einer jubelnden Schar zwergenblütiger eigener und adoptierter Sprösslinge der Harfe direkt von der Schwelle weg und zum Spielen entführt worden waren, das Zimmer neben Calait und Colevar, um sofort eingreifen zu können, sollte der Zustand der schwangeren Singdrossel sich plötzlich drastisch verschlimmern. Alle hoffen und beten selbstverständlich, dass das nicht passieren wird, doch Azra hat für ihren Teil genug gehört und gesehen, um sich nicht länger von falschen Wunschdenken blenden zu lassen. Niniane, Mealla, Ballabar, sie haben alles in ihrer Macht stehende getan, um Calait zu helfen, doch nichts davon zeigt nachhaltig Wirkung. Kein noch so komplizierter Trunk, keine Uromawickelrezepte, keine kostbaren Heilsteine, keine Heilmagie , kein priesterlicher Segen und kein noch so seltenes Heilkraut. Manches scheint ihr ein wenig zu helfen, doch nichts ändert wirklich etwas an ihrem Zustand.

An diesem Eisfrosttag, der mit überraschend viel Sonne aufwartet, hat Niniane mal wieder Eisenwasser angeordnet. Also hat Azra am Vorabend noch Bræn zusammen mit Heledd und Missandei zu den Schmiedeleuten geschickt, mit dem Auftrag ihnen zwei Handvoll rostige Nägel abzukaufen, um diese dann über Nacht in Wasser einzulegen. Mit dem Krug Eisenwasser erklimmt sie nun die Treppe bis ins erste Obergeschoss, um Calait den ersten Becher einzuschenken, doch als sie die Tür zu dem großen Gastgemach öffnet, in welchem Colevar und Calait untergebracht sind, ist es dunkel. Sämtliche Läden sind fest verschlossen, die Vorhänge zugezogen und aus der Richtung des Bettes dringt das Geräusch tiefer, regelmäßiger Atemzüge. Sie schlafen. Gut. Sheilar weiß, sie haben es verdient. Benbra, eine der Mägde, hatte ihr bereits erzählt, dass irgendwann in der Nacht ein kleiner Tumult entstanden war, als Calait erneut von Übelkeit geplagt worden war und Colevar Niniane zu Hilfe geholt hatte, indem er einfach kräftig gegen die Wand, die ihre beiden Zimmer voneinander trennten, geklopft hatte. Niniane hatte sich umgehend darum gekümmert und es war keine weitere Hilfe notwendig gewesen, weshalb sich Benbra wieder in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Es ist also nur gut, wenn die zwei ihren Schlaf jetzt nachholen, weshalb Azra genauso leise, wie sie den Knauf gedreht und den Eingang aufgeschoben hat, ihn auch wieder zuzieht. Anstatt jedoch wieder hinab in die Küche zu gehen, entscheidet sie sich nach ihrer Freundin zu sehen, die nur ein Zimmer weiter wahrscheinlich wie jeden Tag über dem Verlauf von Calaits Schwangerschaft brütet.

Sie klopft an und tritt ein, nur um auf der Schwelle innezuhalten, kaum dass sie Ninianes aufgewühltes Gesicht entdeckt. Sie kommt gar nicht dazu, sie nach ihrem eigenem Befinden zu fragen, da wehrt diese bereits müde ab: "Keine Sorge, alles in Ordnung." Allerdings hat der Satz den gleichen hohlen Nachklang wie eine ausgeleierte Harfensaite. "Warst du schon bei ihr? Sie hat heute Nacht zur Stunde der Gefangenen angefangen zu spucken und ich habe ihr irgendwann etwas gegeben, damit sie ruhen kann. Als ich vorhin nach ihr gesehen habe, haben sie beide geschlafen und ich wollte sie nicht stören. Hast du das Eisenwasser? Gut, das soll sie heute über den Tag verteilt trinken."

"Sie schlafen immer noch", berichtet Azra und stellt den großen, massiven Krug voller Eisenwasser auf dem kleinen Beistelltisch direkt neben der Tür ab, bevor sie sich die Finger an ihrer Schürze sauber wischt und Niniane ansieht: "Aber darum bin ich nicht hier." "Sondern?", erkundigt sich die Halbelbe, die Nase schon wieder in einem Kräuterkompendium und leicht schüttelt Azra den Kopf: "Ich bin gekommen um mit dir zu reden. Über was auch immer du ihnen", mit einer kleinen Geste deutete sie nach nebenan, "und uns verschweigst." Es ist seltsam unangenehm und befremdlich zu sehen, wie Niniane, die für gewöhnlich unerschütterliche Lebenserfahrung und Souveränität mit der gleichen Selbstverständlichkeit atmet, wie Luft, das Buch zuklappt und ihren Blick auf den Boden zu ihren Füßen senkt, als lägen die Antworten auf Azras unausgesprochene Fragen zwischen den einzelnen Dielen verborgen.

"Ich weiß", führt Azra näher aus, tritt vor ihre Freundin und nimmt deren warme, honigdunklen Hände fest zwischen ihre Eigenen: "dass es nicht in Ordnung ist. Das Einzige, was ich nicht weiß, ist was genau nicht in Ordnung ist, einmal abgesehen von dem Offensichtlichen. Aber ich sehe, dass es dich schwer belastet. Also erzähl es mir, Niniane." Einen Moment lang scheint Niniane damit zu hadern, ob sie ihr Schweigen tatsächlich brechen soll, dann aber holt sie tief Luft und lüftet das Geheimnis, das sie so lange mich sich herumgetragen hat. "Die Schwierigkeiten bei Calaits Schwangerschaft. Ich glaube wirklich, dass es an diesem dämonischen Schutzzeichen liegt, oder aber an Calait selbst. Manche Frauen tragen einfach keine Kinder aus, obwohl körperlich alles mit ihnen in Ordnung zu sein scheint. Aber es könnte auch sein…" Sie hält einen Moment inne, stockt, sucht nach Worten und bricht ab und als sie doch weiterspricht, tut sie es im Schutz des Sendens: <<… dass das Kind keine Seele hat.>>
In diesem Augenblick versteht Azra, warum Niniane diesen Gedanken für sich behalten hat und muss leer schlucken. Keine Seele. Dämonen haben keine Seele, aber das Ungeborene kann kein Dämon sein, denn dessen Präsenz hätte Niniane als Hohepriesterin Shenrahs und auch Mealla als Anirana sofort gespürt. Stattdessen spüren sie gar nichts. Weil das Kind vielleicht leer ist. Sie hat noch nie von etwas derart widernatürlichem und schrecklichem wie einem seelenlosen Menschen gehört, aber manche Geschichten erzählen von Dämonen, die Seelen fressen und was von ihren Opfern bleibt, sind halb wahnsinnige, willenlose Geschöpfe ohne Emotionen, dazu verdammt für immer in der Leere ihres eigenen verlorenen Daseins zu wandeln, bis sie sterben oder getötet werden.

Am Ende bleibt nur eine Frage: <<Und wenn dem so wäre? Wenn das Kind keine Seele hätte?>>
Die Antwort besteht aus nur einem Wort, aber es sagt alles aus, was es zu sagen gibt: <<Dann…>>
<<Ich verstehe.>> Sanft drückt sie Ninianes Fingern und schenkt ihr ein ebenso wissendes, wie trauriges Lächeln. <<Wir werden es ihnen nicht sagen, oder?>>
<<Nein, das tun wir ihnen nicht an.>>
<<Dann komm. Das Mittagessen ist fertig.>>
<<Ich glaube nicht, dass ich jetzt etwas essen kann.>>
<<Das kann schon sein, aber du wirst deine Kraft brauchen.>>
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Niniane

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437

Thursday, August 18th 2016, 6:44pm

Eine unmögliche Wahl

29. Taumond 516

Niniane öffnet ihre Truhe und blickt auf die Reihen der kleinen Fläschchen in ihren Halterungen, gefüllt mit dem sanften Grün und Braun zerstampfter Wurzeln und getrockneter Blätter oder leuchtend roter Beeren im klaren Gold der Destillate. Es ist nichts darunter, das helfen würde. Sie hatte außerdem ein Vermögen an Amitarinen, Korinellen und Dunkeltopasen verprasst, um Calaits inzwischen furchtbar geschwächten Körper irgendwie zu helfen. All das hatte ihr zwar eine gewisse Linderung gebracht, und die konsequent verabreichten Heiltränke und Tinkturen aus zermahlenen Heilsteinen und anderen Ingredienzien, die nicht minder kostspielig waren, sind wohl das, was ihren Organismus als Ganzes noch am Laufen halten, doch sehr lange kann das so nicht mehr weitergehen. Auf keinen Fall die sechs langen Wochen bis zum Geburtstermin für dieses Kind… Niniane ist allmählich am Ende ihrer Weisheit. Ganz langsam nimmt sie ein etwa ellenlanges, schweres Lederetui aus ihrer Truhe und legt es behutsam auf den Tisch vor sich. Dann löst sie die Verschnürung, die es zusammenhält und entrollt es. Im Inneren blitzt es blank vor Stahl – Skalpelle und andere Klingen, Zangen, Klemmen, Scheren, etwas das aussieht wie ein Spatel… Sie streckt die Finger nach dem Skalpell mit der gebogenen Klinge aus und spürt eine Enge im Hals, die sie schwer schlucken lässt. Es ist ein Meisterwerk der Feinschmiedekunst – tödlich scharf, perfekt ausbalanciert, dünn und stabil, gut ausgewogen… ein Teil ihrer Hand, wenn sie das will. Einen Moment betrachtet sie es gedankenverloren, dann legt sie es fort und nimmt die knorrige Wurzel zur Hand, die sie gestern gefunden hatte – endlich. Zwei Siebentage lang war sie auf der Suche danach im Larisgrün herumgekrochen, in einem eisigen Vorfrühling, der den gerade erst zu Ende gegangenen, launischen Winter mit seiner wechselhaften Witterung zu verspotten scheint – seit Anfang Taumond ist es jedenfalls bitterkalt. Ihr Blick fällt wieder auf die Wurzel. Schattenwurz, sie ist sich sicher, obwohl eine dünne, harsch gefrorene Schneeschicht, ein kläglicher Rest brauner, halbverfaulter Blätter und die lausigen Fetzen einer einzigen, von irgendeinem kleinen Tier angenagten, grauen Frucht die Bestimmung der Pflanze nicht gerade leichter gemacht hatte. Aber sie hat nur diese eine - das ist nicht genug, und es ist unmöglich, so früh im Jahr noch eine zweite zu finden. Carelkhiâr… Wermut… Rainfarn… Stinkende Nieswurz… Nieswurz könnte sie vielleicht frisch bekommen, aber alles in ihr sträubt sich dagegen. Kräuter sind immer furchtbar riskant, aber in diesem Stadium einer Schwangerschaft wären sie für die Mutter regelrecht lebensbedrohlich, für eine geschwächte Frau wie Calait allemal. Krämpfe. Blutungen. Fallsucht… Hirnschäden. Nein… wenn sie diese vom Unglück verfolgte Schwangerschaft beenden soll, dann mit der Klinge. Plötzlich ist sie froh darum, im Augenblick mutterseelenallein zu sein. Jeder, der ihr Gesicht gesehen hätte, hätte ihr vermutlich gesagt, sie sähe aus, als wäre sie mit den Vorbereitungen zu einem Mord beschäftigt. Ihre Wangen fühlen sich taub an, ihr Mund ist steif und blutleer.

Nun, das bist du ja auch. Prompt meldet sich eine anklagende Stimme in ihren Gedanken, und ehe sie es sich versieht, ist sie eine philosophische Diskussion mit sich selbst und ihrem Gewissen verstrickt. Mord? Wohl eher eine Art Tötung auf Verlangen aus verzweifeltem Selbstschutz… wenn Calait es überhaupt will, sagt sie sich streng. Aber werdende Mütter entscheiden sich fast immer für ihre Kinder und gegen das eigene Leben, meldet sich eine wesentlich melancholischere Niniane zurück. Und Colevar? Sie ist beinahe sicher, dass der Sithechritter Calaits Leben wählen würde, andererseits… Hör auf, dir den Kopf über die beiden zu zerbrechen, wenn du dir deiner selbst noch nicht einmal sicher bist. Könntest du es überhaupt? Wenn sie es jetzt tut - und sie hätte nicht mehr viel Zeit, es zu tun - hat das Kind so gut wie keine Chance, und falls es wider Erwarten doch überleben würde, wäre es mit Sicherheit nicht unversehrt… nicht, wenn es so viel zu früh zur Welt käme. Nein, es könnte nicht selbstständig atmen… Andererseits könnte sie Calait mit größter Wahrscheinlichkeit noch retten – wenn es bald geschieht - am besten in den nächsten Tagen. Denn würde sie noch länger damit warten, würde Calait nur noch schwächer werden und ihre Chancen würden schwinden. Dann… Es ist das reinste Wunder, dass ihr geschundener Körper noch nicht längst versucht hat, das Kind in ihrem Leib loszuwerden. Wenn Niniane ehrlich ist, hatte schon vor Wochen mit vorzeitigen Wehen gerechnet - aber anscheinend klammert sich das Unterbewusstsein der Resande ebenso sehr an ihr Kind wie ihr Herz und ihre Sturheit, denn Wehen sind so ziemlich das einzige, was Calait nicht hat. Also… könntest du es? Sie blickt nach unten und sieht nicht die hölzerne Tischplatte und die blitzende Klinge, sondern die Gesichter ihrer eigenen Kinder, winzig, rotverschmiert und brüllend vor Schreck und Staunen über diese fremde Welt, in die sie da so abrupt geraten waren, alle beide gesund, alle beide ganz und gar lebendig. Shaerela. Leir. Diese zwei Wunder sind ihr geschenkt worden – wie könnte sie einer anderen Frau das nehmen? Sie stirbt. Wie könntest du nicht? Sie schlingt die Arme um sich, als wolle sie sich selbst umarmen und knetet ihre klammen Finger im Bemühen, sie wieder wärmer und geschmeidig zu machen, und um sich durch die Bewegung sicherer zu fühlen. Trotz ihres langen, langen Lebens und ihres Daseins als Hebamme, hatte sie in all der Zeit tatsächlich nur eine Handvoll Abtreibungen durchgeführt – wenn es absolut unumgänglich gewesen war. Wesentlich öfter hatte sie tote Kinder aus den Leibern ihrer Mütter geschnitten oder Notcarsairschnitte an toten Frauen durchgeführt, um das Kind noch zu retten. Dennoch, es ist und bleibt eine furchtbare Vorstellung… schlimmer noch, weil es ihre Hand ist, die das Unheil anrichten wird. Wenn sie es will. Ja… wenn. Das Wissen einer Hebamme – und einer Priesterin – bringt ihr auch das Leben im Mutterleib deutlich zu Bewusstsein. Wenn sie Calaits Bauch berührt, mag sie vielleicht mit ihren empathischen Sinnen nichts wahrnehmen, doch sie kann in ihren Fingerspitzen das zweite Herz schlagen spüren; kann blind die Rundungen der Glieder und des Köpfchens nachfahren, die schlangengleiche Nabelschnur mit ihrem Blutstrom in Rot und Blau.

Zögernd nimmt sie das Skalpell wieder zur Hand. Sie würde es mitnehmen, und wenn sie gleich mit Calait und Colevar spräche, würde sie es vor sich auf den Tisch legen. Die beiden sollen sich keine Illusionen darüber machen, was sie da vorschlagen würde. Götter vergebt mir, es ist nur… es ist nur weil mir absolut nichts mehr anderes einfällt. Dann dreht sie sich um und geht entschlossen zur Tür, den Gang hinaus und die vier kurzen Schritte bis zur Tür des Gemachs neben ihrem. Noch ist alles ruhig in der Harfe: es ist ein schläfriger, früher Vormittag und alle sind mit ihrem täglichen Tun und Treiben beschäftigt. Sie klopft leise, dann öffnet sie die Tür, holt noch einmal tief Luft und macht sich mit vor Angst zusammengeballtem Magen daran, zwei Menschen, die sie liebgewonnen hat, vor eine unmögliche Wahl zu stellen.
Kaum eine halbe Stunde später verlässt sie Calaits und Colevars Gemacht wieder und läuft auf dem Gang prompt Azra in die Arme, die sie aus großen, besorgten Augen ansieht. Niniane schüttelt sacht den Kopf. "Sie haben sich dagegen entschieden." Ist das Erleichterung in ihrer Stimme? Oder Angst?
Borgils kleine Frau bleibt ganz ruhig, aber ihre Augen ruhen unverwandt auf Ninianes Gesicht."Und was machen wir jetzt?"
Noch einmal holt sie tief Luft. Die Entscheidung – die nie die ihre war – ist gefallen. "Jetzt kämpfen wir um jeden Tag, Azra. Und wir beten, aye? Zu allen Göttern, die uns einfallen. Wenn sie noch sechzehn Tage durchhält, haben wir eine Chance."
"Kannst du denn gar nichts tun, um ihr irgendwie… beizustehen?"
Ein schwaches, goldenes Glitzern geht durch Ninianes Augen, dann lächelt sie sacht und zum ersten Mal an diesem Tag wird ihr ein wenig leichter ums Herz. "Doch… Beistand. Du bist ein Schatz, Azra, da gibt es vielleicht tatsächlich noch etwas, das ich tun kann."
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Azra

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438

Thursday, September 1st 2016, 2:29pm

Spitz die Öhrchen

06. Sturmwind 516

Sieben Tage lang tun sie nichts anderes, außer beten und in Ninianes Fall im sprichwörtlichen Sinne Beistand leisten. Es existiert tatsächlich ein Priesterzauber mit diesem Namen, der es ihr ermöglicht einen Verletzten oder Kranken mit seiner eigenen Kraft zu stärken, oder in Calaits Fall zu nähren, so dass ihr Zustand sich zumindest nicht noch mehr verschlechtert, als er es sowieso schon tut. Niniane hat Azra zwar gewarnt, dass dies für sie, welche die Energie spenden wird, ein sehr kräftezehrender Prozess werden wird, doch als sie bereits nach dem dritten Tag und der siebten Anwendung ohne Crons Hilfe nicht mehr aufstehen kann, begreift Azra erst wirklich, was dieser Zauber eigentlich von ihr als Priesterin abverlangt. Kurzerhand nimmt Azra Niniane zur Seite und redet ihr ins Gewissen, weil sie (wie sich herausstellt zu Recht) die Befürchtung hegt, dass ihre Freundin sich wissentlich vorausgabt, um Calait, die ihr in den vielen Wochen sehr ans Herz gewachsen ist, zu retten. Und wenn es darum geht jemandem zu helfen, der einem viel bedeutet, reichen fünftausend Jahre an Lebenserfahrung nicht aus, um der Vernunft den Vorzug zu geben.

Die nächsten Tage überwacht Azra Ninianes Bemühungen mit Argusaugen, immer bereit einzugreifen, sollte sie das Gefühl bekommen, ihre Freundin würde mehr geben, als sie entbehren kann. Niniane ist eine außergewöhnliche Frau. Unheimlich stark und überaus mächtig, doch auch sie hat nicht mehr zu geben, als sie hat und in den Tagen die folgen, erreicht sie mehr als einmal ihre eigene Grenze. Azra ist allerdings nicht die Einzige, die aufpasst. Cron beobachtet das Tun seiner Frau mit zurückhaltender Wachsamkeit, während Borgil kein Blatt vor den Mund nimmt und sie, wenn sie es wieder einmal zu weit getrieben hat, schimpft und sie dann mit Essen und Alkohol aufpäppelt. Sogar Calait, die mitunter zu schwach ist, um sich überhaupt noch zu erheben und der man ansehen kann, dass sie nach jedem Tropfen Kraft, den Niniane ihr gibt, lechzt, verweigert sich dem Zauber, wenn sie glaubt die Halbelbe hätte sich noch nicht genug erholt.

Es ist der sechste Sturmwind 516, als Colevars Vater, Lord Aneirin von Lyness, in aller Götterfrühe in der Harfe aufschlägt und sofort verlangt seinen Sohn und seine Schwiegertochter zu sehen. Auf Colevars Anfrage hin haben sie vor sieben Tagen nach ihm schicken lassen, allerdings hat Azra den Grund dafür noch nicht herausgefunden. Den wahren Grund. Natürlich ist seine Anwesenheit ein Trost und sollte passieren, wovor sich jeder von ihnen fürchtet, wäre er seinem Sohn mit Sicherheit eine große Stütze. Doch irgendetwas sagt ihr, dass mehr hinter Colevars dringlicher Nachricht und Aneirins überhasteter Ankunft steckt. Da sie sich aber nicht einfach dazusetzen oder nachfragen kann, wartet sie geduldig, bis der Lord von Lyness in Colevar und Calaits Zimmer verschwunden ist, ehe sie kurzerhand bei Niniane anklopft und diese ohne Erklärung auffordert, ihr zu folgen. Schweigend führt Azra ihre Freundin in eine kleine, unscheinbare Kammer, die direkt an das große Gästezimmer angrenzt und in dem neben deckenhohen Regalen voller frisch gebleichter Laken und gestärkter Tücher ein einzelner riesiger, massiver Eichenholzschrank steht, der, wie sich herausstellt, wundersamerweise komplett leer ist. Ohne zu zögern klettert Azra in das geräumige Innere, in dem sie sich problemlos fünfmal hätte verstecken können und fordert Niniane mit einem Handwink auf, es ihr gleich zu tun. In den goldenen Augen funkelte es, ob nun vor Vergnügen oder Verwirrung konnte Azra nicht sagen, aber letztendlich tut die Halbelbe, wie ihr geheißen, rafft ihre Röcke und lässt sich neben ihr auf den Knien nieder.

"Was tun wir hier?"
Azra legt hastig den symbolischen Zeigefinger auf ihre Lippen und zieht die Schranktür zu, woraufhin völlige Dunkelheit sie umfängt.
<<Was tun wir hier?>>
<<Psscht! Wir lauschen.>>
<<Azra, du sendest, du musst nicht flüstern.>>
<<Oh…>>
<<Lauschen, ja? Das ist aber nicht gerade… sehr höflich.>>
<<Mag sein, aber es ist aufschlussreich. Außerdem bin ich verheiratet mit dem Meister der Flüsterer und Ohrenbläser, ich darf das.>>
Also spitzen sie die Ohren … und wünschen sich bald, sie hätten es nicht getan.

Calait: "… du gekommen bist."
Aneirin (erleichtert, hoffnungsvoll): "Du hast ein bisschen Farbe im Gesicht."
Calait: "Das ist Niniane zu verdanken. Sie pumpt mich jeden Tag mit Priestermagie voll."
Aneirin: "Hmpf."
Colevar (ernst): "Wir müssen mit dir reden, Da."
Wie auch immer Aneirin die zwei zum Weitersprechen auffordert, es geht stumm von statten.
Colevar (leise, aber sehr bestimmt): "Wenn Calait stirbt, werde ich ihr folgen und du musst das Kind nehmen, sollte es überleben."
Aneirin (noch bevor Colevar wirklich geendet hat mit autoritätsgewohnter Stimme): "Du wirst nicht sterben."
Calait: "Ich werde mir alle Mühe geben, Aneirin, aber falls…"
Aneirin: "Nein. Niemand wird hier sterben. Du nicht. Er nicht. Es nicht."
Colevar : "Da, bitte…"
Aneirin: "Ich bin nicht hergekommen, um mir solche Reden anzuhören. Und ihr solltet an so etwas nicht einmal denken."
Colevar: "Glaub mir, wir würden auch lieber Pläne für die Zukunft schmieden. Das tun wir sogar, aber wir müssen auch daran denken, was aus unserem Kind wird, sollten wir das hier nicht überleben. Denn wenn Calait stirbt, gehe ich mit ihr."
Das Schweigen, das auf diese Aussage folgt, ist klamm und kalt und Azra und Niniane schlagen sich synchron die Hände vor den Mund. <<Bei den Göttern, er will doch nicht…>> Doch sie traut sich nicht einmal in Gedanken den Satz zu beenden. <<Ich befürchte, er will genau das>>, kommt es bestürzt von Niniane.

"Er kann nicht ohne mich hierbleiben", hören sie in diesem Moment Calaits Stimme und sie klingt unendlich bedauernd, "Es ist nicht leicht zu verstehen, aber… wir sind aneinander gebunden. Wir können nicht sein, ohne den anderen. Wir…" Aber offenbar sind der Singdrossel die Worte ausgegangen, denn es folgt keine weitere Erklärung.
Es ist Colevar, der weiterredet, ebenso ernst wie unerbittlich: "Wenn Calait stirbt, musst du mich gehen lassen, Da. Ich kann nicht als Schatten meiner selbst weiter existieren, oder nur noch ein halber Mensch sein." Sie hören die Aufrichtigkeit und den Schmerz in seinen Worten und obwohl sie sich bei aller Liebe zu ihrem Mann nicht vorstellen kann ihre eigenen Kinder zurückzulassen, sollte Borgil jemals sterben, zweifelt sie keinen Herzschlag lang daran, dass Colevar meint, was er sagt. Aneirin offenbar ebenfalls nicht, denn als sie weitersprechen hören sie den Lord von Lyness sagen: "Aye, ich kümmere mich um das Kind, sollte euch etwas geschehen."
Sie hören das Lächeln in Calaits Stimme, als diese daraufhin mit der ihr eigenen Nonchalance das Thema wechselt: "Dann erzähl uns jetzt, was unsere zwei lieben Heckenritter derzeit treiben? Sind sie mit dem Abstecken und Roden schon fertig?"

Völlig erschüttert von dem, was sie soeben mitgehört hat, lässt sich Azra auf ihre Fersen zurücksinken und starrt Niniane an, die ihren Blick nicht minder aufgewühlt erwidert. Calaits möglicher Tod hatte die ganze Zeit über wie ein ungeladener Gast im Raum gestanden, aber Colevars Entscheidung ihr zu folgen, sollte sie sterben, kommt unerwartet. Nein, nicht unerwartet. Es ist nicht unerwartet. Es ist nur… traurig. Behutsam greift Azra nach Ninianes Hand und erhebt sich. Auf diese Tamanesbotschaft hin braucht sie erst einmal etwas zu trinken.
"Hamadat?"
"Du willst Hamadat? Du, die nie etwas Stärkeres trinkt, als ein Kräuterlikörchen?"
"So sehr. Komm."
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Calait

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439

Thursday, September 1st 2016, 2:33pm

Dem letzten Schatten ins Auge blicken

15. Sturmwind 516


Als Calait erwacht, steht die Sonne schon tief über den schindelbedeckten Dächern der umliegenden Häuser und das schwere Abendlicht taucht den Marktplatz, auf dem trotzt der späten Stunde der Heimkehr noch reger Betrieb herrscht, in ein düsteres Zwielicht aus Rot und Gold und tiefschwarzen Schatten. Im Zimmer selbst herrscht ein angenehmes, warmes Halbdunkel. Azra hat bereits alle Läden zugezogen, außer die vor dem Fenster direkt neben dem Bett, so dass Calait immer einen Blick auf das Treiben vor der Harfe und zwischen den Märkten, auf das Labyrinth an Schornsteinen, die wie Pilze aus dem Häusermeer schießen, die - sich in der überraschend lauen Sturmmondbrise wiegenden - Wipfel des Larisgrüns hinter der Stadtmauer und den freien, weiten Himmel hat. Durch das dicke Butzenglas fällt noch ein wenig Licht, gerade genug um Calaits erschreckend schmale Gestalt und den im Vergleich grotesk großen Babybauch unter den Decken zu enthüllen.

Neben dem Bett auf dem kleinen Beistelltisch wurde eine Kerze entzündet und dahinter, in einem Sessel sitzt er und ruht. Zumindest glaubt sie, dass er schläft, denn er hat die Augen geschlossen und sein Atem geht ruhig und gleichmäßig. Obwohl sie sich nicht im Geringsten ausgeruht, oder gar erholt fühlt, kann sie nicht länger still liegen bleiben. Ihr ganzer Körper schmerzt, ihr Rücken und ihr Hintern sind eine einzige wunde Stelle, das Ungeborene liegt unerträglich schwer in ihrem Leib und die verdünnte Gemüsesuppe, die sie erst zu Mittag tapfer heruntergewürgt hat, will ihr schon wieder den Hals hinaufschießen. Tief durchatmend schluckt sie ein paar Mal leer und verzieht das Gesicht, denn ihre Kehle ist so trocken wie die Kawir Bedha, die Große Salzebene östlich der Sagora, und mindestens genauso verätzt von den vielen Dutzend Mal, wo sie sich in den letzten Siebentagen übergeben musste. Unter größter Willensanstrengung versucht sie sich ein Stück aufzurichten, doch ihre müden Glieder wollen ihr einfach nicht mehr gehorchen und kraftlos lässt sie von dem Versuch ab, dreht stattdessen einfach nur den Kopf ein Stück, um mit unter flatternden Lidern zu ihm aufsehen zu können.

Der flackernde Schein der Kerzenflamme zeichnet die Konturen seines Gesichtes, die hohe Stirn, die gerade Nase und das stolze Kinn mit einer unsteten Schärfe und gräbt kleine Furchen in seine wettergegerbte Haut, trotzdem ist ihm die 'seharimgleiche Schönheit', die man ihm in jungen Jahren nachgesagt hat, auch heute noch nicht abzusprechen. Sie ist lediglich in Würde gealtert und zu einer ehernen, von Zeit, Wind und Wetter geschliffenen Attraktivität geworden. Aneirin ist das Ebenbild seines Sohnes, nur dreißig Jahre älter und vollständig ergraut. Sie will ihn gerade wecken und ihn um ein wenig Wasser bitten, als die Türe zum Zimmer aufgeht und Colevar sich mit einem Tablett und eingezogenem Kopf durch den Eingang schiebt. Sofort wird ihr Lächeln breiter und spannt sich über ihre eingefallenen Wangen. Zwar gelingt es ihr unlängst nicht mehr den gleichen Lebensmut auszustrahlen, der ihr zu Beginn dieser elenden Schwangerschaft noch so leicht gefallen war – selbst als ihr alltägliches Leben auf Ninianes Anweisungen hin auf das zwar große, aber leider deshalb nach einem Siebentag nicht weniger langweilige Bett zusammengeschrumpft war -, aber die sprichwörtlich blinde Zuversicht, dass sie mit Sicherheit nicht die letzten neun Jahre Jahre um ihr Schicksal gekämpft hat, nur um dann am Kindsbettfieber oder Ähnlichem einzugehen, ist ihr geblieben. "Hey", wispert sie krächzend und auch wenn ihr die Kraft fehlt laut hinaus zu lachen, so gibt sie doch ein leises, trockenes Glucksen von sich, als Colevar auf der Schwelle innehält, seinen schlafenden alten Herren für einen Moment kopfschüttelnd betrachtet und dann brummt: "Da lässt man ihn einmal für fünf Minuten mit der Verantwortung alleine und was tut er? Schläft ein."

"Ich schlafe nie während meiner Wache", erwidert Aneirin ruhig und schlägt die Augen auf, was Calait in hilfloses Gekicher ausbersten lässt. Dummerweise fehlt ihr die Luft dazu und für einen Moment wird ihr fast schwarz vor Augen, als sie röchelnd um Atem ringt. Colevar ist sofort an ihrer Seite – das Brett mit dem Abendbrot und dem Wasser drückt er einfach seinem Vater in die Hände - und zieht sie sanft, aber bestimmt in die Senkrechte , wo er sie hält, bis sie nicht länger zuckt wie ein erstickender Fisch. Noch immer keuchend und mit tränenverschmierten Wangen, aber nicht länger in Gefahr gleich elendig zu ersticken, lässt sie sich nach vorne an Colevars Brust sacken und vergräbt ihr Gesicht an seinem Hals. Sin Herz schlägt so heftig, dass sie jeden einzelnen Schlag gegen ihre Rippen vibrieren spürt und eigentlich will sie schon die Hand an seine Wange heben und ihm sagen, dass alles in Ordnung ist, als sie stockt.

Sie sind verheiratet. Niemand würde den Bund, den sie in Anwesenheit ihrer Ahnen für eine Ewigkeit geschlossen habe, die sprichwörtlich über den Tod hinaus geht, anzweifeln. Niemand, außer irgendwelche Bürokraten oder Rechtsgelehrte, Erbschaftssteuereintreiber und Stadtkämmerer, die eine Heirat nur dann anerkennen, wenn sie vor einem Druiden oder in einem Tempel vollzogen und die entsprechenden Papiere unterzeichnet wurden. Und leider leben sie nicht abseits aller Zivilisation, wo sie nie in die Verlegenheit kämen irgendwelche Dokumente präsentieren zu müssen und ihr Mann ist auch nicht irgendein Rhys aus Hinterfindmor, sondern Erbe von Lyness, ein Lord und damit einer der zukünftiger Herrscher des Umlandes von Talyra. Um sie als Lady von Lyness und ihr gemeinsames Kind als legitimen Erben abzusichern, ist es schlichtweg notwendig die Hochzeit ganz formell und gesetzestreu noch einmal zu wiederholen. Eigentlich hatten sie damit allerdings warten wollen, bis das Kind auf der Welt war. Zumindest Calait hatte warten wollen, in Erinnerung an Azras wundervolle Hochzeit ganz und gar begierig darauf selber einmal ein solches Fest auszurichten. Sie und Azra hatten fleißig angefangen zu planen, Gästelisten aufgesetzt, das Aufgebot aufgesetzt, das Hochzeitsmenü mit Sigrun zusammengestellt (und sich dabei selbstverständlich hemmungslos durch alles durchgeschlemmt, was Sigrun ihnen zum Probieren vorgesetzt hatte), über die Wahl der Blumen diskutiert und sich sogar schon einen ganzen Nachmittag lang Dornenbeutel und drei seiner Mädchen ins Haus geholt, um nach den passenden Stoffen und Schnitten für das Hochzeitskleid zu suchen, doch das war gewesen, bevor es ihr wieder schlechter gegangen war. Und dieses Mal war es nicht wieder besser geworden.

Ungefähr vier Siebentage nach ihrer Rückkehr nach Talyra hatte sie sich zum ersten Mal wieder übergeben müssen. Sie hatte es auf die vielen Honigfinger geschoben, die sie seit ihrem Einzug in die Harfe fast täglich naschte – und wenn nötig auch vom noch nicht erkalteten Backblech stibitzte und aus der Küche schmuggelte. Doch es war nicht bei diesem einen Mal geblieben, woraufhin Niniane sie (sehr zu ihrem Bedauern) schon nach kurzer Zeit wieder auf verdünnte Suppen aus Kartoffeln, Möhren und Fenchel, trockenes Brot und Unmengen an Ingwertee gesetzt hatte, um ihren rebellierenden Magen zu beruhigen. Später mischte Azra Brechwurz und Ingwer unter ihr Essen, um das anhaltende Würgegefühl einzudämmen. Sie hatte brav alles, was man ihr serviert hatte, Bissen für Bissen heruntergelöffelt, es wieder hochgewürgt und es einfach mit einem Schulterzucken abgetan und erklärt, dass Sithech sich davor hüten würde ihr ihr Kind zu nehmen, weil sie ihn sonst nämlich persönlich an seinen Ohren von seinem Thron zerren und ihn in den Purpurnen Flüssen ertränken würde. Aber selbst sie hatte irgendwann nicht mehr ignorieren können, dass das Kind in ihrem Leib vielleicht wachsen und gedeihen mochte, sie im gleichen Maße aber schwächer und schwächer wurde, als würde es ihr alle Kraft entziehen. Die Stunden, in denen sie ihr Bett verließ, waren kürzer und kürzer geworden, bis sie es irgendwann nicht einmal mehr geschafft hatte, sich ohne Hilfe aufzusetzen. Ohne Hilfe Wasser in ihren Becher einzuschenken. Ohne Hilfe zu essen.

Jetzt kann ich nicht einmal ohne Hilfe atmen. Ohne Ninianes Zauber wäre ich wahrscheinlich längst tot. Die Erkenntnis ist seltsam ernüchternd und bringt das Wissen mit sich, dass es Zeit wird zu handeln. "Colevar?" Behutsam legt sie beide Hände auf seine Brust und stützt sich daran ab, so dass sie den Kopf leicht heben und ihn ansehen kann. Ihren Mann, mit dem sie so viel und doch viel zu wenig geteilt hat und mit dem sie vielleicht nicht mehr mehr teilen wird, als die Geburt eines einzigen Kindes. Obwohl sie ihm Kinder versprochen hat. Aber wenn wir den Schatten ins Auge geblickt und sie vernichtet haben, dann bringst du mich nach Hause… und dann werden wir unsere Kinder haben. Das waren meine Worte. Lass uns irgendwo am Wasser ein Haus bauen und Kinder haben. Ein Leben. Lass uns alt werden. Und irgendwann auf einer Hausbank sitzen und unseren Enkeln beim Spielen zuschauen. Auch das habe ich gesagt. Habe von einer Zukunft gesprochen, die ich nach Xineras Tod für sicher glaubte und die vielleicht doch nie sein wird. In diesem Moment ist ihr wahrhaft elend zumute, doch sie reißt sich zusammen, rafft all den Mut an sich, den unzählige Nächte voller Kopfzerbrechen ihr gelassen haben, und meint tapfer: "Lass uns jetzt heiraten." Für unser Kind. Weil es das Einzige ist, was wir noch tun können.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

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Colevar

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Thursday, September 1st 2016, 6:05pm

Die Nacht in der wir Hochzeit halten…

15. Sturmwind 516, abends

If loving you kills me tonight, then I was ready for death the moment you said hello. (R.M. Drake)


Verdammt zur Hilflosigkeit – und das ist mit Abstand das schlimmste Gefühl, das er in den letzten Monden kennengelernt hat – kann Colevar Calait nur festhalten, auf ihren rasselnden Atem lauschen und sie so behutsam wie nur möglich stützen, während sie nach Luft ringt. Sie jeden Tag mehr schwinden zu sehen, mitansehen zu müssen, wie sie weniger und weniger, schwächer und schwächer geworden war, hatte ihm alles abverlangt - und er weiß beim besten Willen nicht, wie er ihr noch länger so etwas wie Zuversicht vormachen soll. Ihre Haut ist weiß wie Milch und darüber liegt ein schwacher, gelber Schimmer. Ihre Leber… Niniane hat gesagt, es sei etwas mit ihrer Leber…. Sie ist so dünn geworden, dass überall die Knochen spitz hervorstehen und auf ihren eingefallenen Wangen und um die tief in den Höhlen liegenden Augen zeigen sich dunkle Schatten. "Noch zwei Tage, Hexchen", murmelt er sanft in ihr wirres, dunkles Haar. Nachdem sie sich dagegen entschieden hatten, das Kind abzutreiben, um Calaits Leben zu retten, hatte die Protektorin den siebzehnten Sturmwind als Tag angesetzt, um den Carsaischnitt durchzuführen, denn seine Frau ist längst nicht mehr in der körperlichen Verfassung, das Baby auf herkömmlichem Weg zur Welt zu bringen. Alles ist sorgfältig geplant – die Anzahl und die Dauer der Beistandszauber, die Calait bis dahin noch erhalten soll, eine Anirana ist einbestellt, Tränke werden gebraut, Heilmittel angesetzt, selbst eine Amme steht für den Notfall auf Abruf bereit. "Nur noch zwei Tage, die schaffen wir auch noch, aye?"

Er kann nicht sagen, ob Calait nickt oder versucht zu nicken, denn sie ist so schwach, dass sie sich nicht einmal mehr allein aufrecht halten kann - aber sie schafft es, den Kopf zu heben und ihn anzusehen. >Colevar? Lass uns jetzt heiraten.< Irgendwie gelingt ihr sogar ein tapferes Lächeln – oder wenigstens etwas sehr ähnliches, auch wenn es zur Grimasse gerät. Ihre Augen wirken riesengroß und dunkel in ihrem spitzen, elfenbeinwächsernen Gesicht. Irgendwie gelingt es auch ihm zu lächeln, doch es ist alles andere als tapfer. Colevar muss an jenen Augenblick im vergangenen Herbst denken, an jene Tage im Hospital der Heiligen, als ihnen mit kalter Gewissheit klar geworden war, dass mit dieser Schwangerschaft irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war, dass irgendetwas im Begriff war, ganz böse daneben zu gehen… dass es auch schlimm enden könnte. Dann war diese düstere Wahrscheinlichkeit in den letzten Wochen mehr und mehr zu einer Tatsache geworden, und doch sind sie hier und klammern sich beide verzweifelt an den papierdünnen Strohhalm einer so vagen Hoffnung. "Alles, was du willst, mein Herz", hört er sich antworten, doch dann stockt er, weil ihn plötzliche Unruhe befällt. "Aber nur, wenn du mir versprichst, dass du nicht im Begriff bist, dich zu verabschieden." Sie zuckt tatsächlich ein wenig zusammen, aber er kann beim besten Willen nicht sagen, ob vor Überraschung oder weil er ins Schwarze getroffen hat. "Ich werde es versuchen", hört er sie flüstern, aber damit scheint ihre Furchtlosigkeit für heute aufgebraucht zu sein und Colevar nickt schwach. "Dann soll es so sein." Und wenn wir sterben, dann sterben wir zusammen. Langsam lässt er sie in die Kissen zurücksinken. Vorsichtig setzt er sich neben sie, noch bedachtsamer zieht er sie in seine Arme, so dass sie sich an ihn lehnen und ihren Kopf an seine Schulter legen kann. Sanft legt er seine große Hand auf die gespannte Haut ihres hochschwangeren Leibes und spürt das Räkeln ihres Kindes dort wie träge, geheimnisvolle Unterwasserbewegungen in einer geheimen Welt. Er muss seinem Vater nicht sagen, dass er gehen und Niniane herholen soll – Aneirin verlässt schon mit einem verstehenden Nicken den Raum, als Colevar aufblickt.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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Thursday, September 1st 2016, 8:06pm

Bureaucracy
(n., French in origin, combines the French word bureau – office – with the Greek word κράτος kratos – rule or political power)

15. Sturmwind 516, Sonnenuntergang

You don't always need a plan. Sometimes you just need to breathe, trust, let go, and see what happens.


Als der Lord von Lyness sie an Calaits Bett holt, stellt Niniane keine Fragen und verliert keine Zeit. Sie greift sich ihre Tasche und folgt dem hochgewachsenen Alten auf dem Fuß die wenigen Schritte zum Gemach, das Colevar und die Resande seit ihrer Rückkehr nach Talyra in der Harfe bewohnen. Doch zu ihrer Überraschung und Erleichterung geht es Calait nicht schlecht – oder jedenfalls nicht schlechter als sonst. Offenbar wurde sie gar nicht wegen der Schwangerschaft oder dem Ungeborenen gerufen, das verraten ihr schon Colevars und Calaits Gesichter, die ihr müde und abgehärmt, aber auch mit einer Art erwartungsvollen Melancholie in den Mienen entgegenblicken. Niniane ist wirklich nicht nahe am Wasser gebaut und für gewöhnlich auch nicht unbedingt ein gefühlsduseliges Wesen, doch als sie den Grund für ihr Hiersein erfährt, muss sie albernerweise ein paar Tränen fortblinzeln und verbirgt hastig ihr Gesicht. "Natürlich verheirate ich euch, wenn ihr das wollt…" sie fährt sich mit der Hand über die Stirn, "lasst mich nur noch… einen Ehekontrakt aufsetzen und die anderen als Zeugen holen, ja?"
Die wenigen Vorbereitungen, die sie zu treffen haben, sind rasch erledigt – ein himmelweiter Unterschied zu der märchenhaften Hochzeit in den uralten, ehrwürdigen Hallen der Burg Lyness, mit deren Planung Azra und Calait sich viele Stunden der zäh dahinkriechenden Zeit während des vergangenen Winters vertrieben hatten. Als sich neben Aneirin Lorcain auch Azra, Borgil und Cron als weitere Zeugen rund um das Bett der Resande eingefunden haben, und Löschsand über die noch feuchte Rostbeerentinte auf dem feinen Pergament des Ehevertrages gestreut wurde, ist alles getan. Gekleidet in ein einfaches Gewand aus ungefärbter Wolle, die Haare zu einem schlichten, lockeren Fischgrätenzopf geflochten, wartet Niniane mit einem Ausdruck milder Geduld in den goldenen Augen, bis das leise - und in Azras Fall sogar ein wenig aufgeregte - Flüstern im Raum verstummt ist und Calaits schmale Finger mit den hell schimmernden, alten Brandnarben nahezu vollkommen in Colevars großen Händen verschwunden sind, dann ruft sie leise die Macht der Zwölf an. Es ist eine sehr kleine, sehr schlichte Zeremonie, aber dem Gesetz wird sie vollkommen Genüge tun und nur darauf kommt es den beiden an. Für ihr Kind… falls… hör auf! Das gehört nicht hierher, nicht jetzt… und so die Götter gnädig sind, nie!
"Wir sind heute hier versammelt, um diese beiden, Colevar und Calait, miteinander zu vermählen. Sie stehen - oder besser gesagt sie liegen -" das bringt selbst das unorthodoxe Brautpaar ein wenig zum lächeln – "als Freie und aus freien Stücken vor mir, um ihren Bund im Angesicht der Götter und vor euch allen als Zeugen zu besiegeln, also frage ich: Wer wandelt auf dem Pfad des Mondes, seit alters Her der Pfad der Frauen, und steht vor dem Himmel um die heiligen Eide abzulegen?"

Calait wendet den Blick nicht einmal von Colevars Gesicht ab, doch sie antwortet leise und klar: 'Calait Skorn Du von den Roten Resande, die Tochter Runs von der Sippe des Weißen Luches.'
"Und wer wandelt auf dem Pfad der Sonne, seit alters Her der Pfad der Männer, und steht auf fester Erde um die heiligen Eide abzulegen?"
Colevars tiefe Stimme ist ein wenig rau, aber warm und fest, als er erwidert: 'Colevar Lorcain vom Clan der Lorcain, Erbe von Lyness.'
Niniane nickt sacht und ihre Mundwinkel kräuseln sich in stillem Lächeln. "Wenn jemand einen Grund weiß, warum diese beiden nicht den Bund der Ehe miteinander eingehen sollen, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen." Nicht das allerkleinste Geräusch durchdringt die feierliche Stille des Augenblicks, noch nicht einmal ein Atemholen ist irgendwo zu hören, und so fährt sie fort: "Colevar Lorcain von Lyness, nimmst du Calait Skorn Du von den Roten Resande zu deiner rechtmäßigen Gemahlin? Willst du sie lieben und ehren, in den guten wie in den dunklen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut, Freude und Leid? Willst du ihr die Treue halten und sie beschützen von diesem Tage an bis in alle Zeit?"
'Ich will.'
"Calait Skorn Du, nimmst du Colevar Lorcain zu deinem rechtmäßigen Gemahl? Willst du ihn lieben und ehren, in den guten wie in den dunklen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut, Freude und Leid? Willst du ihm die Treue halten und ihm gehorchen von diesem Tage an bis in alle Zeit?"
'Ich will.'
"Dann leistet nun im Angesicht der Götter und vor den Zeugen eurer Vermählung eure Ehegelübde", fordert Niniane leise. Zu ihrer Überraschung… obwohl, wenn sie ehrlich ist, ist sie eigentlich überhaupt nicht überrascht, immerhin wollten die beiden tatsächlich noch einmal mit einem Priestersegen und vermutlich auch in einem Tempel oder auf Lyness heiraten, und schließlich hatten Azra und Calait eine Hochzeit geplant… gibt es Ringe: zwei Reifen aus geheimnisvoll schimmerndem Dunkelgold mit ineinander verschlungenen, haarfeinen Gravuren. Auf der Oberseite von beiden ist etwas, das sie zuerst nicht erkennt, doch dann begreift sie – hält man beide Ringe nebeneinander, ergeben sie zusammen den stilisierten Kopf eines Bären. Colevar nimmt Calaits schmale Hand und streift ihr behutsam den Ring über den vierten Finger der Rechten – sie ist allerdings so dünn geworden, dass sie die Hand zur Faust ballen muss, um ihn nicht zu verlieren. 'Vor den Göttern und allen Völkern Rohas nehme ich, Colevar Lorcain, dich zu meiner rechtmäßigen Gemahlin. Was mein ist, soll auch dein sein. Mein Haus und mein Name sollen dir gehören. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Ich will dich nicht verlassen, noch von deiner Seite weichen. Ich will dich lieben, dich achten und dir die Treue halten, in den guten, wie den dunklen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut, in Freude und Leid, in diesem Leben und in der Andernwelt.'

Calaits Stimme zittert ein wenig, allerdings glaubt Niniane, dass es diesmal eher vor Rührung ist als vor Erschöpfung… obwohl sie unleugbar erschöpft aussieht. Doch sie lächelt und das verwandelt ihr eingefallenes Gesicht vollkommen. Der breite Drachengoldreif gleitet mühelos über Colevars Finger. 'Ich, Calait Skorn Du, nehme dich, Colevar Lorcain, zu meinem rechtmäßigen Gemahl vor den Göttern und den Geistern und vor allen Völkern Rohas. Was mein ist, soll auch dein sein. Zu Deinem Haus will ich gehören und Deinen Namen will ich tragen. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Ich will dich nicht verlassen, noch von deiner Seite weichen. Ich will dich lieben, dich achten und dir die Treue halten, in den guten, wie den dunklen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut, in Freude und Leid, in diesem Leben und in der Andernwelt.'
Niniane segnet ihre ineinander verschlungenen Hände und spürt wie ihre Augen angesichts der Bedeutung – und der unvermittelten Dringlichkeit – dieser heiligen Schwüre schon wieder in Tränen schwimmen. Sie schluckt entschlossen und vernehmlich. Wage es ja nicht, Sithech. Hörst du mich? Wage es ja nicht!
"Dann erkläre ich euch hiermit vor den Gesetzen der Götter und Menschen zu Mann und Frau." Sie muss Colevar nicht sagen, dass er die Braut jetzt küssen darf – er tut es ohnehin schon. Es gibt keinen Beifall, keine Jubelrufe, keine Ausgelassenheit… alle, die sie hier sind, wissen, warum sie jetzt noch einmal formell geheiratet haben, aber das hindert weder Azra, noch Borgil und auch Cron nicht daran, in breites Lächeln auszubrechen, die beiden zu beglückwünschen, äußerst behutsam zu umarmen oder auf breite Schultern zu klopfen. Borgil holt zur Feier des Anlasses noch eine Flasche sündhaft guten Perlweins aus den Nebrinôrthares aus seinem Keller, um aus noch sündhafteren Kristallkelchen auf die Frischvermählten und doch längst vermählten anzustoßen, was sie auch tun, auch wenn Calaits schimmerndes Glas nur ein wenig Honigwasser enthält. Doch es geht ihr nicht gut genug, um die Gesellschaft ihrer Freunde und ihres Schwiegervaters und sogar diese wenige Aufregung – alle schleichen ohnehin wie auf Zehenspitzen um sie herum, um sie ja nicht zu stören – länger als eine halbe Stunde genießen zu können… also scheucht Niniane die kleine Hochzeitsgesellschaft alsbald auch schon wieder hinaus. Sie untersucht Calait wie jeden Abend, stellt zufrieden fest, dass es dem Kind gut zu gehen scheint und hält alle Sorgen um die Resande eisern aus ihrem Gesicht fern. Als letztes unterzeichnet sie den Ehekontrakt und setzt das Shenrahsiegel darunter – damit ist es offiziell und das Kind, das sie in zwei Tagen holen wird, ist ein eheliches Kind und der Erbe von Lyness.
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Colevar

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Friday, September 23rd 2016, 3:03pm

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15. Sturmwind 516, die Stunde des Wolfs

Whenever we think we know the future, even for a second, it changes. Sometimes the future changes quickly and completely and we’re left only with the choice of what to do next. We can choice to be afraid of it. To stand there, trembling, not moving. Assuming the worst that can happen or we step forward into the unknown and assume everything will be alright. (M. Grey)

I can feel my insides sink. My knees too. So I sit on the ground, against the wall, letting it support me. I thought I knew what heartbreak felt like. That was nothing. This, this is heartbreak. The pain in your chest, the ache behind your eyes.
The knowing that things will never be the same again. It's all relative, I suppose. You think you know love, you think you know real pain, but you don't. You don't know anything. (Unknown)


Colevar weiß nicht, was ihn eigentlich weckt, aber er ist von einem Augenblick auf den anderen hellwach und alarmiert - und er weiß sofort, woran er ist. Er kann wortwörtlich spüren als es geschieht: im einen Moment ist Calait noch bei ihm und im nächsten nicht mehr. Außerdem ist alles unter ihm nass und warm. In der pechschwarzen Dunkelheit tastet er nach dem Zunderkästchen auf dem Nachttisch neben dem Bett und entzündet die Kerzen – Calait ist bleich wie der Tod und regt sich nicht mehr, und ihr vorher rasselnder, angestrengter Atem ist nun so leise geworden, dass es klingt wie das Schnurren eines kleinen Kätzchens. Überall auf den Laken ist Blut, rotschwarz und glänzend im Schein der flackernden Kerzenflamme. Colevar ist in einem Herzschlag auf den Beinen und zur Tür hinaus – sieht mit schrecklicher Angst im Herzen von irgendwo außerhalb seines Körpers zu, wie er das einzige tut, was er überhaupt tun kann - und ist kaum sechzig Herzschläge später wieder im Raum, Niniane dicht hinter sich. Er kann sich nicht erinnern, die Protektorin geholt zu haben, ob er sie aus dem Schlaf gezerrt oder ob sie ihn bereits erwartet hatte, er weiß nicht einmal mehr, wie er die wenigen Schritte hinüber zu ihrem Gemach gekommen ist. Erst zurück an Calaits Seite befindet er sich wieder in seinem Körper, ebenso abrupt, wie er ihn verlassen hatte, und das Atmen kostet ihn solche Mühe, dass sein ganzer Brustkorb schmerzt.

Colevar hat gewusst, dass dieser Moment kommt, sie alle wussten es – aber nicht so, und er ist wie betäubt von der schieren Ungeheuerlichkeit der Ereignisse. Das hier sollte kontrolliert stattfinden – am siebzehnten Sturmwind, bei hellem Tageslicht, mit dieser Anirana Mealla an Ninianes Seite, mit Mohnblumensaft, mit heißem Wasser und Tüchern, mit Azras helfenden Händen und mit einer Amme für den Fall der Fälle… mit der Gelegenheit, sich zu verabschieden… so gut vorbereitet wie nur irgend möglich. Sie hatten gewusst, was auf sie zukommt, sie hatten gewusst, dass es dieses Risiko gibt – und sie hatten sich für die Gefahr entschieden. Für ihr Kind, für das Leben - ganz gleich, ob es ihren eigenen Tod bedeutet oder nicht. Plötzlich erinnert er sich an die Worte, die Calait und er miteinander gesprochen hatten, nachdem Niniane im Taumond bei ihnen gewesen war und ihnen gesagt hatte, sie könnte - als letztes Mittel - die Schwangerschaft abbrechen, das Kind töten und es herausschneiden, um Calaits Leben zu retten. Sie hatten sich beide dagegen entschieden, im selben Moment, als Calait ihre Arme schützend um ihren runden Kugelbauch - das einzige, das an ihr rund ist, grotesk im Vergleich zu ihrem ausgemergelten Körper - gelegt hatte. Und als die Protektorin gegangen war, hatte Calait ihm trotz ihrer Blindheit sofort angesehen, dass er Zweifel hatte. 'Nicht wegen des Kindes, Hexchen', hatte er versichert und es war die Wahrheit. 'Es ist nur… es ist so viel leichter, etwas Gefährliches selbst zu tun, als zum Warten verdammt zu sein und sich Sorgen zu machen, während es jemand anderes tut.'
'Ha!' Hatte sie erwidert. 'Dann weißt du ja jetzt, wie es ist, mit dir verheiratet zu sein.'
Damals hatte er gelacht, jetzt schnürt es ihm die Kehle zu.

In seinem Kopf spielen sich immer wieder dieselben Szenen ab und als er an Calaits Seite kniet, ertappt er sich selbst bei dem Versuch, alles aus seinem Gesicht fernzuhalten – seine grenzenlose Angst, das stumme Entsetzen, den grausamen Schmerz, den namenlosen Kummer… obwohl sie ohne Bewusstsein ist und seine Miene auch nicht sehen könnte, selbst wenn sie wach wäre. Als würde es wahr, wenn er es zuließe. Als würde es wirklich werden. Die Erinnerung an Ealasaidh, das kleine Mädchen, dessen Herz – buchstäblich, da ihr Körper so verbrannt gewesen war – in seiner Hand gelegen hatte, ist plötzlich so real wie im Augenblick ihres Todes vor so vielen Jahren. Die ganze Zeit hatte er damals gedacht, es müsse doch eine Möglichkeit geben. Aber es gab keine. Noch während er seine Hand über das kleine, kleine Gesichtchen gelegt hatte, war er sich sicher gewesen, dass dies auf gar keinen Fall die Wirklichkeit war. Doch gleichzeitig… gleichzeitig war das die wirklichste und eindringlichste Erfahrung seines Lebens gewesen. Bis jetzt.
>Alles wird gut,< hört er Azra leise sagen. Er kann nicht einmal sagen, wo Borgils winzige Frau auf einmal hergekommen sein mag, ob sie vielleicht mit Niniane kam oder schon eine Weile hier ist, doch ihre zuversichtlichen Worte trösten ihn ein wenig. >Du musst nur atmen. Nicht nachdenken. Nur atmen.<

"Was…" wendet er sich an Niniane, doch seine Lippen fühlen sich so kalt an, dass er Mühe hat, zu sprechen und sein Herz ist so fest zusammengepresst, dass er kaum Luft bekommt: "Was kann ich tun?"
>Halt sie fest. Sie ist zu schwach, um ihr Mondblumensaft zu geben und ich glaube nicht, dass sie etwas spüren wird, aber sie darf sich nicht bewegen. Nicht einen Sekhelrin.<
Er nickt nur und fasst Calaits nackte Schultern. Ihre Haut ist so kühl und glatt wie Marmor.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
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Friday, September 23rd 2016, 3:28pm

Der Segen der Seharim

15. Sturmwind 516, von der Stunde des Wolfs bis zur Schwarzen Stunde

Schenkt uns Mut, ihr Götter, auf dass wir nicht verzweifeln. Sendet den Segen der Seharim über unsere Seelen, damit wir nicht in Verdammnis fallen. Segnet, segnet uns, ihr Mächte Rohas, in Leid und Tod, die wir vielleicht finden. Und sendet den Segen der Seharim über unsere Seelen, damit wir nicht in Verdammnis fallen.


Sie war schon aus dem Schlaf gefahren, als sie die leisen Geräusche aus dem Gemach neben dem ihren vernommen hatte und bereits auf den Beinen und halb in ihr Gewand geschlüpft, als Colevars Schritte draußen auf dem Gang zu hören waren. "Soll ich mitkommen?" Hatte Cron gefragt, der plötzlich neben ihr aufgetaucht war. "Nein", hatte sie leise erwidert und ihn kurz berührt, damit er ihr Kraft gab, während sie mit der anderen Hand bereits nach der Tasche mit ihrer Ausrüstung geangelt hatte: Schere, weißer Zwirn für die Nabelschnur, saubere Tücher, ausgekocht und getrocknet. Ein gewachstes Geburtsleder. Eine kleine Flasche reinen Alkohols, zur Hälfte mit abgekochtem Wasser verdünnt. Gewaschene, aber nicht gekochte, geölte Wollbäuschchen. Ihr Hörrohr. Ihre Klingen, frisch geschärft und rein. Klemmen. Zangen. Ein Stück Silberdraht, der an einem Ende gespitzt, geschärft und nun wie eine Schlange zusammengerollt ist. "Geh wieder schlafen. Ich lasse dich holen, wenn ich dich brauche." Etwa um einen durchdrehenden, sieben Fuß großen halben Barbaren aufzuhalten, wenn ich seinem ungeborenen Kind den Schädel eindrücken oder es mit einer Drahtschlinge enthaupten muss, um Calait zu retten oder seiner toten Frau den Leib aufschneide, um das Kind vor dem Tod zu bewahren… Er war vom Schlaf zerzaust und die Glut des Feuers hatte Schatten unter seine hohen, breiten Wangenknochen gemalt, doch sein Blick war hellwach gewesen. Er hatte genickt und ihre Stirn geküsst, doch anstatt zurückzutreten, hatte sie plötzlich seine Hand auf ihrem Haar gespürt. "Serafar blessi þig og varðveiti þig." Dann hatte er ihre Wange berührt, 'wir sehen uns morgen früh' gesagt, und sie sanft, aber bestimmt zur Tür und praktisch in Colevars Arme geschoben – und als sie den Sithechritter gesehen hatte, panisch, aber eisern beherrscht, nur im Hemd und voller Blut, das nicht das seine war, hatte sie sofort gewusst, woran sie war: das, wovor sie sich alle seit Monden gefürchtet hatten, war eingetreten... nicht zu früh, jedenfalls nicht so viel zu früh, dass sie keine Chance gehabt hätten, dennoch... angesichts dieses Blutverlustes ist Calait in ernsthaften Schwierigkeiten und sie spürt wie die Furcht mit eisigen Händen nach ihrer Kehle greift. Sie hastet hinter Colevar her, trifft auf eine verschlafene Magd mit einer Kerze, die von den Gesindekammern unter dem Dach herunterkommt, um nachzusehen, was der Aufruhr zu bedeuten hat, und schickt sie los, um Azra zu wecken und alles nötige zu veranlassen. Sie muss nichts groß erklären, denn alle Bediensteten der Harfe wissen Bescheid, dann folgt sie dem Sithechritter in sein Gemach. Kupferner Blutgeruch hängt schwer in der Luft und die Resande liegt vollkommen reglos in dem riesigen Bett, in dem sie sehr klein und sehr verloren aussieht. Verdammt... Der gewaltige, rauchgraue Hund hat seine Nase unter ihren Hals geschoben und jault zum Göttererbarmen, während die gescheckte Resandehündin winselnd und mit eingezogenem Schwanz um das Bett herumschleicht. Verdammt und verdammt... Doch sie fühlt Crons Hände auf ihrem Haar und seinen geflüsterten Segensspruch. Serafar blessi þig og varðveiti þig... die Seharim segnen dich und behüten dich... Es ist ein Segen, den man im Norden einem Krieger gibt, der in die Schlacht zieht – sie hat ihn schon mehr als einmal über ihren Mann gesprochen, wenn auch nicht im Landsmål Normands. Er selbst hatte so etwas noch nie getan und sie weiß nicht, was ihn heute dazu bewogen hat, doch die Worte glühen in ihrem Herzen, ein kleiner Schutzschild gegen die Gefahren, die sie erwarten...

Überall auf dem Bett ist Blut – und Fruchtwasser – doch es ist weniger, als sie bei Colevars Anblick zuallererst befürchtet hat. Gut... und dreimal verdammt! "Dann wollen wir uns das mal ansehen..." Hört sie sich selbst mit einer Ruhe sagen, die sie nicht empfindet, scheucht die Hunde beiseite und zieht die Resande entschlossen zu sich an den Rand des Bettes, deren lebloser Körper sich in genau diesem Moment willenlos aufbäumt. Bewusstlos, wie sie ist, sieht sie eher aus wie ein Mensch in den Klauen des Wundstarrkrampfes als eine werdende Mutter, doch zum Glück währt die Wehe nicht lange. Beim ersten, raschen Blick auf die Resande hatte ihr Herz trotz der Umstände noch einen kleinen, erleichterten Freudensprung getan - bisher ist es nicht zuviel Blut und nicht zuviel Fruchtwasser - und das Baby in ihrem Bauch bewegt sich zwar nicht, doch das tun schließlich die meisten während der Geburt nicht. Dennoch weiß Niniane, dass ihr nicht sehr viel Zeit bleibt, dieses Kind zu holen. Calait blutet und die Wehen haben eingesetzt, ohne dass sie in irgendeiner Weise in der Lage oder auch nur fähig gewesen wäre, das Kind auch zur Welt zu bringen - und daher darf sie als Hebamme nun keine Zeit verlieren. Die größte Gefahr für die Resande im Augenblick ist, dass sie nicht aufhören könnte, zu bluten und allgemein schon zu geschwächt sein könnte. Die größe Gefahr für das Kind ist im Moment, dass beim Platzen der Fruchtblase ein Teil der Nabelschnur vorfallen und dann zwischen dem kleinen, ungeborenen Körper und den Beckenknochen seiner Mutter eingeklemmt würde... oder sich ihm vielleicht um den Hals legen könnte. Noch während sie Atmung und Puls der Resande überprüft – furchtbar schwach, aber noch... noch... vorhanden – ihre Lider hochzieht, die Pupillen in Augenschein nimmt, und dann die Umrisse des Kindes und seine Lage genau abtastet, kommt Azra herein. Mit ihr kommen ein paar Mägde, die sich jedes entsetzte Flüstern verkneifen, heißes Wasser, noch mehr saubere Tücher und verschiedene andere Dinge bringen, und dann ebenso lautlos wieder hinaushuschen. Azra bleibt, findet sogar ein paar zuversichtliche Worte für den so erschreckend ruhigen Sithechritter, Colevar kniet an Calaits Seite, sie selbst gibt ihre Anweisungen, die Resande festzuhalten, und dann geht alles sehr schnell: aus einer dunklen Phiole geschliffenen Amethysts träufelt sie eine helle, cremige Flüssigkeit auf Calaits Bauch, die sie rasch und fest in die zum Zerreißen gespannte Haut reibt, dann breitet sie das gewachse Leder unter ihr aus. Azra hält sich still und aufmerksam an ihrer Seite und leuchtet ihr mit einer hellen Bienenwachskerze, obwohl sie das zusätzliche Licht dank ihrer halbelbischen Sinne nicht unbedingt gebraucht hätte. Niniane reinigt ihre Hände, schüttet etwas von dem verdünnten Alkohol über Calaits Leib und das Skalpell mit der gebogenen Klinge, nickt Colevar zu, der seine besinnungslose Frau dann mit seinem ganzen Gewicht auf dem Bett festhält und wird selbst schlagartig vollkommen ruhig, seltsam körperlos, wie gefangen zwischen Leben und Tod. Noch einmal holt sie tief Luft und dann handelt sie - ohne Angst, ohne Zweifel. Es gibt nichts mehr als ihre Klinge und den Druck, die sich teilende Haut und die leise Möglichkeit, die Gewissheit absoluter Not...

Sie schlitzt Calait den Bauch vom Nabel bis zum Schambein auf, schiebt sich behutsam, aber zielstrebig durch die erschlafften Muskeln, schneidet so schnell sie es wagt, doch vorsichtig, vorsichtig durch die Gebärmutterwand... und zählt dabei in Gedanken unablässig, weil sie weiß, dass sie bestenfalls ein paar Minuten hat, die verstreichenden Herzschläge... eins Seharimflügel, zwei Seharimflügel, drei Seharimflügel... lässt die Klinge fallen, taucht mit beiden Händen tief in Calait ein, immer noch blutwarm, blutfließend - gut, sie lebt noch, noch lebt sie – neun Seharimflügel, zehn Seharimflügel..., und berührt das Kind, weiß, spürt augenblicklich, hofft es jedenfalls inbrünstig, dass sie jemanden berührt hat, umfasst es, ihn, S'leja Kleiner... oh, willkommen kleiner Mann..., dreht ihn... und holt ihn zur Welt, den kleinen Hintern voran. Er löst sich mit der Plötzlichkeit jeder Geburt aus dem Körper seiner Mutter und Niniane wischt Blut und Käseschmiere aus dem winzigen Gesicht, bedeckt Näschen und Mund mit ihrem eigenen und saugt fest. Dann dreht sie den Kopf zur Seite und spuckt Schleim und Fruchtwasser aus. Mit verschmiertem Gesicht und metallischem Geschmack im Mund bläst sie ihm in die Nase, sanft, ganz sanft, denn die winzigen Lungen sind so zart wie Spinnweben, drückt ihm auf die Brust – nur mit zwei Fingern, ganz sacht – und spürt, endlich, die Bewegung, ein sachtes Zappeln, ein instinktiver Kampf, im allerersten Augenblick kaum mehr als das Vibrieren eines Vogelflügels, dann kräftiger. Sie hält inne, hält ihn, schlaff und glitschig wie er ist – und sieht, wie sich seine Augen öffnen, tiefblau, vage neugierig und ganz und gar beseelt, sieht, wie seine Ärmchen zu rudern beginnen und staunt über seine schiere Größe und sein - angesichts der Tatsache, dass er mindestens vier Wochen zu früh zur Welt kam – doch recht solides Gewicht. Sie hört, wie er erschrocken Luft holt, hört ihn atmen, kräftig, ganz und gar selbstständig, und lacht, von plötzlicher Freude durchströmt, denn der Lebensfunke in diesem Kind ist entzündet und brennt wie eine Kerze mit heller, klarer Flamme – und es hat zweifellos eine Seele. "Oh!" Hört sie Azra sagen, ein enormes, erleichtertes Lächeln auf dem hübschen, blassen Gesicht. "Oh, oh... was ist es?"
"Ein Junge." Sie durchtrennt die Nabelschnur, wickelt das Baby in weiche Tücher und reicht es Borgils Frau. "Hier nimm ihn und sorg dafür, dass sofort jemand diese Mealla herholt, ich muss mich um Calait kümmern... sie blutet immer noch. Schick mir auch eine Magd. Ich brauche Königsgelee, Honig und Honigwasser, Rinderbrühe, heißes Wasser, frische Laken und jemand muss hier saubermachen."

Azra ist gurrend und das Baby wiegend zur Tür hinaus und Niniane wendet sich augenblicklich wieder der Resande zu. Colevar hält ihren leblosen Körper noch immer, und einen solchen Ausdruck hat sie noch nie in seinen Augen gesehen. Schmerz und Leid haben tiefe Furchen rings um sie eingegraben, und Trauer beschwert seine Lider – doch seine Augen selbst sind so tief und ruhig wie die See in einer windstillen Nacht. Das, was er während der ganzen alptraumhaften letzten Viertelstunde ausgestrahlt hatte, diese Atmosphäre stummen Entsetzens und betäubenden Schmerzes, ist von ihm gewichen und hat der Entschlossenheit Platz gemacht – und noch etwas anderem, das tief in seinem Inneren brennt. "Du kannst sie jetzt loslassen, du hast einen kräftigen Sohn. Geh zu deinem Kind, Colevar." Der Sithechritter bewegt sich keinen Sekhelrin und reagiert auch sonst in keiner Weise, außer dass er seine Frau anstarrt, als könne er sie allein mit der Kraft seines Willens irgendwie bei sich behalten, und Niniane gibt auf. Sie erkennt eine aussichtslose Sache, wenn sie sie sieht - und sie hat auch überhaupt keine Zeit, weiter auf ihn zu achten. Abgesehen davon kann er das vermutlich sogar, geht es ihr durch den Kopf, als sie ihre blutverschmierten Hände wieder in Calaits Leib versenkt, denn wenn sie irgendjemandem zutraut, Sithech und dem Schicksal derart die Stirn zu bieten, dann diesem Mann. Ihre Hände und Finger bewegen sich schnell und sicher, während ihre Klinge hier und dort aufblitzt, als sie Blut und Gewebestücke entfernt, dann Calaits leeren Bauch knetet und massiert, damit sich die Nachgeburt löst und nichts zurückbleibt. Sie spürt, wie die geschwächten Muskeln sich vage zusammenziehen und noch im selben Moment, dass das nicht reichen wird, träufelt eine farblose Flüssigkeit in die klaffende Wunde, wartet mit angehaltenem Atem - und flucht wie ein Mistkarrenfahrer, als sie fühlen kann, dass das Blut noch immer fließt. Sie schabt noch einmal aus, tränkt dicke Tamponagen mit der selben Essenz, und stopft Calaits leere Gebärmutter damit aus – und flucht noch viel schlimmer, als auch das nichts nützen will. Dann findet nach schier endlosen Herzschlägen endlich die Stelle der Wundfläche, an der sich die Blutgefäße nicht wieder geschlossen hatten, und presst so fest sie kann ihre ganze Faust darauf – es hört auf. Eins Seharimflügel, zwei Seharimflügel, drei Seharimflügel, vier Seharimflügel... sie lockert den Druck kaum merklich und drückt gleich wieder fest zu. Fünf Seharimflügel, sechs Sehrimflügel, sieben Seharimflügel, acht Seharimflügel... Sie lockert und drückt zu, lockert und drückt zu, und ihr umherschweifender Blick fällt aus dem Fenster. Zu ihrer Überraschung schneit es draußen. Der Himmel ist noch von mitternächtlichem Schwarz, doch in der Luft tanzen riesige, wirbelnde Flocken – eine Wetterlaune des Frühlings. Am Morgen wäre der Schnee vermutlich spurlos verschwunden, doch jetzt erfüllt er die Nacht wie ein Geheimnis. Neun Seharimflügel, zehn Seharimflügel, elf Seharimflügel, zwölf... Sie zählt lautlos und lauscht der lebendigen Stille, die wie eine Glocke widerzuhallen scheint. Wenn es eine Nacht gibt, in der die Seharim auf Rohas Grund wandeln, dann betet sie, dass es diese ist.

Als die Anirana schließlich eintrifft, hat sie so viele Seharimflügel gezählt, dass ein ganzer Schwarm von ihnen unterwegs sein muss und als sie ins Gemach kommt, erkennt Niniane bei einem kurzen Blick über die Schulter, dass sich draußen im Gang ein kleiner Menschen-, Zwergen-, Mogbar- und Viertelelbhalbzwergirgendwasauflauf versammelt hat – Borgil, Cron, Aneirin, Grid, Sigrun, Halla, sämtliche Kinder... die gesamte Harfe scheint auf den Beinen und wartet dort draußen, irgendwo zwischen Bangen und Hoffen. Mealla verliert keine Zeit mit unnötigen Zaubern oder Kraftverschwendungen jeglicher Art, sondern lässt sich in knappen Worten schildern, was geschehen ist, was sie, Niniane, bereits getan hat, und sich genau die Stelle zeigen, an der sich der Mutterkuchen zwar ordnungsgemäß gelöst hatte, die jetzt jedoch nicht aufhören will zu bluten, dann nimmt sie sich Calaits an. Niniane nimmt ihre Hand fort und aus dem geschundenen Leib der Resande, sobald Mealla nickend ihre Einwilligung dafür gibt, dann übernimmt die Anirana. Die Heilung selbst, einschließlich Trance und flimmernden Goldschimmers, geht vergleichsweise rasch vonstatten und ist allen Göttern sei Dank auch erfolgreich, auch wenn Mealla selbst vielleicht ein wenig befangen sein mag angesichts der Tatsache, dass sie Calait zu ihren Freundinnen zählt, und der Körper der Resande selbst schon so unsagbar geschwächt ist. Doch diesmal haben sie schlicht Glück, und dank der magischen Heilung gibt es noch nicht einmal eine Wunde mehr, die vernäht und mit Königsgelee und Honig versorgt oder peinlich saubergehalten werden müsste. Die natürlichen inneren Verletzungen, die eine Geburt nach sich zieht, tastet die Anirana nicht an... vielleicht, weil solcherlei Dinge besser von ganz allein heilen, eine Meinung, die Niniane vorbehaltlos teilt, vielleicht aber auch, weil sie dem Körper ihrer Freundin nicht noch mehr zumuten will oder kann. Als die Schwarze Stunde anbricht, haben sie schließlich getan, was sie konnten. Niniane schöpft noch etwas Wasser aus dem dampfenden Kessel in die Waschschüssel und gießt kaltes aus einem bereitstehenden Krug dazu. Mealla hatte sich verabschiedet - sie hat irgendeinen zu versorgenden Patienten in Llwyfanen in ihrer Obhut, den sie nicht länger allein lassen kann - und Niniane hatte Calait gewaschen; das Blut fließt ihr nun von den Händen und zieht sich in dunklen Wirbeln durch das Wasser. Colevar hatte Calait auf ihre leisen, eindringlichen Worte hin einfach hochgehoben, während sie das Bett abgezogen und frische Laken und Decken ausgebreitet hatte. Nun steckt die Resande in einem Hemd des Sithechritters, sauber, versorgt und totenbleich, aber nach wie vor am Leben. Noch einmal prüft sie Calaits Atem und ihren Herzschlag und nickt schließlich, auch wenn ihr beides erschreckend schwach erscheint. Eigentlich erscheint es ihr zu früh, irgendwelche hoffnungsvollen Voraussagen zu treffen, doch etwas muss sie sagen, also… "Wenn sie die Nacht und den Morgen übersteht, wird sie es schaffen. Sie hat sehr viel Blut verloren und sie ist wirklich sehr schwach." Ob Colevar auch nur eines ihrer Worte hört, geschweige denn versteht, kann sie beim besten Willen nicht sagen, aber auch Azra ist im Raum, versorgt das Baby, reinigt es mit den lanolingetränkten Wollbäuschen, verpasst ihm eine Windel aus Batist und hüllt es in weiche Decken – und zumindest Borgils Frau lauscht ihr mit besorgter Miene. "Mealla und ich, wir haben getan, was uns möglich war. Sie braucht jetzt einen Trank, der ihr hilft, neues Blut zu bilden und muss jede Stunde zumindest ein, zwei Schlucke davon einnehmen. Außerdem soll sie Honigwasser und starke Rinderbrühe trinken, sobald sie aufwacht, doch fürs erste… fürs erste können wir nur warten. Ich gehe und sage es… sage es den anderen. Sie warten alle draußen."
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

444

Tuesday, March 28th 2017, 6:38pm

Zur Stunde des Morgenrots

Wie ein Schatten seiner selbst schleicht Dar in den Gastraum, und als eine Schankmaid einer anderen laut etwas über saubere Decken hinterher ruft, duckt sich der Fro'gar wie unter Peitschenschlägen. »Nur einen Krug, auf meinen verstorbenen Vater, versprochen!«, ja klar doch. „Ich bring dich um, du Biest!“ entfährt ihm leise knurrend in Zardakh der Kehle, ehe er sich selbst den Kopf hält, als wäre eine zehn Mann schwere Bronzeglocke direkt neben seinem Kopf angeschlagen worden, um dann kaum vernehmlich in Zardakh flüsternd zu ergänzen: „…sobald ich wieder nüchtern bin.“

Am Tresen stehend erhebt Dar darauf die Faust, mit einem lauten Klopfen auf sich aufmerksam zu machen, hält im letzten Moment jedoch inne winkt und murmelt, sollte ihn wer ansprechen, die Handelssprache verwendend: „Ein rrrrrrr, rrrrrrrrr, ru- higes Zim, Zimmer, für länger, mit Bad und “, Hier wechselt Dar kurz, nunmehr flüssig sprechend, ins Zardak, scheint auch eher zu sich selbst zu sprechen: „Nein, Zimmer, ganz tief im Keller werden sie hier wohl kaum haben.“ Also vollendet er wieder in die Handelssprache überwechselnd: „Uuund rrrrrruich bitte!“

So angeschlagen Dar auch scheint, wird er die Zimmerrechnung gleich und auf drei Tage begleichen und dann auf's Zimmer schleichen wollen um dort, wie er ins Zardakh wieder wechselnd, erklärt, gaaaaaaanz leise vor sich hinzusterben!
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

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Rhordri

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445

Monday, August 7th 2017, 9:28pm

Essen und Trinken
… hält Leib und Seele zusammen

24. Sonnenthron 517


Rhordri bekommt von den ganzen Gefühlsduseleien um ihn herum nicht so viel mit. Das heißt nicht, dass er sich nicht die größten Sorgen um den armen Olyvar macht und sich fragt, wie viel um Himmels Willen der Mann noch ertragen wird müssen, doch verborgene Strömungen und das 'Chaos im Kleinen' entgehen ihm völlig. Er wundert sich noch nicht einmal großartig darüber, dass dieser Sithechjünger kein Sithechjünger mehr, sondern wieder ein Mensch ist. Andersherum funktioniert es ja auch, warum soll es so herum nicht gehen? Zu seiner Entschuldigung ist dazu nur zu sagen, dass man schwerlich einen abergläubischeren und gleichzeitig magiegläubigeren Menschen als Rhordri in ganz Talyra finden wird – wenn Naturgesetze und gesunder Menschenverstand bei der Erklärung einer Sache versagen, dann kann es nur an Magie liegen, und mit Magie ist seinem Verständnis nach einfach alles möglich. Er ist zwar alles andere als ungebildet, aber er ist weit davon entfernt, ein Gelehrter zu sein – hätte er mehr über Vampire an sich gewusst (was er nicht tut), wäre er sehr viel verwunderter gewesen. So jedoch nimmt er die Sache zwar als durchaus wundersam, aber keineswegs unerklärlich hin. Auch von Rayyans vermutetem Ableben hat er noch rein gar nichts mitbekommen: er war viel zu beschäftigt damit gewesen, seine vor lauter Erleichterung und Wiedersehensfreude völlig aufgelöste Frau zu beruhigen und in dem ganzen Durcheinander nicht aus Versehen auf eines der überall herumwuselnden Kinder zu treten. Doch jetzt sind sie hier, in der Harfe, Borgil und Kalam Chelain sind nicht, wie halb erwartet, halb befürchtet, wegen dessen etwas unorthodoxer Heirat mit Karamaneh in der Ferne (und ohne Borgils Segen) aneinander geraten, und wie es scheint, hat sich Sigrun, die gute Seele, mit einem Festmahl zur Feier der Rückkehr ihrer Azurien-Abenteurer selbst übertroffen: es gibt cremige Hühnerbrühe mit Sommerkräutern und frisch gebackenem Brot; Rindfleischpasteten, gebutterte Rüben, mit Honig glasierte Brathühner, Forellen im Speckmantel, Wildschweinbraten (gefüllt mit Rahm und schwarzen Pflaumen), eingelegte Birnen in Rotwein und Rotbeerentörtchen. Nicht, dass seine Morna – immerhin Sigruns Schwester – nicht genauso gut kochen könnte, aber es ist doch etwas anderes, so festlich bewirtet zu werden, erst recht, wenn man selbst nicht einen Finger dafür krumm machen muss. Eine ganze Weile ist Rhordri also ausschließlich mit dem Probieren all dieser Köstlichkeiten beschäftigt und lauscht den Unterhaltungen am Tisch bestenfalls mit halbem Ohr, meistens jedoch so gut wie gar nicht. Aber er beobachtet die versammelte Gesellschaft, völlig zufrieden damit, still sein Mahl zu genießen. Diese Karamaneh kennt er ja bereits, ebenso wie Kalam, wenn auch beide mehr vom Sehen, auch wenn ihm die Malankari etwas vertrauter ist und er viel mehr über sie weiß (wie gesagt: Morna ist Sigruns Schwester und die Stille Post ist in Talyra eine Sache, die bestens funktioniert, kennt man die richtigen Leute). Natürlich sagt ihm als Kastellan der Steinfaust und langgedientem Blaumantel der Name Kalam Chelain etwas. Einiges sogar, auch wenn er den Sithechjünger - pardon, ehemaligen Sithechjünger - in den letzten Jahrzehnten bestenfalls ein Dutzend Mal in der Steinfaust zu Gesicht bekommen und davon vielleicht halb so oft selbst mit ihm gesprochen hat. Doch er ist Träger Ridils und eine hinreichend bekannte Persönlichkeit in Kriegerkreisen – nahezu jeder der ein Schwert schwingt und sich für besondere Waffen interessiert, hat irgendwann irgendwo schon einmal seinen Namen gehört.

In Rhordris Augen ist der Mann allerdings aus ganz anderen Gründen sein ganz privater Held: es war Kalam, der Colevar nach der Schlacht von Liam Cailidh geholfen hatte, seine gefallenen Söhne zu finden. Und wenn er auch nur ihre Leichen bergen konnte, es war sein Geruchssinn als Vampir, der es überhaupt möglich gemacht hatte, ihre völlig zerhackten Körper unter all den Toten zu finden, so dass Morna und er ihre Jungen wenigstens auf dem Sithechacker hatten begraben können… sie ruhen nicht, wie so viele andere, in den namenlosen Massengräbern am Rand der Sümpfe. Er hätte das nicht tun müssen, drei ihm völlig fremde Blaumäntel, die ihm nichts bedeutet haben können, unter so vielen anderen zu suchen, und er hatte ja mit seinen Rabani bestimmt ganz andere Pflichten und Aufgaben, aber er hat es dennoch getan. Rhordri hatte damals einen Raben mit einer verzweifelten Botschaft an Colevar geschickt, der die Männer befehligt hatte, die zurückgeblieben waren, um die Toten zu bestatten und die versprengten Überlebenden und Nachzügler des Nargenheeres kreuz und quer durch das westliche Larisgrün zu jagen; ein Brief, in dem er ihn angefleht hatte, nach seinen gefallenen Söhnen zu suchen, die nicht bei den Toten gewesen waren, die man nach Talyra gebracht hatte. Der Sithechritter hatte ihm versichert, dass es unmöglich sei, dass sie alle Toten, die noch zu erkennen gewesen waren, schon identifiziert hatten, und der Rest sei so übel zugerichtet, dass man einfach nicht sagen könne, wer einmal wer war… und dass sie all die unbekannten Toten vor Ort bestatten würden. Kalam hatte davon Wind bekommen – wie auch immer – und einen Siebentag später war ein Leichenwagen nach Talyra gerollt mit einer mitfühlenden Nachricht des Sithechjüngers, dass er sie gefunden hatte, alle drei. Gut, dass Olyvar seither keine Brüder mehr in die selben Trupps schickt… Ihm und seiner Morna war dieses Los vielleicht nicht erspart geblieben… aber anderen Müttern und Vätern, deren Kinder bei der Stadtgarde dienen, in Zukunft schon. Niemand sollte eine solche Nachricht an ein und demselben Tag erhalten. Niemand. Die Rotbeerentörtchen schmecken plötzlich irgendwie schal, obwohl ihm das immer die liebsten sind – und das liegt nicht an Sigruns Kochkünsten. Wie ist er jetzt nur auf den Gedanken gekommen, sich in solch furchtbaren Erinnerungen zu verlieren? Und das an einem Tag wie heute, wo sie sich doch über Olyvars Rückkehr freuen sollten! Ach ja… Kalam. Sein Blick schweift wieder zu dem Mann hinüber. Der Kastellan und Blaumantel in ihm mustert schon begehrlich die breiten Schultern und die Haltung, die den erfahrenen Schwertkämpfer verrät (vielleicht hätte er ja Interesse, sollten sie hierbleiben und sich in Talyra niederlassen). Kalam sitzt zwischen Karamaneh und Azra, dann folgen Borgil, Olyvar, Fianryn und Connavar, dann die bald unüberschaubare Anzahl von Borgils Kindern, den leiblichen wie den angenommenen, Njáll mitten unter ihnen - hoppla, was ist denn dem Schmiedebengel für eine Laus über die Leber gelaufen? Der macht ja ein Gesicht wie sieben Tage Nebrewetter - dann kommen Niniane, die Brevæer auf dem Schoß hat, er selbst, seine Morna und neben ihr diese Zaleh, ein blasses, silbriges Dingelchen, das kaum den Mund aufbringt, geschweige denn den Blick von ihrem Teller nimmt. Doch da… er sieht, wie sie unter gesenkten Wimpern verstohlene Blicke in die Runde wirft. Und zwischen ihr und Karamaneh wiederum sitzt Missandei, während die Kleine… wie hieß sie noch? Ach ja, Reisig!... gerade vom Schoß der Malankari zu Kalam hinüberwechselt. Eigentlich wäre sie schon groß genug, allein auf einem Stuhl zu sitzen, aber in dieser Runde und mit all den fremden Gesichtern um sich her, sucht sie wohl doch lieber Schutz bei ihrem Ziehvater. Braiden hingegen schläft längst selig den Mittagsschlaf der Gerechten auf einem improvisierten Bettchen aus dicken Kissen und einem weichen Lammfell auf der in den Erker hineingebauten Sitzbank.

Verder Kupfer und Verder Dunkel machen ebenso die Runde wie wirklich gute weiße und rote Tropfen vom Ostufer, frisches Quellwasser, süßer Most und gekühlte Mandelmilch für die Kleinen. Die kleineren Kinder hält es natürlich nur so lange im Raum, wie es dauert, bis sie pappsatt sind, dann drängen sie alle hinaus und die schüchterne Zaleh wird von Heledd (die keine Scheu kennt) und Missandei praktisch genötigt, mit ihnen zu gehen (und vor allem mit "Komm-in-die-Burg" zu spielen). In Begleitung Zalehs lässt sich auch Reisig dazu hinreißen, mit den anderen Kindern zu gehen, die sie ohnehin schon sehnsüchtig gemustert hat, und Bræn verspricht, gut auf die Kleine zu achten. Jojeen, einen Fuß im Birkenrindengips, humpelt mit ihnen hinaus, flankiert von Branon und Brion, denen er eine wilde Abenteurergeschichte verspricht. Zu Rhordris Überraschung erhebt sich auch Connavar, erklärt, er würde Zaleh und Bræn helfen, auf die kleinen zu achten und aufpassen, dass Njáll keinen Unfug anstellen würde. Azra bringt den noch immer schnarchenden Braiden hinüber in den Anbau, wo die privaten Gemächer der Blutaxtsippe liegen und eine der zahlreichen Harfenmägde auf ihn achtgeben kann, kehrt jedoch gleich wieder zu ihnen zurück. In der Jungfernkammer bleiben außer den Erwachsenen damit nur Fianryn und… wie heißt noch gleich der Schmied? Rimir? Rimen… Ramon… Rimeon! Aber der ist ja auch kein Kind mehr, sondern zählt mit Sicherheit schon achtzehn oder neunzehn Sommer, nach allem, was Rhordri (von Sigrun) weiß. Soll ja ein ganz guter Schmied werden, der Bursche… Einen wirklichen Meisterschmied, ja, den könnte Talyra wohl gebrauchen, nachdem Taran und Sol nicht mehr sind. Der junge Mann hat wohl das Recht, hier zu sein, aber Fianryn… Beim Anblick von Olyvars Tochter verdüstert sich Rhordris aufmerksamer Blick dann doch kummervoll. Das Mädel ist auf einen Schlag erwachsen geworden an jenem Tag im Sturmwind. Und ich, ich bin schuld, weil ich sie mitgehen ließ… Aber er will verdammt sein, wenn sie ihm an diesem Tag nicht eine gewaltige Stütze gewesen ist – und ihre Sache gut gemacht hat. Die Kleine ist vorgetreten und hat sich ein paar Schuhe angezogen, die ihr eigentlich drei Nummern zu groß hätten sein müssen, und siehe da, sie passten und tun es immer noch… Also hat Fianryn, obwohl in seinen Augen eigentlich zu jung, sich wohl ebenso das Recht verdient, hier zu sein und zu hören, was ihr Vater zu erzählen hat… und dass er sein ganzes verworrenes, dunkles Abenteuer erzählen würde, das steht außer Frage. Rhordri kann Olyvar ansehen, dass er sich innerlich wappnet, genau das zu tun. Fleißige Schankmaiden und Küchenjungen räumen im Handumdrehen den Tisch ab, bringen Tabak und Pfeifen – und Rhordri stopft sich ebenso genüsslich wie Borgil eine solche – dazu Karaffen mit Wein und Krüge mit Bier, und lassen sie dann allein. Inzwischen ist es Nachmittag, aber Rhordri hat so das Gefühl, dass sie eine ganze Weile hier sein werden… wahrscheinlich bis weit nach Einbruch der Dunkelheit.

Er soll damit auch ganz recht behalten, ebenso wie mit einigen anderen Dingen. Doch was er – und sie alle – da zu hören bekommen, das lässt ihn ganz schnell jeden Gedanken an ein gemütliches Pfeifchen bei einem guten Humpen Bier vergessen. Genaugenommen denkt er bald gar nichts mehr außer 'Heilige Rhiap!', 'Cobrin, Troilus und Cassandra!', 'Anukis bewahr uns vor den Schrecken der Finsternis!' , 'Götter im Himmel!', 'Der Schah von Mar'Varis, ach du meine Güte!', 'Verdammt!', 'Höllenfeuer!', 'Gesegnete Seharim in der Andernwelt, mein armer Junge…' und 'Also… das… darf… doch… das… kann… doch…' und ähnliche eloquente, wortgewandte Dinge, und das in mehrfacher Ausführung und verschiedenster Reihenfolge. Er ist immer noch völlig erschüttert von allem, was er da zu hören bekommen hat, als Morna und er die Harfe zur Stunde des Wolfs schließlich verlassen, um nach Hause zu gehen… Olyvar und die Kinder würden über Nacht kurzerhand bei Borgil und Azra bleiben, Njáll schläft ohnehin schon tief und fest bei den Zwillingen im Zimmer. Fianryn ist sehr blass und sehr still – wie alle – und Rhordri kann es ihr nicht verdenken. Er hat bestimmt nur die Hälfte von diesem ganzen elenden, mordsgefährlich klingenden Zeug über diese Prophezeiungen verstanden, aber abergläubisch wie er nun einmal ist, glaubt er jedes Wort. Was für ein Abenteuer! Was für ein trauriges, wundersames, schreckliches, schönes, seltsames Märchen… und was für überaus merkwürdige, machtvolle - dunkle wie göttliche - Kräfte sind hier am Werk…
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Kalam

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446

Tuesday, September 5th 2017, 9:57am

Grundsteinlegung

My soul made love to your soul
Long before our bodies met.
When I first laid my eyes on you
I recognized you.

You held my future in your hands. (Anita Krizzan)

I can only connect deeply – or not at all. (Anaïs Nin)

24. Sonnenthron bis Mitte Beerenreif 517


Die Sommernacht gleitet auf trägen Schwingen ihrem Ende entgegen und die Zeit fließt nur so langsam wie dickflüssiger Honig dahin. Die Stunde des Diebes weicht der Stunde der Gefangenen, die Stunde der Gefangenen der Stunde der Jungfrau. Karamaneh schläft tief und fest neben ihm, doch Kalam liegt hellwach in den glatten Kammgarnlaken ihres Bettes und in seinem Kopf jagen sich die Gedanken. Noch ist es draußen dunkel, doch der Dunst, der allmählich vor dem Fenster aufsteigt, ist schon perlgrau und der östliche Horizont hellt sich bereits auf; bald würde die Dämmerung anbrechen – und Olyvar würde sie zur Stunde des Morgenrots am Verder Tor erwarten. Es ist ein Halbtagesritt nach Lyness, wo Colevar und Calait ihr Haus gebaut haben… oder noch bauen, so genau hatte ihnen das selbst Borgil nicht sagen können: der Sithechritter und seine Frau waren zwar ins Sarthetal gezogen, aber nicht auf die Burg von Colevars Vorvätern, sondern in ihr eigenes Haus irgendwo in der Nähe der Festung. Da Karamaneh und er genau wissen, wie schwer es Olyvar fallen wird, Colevar von Rayyans Tod zu berichten, wollen sie ihn damit nicht allein lassen, also hatten sie ihm angeboten, ihn ins Sarthetal zu begleiten… und er hatte angenommen. Zaleh hatte lange überlegt, ob sie ebenfalls mit ihnen kommen würde, sich dann aber dagegen entschieden: sie würde hier bei Azra und Borgil bleiben und auf Reisig achten. Karamanehs Schwester trauert immer noch um den Magier, obwohl sie ihm nur ein einziges Mal und nur für wenige, kurze Augenblicke begegnet war, doch bisher hat sie niemandem erzählt, was an jenem schicksalshaften Tag in der Senke an dem toten Baum mit ihr und Rayyan geschehen war. Karamaneh regt sich neben ihm, murmelt etwas Unverständliches und drängt sich noch dichter an ihn. Kalam legt ein Bein quer über ihre kalten Füße und sie lächelt schwach, seufzt erleichtert und sinkt entspannt wieder in den Schlaf. Auffallend kalte Füße – vor allem nachts – scheinen tatsächlich das einzige Unbill zu sein, dass sie in dieser Schwangerschaft plagt… das und eine Überempfindlichkeit gegen manche Gerüche. Kalam legt den Arm um ihre Mitte, seine Hand auf ihren Bauch und schließt die Augen. Er ist zwar hellwach, doch ihr Bett ist viel zu gemütlich, um sich zu bewegen - abgesehen davon reicht Karamanehs unmittelbare körperliche Nähe mehr als aus, jeden Nachhall seiner besorgten Gedanken zu vertreiben. Sie kuschelt sich prompt noch enger an ihn. Hmmm… Drauf und dran seine freie Hand lieber fest auf ihren runden Hintern, als auf ihren Leib zu legen, verharrt er plötzlich ganz still. War das…? So behutsam als wolle er eine misstrauische Forelle anlocken spreizt er seine Finger auf der Rundung ihres Sechsmondebauches noch ein wenig mehr, fächert sie auf wie eine Katze ihre Schnurrhaare, um jede noch so kleine Schwingung einzufangen. Hat er sich getäuscht? Nein… da ist es wieder… ein flüchtiges Stupsen an seiner Handfläche, zart und doch energisch, als halte man einen kleinen Vogel mit flatternden Flügeln in der hohlen Hand gefangen. Karamaneh spürt die Bewegungen ihres Kindes schon seit sei in Talyra angekommen waren, und seinen kleinen Herzschlag kann er in der Stille der Nacht und der dunklen Zweisamkeit ihres Bettes schon seit einiger Zeit hören, gedämpft durch ihre Haut, so rasch, so lebendig – er lauscht ihm immer wieder, hingerissen und vollkommen fasziniert. Doch nun kann er es auch fühlen.

Mein Kind. Der Gedanke erfüllt ihn immer noch mit fassungslosem Staunen und mehr als nur einem Hauch von Ehrfurcht. Nicht mehr lange, und es würde geboren werden, sein eigen Fleisch und Blut, ihrer beider Fleisch und Blut. Eigentlich ist er ja irgendwie längst Vater geworden – an jenem verhängnisvollen Tag in Caer Torrelobar, als er Reisig gefunden hatte, auch wenn ihm das erst in den Tagen danach wirklich bewusstgeworden war. Und Missandei… nun, die kleine Ashanínka hatte ungefähr so lange gebraucht sein Herz zu erobern wie damals das von Borgil, und er hat die Geschichte von dem Fröschelein, der Wüstenprinzessin und der Mandelmilch inzwischen mehr als einmal und aus verschiedenen Mündern gehört. Das hier ist dennoch etwas anderes. Er macht sich keine Sorgen darum, dass er die beiden Mädchen, die sie schon haben, weniger lieben könnte, als dieses Kind, das im Winter das Licht Rohas erblicken würde. Darum geht es nicht. Auch Karamanehs Herz wäre ohnehin groß genug für alle Waisen dieser Welt und wenn er inzwischen etwas über die Liebe gelernt hat, dann, dass sie nur mehr wird, wenn man sie teilt. Aber dieses Kind ist ihres, ihr erstes eigenes. Sie hatten dieses neue Leben begonnen, in jenem bittersüßen Moment in den Ruinen Talebkhans, bevor sie ihrem Schicksal entgegengetreten waren. Es ist tatsächlich ihrer beider Fleisch und Blut, und damit auch eine Antwort auf die Frage, wohin der Magnetismus zwischen zwei Wesen – Menschen, du bist jetzt ein Mensch – führen kann, wenn er nur stark genug ist, jenes Sehnen, sich zu vereinen und etwas zu erschaffen, das aller Lust zugrunde liegt. Er war so lange einsam gewesen… erst, ohne es überhaupt zu wissen und dann ohne es zu ertragen, und nun… nun liegt er hier neben seiner schlafenden Frau, die Hand fest auf ihrem geschwollenen Leib, um vielleicht noch einmal die Bewegungen seines ungeborenen Kindes zu spüren, und hat nicht nur Karamaneh selbst, sondern zwei Ziehkinder und, auf einen Schlag, auch noch eine beständig wachsende Großfamilie dazu bekommen. Was ist der Preis? Der Gedanke ist in seinem Kopf, bevor er ihn aufhalten kann; er ist an niemanden bestimmtes gerichtet und doch an alle zugleich: an die Götter, die alten, wie die neuen, an das Schicksal, an wen auch immer, der ihm vielleicht gerade lauschen mag. Wo ist der Haken? Kommt des Höllenhunds Kern in sechs Monden hereinspaziert und klagt meine Seele ein? Ist es das?
'Fängst du schon wieder damit an?' Hört er Olyvars Stimme in seinen Gedanken, halb belustigt, halb resigniert. 'Hör auf damit, Kalam. Du hast so viel Buße getan, dass es für zehn Leben reichen würde. Nein, kein Wort mehr davon.' Er hofft, dass der Drachenländer damit Recht behält. So ganz glauben kann er es zwar selbst noch nicht – aber fürs erste beschließt er, sich an Olyvars Rat zu halten, also… kein Wort mehr davon. Kalams Gedanken wandern weiter und driften ab, und kehren irgendwann schließlich wie von selbst zurück zu jenem Tag vor knapp vier Wochen, als sie in Talyra angekommen waren, und zu allem, was seither geschehen war.

Sie waren herzlich in der Harfe und im vielköpfigen Blutaxtclan aufgenommen worden… nun ja, herzlich und väterlich grummelnd, denn Borgil schien zwar nach dem ersten Tag nicht mehr unbedingt darauf aus, ihm den Schädel einzuschlagen, aber allzu einfach hatte der Zwerg es ihm dann auch nicht machen wollen. Kalam nimmt es mit Gelassenheit – nach vier Siebentagen weiß er ziemlich genau, wo Borgil und er stehen, und sie verstehen sich erstaunlich gut, aber immerhin hat der Zwerg einen Ruf als polterndes Raubein zu verlieren und gibt ab und an (und mit großem schauspielerischen Eifer) noch den nachtragenden Brautvater. Azra hingegen war ihm von Beginn an nur freundlich begegnet und tut das inzwischen mit großer Sympathie, aus der sie auch überhaupt keinen Hehl macht. Ebenso Missandei, die ihn ganz entgegen seiner vagen Befürchtungen, ziemlich rasch in ihr großes kleines Kinderherz geschlossen zu haben scheint. Reisig hatte zwei Tage gebraucht, bis sie Zutrauen zu Azra und Borgil gefasst hatte, die die Kleine mit derselben selbstverständlichen Zuneigung behandeln wie alle ihre Kinder (oder in diesem Fall Ziehenkel). Zaleh hatte ein wenig länger gebraucht. Azra hatte sie zwar gleich am ersten Tag noch unter ihre Fittiche genommen, und zu der zierlichen Harfenwirtin beginnt Karamanehs Schwester auch allmählich Vertrauen zu fassen, doch vor Borgil hat sie sich die ersten Tage wohl zu Tode gefürchtet: von Narben übersät, mit wilder Frisur, Metall und Knochen in den Ohrläppchen und in der Nasenwurzel, schwarzäugig, granitehern, selbst hinter dem Tresen mit einem Handbeil bewaffnet, das so scharf ist, dass er sich damit rasieren könnte und ausgestattet mit einer Stimme, die immer klingt, als rollten Felsen einen steinigen Abhang hinunter, kann Kalam ihr das nicht einmal verdenken. Doch Borgil hatte sich davon wohl in seiner persönlichen Witwen-Waisen-Welpen-und-Jungfrauen-Retterehre gekränkt gefühlt und irgendwann in den ersten Beerenreiftagen damit begonnen, Zaleh nicht mehr mit behutsamer Zurückhaltung zu begegnen, sondern sie rundweg mit geballtem, ziehväterlichen Zwergencharme zu umgarnen. Die Kinder und die Pflege des harfeneigenen Kräutergartens, die Azra ihr lächelnd überlassen hatte für die Zeit, die sie hier wären, hatten ihr übriges getan, das Mädchen allmählich aus seinem Schneckenhaus zu holen. Erst vor zwei Tagen hatte eine freudestrahlende Zaleh, bewaffnet mit einem Schließkorb von gigantischen Ausmaßen, verkündet, Borgil gehe mit ihr in die Tausendwinkelgassen, dort gäbe es einen Koboldbotaniker mit einem kleinen Laden voller Kräuter und Pflanzen, und Bücher über Kräuter und Pflanzen, und angeblich habe er sogar… Zurückgekommen waren der Zwerg und sie erst nach Einbruch der Dunkelheit: Zaleh mit grünen Fingern und dem durchdringenden Geruch nach Erde an sich, Borgil beladen wie ein Maulesel mit Beuteln, Taschen, Körben und Kistchen in denen sich garantiert sämtliche Sämereien der Immerlande befunden hatten. Natürlich hatte der Zwerg ihr eine Pflanzenpresse gekauft – die thront inzwischen mitten im Kaminzimmer des Anbaus und steht jedem im Weg.

So hatten sie allmählich alle hier ihren Platz gefunden… oder ihren vorübergehenden Platz, denn sie würden nur den Winter über in der Harfe wohnen bleiben. Sie haben das Land an der Feenwasserbucht inzwischen in ihrem Besitz – mehr davon, als er ursprünglich geplant hatte – und Kalam hatte es bereits mit Borgil abgeschritten, auch wenn es noch vermessen werden muss. Doch er will noch im Herbst mit dem Bau ihres eigenen Hauses beginnen, zumindest mit den Erdarbeiten, alles andere wird wohl bis zum Frühling warten müssen. Sehr viel länger können sie auch gar nicht hierbleiben, denn der Anbau der Harfe, der die Privatgemächer des Blutaxtclans beherbergt, platzt jetzt mit ihnen (und der Pflanzenpresse noch dazu) schon aus allen Nähten. Nachdem sie angekommen waren, und Olyvar, Karamaneh und er selbst den anderen von ihrer Reise berichtet hatten, waren sie anschließend noch die halbe Nacht lang zusammengesessen und hatten über die mysteriösen Prophezeiungen gesprochen… über 'Die Neun Kelche'und 'Den letzten Sohn Amaras', ebenso wie über Calaits und Colevars 'Sieben Leben', die Kauderwelschfragmente, die der Finstere in Brioca zu Azra gesagt hatte und über Ninianes Nachforschungen zu all dem… nur nicht über jene Worte, die die 'Turbanschnepfe' in Arrassigué zu Olyvar gesagt haben muss. Über seine eigene Prophezeiung schweigt sich der Mann immer noch eisern aus. Als wäre es nur ein böser Traum und könne sich nicht bewahrheiten, wenn er einfach nicht darüber spricht, weil böse Träume nun einmal nicht wahr werden. Als sie ihre Geschichte erzählt hatten, war es gewesen, als halte die ganze Harfe den Atem an. Rhordri, der alte Kastellan, und seine Frau hatten verwirrt und benommen gewirkt, und den Eindruck gemacht, sie bräuchten dringend noch ein paar Schluck Branntwein mehr, als sie ohnehin schon getrunken hatten, während Borgil ausgesehen hatte, als hätte er etwas hinuntergeschluckt, das er nicht verdauen kann. Niniane hatte ihnen so angespannt gelauscht wie ein durchgezogener Bogen, ebenso Olyvars Tochter Fianryn, und Rimeon hatte gar nichts gesagt, aber die Lippen so fest zusammengepresst, dass sein Mund ein einziger, dünner weißer Strich gewesen war. Azra hatte die Augen geschlossen, als murmele sie ein Gebet, doch als sie zum Ende gekommen waren, von ihrem Rückweg und Reisig erzählt hatten, war sie nichts als erleichtert gewesen und hatte kategorisch erklärt, sie sei so froh, wie alles gekommen war und dass sie wieder hier wären – und dann einen Blick mit der Waldläuferin gewechselt, der so deutlich gesagt hatte "Wir müssen irgendetwas tun!" als habe sie es laut ausgesprochen. Rhordri und Morna hatten sich irgendwann verabschiedet, Olyvar und seine Kinder waren für diese Nacht in der Harfe geblieben, weil es furchtbar spät geworden war und Njáll ohnehin schon irgendwo bei Bræn geschlafen hatte – doch Borgil, Azra, Niniane, Karamaneh und er hatten sich noch bis weit nach Mitternacht die Köpfe über die Prophezeiungen heiß geredet.

Am nächsten Morgen war der erste Punkt auf Ninianes Tagesordnung gewesen, ihn mit sämtlichen Priesterzaubern zu bombardieren, die ihr auch nur ansatzweise sinnvoll erschienen waren. Die Waldläuferin hatte es mit ihren empathischen Elbensinnen ebenso versucht wie mit Gespür, Erkennen, Wahrsicht und Siegel der Wahrheit. Doch als das alles nichts zu Tage gefördert hatte außer der Tatsache, dass er ein Mensch und nichts als ein Mensch ist (wenn auch ein fast fünfhundert Jahre alter, der gleichzeitig irgendwie wohl um die fünfunddreißig Jahresläufe zählen muss, was, zugegeben, selbst für ihn verwirrend ist), hatte sie härtere Geschütze aufgefahren: erst nur einen verhältnismäßig harmlosen Zauberbann, dann jedoch auch Heiligen Boden und Siegel des Lichts. Beides hatte ihm nicht das geringste getan. Irgendwann hatte sie sichtlich erschüttert aufgegeben und verkündet, er sei… nun eben was er sei, auch wenn sie es nicht begreifen könne… und dann war sie, womit er im Leben nicht gerechnet hätte, in Tränen ausgebrochen, hatte erst ihn umarmt und dann Karamaneh, und lachend und schniefend zugleich verkündet, sie freue sich wirklich - wirklich! - unheimlich für sie. Der zweiten Punkt auf der Tagesordnung ihres ersten Morgens in Talyra war gewesen, Karamaneh von Niniane untersuchen zu lassen. Kalam kennt die goldäugige Halbelbin schon sehr lange und er kennt sie gut, doch was noch wichtiger ist: er vertraut ihr blind, weit mehr als jedem Aniran in dieser Sache, und sie ist eine Freundin. Karamaneh geht es gut und die Schwangerschaft macht ihr keinerlei Schwierigkeiten, im Gegenteil, doch er hatte dieses Kind nun einmal gezeugt, als er noch nicht vollständig wieder ein Mensch gewesen war, also… hatte er mit klopfendem Herzen daneben gesessen, während die Waldläuferin eingehend seine Frau untersucht hatte, nicht nur körperlich, sondern auch mit ihren besonderen Sinnen, nur um irgendwann erleichtert zu hören, dass mit dem Kind tatsächlich alles in bester Ordnung ist. 'Du musst dir keine Gedanken machen… ihr müsst euch keine Gedanken machen', hatte sie ihnen lächelnd versichert. 'Eurem Baby geht es prächtig. Sein kleines Herz schlägt kräftig. Es ist alles so, wie es sein sollte.' Dann hatte sie lächelnd gefragt, ob sie wissen wollten, was es wird, doch es hatte nur einen kurzen, stummen Blickwechsel mit seiner Frau gebraucht, um zu entscheiden, dass sie sich überraschen lassen würden, also hatten sie beide synchron den Kopf geschüttelt: für den Moment genügt es ihnen völlig zu wissen, dass ihr Kind gesund und ganz und gar menschlich ist. Die Protektorin hatte still in sich hineingegrinst und den Geburtstermin – nachdem sie ihr ja ziemlich genau hatten sagen können, wann dieses Kind gezeugt worden war – auf die letzten Langschneetage festgelegt. 'Am siebenundzwanzigsten Langschnee wären es exakt achtunddreißig Siebentage. Aber die wenigsten Kinder kommen genau am errechneten Tag zur Welt. Alles zwischen Mittwinter und dem Tag der Herdfeuersegnung wäre möglich und vollkommen normal.'
Nur noch vier Monde… Sie würden wie im Flug vergehen und, er weiß es, sich dennoch so träge dahinziehen wie diese Nacht.

Auch an ihrem zweiten Abend in Talyra waren Karamaneh und er mit Borgil und Niniane zusammengesessen, und hatten über ihre Zukunftspläne gesprochen… dass sie sich hier niederlassen wollen, über das Land, das sie erwerben und das Haus, das sie bauen würden. 'Dann bleibt ihr also hier? Sehr gut!' Hatte Niniane verkündet, und einfach angenommen, er folge weiterhin seiner bisherigen Profession als eine Art freischaffender Schattenjäger oder etwas in der Art. 'Die Götter wissen, ich könnte deine Hilfe im Larisgrün mehr als brauchen, aber ich dachte, du willst vielleicht in die Rhaínlande zurückkehren, dir im Schatten der Rabenzinne ein Heim suchen… immerhin waren sie die letzten Jahrhunderte doch so etwas wie dein Zuhause.'
"Aye… aber Karamanehs Zuhause ist hier," hatte er erwidert und einen Blick mit seiner Frau getauscht. Die nördlichen Rhaínlande sind wunderschön und er würde wohl immer mit einem leisen Stich von Wehmut an die Ländereien der Rabani dort denken, aber er wird sich nicht nach ihnen krank sehnen. "Die Rhaínlande sind kein Ort, um eine Familie zu gründen," hatte er mit einem vage melancholischen und trockenen Lächeln zugleich erwidert. "Die Rabani würden uns sicher beschützen, aber das Königreich ist in den letzten Jahren unsicher geworden. Die Unruhen, die das Verschwinden Juriaan bar'Óorans ausgelöst hat, kommen nirgendwo wirklich zur Ruhe. Königin Lyesanne tar'Iven glaubt seither wahlweise, sie sei von Feinden oder von Schwachsinnigen umgeben, und das halbe Land ist zerrüttet und voller Zorn. Sie hat es längst nicht so fest im Griff, wie sie es gern hätte und es ist jetzt schon ein Würgegriff. Und ich… nun, ich bin kein Mann, der sich ewig heraus halten könnte, versteht ihr?" Sie hatten ihn alle drei verstanden, Karamaneh, Borgil und Niniane, doch als die Protektorin erklärt hatte, nein, dazu sei er ein zu ehrenhafter Mann, hätte er beinahe gelacht: in der Schlangengrube der Rhaínlande ist der Gedanke an Ehre so albern wie das Gewand eines Narren.
'Nun, hier in Talyra werdet Ihr vielleicht auch nicht für immer eitel Sonnenschein und Eorisfrieden vorfinden,' hatte Borgil ungewohnt ernst angemerkt. 'Gríanàrdan, unser nördlicher Nachbar, probt in den letzten Jahren immer wieder den Aufstand und versucht die Schuld daran wahlweise Draingarad oder weithin bekannten Gesetzlosen in die Schuhe zu schieben,' hatte der Zwerg erklärt. 'Rimeon, Jojeen und die kleine Heledd können ein Lied davon singen, wie ruchlos die Weyrs geworden sind, denn sie stammen aus einem Grenzdorf, das diese feigen Hundsfotte dem Erdboden gleichgemacht haben. Aber weder wir hier in Talyra, noch die Lords von Draingarad haben stichhaltige Beweise für ihr Treiben. Bis jetzt sind es nur kleinere Brandherde, die hier und da an den Grenzen aufflackern und die zweihundert Blaumäntel, die Olyvar nach Rhayader hinaufgeschickt hat, sorgen dort einigermaßen für Ruhe, aber es könnte über kurz oder lang durchaus mehr werden. Es könnte sogar Krieg geben.'
"Wo auf dieser Welt herrscht schon immer Sonnenschein und Eorisfrieden?" Hatte Kalam erwidert. "Talyra ist jetzt auch mein Zuhause. Sollte es angegriffen werden, gehört mein Schwert Olyvar und seinen Blaumänteln."

'Das freut mich. Ebenso wie es Olyvar freuen wird, wenn er es hört,' hatte Niniane sich wieder zu Wort gemeldet und ihn dann nur halb im Scherz gewarnt: 'Wenn du nicht aufpasst, haben Rhordri und er dir einen blauen Mantel umgelegt und eine silberne Faust angeheftet, bevor du auch nur 'Hoppla' sagen kannst. Aber ich habe es ernst gemeint, Kalam, ich brauche dich wirklich im Larisgrün.' Er hatte ihr eigentlich dazu raten wollen, dass sie Yara San'chale etwas über den neuerdings so eklatanten Mangel an Schattenjägern in diesen Landen berichten sollte, denn der Orden sollte darüber besser Bescheid wissen, doch die Waldläuferin war ihm mit einer Frage zuvorgekommen. Das hatte ihn auf ganz andere Gedanken gebracht, denn sie hatte wissen wollen, ob sie eigentlich hier in der Harfe wohnen bleiben würden und angemerkt, dass Borgil dann wohl anbauen müsse.
"Nein," hatte Kalam erwidert und sacht Karamanehs Hand gedrückt, die warm und fest in seiner geruht hatte. "Wir dachten eigentlich daran, eher deine Nachbarn zu werden… du weißt nicht zufällig, wem das Land oben an der Feenwasserbucht gehört und ob es zum Verkauf steht?"
Niniane hatte ihn ein wenig erstaunt – und, wie er glaubt, erfreut – angeblinzelt, aber es war Borgil gewesen, der geantwortet hatte. 'Das da oben ist Niemandsland, jedenfalls bis hinauf zu dem alten Steinkreis und etwa vier Tausendschritt an Forgan heran. Wollt ihr beide euch dort ansiedeln? Warum kein schönes Haus im Seeviertel kaufen, wenn ihr euer eigenes Dach über dem Kopf haben wollt? Das nötige Gold dafür habt Ihr ja, nach allem, was ich so gehört habe…'
Kalam hatte tief Luft geholt, denn hier hatte er seine Gedanken genauer erklären müssen, und während er gewusst hatte, dass Niniane ihn sofort verstehen würde, war er sich bei Borgil da nicht so sicher gewesen. "Nay… zu nahe an der Stadt. Karamaneh muss sich ungestört wandeln können und ich will nicht, dass mir ein paar übereifrige Blaumantelrekruten am Ende noch meine Frau über den Haufen schießen, weil sie glauben, dass im Seeviertel eine Schattenkatze herumschleicht, aye? Aber das ist nicht der einzige Grund."
'Was denn noch? Ich weiß, wir sind im Augenblick ein wenig beengt hier, aber wir können jederzeit anbauen. Müssen wir über kurz oder lang ohnehin, und wir tun es gern.'

"Das wissen wir und wir wissen es wirklich sehr zu schätzen, aber… ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, Borgil. Vor allem angesichts meiner Verwandlung. Ich muss den Rabani noch schreiben, was geschehen ist, dass ich wieder ein Mensch bin. Ich weiß nicht einmal, ob sie das glauben werden… oder können. Sie werden sicher jemanden herschicken, um zu sehen, ob ich vielleicht den Verstand verloren habe. Von dieser Seite droht uns zwar keine Gefahr, höchstens mehr Aufmerksamkeit, als wir uns wünschen werden, aber wir werden es nicht für immer geheim halten können. Irgendwann wird es auch zu Munduskindern durchsickern und ich weiß nicht, was die tun werden. Ich glaube, die Orden als Ganzes werden gar nichts unternehmen, soviel bin ich ihnen dann doch nicht wert, und sie wissen, dass Niniane hier in der Gegend lebt. Das werden sie nicht wagen. Aber ich war fünfhundert Jahre lang ein Sithechjünger, und ich habe zahllose von ihnen gejagt und getötet. Einzelne könnten durchaus auf Rache aus sein. Wenn sie hier auftauchen, muss ich sie gebührend in Empfang nehmen können. Ich weiß, wie ich sie bekämpfen muss, aber das geht nicht mitten in der Stadt, noch nicht einmal an ihrem Rand. Ich werde mein Haus so bauen, dass es unter allen Umständen für die Meinen sicher ist und mein Land wird es ebenso sein… dazu werde ich noch deine Hilfe brauchen, Nan. Aber falls alle Stricke reißen, will ich in die unmittelbare Nähe von offenem Wasser und vor allem weit genug weg von der Stadt, um Kollateralschäden zu vermeiden. Zur Not muss ich alles um das Haus herum niederbrennen können, ohne dabei Unschuldige zu verletzen oder die halbe Stadt abzufackeln, versteht ihr?"
Niniane hatte genickt, wenn auch ein wenig betroffen, und Borgil hatte sich nachdenklich und ein wenig aufrührerisch den dichten roten Bart gerauft. Doch dann hatte der Zwerg nur erwidert: 'Aye, nun, dann haben wir wohl in den nächsten Tagen eine Zusammenkunft mit dem Stadtrat, Ihr und ich.'
Und so war es geschehen. Der Rat hatte ihm das Land verkauft oder genauer gesagt das Recht, es für sich zu beanspruchen, schließlich war es bisher unbesiedeltes Niemandsland. Das hatte ihn eine hübsche Summe Gold gekostet, wenn auch nicht ganz so viel, wie er erwartet hatte. Dreihundert Morgen Land, die zum größten Teil aus einer Bucht, einem Fluss, ein paar Quellen (eine davon heiß) und lichtem Wald bestehen (in dem sich außerdem die Winterhöhle eines bekannten, einäugigen Grymauch befindet) … gutes Land, aber nicht urbar, sondern unberührte Wildnis. Dazu war ihm noch der Eid abgenommen worden, Talyra im Kriegsfall entweder Schwertdienst zu leisten oder aber den Schildheller zu zahlen (bemessen nach der Größe seiner Ländereien selbstverständlich und nach der Anzahl waffenfähiger Männer in seinen Diensten, sollte er sich je welche nehmen).

Die letzten Tage und Wochen waren also hauptsächlich damit vergangen, dem Stadtrat Aufwartung zu machen, mehr als einmal zur Feenwasserbucht hinaufzureiten (und außerdem die ersten Bäume dort zu fällen), Zaleh das Leben in Talyra näher zu bringen, Borgil mit dem Ausbau der Räume über der Schmiede zu helfen, wo Rimeon sein eigenes Reich erhalten soll, damit er ein wenig für sich sein kann, die von Karamaneh und Zaleh gezeichneten Pläne ihres Hauses einem Baumeister vorzulegen, der sich um die Statik des Ganzen kümmern soll, einen vertrauenswürdigen Erdmagier aufzutreiben, der im Erntemond die Landzunge an der Bucht oben in Augenschein nehmen würde, Steinbrüche und Sägewerke im Umland aufzusuchen, und mit ihnen Verträge über das benötigte Material auszuhandeln, und Handwerker anzuwerben. Außerdem hatte Kalam endlich einen Raben vom Sithechtempel aus zum Kadjen seines Ordens in Veraf geschickt und eines Tages noch Rimeon sehr, sehr glücklich damit gemacht, dass er dem jungen Mann für einen Vormittag Ridil überlassen hatte, damit er sich eingehend mit der Klinge beschäftigen kann: Rimeon, sprachlos vor Ehrfurcht, hatte das Schwert aller Schwerter (seine Worte, nicht Kalams) in seine Schmiede getragen wie eine heilige Reliquie und noch am selben Abend verkündet, er müsse unbedingt mehr lernen und ein Meisterwaffenschmied werden (worauf hin Borgil ihm trocken, aber mit väterlichem Stolz in der narbigen Miene beschieden hatte, das könne er gern tun, aber vorher bräuchten die Stalltore noch neue Beschläge, besten Dank auch). Olyvar und seine Kinder waren ein paarmal bei ihnen gewesen und sie hatten Ritte in die Feenwasserbucht hinauf oder zu Ninianes Baum unternommen, um die Pferde zu bewegen und sich ihr Land anzusehen (und noch mehr Bäume für die ersten Weiden und Koppeln am Fluss zu fällen, denn alle Stuten, einschließlich Tamras, sind trächtig, doch das war zu erwarten, schließlich war niemand von ihnen nach dem Kampf in den Ruinen Talebkhans noch in der Lage gewesen, Atarangi von den übrigen Pferden fernzuhalten). Außerdem hatte Karamaneh damit begonnen, auffallend viel Zeit mit Sigrun in deren Allerheiligstem, der Harfenküche, zu verbringen und ihm nicht verraten wollen, weshalb – vermutlich um ihren letzthin etwas seltsam gewordenen Essgelüsten zu frönen.

Kalam vergräbt seine Nase in Karamanehs Haar und kehrt allmählich ins Hier und Jetzt zurück, und in der Harfe werden langsam die ersten Geräusche des Gesindes laut: draußen knarren Türen, als müde Pferdeburschen über den Hof zu den Ställen schlurfen, Hühner gackern aufgeregt, als sich ihr Stall öffnet und sie auf den Mist gelassen werden, und auch aus dem Gasthaus dringen gedämpfte Geräusche von Schritten und Stimmen herüber. Außerdem zieht der Duft von frischgebackenem Brot durch die ganze Harfe. Irgendwo beginnen Vögel zu singen und die Dämmerung kriecht grau und perlfarben über den Horizont. Mit einem schicksalsergebenen Seufzen weckt Kalam seine schlafende Frau, steht auf und kleidet sich an – und nach einem kurzen Frühstück in Sigruns Küche (die ihnen außerdem solche Berge an Proviant "für unterwegs" mitgibt, als planten sie einen mehrtägigen Ausflug ins Larisgrün), verlassen sie die Harfe, machen ihre Pferde fertig und reiten dann schweigend durch eine gerade eben erwachende Stadt zum Verder Tor, wo Olyvar sie bereits erwartet.
I do very bad things, and I do them very well

Calait

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Sunday, October 22nd 2017, 3:51pm

wherever the road takes us


15. Sturmwind 516 bis Goldschein 516, Goldene Harfe

So I close my eyes to old ends and open my heart to new beginnings.


Die Dunkelheit ist ihr vertraut und das Fehlen von Schatten, Licht und Farben schmerzt sie schon sehr lange nicht mehr. In der Welt ohne Formen ist sie Zuhause und so gleitet ihr Bewusstsein ohne Angst in die Schwerelosigkeit jenseits des Schmerzes ab, wo es halt- und ziellos durch ein Meer von Erinnerungen schwebt. Erinnerungen, die aus der kräftigen Süße wilder Rosen und der Wärme verheißungsvoller Versprechen, aus dem strengen Geruch nassen Hundefells und dem Gefühl brennend heißer Wangen, aus dem Blöken verirrter Schafe und schnurrender Hingabe, aus fliegenden Worten und der Raserei zweier Herzen, aus besiegter Verdammnis und goldenem Verlangen, aus äonenalter Liebe und blutjungem Erkennen bestehen – und alles wird zusammengehalten von feinen, silbernen Fäden, die sich wie pulsierende Adern durch und um ihr ganzes Leben ziehen, es mit ihrer Kraft nähren und zusammenhalten. Federleicht lässt sie ihre Finger über das schimmernde Gebilde wandern und fühlt den Schlag eines Herzens gegen ihre Haut pochen. Panisch. Verängstigt. Entschlossen. Alles auf einmal. Colevar. Ein wundervoller Gedanke, so kostbar wie flüchtig. Schon fast ist er fort, als sie plötzlich begreift, sich in der Trägheit ihres ersterbenden Atems zu winden beginnt, beide Arme ausstreckt und sich mit aller Macht an dem Namen festklammert. Colevar. Sie wird ihn nicht noch einmal loslassen. Nicht in diesem Leben. Colevar. Nicht im Nächsten. Colevar. Nie wieder und absolut niemand wird sich zwischen sie stellen. Weder irgendwelche Stammestraditionen, noch ein Haufen wildgewordener Piraten. Kein Frostweg und keine Narge. Keine verrückte, uralte und übermächtige Remorwyn. "Nicht einmal du", spricht sie und hebt den Blick in das Gesicht, das keines ist und das doch mit Augen aus Frost und Nebel auf sie hinabsieht und aus einem Mund, der sich nicht bewegt, erwidert: "Sieben Leben habe ich euch gewährt. Sieben Leben hast du gelebt." "Dann lass mir ein Achtes", bittet sie, nicht verzweifelt, aber dennoch eindringlich und schließt ihre Finger fester um den mächtigen Herzschlag, der sie an das Leben hinter der Schwärze bindet. Doch der Herr von Tod und Winter sieht sie einfach nur weiter an und unter seinem Blick, der überall ist und in diesem Moment doch nur ihr gilt, beginnt das Pochen allmählich zu verebben. Und mit ihm Colevars Präsenz.

"Ich habe ihm Kinder versprochen…", beginnt sie, auf der Suche nach Argumenten, denen nicht einmal der Tod etwas entgegen zu setzen hat. Doch er erwidert schlicht: "Und eines hast du ihm geschenkt."
"… und ein Haus am Wasser!"
"Und in einem Haus am Wasser habt ihr gewohnt."
"Ich habe ihm gesagt, dass wir gemeinsam alt werden!"
"Und tausend Jahre alt seid ihr geworden."
"Und dass wir ein ganzes Leben miteinander teilen!"
"Und ihr habt alles miteinander geteilt, was zwei Menschen miteinander teilen können."
"Du lügst! Haben wir nicht!" Widerspricht sie erbost, ehe sie sich in einer halb bestürzten, halb ohnmächtigen Geste die Haare rauft und so heftig den Kopf schüttelt, das ihre Locken wild in alle Richtungen hüpfen. Dann, von einem Moment auf den anderen, ändert sie ihre Taktik und geht auf die Barrikaden. "Ich werde nicht mit dir gehen, Grauer. Wenn du mich nicht gehen lässt, dann gehe ich ohne dich. Zurück."

Sie würde nicht leben. Sie wäre aber auch nicht tot. Sie würde zwischen den Welten wandern, getragen von einem längst verhallten Herzschlag und das Geräusch würde sie über die Jahre ganz langsam aber unweigerlich in den Wahnsinn treiben, bis nichts mehr von ihr übrig wäre, außer einer verdrehten, verzerrten, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Existenz, die mit unersättlicher und zerstörerischer Gier nach dem verlangte, wofür es ursprünglich zurückgekehrt war. Sie und Colevar wären zusammen und doch einsam. Außerdem hätte sie keinen Körper… was fatal wäre. Ich könnte theoretisch jemanden be… sessen? Setzen? Sitzen… in Besitz nehmen! Wer käme denn da… Nein. Nein, das würde Colevar nicht gefallen. Lass dir was anderes einfallen. Beim Schwarzen Barbaren, du bist eine Resande, du könntest in Gronaland Eisblöcke verkaufen! Dann eben härtere Bandagen. Sie krempelt in Gedanken ihre Ärmel hoch und stemmt die Hände in die Hüften: "Willst du das? Willst du ihm das antun?" Das Türkis ihrer Augen wird klar und blank wie geschliffener Calaer. "Willst du dir das antun?" Obwohl in den Schatten unter der grauen Kutte nichts zu finden ist, als die Unendlichkeit, glaubt sie doch so etwas wie einen kleinen Riss in der undurchdringlichen Entschlossenheit der grauen Eminenz zu entdecken.

"Ich verdiene dieses verdammte achte Leben!" Wenn sie etwas mit unerschütterlicher Sicherheit weiß, dann das. Sie – sie beide – haben genug dafür gelitten und gekämpft. Wenn jemand seine alten Tage in ungestörter friedlicher Zweisamkeit – alltäglich und völlig langweilig – ausleben darf, dann ja wohl sie. "Sieben Leben haben dir und Inari gehört. Das Letzte ist mein und mein allein! Außerdem", ihre Stimme wird honigsüß. Weil Bitten und Betteln und Logik nichts gebracht haben, ist sie zum unverhüllten Drohen gewechselt. "… weißt du genau, dass er mich holen kommt, wenn du mich nicht gehen lässt. Und ich denke selbst dir liegt etwas an deinen Purpurnen Flüssen, deinen heiligen Hallen und deinem Thron. Hörst du ihn nicht? Hör genau hin." Falls Sithech in seiner göttlichen Gestalt so etwas wie göttliche Ohren besitzt, dann spitzt er sie. Sie kann es genau sehen. Selbst unter der Kapuze und blind wie sie ist. Einen Moment lauscht der Gott von Tod und Winter in die wirkliche Welt und was er dort hört, nötigt ihm ein ganz und gar ungöttliches: "… ahm…" ab. Calait verschränkt triumphierend ihre imaginären Arme vor ihrem imaginären Busen und weiß, dass sie gewonnen hat. Zumindest glaubt sie das, bis der Graue müßig eine magere, von Nebel und Asche umhüllte Hand hebt und für einen Herzschlag lang aussieht, als wolle er sie ihr auf die Schulter legen. Sie ist zurückgezuckt, bevor ihr das flimmernde, durchscheinende Gebilde auffällt, dass sich nur wenige Schritt von ihr entfernt auftut, ohne Substanz und doch mit klaren Konturen. "Geh", wird ihr kühl befohlen und sie verschwendet keine Sekunde darauf, den plötzlichen Sinneswandel des Grauen zu hinterfragen, sondern ist praktisch schon durch das unwirkliche Tor gehüpft, bevor er zu Ende gesprochen hat und es sich noch einmal anders überlegen kann. So bleibt Sithech alleine zurück, den Blick, der alles sieht, auf die Stelle gerichtet, wo eben noch ein Riss zwischen den Welten klaffte. Dann hebt er die Finger an seine Stirn, schüttelt leicht den Kopf und murmelt ganz die erschöpfte Geduld in das ewige Grau unter seiner Kapuze: "Memorandum an mich: Nie mit einer Resande feilschen." Dann geht er, während Calait durch die Dunkelheit zurück wandert…

… und ganz langsam die Augen aufschlägt. Wo für andere das Leben nach einem langen Schlaf in Farben erblüht, taucht bei ihr ein feines Summen aus der Tiefe einer bodenlosen Stille, erst fließend und formlos, weder laut noch leise, dann, ganz allmählich schwillt es an, wird tiefer oder heller, schärfer oder dumpfer, hüpft auf und ab oder bleibt im Takt, bis aus dem Potpourri einzelne, zuordnungsbare Geräusche entstanden sind. Irgendwo trampeln vorwitzige kleine Kinderfüße über altersschwache Dielen, eine Krähe schreit, ein Anflug von Gelächter verliert sich in klapperndem Besteck, jemand preist saftige Äpfel an, anderswo wird heftig debattiert, hölzerne Karrenräder ruckeln über bucklige Steinpflaster, ein Esel schreit und in regelmäßigen Abständen geht ein schwerer Hammer auf Metall nieder. Über all diese Geräusche hinweg aber fließt eine sanfte Melodie, getragen von der gleichen Stimme, die dem Grauen in einer Welt jenseits allen Seins Tod und Verderben geschworen hat, sollte er ihr kein achtes und letztes Leben schenken. Und dann ertönt ein leises, aber eindeutig hungriges Jammern und es gehört ganz alleine ihr. Dieses kleine, unschuldige Geräusch, leiser als alle anderen und doch tausendmal lauter, erobert ihr Herz innerhalb eines einzigen Wimpernschlags und mit einem leisen Stöhnen müht sie sich in die Höhe. "Gib es mir", haucht sie, die Stimme genauso schwach wie ihre Glieder, aber die Sehnsucht nach ihrem Kind ist stärker als alles andere und gibt ihr die Kraft sich aufzusetzen und die Arme auszustrecken. Das Bett ächzt unter Colevars Gewicht, als dieser sich mit einem Knie neben ihr abstützt und ihr ganz behutsam ein in weiche Wolle eingewickeltes, leicht zappelndes Bündel an die Brust legt. Sie erkennt es sofort. Die leicht schwerelosen Bewegungen, die abrupt in froschartiges Gehampel ausarten können, um dann nahtlos wieder in träges Drehen und Winden überzugehen. Das zarte Gewicht – das nicht ganz so zart ist, wie befürchtet – schmiegt sich an sie und prompt spürt sie eine winzigkleine, vorwitzige Nase gegen den Stoff des Hemdes stupsen, in das man sie gewandet haben muss… Nachdem alles vorbei war. Sie erinnert sich nicht. An gar nichts. Nur noch an Colevars Hand auf ihrer Hüfte, als sie am letzten Abend in den Schlaf davongedämmert war.

Zumindest nimmt sie an, dass es der letzte Abend war. Ihr Zeitgefühl schwankt und will ihr nicht mehr preisgeben, als dass es Tag sein muss, aber im Grunde genommen spielt das auch überhaupt keine Rolle. Das Suchen und Wühlen an ihrer Brust wird eine Spur energischer, das hungrige Jammern verlangender und mit einem amüsierten Glucksen lässt sie sich von Colevar das Gewand aufschnüren und legt sich den Winzling dann an die Brust, so wie Azra ihr es mit Braiden gezeigt hat. Dort dockt der kleine Mund an und saugt derart kräftig, dass es Calait ein erstauntes: "Hoppala…" entlockt. Dann beginnt sie zu kichern, ein sehr schwaches und nicht wirklich amüsiertes Geräusch, das nach und nach in ein stummes Schluchzen übergeht, bis sie ihr Gesicht an Colevars Hals vergräbt und weint. Vor Glück, vor Schreck und vor allem vor Erleichterung. Colevar hat die Arme um sie gelegt und hält sie fest. Sie und ihr gemeinsames Kind. So fest, wie er sich traut. Vielleicht eine Spur zu fest, aber seine innige Stärke reicht gerade aus, damit sie von den Gefühlen, die in Wellen über sie hereinbrechen, nicht komplett durchgeschüttelt wird. Auch er zittert. Sie kann es durch den Sturm ihrer eigenen Emotionen hindurch fühlen und sanft hebt sie eine Hand an seine Wange. Sein Gesicht war schon immer klar geschnitten, markant und definiert, aber jetzt zeichnen sich die Linien seiner Wangen und seines Kiefers deutlich unter ihren Fingern ab. "Es tut mir leid", wispert sie unter seinem Kinn und haucht einen tränennassen Kuss darauf. Das tut es ihr tatsächlich. Weil sie ihm Angst eingejagt hat und zwar ganz furchtbar. "Gut", erwidert er grimmig und der Nachdruck in seiner Stimme ist nur zur Hälfte gespielt: "Das sollte es auch. Mir einen solchen Schrecken einzujagen."

Das lässt sie lächeln. Weil sie an seiner Stelle genau gleich reagiert hätte. Noch etwas enger schmiegt sie sich an ihn, woraufhin das Bündel an ihrer Brust prompt protestierend quäkt, weil es eingeklemmt wird. Rasch schiebt sie ihn ein Stücken höher, woraufhin sofort wieder seliges Schmatzen erklingt. "Trinken kann er…", stellt sie fest, während sie sich die feuchten Wangen trockenwischt und erkennt im gleichen Atemzug, dass sie ja noch gar nicht weiß, ob sie einen Sohn oder eine Tochter hat. "Oder sie?" "Er. Darf ich dir deinen Sohn vorstellen: Rún." Im Gegensatz zu anderen werdenden Eltern hatten sie tatsächlich nicht lange gebraucht, um sich auf mögliche Namen zu einigen. Wäre es ein Mädchen geworden, hätte sie Neirin geheißen, nach Colevars Vater Aneirin. "Rún", wiederholt sie leise und tastet behutsam über das kleine, runde Gesicht ihres Sohnes, der sich davon überhaupt nicht stören lässt. Sie findet eine süße Knubbelnase, samtweiche Bäckchen und ein prächtiges, seidiges Büschel dichter Haare, das wahrscheinlich entweder honigblond oder schwarz ist. "Wie sieht er aus? Wie du oder wie ich? Hat er dunkles Haar? Helles? Oh, seine Augen! Was hat er…" Sie endet so abrupt, als hätte man ihre Stimme mit einem Messer abgeschnitten, denn während sie fragt, fällt ihr auf, dass sie ihren Jungen nicht sehen kann. Sie kneift ihre Augen zusammen, als wolle sie ihren besonderen Sinn schärfen, aber während Colevar neben ihr in Silber und Weiß deutlich zu erkennen ist, bleibt die Stelle, wo ihr Sohn schwer und inzwischen pappsatt in ihren Armen liegt, schwarz. Sie kann seinen Atem hören, sein Herz, seine Bewegungen spüren, seine lebendige Wärme und sein kleines Gewicht, aber seine Aura ist ein leerer Fleck. Er ist da. Und doch nicht da. Als ob nicht nur ihr Blick, sondern auch ihre Wahrnehmung blind wäre. Erschrocken schnappt sie nach Luft: "Was… was ist das?"

"Du kannst es also auch nicht", flüstert Colevar und hebt seinen Arm etwas höher, so dass er ihre Schultern umfassen und ihr beruhigend über die Wange streicheln kann. "Was kann ich nicht?", will sie sofort und plötzlich ziemlich aufgebracht wissen. "Es liegt nicht an dir, Hexchen", und noch bevor sie noch etwas anderes sagen kann, fährt er fort, "und mit unserem Sohn ist alles in Ordnung." "Warum kann ich ihn dann nicht spüren? Also… so gar nicht? Überhaupt nicht! Nicht einmal, wie ich andere Leute spüre? Er hätte ja nicht gleich glitzern müssen, aber… wenigstens schimmern, oder so." "Glitzern? Wie die Julnachtssterne, welche die Magier in der Julnacht in den Tausendwinkelgassen in die Nachtluft zaubern?" "Fast. Ähnlich, aber…" Ihr Mann rafft indigniert den Rest an Würde an sich, der ihm geblieben ist und erklärt kategorisch: "Ich glitzere nicht!" Sie blinzelt verliebt das Glitzern neben sich an und nickt: "Ja, Schatz." "Hmpf", macht das Glitzern in der Dunkelheit, bevor es den Kopf schüttelt. "Es liegt wirklich nicht an dir und Rún geht es gut. Sogar sehr gut, wenn man bedenkt, dass er zu früh geboren wurde. Aber niemand kann ihn spüren. Nicht einmal Niniane mit ihren empathischen Sinnen. Niemand. Zumindest bislang… aber in den letzten acht Stunden haben ihn auch nur drei verschiedene Priester, eine Anirana, ein Druide und ein Magier untersucht. Das Einzige, was Niniane noch nicht getestet hat, ist Schamanenmagie. Das liegt aber nur daran", schnaubt er ein wenig entnervt, "dass sie auf die Schnelle keinen Schamanen auftreiben konnte. Einen Runenseher und einen Dämon hat sie auch noch nicht probiert."

"Einen… einen bittewas? Warum? Ich meine, warum kann ihn niemand spüren? Warum können wir ihn nicht spüren? Er ist unser Sohn." Dann fällt es ihr plötzlich wieder ein. Der Zauber, den dieser Dämon auf sie beide gewirkt hatte. Angeblich zu ihrer beider Schutz. "Es ist das Mal des Aschefressers, nicht wahr? Was hat dieser…", ihr Atem geht unter in ein paar deftigen Flüchen, die Rún glücklicherweise noch nicht versteht, "… mit unserem Sohn gemacht? Was hat er ihm angetan?" "Erinnerst du dich, was der Aschefresser gesagt hat, kurz bevor er uns sein Mal in die Knochen brannte?" Sie nickt. Wie könnte sie es jemals vergessen. Sie hatten geglaubt, den unheilvollen Mächten ihrer Vergangenheit endlich entkommen zu sein, als dieser widerwärtige Seelenlose dahergekommen war und sich eingemischt hatte. "Er sagte, er wollte uns in Sicherheit wissen. Uns…" In diesem Moment realisiert sie sich, worauf Colevar hinaus möchte, "… und unsere Kinder. Er wollte Rún nicht schaden. Er wollte ihn beschützen." "Ja", bestätigt Colevar ihre Vermutung und klingt dabei alles andere als unbesorgt, "ein Dämon beschützt unser Kind." "Aye, wenn du das so sagst…" Für Colevar als Sithechritter muss es ungleich schwerer sein hinzunehmen, dass ausgerechnet ein Dämon sich nachhaltig in sein Leben einmischt. Vielleicht sogar mit guten Absichten, oder jedenfalls nicht mit Bösen. Behutsam reicht sie Rún an seinen Vater weiter, der seinen schlafenden Sohn mit einem Arm entgegennimmt und liebevoll an seiner Brust hält. "Weißt du was?", sie bettet ihre knochige Wange an seiner freien Schulter und lächelt ihr zuversichtliches Katzengrinsen, "Das ist uns egal. Unser Sohn ist gesund und munter, ich am Leben und du bist wohlauf. Außerdem sind wir zusammen und das ist alles, was zählt. Möge kommen, was noch kommt, wir werden bereit sein, wenn es so weit ist." Für einen Moment kann sie fühlen, wie Colevar neben ihr ganz still wird, als würde er sich innerlich gegen irgendetwas wappnen, was noch keinen Namen, keinen Ort und keine Zeit hat, dann drückt er einen Kuss in ihre wirren Locken. Glücklich schließt sie die Augen… um ihn nur eine Sekunde später von unten herauf anzuplinkern: "Schahatz?... es gibt doch bestimmt etwas zu essen? Weil ich sterbe gleich vor Hunger."

Natürlich gibt es Essen in der Harfe. Den Göttern sei Dank. Das ist auch nötig, denn Calait frisst wie ein ganzes Rudel hungriger Wölfe. Außerdem darf sie für zwei oder noch ein paar mehr essen, schließlich hat sie Rún zu ernähren und ist noch immer spindeldürr. Das ändert sich allerdings sehr rasch wieder (zu Colevars größter Freude). Außer fehlenden Rundungen hat sie von der anstrengenden Schwangerschaft und der blutigen Geburt keine Spätfolgen zu ertragen. Da Mealla sowohl den Carsairschnitt, als auch die innerlichen Wunden mit ihrer Aniranimagie vollständig geheilt hatte, war sie von Wundschmerz und allen Spuren, die eine natürliche Geburt hinterlassen hätte, verschont geblieben. Alles, was sie tun muss, um wieder auf die Beine zu kommen, ist essen. Und das tut sie mit großem Genuss und noch größerem Appetit. Es dauert dann auch nicht allzu lange, bis sie das Bett zum ersten Mal verlassen darf und die ersten Schritte tragen sie direkt vor einen Spiegel. Diese Entscheidung bereut sie sofort, denn was ihr da entgegen blickt ist ein Sack voller Knochen mit Haut darüber. Was folgt ist ein kleines Drama, in dem sie sich erst über ihr fürchterliches Äußeres echauffiert, Colevar dann weinend vorhält, dass er den Verstand verloren habe und sich schließlich von ihm mit Honigfinger über diesen entsetzlichen Angriff auf ihre eigene Eitelkeit hinwegtrösten lässt. ("Hör auf mir beruhigen den Hintern zu tätscheln, ich habe keinen mehr!" "Nimm noch einen Honigfinger, Schatz, dann wächst er auch wieder.")

Glücklicherweise behält er Recht. Etwas anderes wächst indes ebenfalls: Calaits Unmut. Auch wenn es ihr erfolgreich gelingt diesen in der ersten Zeit hinter Verständnis für die Besorgnis der Waldläuferin zu verbergen. Die lässt in der seltsamen Mischung aus Faszination, priesterlichem Wissensdurst und Wachsamkeit nämlich nicht davon ab, Rún immer wieder aufs Neue mit allen möglichen Zaubern und Magiearten zu untersuchen. Calait kann spüren, dass auch ihr Mann allmählich die Geduld verliert und jedes Mal, wenn Niniane vorbeischneit, um Rún 'nur kurz' auszuleihen, widerwilliger nachgibt. "Nein", lautet deshalb am nächsten Morgen ihre Antwort, als die Waldläuferin, Findinmir im Schlepptau, vorschlägt eine Kombination von Suchzaubern auszuprobieren. "Es reicht, Niniane. Ich weiß, du tust das alles nur, weil du uns helfen möchtest und dafür sind wir dir aufrichtig dankbar, aber alles, was deine Untersuchungen bislang ergeben haben, ist: Niemand kann ihn spüren. Dann ist das eben so. Wir haben uns damit abgefunden, denn, wie du selber immer wieder festgestellt hast, geht es Rún gut. Er ist gesund, hat einen soliden Appetit und wächst prächtig. Es fehlt ihm an absolut gar nichts und er droht sich auch nicht in einen kleinen Dämon zu verwandeln. Also hör auf, dich wahnsinnig zu machen. Ich verspreche dir, wenn wir merken, dass irgendetwas nicht stimmt, oder sich etwas verändert hat, bist du die Erste, die es erfährt." Niniane reagiert mit dem zerknirschten Verständnis von jemandem, der weiß, dass er es zu weit getrieben hat und will sich sogar entschuldigen, doch davon wollen weder Calait, noch Colevar etwas hören. Denn wenn jemand wie Niniane, die über fünftausend Jahre alt ist und so ziemlich alles gesehen hat, was es zu sehen gibt, etwas unterkommt, was sie nicht versteht, gibt das allen Grund zur Besorgnis. Nur können sie alle gerade nichts dagegen tun.

Alles in allem verlaufen die ersten nach Rúns Geburt absolut unspektakulär und friedlich. Er ist ein sehr zuvorkommendes Baby, das viel isst, lange schläft und nur wenig schreit. Er wird jeden Tag kräftiger und bald sieht ihm niemand mehr an, dass er zu früh geboren wurde. Und nur ganz selten muss Calait bei seinem Anblick daran denken, was Niniane ihnen wenige Tage nach seiner Geburt nahegelegt hatte: Rún soll ihr einziges Kind bleiben. Die Waldläuferin hatte es nicht mit vollkommener Sicherheit sagen können, ob die schwierige Schwangerschaft allein auf die besonderen Umstände mit dem Dämonenmal zurückzuführen sei, oder ob Calait dasselbe mit jedem weiteren Kind erwarten würde. Dieses Risiko will keiner von ihnen eingehen, also müssen sie sich damit abfinden.

Derweil Rún wächst und gedeiht und seine Mutter allmählich wieder ihre alte Figur zurückerlangt, plus ein paar herrlich weiche Pfunde obendrauf (sehr zur Freude Colevars, der noch nie etwas für magere Frauen übrig hatte), zieht der Sommer mit viel Sonne und ausreichend Regen ins Land. Das Korn reift auf den Feldern und die Früchte an Büschen und Bäumen und als es Zeit wird für sie, Abschied aus der Harfe zu nehmen und nach Lyness zu ziehen, hat Borgil noch ein Geschenk für sie. Heimlich, still und leise hatte der Zwerg das kleine Häuschen am Waldrand, von dem nach Rayyans Ausbruch – pardon, dem Ausbruch von Rayyans Gegnern – nur noch drei Wände, ein paar Trümmer und ein durchlöchertes Dach übrig geblieben waren, wieder aufbauen lassen und dabei gleich noch ein paar Verbesserungen vorgenommen und ihnen den Schlüssel in die Hand gedrückt. Dabei hatte er noch etwas von wegen 'Gehört jetzt euch' in seinen Bart gemurmelt, woraufhin Calait ihm quietschend um den Hals gefallen war und sein firnisdunkles Gesicht mit vielen kleinen, aber innigen Schmatzern übersät hatte. Er hatte sich selbstverständlich mit Händen und Füßen gewehrt.

Derweil ihr Weg sie erst nach Lyness geführt hatte, waren die Heckenritter mit Fuhren voller Bauholz und Werkzeug und Heerscharen an willigen Händen in Richtung Sarthefälle abgebogen, um dort auf einer geheimnisvollen Lichtung, die Calait noch nicht kennt, den Grundstein für ihr zukünftiges Zuhause zu legen.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Kalam

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Sunday, December 31st 2017, 5:18pm

Winter is here

Langschnee 517

It doesn't show signs of stopping
And I've bought some corn for popping
The lights are turned way down low
Let it snow, let it snow, let it snow… (Jule Styne / Sammy Cahn)


In den ersten Langschneetagen taumeln auch die ersten weißen Flocken aus dem zinngrauen Winterhimmel, doch es sind nur wenige, die rasch wieder fortschmelzen, und es bleibt noch ein paar Tage neblig, trüb und mild. Am achten Langschnee, Leirs zwölftem Namenstag, wird es frostig. Sie sind alle in Ninianes Baum und feiern, und als sie sich um Mitternacht auf den Weg zurück in die Harfe machen, hat die Luft jene merkwürdige Gedämpftheit, die mit dem Schnee kommt. Kaum passieren sie das Nordtor, fallen die ersten Flocken, dick und weiß, und so groß wie Buchenblätter – und es hört nicht mehr auf. Am nächsten Morgen finden sie die Welt verwandelt vor: jedes Hausdach, jede Fassade, jeder Ast jedes Baumes, auch die große Draingaradtanne im Innenhof der Harfe ist mit Frost überzogen, und von den dürren, blattlosen Zweigen der Sonnenbeerensträucher in Azras Garten hängen zu Zacken geronnene Eiskristalle herab. Es schneit noch immer und es macht keine Anstalten aufzuhören, im Gegenteil: es schneit mehr und mehr… und noch mehr. Es schneit so viel, dass die Blaumantelpatrouillen mit Schaufeln ausgestattet werden und die Wassermagier im Dienst der Stadt, sonst eigentlich für die Klärung der Abwässer des Gerberviertels, die Überwachung der Brunnen und der Kanalisation zuständig, zum Schmelzen des sich schritthoch türmenden Schnees in den Straßen und Gassen Talyras abgestellt werden müssen, weil nirgendwo mehr ein Durchkommen ist. Die Harfenkinder freut es, alle anderen Bewohner des Gasthauses eher weniger, vor allem diejenigen nicht, die jeden Morgen zu götterlästerlich frühen Stunden den Innenhof, den Harfengarten und Teile des Marktplatzes sowie sämtliche direkt angrenzenden Gehwege und Straßen freischaufeln müssen, also vor allem Borgil, Rimeon, die Harfenknechte und ihn selbst. Kalam, der jeden Morgen nach den alltäglichen Schneeschaufelstunden in die Feenwasserbucht hinauf muss, um die Pferde zu versorgen, muss sich von Cron Schneeschuhe leihen, um überhaupt hinaufzukommen, bis Niniane es dankenswerterweise übernimmt, ihre Tiere zu versorgen und erklärt, er solle nicht albern sein, sie könne sich durch ihr Gewirr ja viel schneller und bequemer fortbewegen. Kalam, der Karamaneh in den letzten Siebentagen vor der Geburt nicht mehr für mehrere Stunden am Stück allein lassen will, wenn es nicht unbedingt sein muss, ist ehrlich dankbar und überlässt es der Waldläuferin, nach Atarangi und den mittlerweile mit ihren Fohlen ziemlich rundlich gewordenen Stuten zu sehen. Trotz des Schneechaos in und rund um Talyra nehmen die Stadtbewohner - mitunter ja viel Schnee gewohnt, auch wenn sich noch nicht einmal die Ältesten mehr an einen Winter mit derartig viel davon erinnern können - das alles recht gelassen. Obwohl der Schnee mancherorts in der Stadt mittlerweile eineinhalb Schritt hoch liegt, zahlreiche Nachtfeuerkörbe in den weißen Massen verschwunden, sämtliche Tische und Stühle des Harfengartens nur noch formlose zu erahnende Erhebungen unter einer dicken Decke sind und von jedem hüfthohen Gartenzaun bestenfalls noch die obersten Spitzen aus dem Weiß lugen, werden auf dem Marktplatz und in den Tausendwinkelgassen die Stände für die Julmärkte errichtet, die am zwölften Langschnee feierlich eröffnet werden, in der Harfe steckt man mitten in den Mittwintervorbereitungen und schleppt Unmengen von Tannenzapfen, Wintergrün und Nüssen ins Haus, und Karamaneh und er fangen allmählich an, die verbleibenden Tage bis zur Geburt ihres Kindes zu zählen.

Wenn Kalam jetzt auf die letzten fünf Monde zurückblickt, die wie im Flug vergangen zu sein scheinen, kann er die Wärme tiefempfundener Zufriedenheit in sich spüren. Er hat in der Harfe und bei dieser vielköpfigen, hauptsächlich rotschopfigen (auch wenn die angenommenen Kinder für andere Farbakzente sorgen) Zwergen-Shebaruc-Menschen-Familie tatsächlich ein Zuhause gefunden. Er hat Freundschaften in Talyra geschlossen oder vertieft, und er hat - zwar mit Hilfe vieler anderer, aber nichtsdestotrotz mit seinen eigenen Händen - ein Heim für seine Familie errichtet. Er kommt wunderbar mit Borgil aus, die Kinder lieben ihn alle und er liebt sie, Azra sowieso (wer könnte das nicht?) und wenn man Reisig ansieht, so ist kaum noch etwas von dem mageren, verschreckten Straßenkind übrig. Irgendwann im Herbst hatte sie sogar ihre Stimme wiedergefunden, einfach so und ganz unspektakulär – seither plappert sie mit ihrer hellen Kinderstimme wie ein kleiner Wasserfall. Ihr aschblondes Haar ist auch nicht mehr so kurz wie Samtplüsch, sondern steht ihr trotz aller Bemühungen um Schleifen und Bänder von Azra und Karamaneh meist in wilden, fingerlangen Igelstacheln vom Kopf. Kalam hegt allerdings den Verdacht, dass Bræns noch immer leidenschaftlich gehegter Irokesenschnitt hierfür das große Vorbild ist und nicht Heledds oder Missandeis Zopffrisuren. Reisig wächst jedenfalls wie Unkraut und Karamaneh hat schon dreimal hintereinander neue Garnituren Winterkleidung und zweimal pelzgefütterte Stiefelchen für sie anfertigen lassen müssen, weil ihr alle naslang die Sachen wieder zu klein sind. Niemand ruft das Mädchen mehr Reisig (es sei denn, sie ist dabei Unfug anzustellen), sondern meist Rei, obwohl sie immer noch gertenschlank ist. Doch einen anderen Namen möchte sie nicht, und an den, den ihre leibliche Mutter ihr irgendwann einmal gegeben haben muss, konnte sie sich schon bei ihrer allerersten Begegnung mit Karamaneh in Caer Torrelobar nicht mehr erinnern. Sie selbst sind inzwischen längst Mutter und Vater für die Kleine, und so werden sie von ihr auch genannt. Das einzige, das seinen neu gefundenen Frieden ein wenig trübt ist die Tatsache, dass er rein gar nichts von den Rabani gehört hat, nicht ein Wort. Kalam hatte an das Kadjen seines Ordens geschrieben, im vergangenen Beerenreif schon, und der Rabe, den er aus dem Sithechtempel entsandt hatte, war längst heil und unversehrt wieder in seinen heimischen Schlag zurückgekehrt. Doch von seinen ehemaligen Brüdern und Schwestern hat er bisher keine Antwort erhalten. Entweder der Schock hatte ihnen die Sprache verschlagen oder sie glauben ihm kein Wort, und halten das Ganze wahlweise für eine Lüge, eine Falle oder schwarze Magie, oder… Oder eine Mischung aus allen dreien. Er hat ja damit gerechnet, dass es ihnen schwerfallen wird, eine solche Nachricht zu verdauen, aber dieses anhaltende Schweigen beunruhigt ihn allmählich. Er hatte sowohl Niniane und Olyvar als Lord Commander Talyras als auch Borgil als Zeugen benannt, die sich für seine Worte und deren Wahrheit verbürgen würden, doch weder bei der Waldläuferin, noch bei Olyvar und auch in der Harfe war seither kein einziges Schreiben der Rabenzinne eingetroffen. In den letzten Monden war auch kein anderer Sitechjünger auf der Durchreise in Talyra gewesen, weder Rabani, noch Achyuta, der ihn mit eigenen Augen gesehen und seine Verwandlung hätte bestätigen können. Kalam glaubt zwar nicht, dass ihm oder den Seinen von dieser Seite jemals Gefahr drohen würde, aber er kann sich allmählich auch keinen Reim mehr darauf machen. Als er mit Niniane über seine vagen Befürchtungen gesprochen hatte, hatte die Protektorin angeführt, dass es viele gute Gründe für eine solche Verzögerung geben könnte: unsichere Zeiten in den Rhaínlanden, dringlichere Angelegenheiten des Ordens, verloren gegangene Raben und die Unbilden des Wetters oder schlampig geführte Rabenschläge, wo Botschaften einfach aus Nachlässigkeit verschwinden können, ganz egal wie brav die Vögel ihre Aufgabe erledigen würden. Hier in Talyra ist allgemein bekannt, was er ist und was er einmal war. Sie hatten es nie an die Tempelglocken gehängt, aber sie hatten es auch nicht verschwiegen. Ein paar Wochen lang waren Karamaneh und er wohl das Stadtgespräch gewesen, aber behelligt worden waren sie nie. Dann war dem alten Tallard im Herbst das Eheweib abhandengekommen (das junge Ding, das er vor ein paar Jahren geheiratet hatte und diesmal nicht durch Krankheit, Kindbett, Altersschwäche oder einen Dewinter auf Abwegen, sondern durch den Wildhüter seines Landsitzes), Olyvar hatte sich geweigert, dem Alten die halbe Stadtgarde für einen persönlichen Rachefeldzug deswegen zu überlassen, in Talyra war allmählich auch den Blindesten aufgefallen, dass der Lord Commander offensichtlich ebenfalls nicht mehr verheiratet ist, und die Gerüchteküche hatte sich wieder anderen Dingen zugewandt.

Ein paar Tage vor dem Julfest besuchen sie allesamt den Julmarkt in den Tausendwinkelgassen, der vor allem für Zaleh und Reisig die reinste Märchenwelt zu sein scheint, und sind zum größten Vergnügen der Kinder minutenlang zumindest teilweise unsichtbar, weil sie mehrfach durch Wolken glitzernden Feenstaubs laufen, den alberne (und ziemlich angetrunkene) Feen quietschend über den Köpfen der Besucher verstreuen, und ein Botenrabe aus Lyness trifft ein, der ihnen die Nachricht überbringt, dass Calait und Colevar nicht zum Julfest nach Talyra kommen werden, weil sie im Sarthetal vollkommen eingeschneit sind. Am Tag vor der Wintersonnenwende sind Borgil und er noch einmal in der Feenwasserbucht, um dort nach dem Rechten zu sehen, das Dach des Hauses (nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal in diesem Winter) vom Schnee freizuschaufeln, die Schindeln auf ihre Festigkeit und ihre Wasserdichte (es gibt keine Beanstandungen) zu überprüfen, und alle Kamine einmal durchzuheizen. Das Haus ist in gutem Zustand, zwar furchtbar leer und kalt, weil es immer noch keine Eingangstür gibt, nur ein eingeöltes Stück Rinderhaut, die im Rahmen festgenagelt ist und es nicht täglich beheizt wird, aber ansonsten vollkommen unversehrt. Es wird spät, bis sie an diesem Tag in die Harfe zurückkehren, im Schlepptau den ganzen Wurzelstrunk für das Julfeuer, der morgen im großen Kamin des Harfenanbaus entzündet werden soll. Es kann zwar nicht viel später als zur Stunde des Lohns sein, doch die Schatten in den Straßen Talyras sind bereits kalt und blau. Noch eine halbe Stunde, und die frühe Winterdämmerung würde hereinbrechen und in zwei Stunden wäre es vollkommen dunkel. Doch in der Harfe erwarten sie Wärme, Kinderlachen, heißer Eintopf und frisch gebackenes Brot, gesalzene Butter, Zaleh, ihr kleines Näschen in einem dicken Wälzer über Kräuter vergraben (wo sonst), Karamaneh, die mit Heledds und Missandeis Hilfe abwechselnd den dreijährigen Brevær und den zweijährigen Braiden mit Brotstückchen und Eintopf füttert, und eine liebenswürdige Azra, die ihm und Rimeon beim Essen mit Honig auf den Stimmbändern erklärt, dass sie beide morgen doch bestimmt die Namenstagsfeier der Zwillinge "ein wenig im Auge behalten könnten." Das Gesinde bekäme ja am Mittag frei, so wie jedes Jahr, so dass sie ganz unter sich wären, Borgil habe in der Küche zu tun, er kümmere sich immer um das Julessen, und Zaleh, Missandei und sie selbst müssten da noch etwas fertigstellen, also…
"Namenstag der Zwillinge, aye?" Er nimmt Karamaneh Braiden ab, setzt sich den Knirps auf den Schoss und wirft den beiden Fünfjährigen, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen und die wirklich und wahrhaftig nur ihre Mutter auseinanderhalten kann (und manchmal nicht mal die), merkt man sich am Morgen nicht sehr gut, was wer anhat, einen Blick zu. Vor zwei Siebentagen hatten sie Leirs Namenstag gefeiert, gestern erst Brenainns, der stolze dreizehn geworden war und abends natürlich mit seinen Rekrutenfreunden aus der Steinfaust hatte feiern wollen. Borgil hatte zu diesem Anlass ein kleines Fass (nicht sehr starken) Biers spendiert, wahrscheinlich sind die Jungen immer noch betrunken. Brion und Branon strahlen vom einen abstehenden Spitzöhrchen zum anderen und sehen aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben – Kalam weiß allerdings inzwischen sehr genau, dass das nur Tarnung ist. Sie werden fünf. Sie haben ein Dutzend Kinder aus der Nachbarschaft eingeladen. Du bist über fünfhundert Jahre alt und hast die letzten vierhundertirgendwas davon damit zugebracht, Dämonen, Munduskinder und Monster zu jagen. Wie schwer kann das also schon sein? "Sicher, nichts dagegen. Schneeballschlacht im Harfengarten? Ihr und eure Freunde gegen uns?" Die Zwillinge sind sofort Feuer und Flamme. Rimeon, der nie viele Worte macht, bedenkt seine kleinen Ziehbrüder nur mit einem siegessicheren Augenaufschlag und einer erhobenen Braue, tauscht einen Blick mit ihm, und Kalam nickt Azra zu. "In Ordnung. Wir kümmern uns morgen um die Bande. Wann soll es denn losgehen?"
I do very bad things, and I do them very well

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Thursday, January 25th 2018, 9:21pm

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"It's not what we have in life but who we have in life that matters."


Die Hände über der kleinen Kugel gefaltet, die sie seit einiger Zeit mit dem prophetischen Stolz einer Mutter, die bereits sechs prächtige und durchs Band weg hübsche Kinder auf die Welt gebracht hat, zur Schau stellt, wiegt Azra in ihrem altgedienten Schaukelstuhl aus dunkler, gebogener Buche und lindgrünem, geflochtenem Kræjegras vor und zurück. Ihre Füße, die leicht auf und ab wippen, geben den gemächlichen Rhythmus vor, der eine einschläfernde Wirkung auf das Ungeborene unter ihrem Herzen hat. Doch während Azras Sinne nach innen gekehrt sind, ruht ihr Blick fest auf einem verdächtig kastanienbrauen Schopf, der draußen vor dem Fenster am Rande der Schmiede, halb verborgen von dem Stützgebälk, herumlungert, auffällig angestrengt darum bemüht völlig unauffällig zu wirken.

Es ist nicht das erste Mal, dass Azra Fianrynn beim Starren ertappt. Das Objekt dieser mädchenhaften Begierde hat keine Ahnung davon, dass es schon eine geraume Weile beliebäugelt wird. Rimeon steht, der winterlichen Temperaturen zum Trotz, nur in Hemd und mit aufgerollten Ärmeln über den Amboss gebeugt und inspiziert mit kritischem Auge ein Werkstück. Den letzten Eisenbeschlag für Kalams Haustür, wenn sie nicht alles täuscht. Der ganz offensichtlich nicht seine Erwartungen erfüllt, denn gleich darauf landet er wieder in der blendend weißen Glut, die das Innere des Schmiedeofens in schwelende Hitze taucht. Fianrynn ist nicht die einzige junge Dame, deren Blick öfters einmal an stahlgehärteten Muskeln, kohlrabenschwarzem Haar und einem Paar heller, grüner Augen hängen bleiben. An weiblichen Verehrerinnen mangelt es Rimeon nun wirklich nicht, immerhin versammeln sich an warmen Tagen ganze Trauben kichernder Jungfrauen und heiratswilliger Töchter vor seiner Schmiede. Woran es ihm mangelt, ist die Fähigkeit das holde Interesse überhaupt wahrzunehmen. Wobei seine Ignoranz Azra immer an die stoische Beharrlichkeit erinnert, mit der Borgil die übertrieben hoch angelegten Preise eines neuen Händlers belächelt, bis dieser irgendwann eine Zahl hinter seinem Geiz hervorkramt, die sich fürs Feilschen eignet. Sie ist sich deshalb ziemlich sicher, dass Rimeon die Mädchen aus voller Absicht mit Nichtbeachtung straft. Weil er ein anständiger Mann ist, der Weibergeschichten noch nie viel abgewinnen konnte. Fast tut ihr Fianrynn ein wenig leid. Nur eine von vielen zu sein ist für ein Mädchen in ihrem Alter bestimmt nicht leicht. Sie ist durchaus ein hübsches Kind – Nein, kein Kind mehr. Aber auch noch keine Frau. -, aber in der Masse wesentlich erwachsenerer Schönheiten, die Rimeon umschwärmen, wie willige Katzen einen prächtigen Kater, geht sie doch etwas unter. Wahrscheinlich ist sie ihm noch gar nicht aufgefallen… Diese Annahme ist weit gefehlt, aber das wird sich Azra erst in den kommenden Siebentagen offenbaren. Noch ist sie der festen Überzeugung, dass sein Herz derzeit ausnahmslos für zwei Mädchen schlägt: seine Schwestern. Heledd und Missandei.

Min Yllia… Seltsamerweise hatte Uio ihr einen Vorgeschmack geliefert, Brianna war ein schwieriger Abschied gewesen und Brenainns Fortgang hatte Borgil sogar im Geheimen planen müssen, um Azra nicht zur gezielten Sabotage zu verleiten. Sie hatte es kaum über sich gebracht Brenainn in Olyvars Dienste zu geben, als es dann so weit gewesen war und angesichts der Tatsache, dass Rimeon Borgil erst vor Kurzem auf die alte Schmiede auf der anderen Seite des Marktplatzes, die seit dem Tod des alten Dafydd im Sonnenthron dieses Jahres schon wieder leer steht, angesprochen hat, wird ihr ganz schwer ums Herz. Talyra fehlt es schon seit Jahren an einem wirklich guten Rüstungs- und Waffenschmied und die Handwerksgilde sucht händeringend nach neuen Gesellen, weshalb Rimeons Wunsch nach einer Meisterausbildung – und dazu braucht er einfach eine andere Esse, als die, die in der Harfenschmiede steht – gar nicht ungelegen kommt. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Goldene Harfe nur fünfzig Schritt von der Alten Schmiede trennen, sie ihrem Jungen also praktisch aus dem ersten Stock über die Stände hinweg bei seiner Arbeit zuwinken kann, aber fünfzig Schritt sind nun einmal fünfzig Schritt und damit fünfzig Schritt zu viel für Azras gluckengleiches Wesen. Aber Missandei war… ihr erstes Mädchen. Und für eine ganze Weile hatte Azra geglaubt, dass die kleine Ashanínka auch ihr einziges Mädchen bleiben würde. Für ihre kleine Yllia hatte sie die ersten Kleidchen bei Dornenbeutel in Auftrag gegeben, sich böse in den Finger gestochen bei dem Versuch das perfekte Schleifchen zu nähen und eines der Zimmer in einen entzückenden Traum aus lichten Lavendel- und frühlingshaften Grüntöne verwandelt. Sie hatte ihr das Lesen, Schreiben und Rechnen und vor allem das Nein-Sagen beigebracht und Carsai mehr als einmal überschwänglich und sehr inbrünstig für die glückliche Fügung gedankt, die Missandei in die Goldene Harfe verschlagen hatte - und sich für diese Dankbarkeit gleichzeitig fürchterlich geschämt, weil die Reise nach Talyra vor allem für Kara eine schreckliche Tortur gewesen war. In den letzten vier Jahren war ihr Missandei wie eine eigene Tochter geworden und selbst als die fröhliche Nachricht von Karas Hochzeit mit dem Sithechjünger die Goldene Harfe erreicht hatte, war Azra ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Missandei trotzdem weiterhin bei ihnen, in ihrem Heim und bei ihren Geschwistern bleiben würde.

Doch als Missandei von Karas und Kalams Plan, sich etwas außerhalb der Stadt in der Feenwasserbucht in einem eigenen Haus niederzulassen, erfahren hatte, hatte sie fast ein wenig entsetzt gefragt, ob Kara sie denn jetzt endgültig verlassen würde. Diese hatte sanft gelacht, den Kopf geschüttelt, war aber nicht dazu gekommen die Sorgen des Mädchens zu zerstreuen, da hatte Missandei schon mit verzweifelter Bestimmtheit erklärt, Kara dürfe nicht fortgehen und wenn sie doch ginge, würde sie ihr folgen. Für einen Moment war es in dem Kaminzimmer, wo sie den Abend mit einer Karaffe gewürztem Rotem in den Sesseln und auf den Teppichen vor dem Feuer hatten ausklingen lassen wollen, sehr still geworden, dann hatten nacheinander Kara, Borgil, Kalam und letztendlich auch Missandei zu Azra aufgeschaut. Alles, was Azra zu tun geblieben war, war zu lächeln, zu nicken, ihrer Tochter einen Kuss auf die vielen dunklen Löckchen zu drücken und Kalam und Kara dann anzusehen und Missandei mit einer gequälten Fröhlichkeit, die nur Kinderohren täuschte, zu versichern: "Ich bin mir sicher, dass sie sich freuen würden, wenn du bei ihnen einziehst." Borgil, für gewöhnlich so sensibel wie eine Branhornstampede, aber in Bezug auf seine Frau feinfühliger als Arúens Elbensinne, hatte die Situation sofort erfasst und kurzerhand das Thema gewechselt.

Später, als sie nebeneinander in ihrem Bett gelegen hatten, sie in seinem Arm, den Kopf auf seiner Schulter gebettet, gebeutelt von der trostlosen Aussicht das kleine Fröschelein zu verlieren und in einem stummen Kampf mit bitteren Tränen verstrickt, hatte er sich liebevoll darum bemüht ihren Schmerz etwas aufzufangen. Sie wäre ja nicht aus der Welt, bestimmt jeden Tag in der Harfe zugegen, außerdem brauche Reisig eine Gespielin in ihrem Alter und wenn sie ihr kleines Fröschelein sehen wollten, brauchten sie nur dreimal Hüpfen und seien schon da. Wieder hatte Azra nur genickt, um Worte betrogen, die hätten beschreiben können, wie sehr Missandeis Wunsch sie schmerzte.
Manchmal war ein offenes Herz eben kein Segen und die Fähigkeit ein fremdes Kind mit der gleichen Heftigkeit zu lieben, wie das eigene Fleisch, der reinste Fluch.

Mit einer fast schon nüchternen Entschiedenheit schiebt Azra den Gedanken an Missandeis Fortgehen im Frühjahr beiseite, wickelt ihr Herz in mehrere Lagen sachlicher Betriebsamkeit und erhebt sich aus dem Stuhl, um die auf dem nahestehenden Tisch liegenden Pläne noch einmal im Detail zu studieren. Seit vielen Jahren ist sie in Talyra wohltätig. Sie unterstützt die Winterkinder und Waisen in den Tempeln, die Armenspeisung in der Stadt, Schulen in den umliegenden Dörfern, die keine eigenen Priester haben, das Haus der Heilung, die alten Feuerholzweiber sowie die Kinder und vereinzelte Familien im Fliegengrund. Dabei ist ihr immer wieder aufgefallen, dass vor allem alte, oder kranke Menschen, Krüppel und geistig verwirrte ohne Familien der Gefahr der Armut und Vereinsamung ausgesetzt sind. Sie können ihren Lebensunterhalt nicht, oder nur begrenzt alleine bestreiten, haben niemanden, der sich um sie kümmert, wenn sie krank werden und sind abhängig von der Großzügigkeit und Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn, oder wohlhabende Mäzene wie Azra. Allerdings werden sie, im Gegensatz zu den Kindern, oft vergessen und Azra hat sich nach reiflicher Überlegung das vermessene Ziel gesetzt, daran etwas zu ändern. Die wenigsten Menschen, völlig egal wie alt oder krank oder verwirrt, sind tatsächlich vollständig nutzlos, wie manch ein hart arbeitender Bürger Talyras vielleicht sagen würde. Die meisten von ihnen brauchen einfach ein wenig Unterstützung. Aber ihnen allen einzeln zu helfen, war so haarsträubend aussichtslos, wie der Versuch einen Schwarm Mücken mit einem Schmetterlingsnetz zu fangen.

Es ist ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, als sie dem alten Färber Wren die teilweise vorgekochten Vorräte vorbeigebracht hat, die sie aus Zutaten zusammengestellt hatte, die sie am Tag zuvor zusammen mit der Blinden Rhoswen gemeinsam auf dem Markt erstanden hatte. Rhoswen fällt es schwer sich ohne Begleitung außerhalb ihres Hauses zurecht zu finden, aber in ihren eigenen vier Wänden bewegt sie sich so zielsicher wie eine Fledermaus in der Finsternis. Wren hingegen hat verkrüppelte, von Knochenschmerz geplagte Finger, mit denen Feinarbeiten, wie zum Beispiel das Benutzen von Messer, Gabel und Spieß, kaum noch möglich ist. Aber seinen Augen und seinenFüßen fehlt es an nichts, außerdem hat er einen großen Magen und eine Vorliebe für gutes Essen. Beide haben ihre eigenen Partner und leidergötter auch Kinder überdauert und besitzen keine Enkel, sind also auf sich allein gestellt. Er verdingt sich hin und wieder ein Zubrot, indem er den jungen Gesellen seiner Zunft etwas beibringt, Rhoswen spinnt Wolle. Früher, als ihre Augen noch scharf gewesen sind, hat sie für Dornenbeutel gearbeitet und seine besonders kostbaren Kleider mit den aufwändigsten und schönsten Nadelmalereien versehen. Heute wagt sie sich noch nicht einmal mehr an einen Kreuzstich. "Ich sehe die Farben nicht, Mistress, und was ist ein Bild ohne hübsche Farben?" Wren aber als ehemaliger Meisterfärber ein perfektes Auge für Farben. Wenn es Azra also gelingt, diese zwei unter einem Dach zusammenzubringen, dann muss sie sich in Zukunft wenn überhaupt nur noch darum kümmern, sich bei einem gelegentlichen Besuch nicht an Rhoswens köstlichen Honigfingern zu überfressen. Und Wren und Rhoswen sind nicht die einzigen, die sich auf diese Art ergänzen.

Da ist ihr zum ersten Mal der Gedanke an ein großes Hauses gekommen, in dem solche Menschen, sofern sie es denn wollen, unterkommen und miteinander leben können, indem jeder den Beitrag leistet, den er noch leisten kann. Natürlich ist diese Idee noch unausgereift und bedarf einer grundlegenden, strukturellen Ausarbeitung. Nicht nur organisatorisch und logistisch – weshalb sie nach Beginn des neuen Jahres einen Besuch bei Niniane geplant hat -, sondern auch hinsichtlich des Baus selber, der auf die Bedürfnisse alter, kranker und teilweise sogar verkrüppelter Menschen zugeschnitten sein muss. Als sie ihre Überlegungen und auch Zweifel mit Borgil geteilt hat, hat er ihr zugestimmt, dass es ein schwieriges Unterfangen werden würde und sie sich nicht allzu viele Hoffnungen machen sollte, es würde nämlich bestimmt auch viele Menschen geben, die ihr alttrautes Heim nicht gegen ein gemeinschaftliches Wohnen eintauschen wollten. Gleichzeitig aber hat er direkt am nächsten Tag den Architekten ihres Vertrauens, der schon den An- und Ausbau der Harfe nach ihren Wünschen gestaltet hatte, herbeibestellt und ihn gebeten einen ersten Entwurf ganz nach Azras Wünschen auszuarbeiten. Diesen hat er ihr vor zwei Tagen auf drei riesigen Blatt Pergament wortreich veranschaulicht, inklusive einer langen Liste an Vorschlägen, wie man den Bau unter Umständen sogar wirtschaftlich umgestalten konnte (mit eingepflegten Gärten und vielleicht sogar einer Werkstatt oder einem hauseigenen Laden), so dass die Bewohner gar nicht mehr auf die Straße mussten, um ihre Waren zu verkaufen.

Auf diese Pläne sieht sie nun hinunter, derweil sie im Kopf die groben Zahlen durchgeht, die Borgil ihr am Abend vorgerechnet und auf Wachstäfelchen niedergekritzelt hat, um ihr ein besseres Bild von den anfallenden Kosten zu vermitteln. Es würde ein teures Unternehmen werden, vor allem, wenn es am Ende nicht so funktioniert, wie sie sich vorstellt. Dann fällt ihr Blick auf ein offizielles Schreiben, halb vergraben unter den großen, sandfarbenen Bögen, dessen purpurfarbenes Siegel das silberne Abbild eines gekrönten Drachen, eines Ritters, eines Gelehrten und eines dicken Buches zeigt. Die schwungvolle Unterschrift liest: Erzmaester Laon von Inistrae, hochehrwürdiger Leiter der Drachenhallen zu Lair Draconis. Es ist die Antwort auf ein Schreiben, dass Azra vor etwas mehr als zwei Monden verfasst hat. Kurz davor hatte Jojeen zum ersten Mal den Wunsch geäußert, eines Tages an einer der großen und berühmten Universitäten der Immerlande zu studieren. An der Halle der Gelehrsamkeit in Beyféale in Sûrmera, oder an der Gasalja Kumán in Cap Ardun in Ardun, oder an den Drachenhallen in Lair Draconis in den Drachenlanden, oder an der Madrasa Al-Qarawiyyin in Mar Varis in Azurien, oder an der Prifysgol Caergrawnt oder der Prifysgol Rhydychen in den Nebrinôrthares, oder… Das hingebungsvolle Entzücken und die eifrige Faszination ihres Jungen, haben Azra dazu gebracht – wenn auch nur mit schwerem Herzen -, die einzelnen Institutionen zu kontaktieren und sie zu bitten, Jojeen in einem Jahr, wenn er fünfzehn Sommer alt wird, in ihren Hallen als Schüler zu akzeptieren. Sechs Anfragen. Sechs Antworten. Fünf davon in einer zwar förmlich verpackten, aber für sie, als Ehefrau eines Meisters der Flüsterer und Ohrenbläser darin geschult zwischen den Zeilen zu lesen, durchaus lesbaren Begehrlichkeit. Der Name Blutaxt hat Gewicht und selbst Azra hat längst gelernt ihn bei Bedarf ganz nonchalant und natürlich ohne jeden Hintergedanken hier und da fallen zu lassen. Allerdings achtet sie gleichzeitig darauf, sich nicht auf dem Namen auszuruhen, den ihr Mann sich in langen Jahrhunderten erarbeitet hat und selbiges erwartet sie auch von ihren Kindern.

Nur zwei Briefe entbehren jeder Speichelleckerei. Nachdenklich blättert Azra durch die Papiere, zieht die entsprechenden Schreiben hervor und überfliegt noch einmal die zwei Handvoll krakeliger Zeilen, die ein wenig den Eindruck erwecken, als seien sie von einem leicht gehetzten Gemüt zwischen zwei Happen und drei Vorträgen niedergekritzelt worden. Die Tatsache, dass man in der Prifysgol Caergrawnt oder der Prifysgol Rhydychen keine Zeit hat wortreich und übertrieben höflich auf ein einzelnes Ersuchen zu reagieren, nur weil zufälligerweise der Name einer bekannterweise sehr wohlhabenden Familie darunter steht, sagt Azra sehr zu. Sie hofft, dass Jojeen sich für eine der zwei Universitäten in den Nebrinôrthares begeistern wird, letzten Endes bleibt es jedoch seine Entscheidung wo er studieren möchte. Bevor du dir den Kopf über die beste Wahl zerbrichst, solltest du mit seinem Bruder reden. Denn etwas sagt ihr, dass Rimeon sich mit dem Gedanken, seinen Bruder so weit fort zu wissen, sehr schwer tun wird. Drei Jahre sind ins Land gezogen, seit Varin die Geschwister zu ihnen gebracht hat. Für Heledd eine halbe Ewigkeit. Für Jojeen genug Zeit, um sich von dem Schrecken einer Nacht zu erholen. Aber Rimeon war damals schon fast erwachsen. Für ihn gab es keine Linderung, noch nicht einmal Genugtuung, denn die Mörder seiner Eltern, seiner Nachbarn und seiner Freunde wurden nie aufgegriffen. Was seinen ausgeprägten Beschützerinstinkt erklärt, der zuweilen auch ein bisschen einschränkende Ausmaße annehmen kann.

Azra überlegt gerade, ob sie Rimeon vielleicht einfach in die Wahl der Universität miteinbinden soll, um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, da hört sie plötzlich Borgils Stimme. Im nächsten Herzschlag flitzt auch schon einer der Stallburschen über den schneeverwehten Innenhof und gleich darauf zieht ein kleiner Tross furchtbar müde, aber höchst zufrieden aussehender Männer an ihrem Fenster vorbei. Fertig, geht es ihr durch den Kopf, während sie die Briefe zurücklegt und mit einem kleinen Schmunzeln die ganze Hektik, der Stress und all die kleinen und großen Abenteuer, die sie auf der Baustelle erlebt haben, Revue passieren lässt. Aber nur bis zum Frühjahr. Dann wird noch einmal kurzzeitig ein mittleres Chaos aus Vorhängen, Möbeln, Teppichen und einem sorgfältig ausgewählten, aber leider noch nicht sortieren Hausstand herrschen, ehe Kalam und Kara endlich in ihre eigenen vier Wände einziehen können. Und dann sind sie fort. Azra verschloss diesen Gedanken zusammen mit den Briefen fein säuberlich in der dafür vorgesehenen Schublade, ehe sie sich zu den anderen in den Schankraum gesellte. Sie hat, wie jeden Abend in den letzten Monden, das Wespennest hergerichtet, so dass die durchfrorenen Heimkehrer von einem warmen Feuer und heißem Essen willkommen geheißen werden. Es haben sich schon alle in dem Zimmer versammelt – sogar Rimeon hat das Schmieden für heute sein gelassen und Kalam geholfen den Wurzelstrunk durch die Hintertür zu manövrieren, ohne irgendetwas umzuwerfen oder abzuräumen - , als sie dazu stößt und ihr Herz schmilzt vor Zuneigung, als sie das laute, bunte, herzliche und liebevolle Mit- und Durcheinander flüchtig aus dem Türrahmen heraus beobachtet. Ihre Familie.

„Danke… Ich danke Euch.“ Es ist nur ein Wispern, das in diesem Raum ungehört in fröhlichem Gelächter und neugierigen Fragen geht, aber sie, für die es gedacht ist, hat es vernommen, davon ist Azra überzeugt. Dann eilt sie schmunzelnd zu Borgils Rettung, dessen lederner Mantel schwer und nass ist von der ganzen Kälte… und den zwei aufgeregten Zwergensprößlingen, die sich jeweils an eine Ecke gehängt haben, im Versuch ihren Da ausquetschen, was er ihnen zum Jahrestag schenken wird. „Ab, husch, lasst euren Vater erst einmal ankommen, bevor ihr ihn schon wieder verhört“, scheucht sie die Zwillinge mit einem liebevoll wackelnden Zeigefinger davon und hilft ihrem Mann dann aus dem pelzgefütterten Ungetüm.
Gleich darauf sitzen sie alle an dem langen Tisch und schlemmen sich durch deftigen Eintopf, wobei Kara sich zusammen mit den Mädchen netterweise um Brevær und Braiden kümmert, so dass Azra sich um den ganzen Rest sorgen kann. Sie hat Kalam gerade zum dritten Mal nachgeschöpft, als ihr noch etwas einfällt und mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den ein zartes Geschöpf wie Zustande bringen kann, räuspert sie sich über ihre eigene Schüssel hinweg und flötet: „Kalam, du hättest morgen doch bestimmt Zeit die Zwillinge ein wenig im Auge zu behalten, oder? Das Gesinde bekommt wie jedes ab Mittag frei, so dass wir ganz unter uns sind. Borgil wird sich in der Küche um die Gans kümmern und Zaleh, Missandei und ich müssen noch… etwas fertigstellen, also…“ Der fünfhundert Jahre alte Vampir wechselt einen Blick mit Rimeon, der nur bedenkenlos mit den Schultern nickt und erwidert mit der unbedarften Selbstsicherheit, von jemanden, der absolut keine Ahnung, zu was die Zwillinge im Stande sind: „In Ordnung. Wir kümmern uns morgen um die Bande. Wann soll es denn losgehen?" Azra lächelt und erwidert: „Ungefähr zur Stunde der Saat“, während sie sich denkt: Auweiah…
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Kalam

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Friday, January 26th 2018, 9:12am

Steinchen im Schuh

Me: What could possibly go wrong?
Catastrophe: I'm glad you asked. Now hold my beer.

21. Langschnee 517, Mittwinter, am Morgen


Für Kalam beginnt der Morgen des Mittwintertags wie jeder andere auch seit es vor Wochen angefangen hatte, zu schneien: er steht zur Stunde des Hahns auf (die Harfe ist mit Sicherheit im Besitz des einzigen Gockels von Talyra mit schweren Polypen, was seiner Krähfreudigkeit allerdings keinen Abbruch tut, auch wenn er dabei klingt, als hätte er chronische Bronchitis. Aber dieser Hahn ist auch ein ausgesprochener Langschläfer und hält schon im Sommer rein gar nichts davon, zeitig auf dem Mist zu sein, erst recht nicht im tiefsten Winter) und vergewissert sich als erstes mit einem Blick aus dem Sprossenfenster, ob auch in dieser Nacht frischer Schnee gefallen ist. Natürlich ist es das, es schneit immer noch. Dann klatscht er sich ein paar Hände kaltes Wasser ins Gesicht, bindet sich das Haar im Nacken zusammen, zieht sich an, küsst seine Frau, die indes weiterschläft, schlüpft in die mit Wolfspelz gefütterte Wintertunika aus weichem, dunkelgrauem Wildleder und in seine Stiefel, sieht nach ihren Mädchen, die noch friedlich träumen, bewaffnet sich im Windfang unten mit Schneeschippe und Reisigbesen, und verlässt den Anbau der Harfe einen halben Glockenschlag nach dem Aufstehen. In der Schmiede hört er schon Rimeon rumoren, der sich ebenfalls auf den Weg zum allmorgendlichen Schneeschaufeln macht, das sie heute allerdings allein erledigen müssen, weil Borgil längst in der Küche zu Gange ist. Hätten sich die Dinge wie gewohnt weiterentwickelt, hätten der Junge und er erst den Innenhof, dann die Seitenstraße, dann den Zugang zur Harfe auf dem Marktplatz und schließlich den Harfengarten freigeschaufelt, während die Knechte derweil das Vieh versorgt, die Kamine angeheizt und die Mägde das Morgenmahl gerichtet hätten. Aber dann hätten Eier, Schinken und frisches Brot auf sie gewartet, Karamaneh hätte ihm einen Becher dampfenden Cofeas in die Hand gedrückt und sie hätten den restlichen Vormittag damit zugebracht, sich vielleicht endgültig auf einen Namen für ihr Baby zu einigen und die Julgaben für die Kinder einzupacken. Nachdem das erledigt gewesen wäre, hätte er Karamaneh notfalls mit sanfter Gewalt dazu gedrängt, sich hinzulegen und ein wenig auszuruhen. Sie versichert zwar stündlich, es gehe ihr bestens, doch ihr Bauch ist in den letzten Siebentagen sprunghaft angewachsen und hat mittlerweile eine Größe angenommen, die die meisten einen nervösen Bogen um sie schlagen lässt… als bestünde irgendwie die Gefahr, dass er hochgehen könnte wie ein Fässchen Loas Öl, dem man mit einem Stück Zunder zu nahegekommen ist. Dann würden sie alle zusammen das Mittagsmahl – Weinkraut und gebratene Würste, schließlich soll es abends ein Festmahl geben – einnehmen, er würde Azra diese Namenstagsfeier abnehmen und mit den Zwillingen und ihren Freunden Sigruns Torte vernichten (dass sich das als absolut wörtlich herausstellen würde, kann er zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht ahnen) und dann… nun, dann würden sie mit Einbruch der Dunkelheit das Julfeuer entzünden, gemeinsam Essen, ihre Gaben tauschen und dann am Feuer sitzen und Geschichten erzählen, eine Runde Diamantrücken spielen, heißen Honigwein trinken und schließlich... irgendwann sehr spät... würden Karamaneh und er in der warmen Geborgenheit ihres Bettes die längste Nacht des Zwölfmonds ausklingen lassen.

Das allererste Anzeichen dafür, dass das nicht alles so ruhig und besinnlich verlaufen würde, wie Kalam sich das insgeheim vorstellt, tritt in dem Augenblick auf, als er die drei verschneiten Stufen von der Tür hinunterstapft und ihm ein Steinchen in den Stiefel rutscht. Es sind hohe Lederstiefel, alt und abgetragen, aber genau richtig. Sie werden regelmäßig gefettet, sind gepflegt und erst vor kurzem neu besohlt worden. Sie passen ihm wie angegossen. Seine Füße und diese Stiefel sind alte Freunde. Wie es das Steinchen schafft, sich da einzuschleichen oder wo es bei all dem Schnee überhaupt herkommt, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Doch es setzt sich hinter Kalams Ferse fest und heischt ungeteilte Aufmerksamkeit. Bis er es entfernt und seinen Stiefel wieder angezogen hat, hinkt er Rimeon schon zwanzig Schritt im Schneeschaufeln hinterher. Eine lächerliche Belanglosigkeit könnte man denken – und hätte damit auch vollkommen recht. Doch später im Verlauf dieses denkwürdigen Tages und der noch viel denkwürdigeren Nacht, die ihm folgen soll, kehren Kalams Gedanken immer wieder zu diesem Steinchen zurück und er fragt sich, ob das nicht das erste Omen gewesen ist – der dringende, wohlgemeinte Rat irgendeiner höheren kosmischen Macht, umzukehren und sich einfach wieder zu seiner Frau ins Bett zu legen. Er hat noch nicht einmal ein Viertel des Innenhofs freigeräumt, als das nächste Zeichen, dass dies keineswegs ein ruhiges, besinnliches Mittwinter, sondern eher ein Tag absolut unerwarteter Überraschungen werden würde, im Torbogen zum Innenhof der Harfe steht, und zwar in Gestalt eines in schwere Wolle und Fuchspelze gehüllten Riesen samt Pferd. Auf den zweiten Blick entpuppt sich der Riese nämlich als Tiuri. Azra und Borgil hatten dem ältesten Harfenziehsohn längst schon von all den Neuigkeiten geschrieben, so dass der immerhin einen groben Überblick über all die seltsamen und umwälzenden Ereignisse des letzten Zwölfmonds haben dürfte, aber etwas mit eigenen Augen zu sehen, ist noch einmal etwas ganz anderes, als nur davon zu hören – und Kalam hatte Tiuri zum letzten Mal bei ihrer Rückkehr aus Ambar gesehen, als er noch ein ziemlich untoter Vampir mit gelegentlich roten Augen gewesen war. Kurz darauf waren Rayyan, Olyvar, der Narrenkönig, Karamaneh und er selbst nach Azurien aufgebrochen, und Borgils Ziehsohn war, nach allem was er weiß, lange vor ihrer Rückkehr in die Stadt schon wieder nach Sûrmera gegangen. Natürlich ist jedes Schneeschippen vorerst vergessen – zumindest von ihm, denn Rimeon ist längst mit seiner Hälfte des Harfenhofs fertig und schaufelt fröhlich auf der Straße weiter, wo er von Tiuris überraschender Ankunft zunächst einmal rein gar nichts mitbekommt. Dafür aber der ganze Rest der Goldenen Harfe und des Blutaxtclans, kaum dass sie beide sich begrüßt und ein paar Worte getauscht haben. ('Deine Augen sind ja grün!' 'Wo kommst du denn her? Azra fällt ihn Ohnmacht, sie hat keine Ahnung, dass du zum Julfest nach Hause kommst…' 'Soll ja auch eine Überraschung sein - Himmel, es tut mir so leid wegen Rayyan…' 'Aye, uns auch, aber lass uns später davon reden.' 'In Ordnung, ich muss nur mein Pferd versorgen und dann…' 'Gib es mir, ich kümmere mich darum. Ninio schnarcht noch. Sieh du lieber zu, dass du ins Warme kommst, du siehst aus, als wärst du die halbe Nacht durchgeritten. Borgil ist schon auf und in der Küche. Ich komme gleich nach.')

Tiuris Ankunft sorgt tatsächlich für eine kreischende, freudetaumelnde Kakophonie aus Kinderstimmen, Borgil-Gepolter und Azra-Tränen (des Glücks, versteht sich), wirbelt das ganze Haus (und es ist ein großes Haus) durcheinander, sorgt für leuchtende Augen hier und albern frohes Grinsen da, und bringt außerdem einen ganzen Rattenschwanz aufregender Sûrmera-Geschichten mit. Rimeon, der das restliche Schneeschaufeln praktisch im Alleingang erledigt hat, kommt durchgefroren, weißverkrustet und rotnasig als letzter zum Morgenmahl und erklärt indigniert, keine Ursache, aber dafür gehörten die Zwillinge am Nachmittag ihnen dann ganz allein. Tiuri und er kommen erst am Mittag dazu, sich zusammenzusetzen, in Ambar-Erinnerungen zu schwelgen und auf Rayyan zu trinken. Sie halten sich mit letzterem zwar wirklich zurück - und loben sich gegenseitig dafür als vernünftig und weise -, aber sie sind trotzdem nicht mehr ganz nüchtern, als die Namenstag-Apokalypse bereits zur Stunde des Mühens (das letzte prophetische Omen dieses Tages, das genauso ignoriert wird, wie seine Vorgänger) und nicht erst zur Stunde der Saat ihren Anfang nimmt. Man kann nicht alles haben, was man will; nicht immer jedenfalls. Kalam und Tiuri, die an diesem Tag beide wohl auf nichts anderes gehofft hatten, als auf ein besinnliches Mittwinterfest im Kreis ihrer Liebsten, sicher nicht. Neun Stunden nach Tiuris überraschender Ankunft in der Harfe erlebt das Gasthaus nämlich genug Aufregung für das ganze kommende Jahr, denn die Namenstagsfeier der Zwillinge entpuppt sich als Ereignis, von dem alle Beteiligten noch lange Reden und vor dessen Wiederholung so einige von ihnen auch noch mindestens genau so lang bangen werden. Das apokalyptische daran erwächst aus einer verrückten, unausgegorenen Mischung aufgeregter Kinder, der nichtsahnenden Unwissenheit verantwortlicher Erwachsener und ein paar Zufällen, für die tatsächlich niemand etwas kann. Beteiligt daran sind: zwei überdrehte Fünfjährige mit einem frühreifen, chaotischen Hang zu alchemistischen Experimenten; ein dreistöckiges Ungetüm von Sahnetorte, von Sigrun mit Liebe, Sorgfalt und einem Hang zur Übertreibung eigens für das freudige Ereignis gebacken; rund ein Dutzend kleiner Namenstagsgäste im Alter von viereinhalb bis sieben und ebenso viele, ihre Sprösslinge begleitende, recht anhängliche Väter, große Brüder oder sonstige männliche Anverwandte, die die Gelegenheit beim Schopf ergriffen haben, ihren putz-, back- und kochwütigen, und in den letzten Vorbereitungen für das Mittwinterfest steckenden, Frauen, Müttern oder Schwestern daheim zu entkommen; ein verirrtes Fässchen Kirschlikör, der es in sich hat; eine Pferdetränke mit dünner Eisschicht und ansonsten eisigem Wasser am Rand des Harfengartens; die restliche harfeneigenen Brut, die nicht gerade Azra und Zaleh zur Hand geht (Missandei und Reisig), auf dem Marktplatz Geschenke verteilt (Bræn und Heledd), noch Dienst hat (Brenainn), in der relativen Ruhe des ansonsten verlassenen Gasthauses über seinen Büchern sitzt (Jojeen) oder sich wohlweislich drückt (Rimeon), namentlich also Brevær und Braiden. Die Tatsache, dass beide erst drei und zwei sind, macht die Sache auch nicht gerade besser; Hauptakteur ist jedoch mit Sicherheit Borgils Geschenk an seine fünfjährigen (!) Zwillingssöhne, bestehend aus einem viel zu gut ausgestatteten Alchemistenkasten, dessen Besitz zweifellos einen grindobolschen Eid erfordert hätte und dessen Existenz von den anwesenden Erwachsenen leider viel zu spät bemerkt wird. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch ein Satz Feuerwerkskörper, die ein stockbesoffener Sappeur vor zwei Tagen im Schankraum der Harfe hatte liegen lassen und die hinter dem Tresen nicht gut genug weggeschlossen worden waren.
I do very bad things, and I do them very well

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