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Azra

Stadtbewohner

  • "Azra" started this thread

Posts: 1,058

Occupation: Wirtin der Goldenen Harfe

Location: Talyra

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1

Wednesday, March 5th 2014, 3:23pm

Die Gasse der Webstühle

Im äußersten Nordosten des Handwerkerviertels, dort, wo das Tuchmacher und Stoffhändlerquartier beginnt, liegt unweit des Seetors zum Hafenviertel die Gasse der Webstühle. Folgt man ihrem verschlungenen Lauf einen langen Hügel hinauf, vorbei an offenen Werkstätten, wo Spinnräder klappern und Webstühle knarren, alte Weiber auf Schemeln klöppeln und sticken, vorbei an Auslagen mit Seidenstoffballen und Teppichen, Garnen und Nähutensilien, Kleidern, Gewändern und sonstigen Stoffwaren aller Art, so gelangt man zu den Schneiderwerktstätten - und je weiter man die Gasse hinaufkommt, desto größer werden die Gebäude. Ganz an ihrem Ende, oben auf dem Hügel, steht ein hohes Fachwerkhaus, dessen obere Stockwerke über die schmale Gasse ragen und einen langen Schatten werfen. Auf dem großen Ebenholzschild über der wuchtigen Doppeltür prangt eine goldene Schere gekreuzt mit einer langen, goldenen Nadel und darunter steht in verschlungenen goldenen Lettern: Meister Dornenbeutel
Avatar (c) by Niniane

An Irish taxi driver: "We Irish don't tell lies. We just try hard not to tell the truth."


nyanyanyanyanyanyanyanya.... BAT-CAT! :yell:

You walk me animally on the cookie! - Du gehst mir tierisch auf den Keks! ;D

Rialinn

Stadtbewohner

Posts: 45

Location: Vinyamar

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2

Sunday, November 13th 2016, 4:54pm

<-- Die Straßen der Stadt


Mit einem einvernehmlichen Grinsen machen die beiden Mädchen sich auf den Weg. Weit ist es ohnehin nicht mehr. Nur einige Gassen weiter können sie das monumentale Hafentor schon sehen, auch wenn das Hafenviertel nicht ihr Ziel ist sondern die Gasse der Webstühle. Jene Gasse, die hier im nordöstlichen Ende des Handwerkerviertels auf die große Straße trifft, die Handwerker- und Hafenviertel mit dem Marktviertel verbindet. In vielen Kurven windet sie sich den kleinen innerstädtischen Hügel hinauf. Vorbei an den Werkstätten der Tuchmacher und Weber, wo man Spinnräder surren und Webstühle klappern hört, dann die Bortenweber, Stickereien und Spitzenklöpplerinnen. In den Auslagen, die bei manch kleiner Werkstatt kaum mehr als ein geöffnetes Fenster mit einem Tisch dahinter ist, werden Stoffe und Tuche in Zuschnitten und ganzen Ballen, feine und feinste Spitzen, Borten und Knöpfe präsentiert. Manches aus eigener Herstellung der man direkt hinter den Auslagen zusehen kann oder aus den Werkstätten im Hinterhaus. Hinter den Fenstern der Tuchhändler ist aber unschwer auch zu erkennen, dass hier ebenso Wolltuche aus Normand, Spitze und Leinen aus Laigin, Seide aus Ceresdor, die farbenfrohen Stoffe Azuriens oder gar immerfroster Spinnenseide gehandelt wird - wenn man sich solch einen luxuriösen Stoff denn leisten kann und will.

Doch das meiste davon wird von den beiden Mädchen kaum beachtet. Dazu sind sie viel zu sehr mit ihrer Unterhaltung beschäftigt. Kaya erzählt ihr von Shu're Shalhor, der momentan viel außerhaus unterwegs ist und scheinbar nur wenig Zeit für sie hat. Das Gesicht des Wolfsmädchens ist dabei völlig ungerührt, aber da ist ein kurzes Schwanken in ihrer Stimme, das Rialinn ihr unter den Wimpern heraus einen aufmerksamen Blick von der Seite zuwerfen lässt. Das Elbenmädchen weiß nicht, was sie davon halten soll. Ist Kaya nun erleichtert, weil das bedeutet, dass auch ihr im Sommer der Unterricht erspart bleibt oder vermisst sie die gemeinsame Zeit mit dem Windelben (auch wenn sie das vermutlich NIE zugeben würde) oder etwas von beidem? Egal zuckt Rialinn innerlich mit den Schultern und freut sich einfach darüber, dass Kaya sie begleitet. Sie haben die lange, gewundene Gasse bis auf den höchsten Punkt des Hügels und zu den Werkstätten der Schneider gerade zur Hälfte zurückgelegt, als Kaya erzählt, wen sie vor zwei Tagen getroffen hat.

>Und rate, wer vorgestern wieder versucht hat, sich als Herr der Straße aufzuspielen.<

Bei der so offensichtlichen Schadenfreude und dem Grinsen Kayas muss Rialinn lachen. Kaya und diese Straßenkinder sind ein Thema für sich. "Hat Yaron noch immer nicht genug? Oder sollte ich besser fragen, ob seine Laufburschen noch nicht genug haben?" Noch immer grinsend schüttelt die junge Elbin den Kopf. Ihre Freundin ist schon öfter mit den Straßenkindern aneinander geraten. Und soweit Rialinn das beurteilen kann, legt Kaya es nicht darauf an - sie weigert sich bloß klein beizugeben. Dieser Yaron war der Wortführer dieser speziellen Gruppe Straßenkinder. Er war älter und größer als Kaya, doch aus irgendeinem Grund hatte er es bisher nicht gewagt ihr selber gegenüber zu treten, sondern hatte nur seine Laufburschen gegen losgeschickt. Aber Kaya ist zu flink und zu schlau um ihnen in die Falle zu gehen. Meistens gelingt es ihr sogar, die Burschen so gegeneinander auszuspielen, dass die sich selber ausmanövrierten ohne selber etwas abzubekommen. Zusammentreffen, die dann bei den Treffen von Rialinn und Kaya für gemeinsame Heiterkeit sorgen, wenn das Wolfsmädchen davon erzählt. In Rialinns Augen ist dieser Yaron ein großspuriger Feigling, der sehr genau weiß, warum er sich Kaya nicht selber stellt sondern andere vorschickt:

Ganz am oberen Ende der Gasse der Webstühle befindet sich die Werkstatt von Meister Dornenbeutel, einem der renommiertesten Schneider der Weltenstadt: Ein hohes Fachwerkhaus mit einer verglasten Tür unter dem Schild mit goldfarbener Schere und Nadel.

Kaum haben die beiden Mädchen unter dem leisen Klingeln winziger Messingglöckchen das Haus betreten, werden sie auch schon von einer Magd mit einem höflichen Neigen des Kopfes begrüßt. Nur kurz wird ihr Blick von dem Pelz auf Kayas Rücken angezogen, dann gewinnt die strenge Ausbildung Dornenbeutels Oberhand und sie sieht Rialinn wieder an. "Die Götter zum Gruße, junge Damen." Dann bietet sie den beiden Mädchen zwei gepolsterte Ledersessel an. "Maester Dornenbeutel ist leider nicht da, Rialinn. Aber ich gehe und hole Éibhir. Es dauert nur einen Moment." Während die Magd durch einen Vorhang in den hinteren Räumen verschwindet. In Dornenbeutels Laden ist es angenehm kühl nach der sommerlichen Wärme in den Gassen und es duftet wie stets schwach nach Lavendel und Verbenen. Die Theke ist breit und aus dunklem Holz, das so oft poliert wurde, das es glänzt. Auf einigen Ständern, die vage menschliche Formen haben, und Rialinn jedes Mal an die Holzständer erinnert auf denen Kettenhemden aufbewahrt werden, hängen ausgestellte Festgewänder für Männer und Frauen, meisterliche Einzelstücke Dornenbeutels. Bis auf die Fensterfront werden alle Wände von Regalen mit reichen Schnitzereien eingenommen, die bis an die Decken reichen, selbst die Türen umfassen und in deren Fächern Stoffballen aller Art liegen - von einfachem Leinen bis hin zur seltenen weißen Pfauenseide.

"Éibhir ist der Altgeselle von Dornenbeutel. Und Daira hat erzählt, dass er im nächsten Jahr wohl soweit ist um sein eigenes Meisterstück zu fertigen", erklärt sie Kaya flüsternd, "und er ist lange nicht so anstrengend wie der Maester."
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Kaya

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3

Sunday, January 22nd 2017, 9:18pm

Als Kaya zu dem Schild mit goldfarbener Schere und Nadel hinaufblickt wird sie deutlich ruhiger und ihre zuvor amüsierte Mimik wirkt nun gleichgültig – vielleicht sogar gelangweilt. Wäre es nicht Rialinn, Kaya würde darauf bestehen, draußen zu warten. Es ist einfach nicht ihre Welt. Dennoch folgt sie dem Elbenkind durch die gläserne Tür und wirft dabei einen flüchtigen Blick auf die hell klingenden Messingglöckchen, die ihr Eintreten ankündigen. Angenehme Kühle legt sich über ihre verschwitzte Haut, während ihre Augen durch den Raum wandern, über die glänzend polierte Holztheke, die Ständer mit den Festtagsgewändern, die unzähligen Regale, auf denen massenhaft Stoffballen lagern. So bemerkt das Wolfsmädchen nicht den Blick der Magd, die die beiden Mädchen begrüßt und von Kaya geflissentlich ignoriert wird.
>>Éibhir ist der Altgeselle von Dornenbeutel. Und Daira hat erzählt, dass er im nächsten Jahr wohl soweit ist um sein eigenes Meisterstück zu fertigen… und er ist lange nicht so anstrengend wie der Maester<<, flüstert Rialinn ihr zu. Kaya hat sich nicht in den ihr angebotenen Ledersessel gesetzt. Stattdessen wandern ihre Augen über die feinen Schnitzereien der Holzregale. Zumindest sollte er das. Denn ihr Blick wird immer wieder von einem außerordentlich… (in Kayas Augen) kitschigen Damengewand angezogen. Der vordere Teil des Gewandes ist aus einem weißen Stoff, auf dem im gleichen, aber glänzenden Ton unzählige Schnörkel schimmern. Seitlich eingerahmt wird das Weiß von einem dunklen, samtig schimmernden Grün, das auch die Ärmel (im Bereich der Unterarme so dünn, dass ein Arm durchscheinen würde) und die Kapuze einnimmt (die innen denselben weißen Stoff aufweist). Goldene Bordüren und Schnüre setzen dem ganzen noch das Krönchen auf.
Kaya runzelt die Stirn. „Dein Kleid“, meint sie an Rialinn gewandt. „Wozu trägst du es? Also zu welchem Anlass?“ Interessiert hört sie die Antwort des Elbenmädchens, auch wenn sie es natürlich nicht zugeben würde. Kaya hat bisher nie nachvollziehen können, warum man etwas anderes als zweckdienliche Kleidung tragen sollte.
Den großen, schlanken Mann mit dem kastanienbraunen Haar und den hellen Augen hat Kaya schon bemerkt, ehe dieser die beiden Mädchen mit einem „Guten Tag, die jungen Damen.“ begrüßt. Auch wenn seine Züge nicht einmal ansatzweise entgleisen, ertappt Kaya Dornenbeutels Altgesellen dabei, wie dessen Blick kurz über das Wolfsfell huscht. Allerdings kann Kaya nicht erkennen, was er davon hält, auch wenn sie den Mann noch so intensiv anstarrt. Als dessen Lächeln aber breiter wird, blinzelt Kaya überrascht und kurz zucken die eigenen Mundwinkel widerwillig, noch weit von einem wirklichen Lächeln entfernt. Doch Éibhir hat sich ohnehin bereits an Rialinn gewendet. Umso überraschter ist sie, als der Schneider während seines Gesprächs mit dem Elbenkind immer wieder kurz zu Kaya herüber sieht, als rede er auch mit ihr und überhaupt nicht, als wolle er sicher gehen, dass sie keinen Unfug anstellt. Von Argwohn ist auf seinen Zügen allerdings nichts zu erkennen. Verdutzt beobachtet das Wolfsmädchen Gespräch und Anprobe.

Rialinn

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4

Sunday, February 5th 2017, 5:25pm

Für Rialinn ist die Schneiderei von Meister Dornenbeutel kein ungewohnter Ort, ist sie doch schon öfter zusammen mit ihrer Mutter hier gewesen oder eben auch im letzten Siebentag schon zweimal alleine. Wobei das Elbenmädchen im Gegensatz zu Kaya die Ballen in den Regalen aufmerksamer mustert als das ausgestellte Kleid. Das kennt sie schließlich schon von ihrem letzten Besuch hier. Aber in dem einen Regal hat sie einen Ballen entdeckt, der schimmert wie das blauviolette Ende des Regenbogens. Und Pfauenseide in Natura hat sie noch nie gesehen. Kayas Frage reißt sie da völlig unerwartet aus der Bewunderung des Ballens. > Dein Kleid… Wozu trägst du es? Also zu welchem Anlass?< Überrascht wendet sie den Kopf und sieht das Mädchen einen Moment schweigend an. So als habe sie die Frage nicht verstanden oder müsse über die Antwort erst nachdenken. Weder das eine noch das andere ist der Fall. Aber Kaya ist all ihrer Eigenheiten zum Trotz für Rialinn so vertraut, dass das Elbenkind immerwieder vergisst, dass das Wolfsmädchen so ganz anders aufgewachsen ist als sie selber - und dass die Zeit auf Taresnar und bei Shu're Shalhor noch zu kurz ist um daran etwas geändert zu haben.

"Zu Feiern oder Festen, für die man seine besten Gewänder trägt… am Namenstag zum Beispiel oder zu Feiern an den Hochtagen der Zwölf." Rialinn stockt kurz, als ihr bewusst wird, dass Kaya als angehende Schamanin die Hochtage der Götter wohl nicht so feiern wird wie sie selber und ihre Familie. "Auf der Hochzeit von Borgil und Azra habe ich es auch getragen, dann zum Sommerfest am Turniertag oder auch als wir die Verlobung von meiner Mutter und Tyalfen gefeiert haben… Halt immer dann, wenn man sich hübscher machen will als sonst im Alltag, um zu zeigen, dass es ein besonderer Tag oder Anlass ist."

Rialinn hätte wohl noch mehr von den Gelegenheiten erzählt, zu denen sie dieses besondere Kleid schon getragen hat, wenn nicht in dem Moment Éibhir erscheinen würde. >Guten Tag, die jungen Damen.< "Auch Euch einen guten Tag, Éibhir." Im Gegensatz zu dem Mädchen vorhin hat der Altgeselle seine Züge perfekt unter Kontrolle als sein Blick kurz musternd über das Wolfsfell von Kaya huscht. Selbst das herausfordernde Starren des Wolfsmädchens erwidert er ungerührt und mit einem breiten Lächeln. Und entlockt dem Mädchen so ein überraschtes Blinzeln. Nicht dass Kaya es nötig hätte, dass jemand sie verteidigt - oder es überhaupt wollen würde - aber aus irgendeinem Grund hat Rialinn das Gefühl erklären zu müssen, wer sie ist. "Das ist meine Freundin Kaya… die junge Dame von Taresnar", setzt sie dann noch nach, damit der Schneidergeselle einordnen kann, zu wem sie gehört, was der auch mit einem leichten Neigen des Kopfes in deren Richtung quittiert.

Was nun folgt ist das für Rialinn nicht mehr ganz so ungewohnte Procedere der Anprobe. Sie verschwindet mit dem mitgebrachten Kleid in einer hinter Vorhängen verborgenen Ecke, in der der neue Ergänzungsunterrock schon auf sie wartet. Mit flinken Fingern hat eine der Mägde den Rock an die schon auf der Innenseite des Kleides eingenähten Knöpfe genestelt ehe Rialinn ganz aus ihrem Sommerkleid heraus ist. Grundsätzlich ist schon vor drei Tagen alles fertig gewesen, nur die Länge hatte noch nicht gestimmt. Es ist ein wenig zu lang gewesen. Zuviel um es so lassen zu können und zu wenig um einen Saum einzunähen, den man später nochmal auslassen könnte. Also hat alles nochmal gekürzt werden müssen. Aber jetzt sitzt und passt alles perfekt.

Mit einem zufriedenen Grinsen tritt das Elbenmädchen hinter dem Vorhang hervor und präsentiert sich ihrer Freundin. Es ist seinem Vorbild, dem Schleierkleid ihrer Mutter so ähnlich wie es eben sein kann, wenn es nicht für eine erwachsene Frau sondern für ein Kind und statt aus Seidenchiffon aus Baumwollbatist gefertigt ist. Es ist unverkennbar elbischen Ursprungs, mit den lockeren, losen, sich überlagernden Bahnen und Schleiern die den Rock bilden. Und es lässt so jede Menge Bewegungsfreiheit und hat so gut wie keine Ähnlichkeit mit den Kleidern, die die Sterblichen bevorzugen, mit ihren Schnüren und Miedern. "Und? Was sagst Du dazu?" Nach der Frage vorhin scheint Kaya sich aus Kleidern nicht viel zu machen und Rialinn hat sie auch noch nie eines tragen sehen. Das macht sie aber nur noch neugieriger auf deren Meinung.
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(Khalil Gibran)

Kaya

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5

Wednesday, February 15th 2017, 4:14pm

Während Kaya ihrer Freundin und dem Altgesellen zusieht, lässt sie sich Rialinns Aufzählung durch den Kopf gehen. Ihre Mutter und sie hatten auch hin und wieder mal einen Festtag begangen. Aber „hübsch gemacht“ wie Rialinn es ausdrückte, hatten sie sich dafür nicht. Und mit Gewändern wie diesen hier schon gleich dreimal nicht. Wozu auch, wenn man irgendwo in der abgeschiedenen Wildnis einen Tag mit Ruhe, Meditation und Gebet verbringt. Wobei Gebete noch nie Kayas Ding gewesen sind. Bitten, an die Vorfahren, Geister und Naturwesen, ja. Gebete an die Zwölf? Nicht einiges hat sie gesprochen. Weder laut noch mit der Stimme in ihrem Kopf.
Rialinn, die aus einer hinter Vorhängen verborgenen Ecke tritt, reißt sie aus ihren Gedanken. Sofort fällt Kaya auf, dass das Mädchen sich ganz anders gibt. Ihr Lächeln ist viel breiter, ihre Bewegungen noch sanfter als sie sich dreht. In dem Kleid, das so gar keine Ähnlichkeit mit denen hat, die die Mägde auf Taresnar tragen, wenn sie sich „hübsch“ machen, fühlt sie sich sichtbar wohl. Kaya kann sich nicht vorstellen, dass das Elbenkind in einem anderen Kleid auch so breit gegrinst hätte.
Verdutzt blinzelt Kaya, als Rialinn wissen will, was sie dazu zu sagen hat. Unschlüssig darüber, was sie antworten soll, besieht sie sich Rialinn von oben bis unten, ohne sich dabei vom Fleck zu rühren. „Es… hat viel Beinfreiheit…“, antwortet Kaya zögerlich. Dann aber kommt sie näher und greift nach den sich überlagernden Bahnen und Schleiern. „Aber es ist hinderlich. Viel zu viel Stoff. Du kannst darüber stolpern, mit ihm an Sträuchern und Büschen hängen bleiben. Wenn dich jemand festhalten will, kann er ganz leicht danach greifen.“ Sachte zieht sie an dem Stoff und lässt ihn wieder fallen, während sie gleichzeitig einen Schritt zurück macht. „Und die Farben…“
Das Wolfsmädchen stutzt als sie in Rialinns Gesicht blickt. Zuerst schaut sie fragend zurück, dann aber wird ihr bewusst, dass das wohl nicht das war, was ihre Freundin gemeint hat. „Ehm… Du… siehst hübsch aus?“ Dass ihre Stimme einer Frage gleich nach oben geht, kann Kaya nicht verhindern, was ihr unangenehm ist. So senkt sie etwas untypisch den Kopf, um einem eventuell enttäuschten oder wütenden Blick Rialinns zu entgehen. Hoffentlich ist sie ihr nicht bös'.

Rialinn

Stadtbewohner

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6

Sunday, February 19th 2017, 10:36pm

Es dauert merkwürdig lange, bis Kaya ihre Musterung von Kopf bis Fuß und wieder zurück abgeschlossen hat und etwas auf ihre Frage antwortet. Ein wenig irritiert gerät Rialinns Lächeln mit jedem Wort des Wolfmädchens vom freudigen Strahlen immer mehr zur Maske. Eine Fähigkeit, die sie früher und schneller gelernt hat, als es ihrer Mutter gefallen würde, wenn die sie jetzt beobachten würde - was die aber zum Glück nicht tut.

Bei der Aufzählung von Nachteilen, die Kaya an dem Kleid findet sollte man eigentlich annehmen, dass es Rialinn treffen und betrüben würde, doch das Gegenteil ist der Fall. Rialinn kann sich ein Kichern kaum verkneifen, als das Menschenmädchen schließlich stockt und sie mit der für sie so typischen Direktheit ansieht. "Weißt Du, Du hörst Dich fast so an wie Shu're Elthevir als meine Mutter und ich in unseren Schleierkleidern zur Hochzeit im Wald wollten", erklärt sie schmunzelnd und verdreht dabei die Augen zur Decke.
"Klar, das stimmt vermutlich alles… wenn ich es zur Jagd, einem Ausritt im Wald oder zu einem Kampf tragen würde… aber dafür ist das Kleid ja auch gar nicht gedacht. Und auf einer Feier ist es doch eher unwahrscheinlich, dass man in einen Kampf verwickelt wird." Dann wird sie ansatzlos ernst, als sich ungewollt die Erinnerungen an einen Badeausflug im letzten Sommer melden. "Und wenn es doch passiert, kann man damit wenigstens schnell genug laufen oder notfalls auch auf einen Baum klettern." Dann, mit einem innerlichen Schütteln wie eine Katze im Regen, sind die Erinnerungen auch schon wieder vergessen als Kaya eher fragend ergänzt, dass das Elbenmädchen schön aussehe.

Dass das Mädchen dann allerdings den Kopf ein wenig senkt und gar ihrem Blick auszuweichen scheint, lässt Rialinn nun wirklich stutzen. Dieses Verhalten ist so dermaßen untypisch für ihre Freundin, dass sie für einige Momente nicht weiß, wie sie damit umgehen soll - was nun wieder für das Elbenkind eher untypisch ist. Und die Anwesenheit von Éibhir haben die zwei darüber scheinbar gleich gänzlich vergessen.
"Na, das will ich doch hoffen, dass ich darin schön aussehe", erklärt sie mit strahlenden Augen im Brustton der Überzeugung und ohne auch nur auf die Idee zu kommen, Kaya ihre Worte krumm zu nehmen. So unterschiedlich sie und das Wolfsmädchen auch sein mögen, sie sind eben auch Freundinnen. Und Rialinn sind ehrliche Worte immer lieber als dieses schmeichlerische Getue, das sie manchmal unter den Erwachsenen beobachten kann und das sie irgendwie immer an die wandernden Schausteller auf dem Platz der Händler erinnert: Irgendwie nicht echt.
Ganz abgesehen davon, dass sie sehr wohl weiß, dass Kaya sich solche Unsicherheiten im Verhalten gegenüber anderen so gut wie nie erlaubt. Etwas, das Rialinn als großen Vertrauensbeweis des Mädchens betrachtet. "Vielleicht solltest Du auch mal so ein Kleid ausprobieren", versucht sie Kaya zu necken und aus der Reserve zu locken, "wer weiß, vielleicht macht es Dir ja sogar Spaß."

"Dann seid Ihr also zufrieden?", stellt der Altgeselle von Meister Dornenbeutel die für ihn natürlich viel entscheidendere Frage. "Ja, Éibhir, natürlich bin ich zufrieden. Bleibt es bei dem Preis, den Ihr beim letzten Mal genannt habt?" "Selbstverständlich." Die Antwort klingt fast ein wenig danach, als sei er beleidigt, dass jemand auch nur im Ansatz andeuten könne, dass man in der Schneiderei Dornenbeutel nicht zu getroffenen Abmachungen stehe. Nachdem sie rasch wieder hinter den Vorhängen verschwunden ist um das Schleierkleid gegen das leichte Sommeralltagskleid zu tauschen in dem sie gekommen ist, holt Rialinn eine Geldkatze aus den Tiefen ihres Beutels hervor und zählt die vereinbarten Münzen in eine kleine gepolsterte Schale auf dem Tisch neben den Sesseln. Unterdessen hat Éibhir das Schleierkleid samt neuen Unterrock zusammengelegt und in dünnes Nesseltuch eingeschlagen. Eine dünne Kordel aus grüngefärbtem Leinenfaden hält das Päckchen zusammen, das die junge Elbin vorsichtig in ihrem Beutel verstaut. Mit geübten Handgriffen wird der Beutel verschnürt und die Riemen so an Ösen befestigt, dass Rialinn sich das Ganze einfach wie einen Rucksack auf den Rücken hängen kann als sie sich von dem Altgesellen verabschieden und aus der kühlen Schneiderei wieder hinaus in die stehende Sommerhitze der Gasse treten.

"Und wohin jetzt, Kaya?... Vinyamar oder Taresnar?" Es geht langsam aber sicher auf die Mittagszeit zu und Rialinn hat schon früh, bei Sonnenaufgang zusammen mit den anderen Bewohnern Vinyamars gefrühstückt. Und wie das halt bei Kindern mitten im Wachstumsschub ist: Sie hat schon längst wieder Hunger.
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Kaya

Stadtbewohner

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Occupation: angehende Schamanin

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7

Sunday, February 26th 2017, 10:44pm

Kaya seufzt innerlich ob der Hitze in die sie wieder hinaustreten. Die Temperaturen machen ihr mehr zu schaffen als sie zugeben würde. Sie ist es einfach nicht gewohnt und wird sich vermutlich auch nie dran gewöhnen. Zumindest will sie es überhaupt nicht. Den Wolfskopf zieht sie sich allerdings nicht mehr über das Haupt.
>>"Und wohin jetzt, Kaya?... Vinyamar oder Taresnar?"<< Kaya wendet sich zu Rialinn um und neigt den Kopf ein wenig zur Seite als sie kurz überlegt. Vermutlich ist Shu’re Shalhor wieder bis spät abends unterwegs, was bedeutet, dass sie noch eine ganze Weile ihre Ruhe hätten. Und wenn sie den Stand der Sonne abschätzt, dann dürfte Halla schon das Mittagessen bereitet haben oder es gerade tun. Kaya hat sich unlängst an die regelmäßigen Mahlzeiten aus Hallas Hand gewöhnt. Mehr als das, denn dem Mädchen schmeckt das, was Taresnars Köchin auftischt, richtig gut.
Nicht, dass sie Rialinn nicht auch nach Vinyamar begleiten würde. Auch dort ist es kühl und es gibt mindestens genauso gutes Essen Aber da ist stets dieses Zwicken samt dem merkwürdigen Gefühl, achtsam sein zu müssen, das sie immer überkommt, sobald sie das Grundstück betritt. Und auch mit Rialinns Eltern ist Kaya noch nicht so richtig warm geworden. Auch wenn Kaya dafür, dass sie normalerweise für Diener der Zwölf so rein gar nichts übrig hat, Rialinns Mutter recht nett findet. Was nicht verhindern kann, dass das Wolfmädchen eine gewisse emotionale und oft auch räumliche Distanz wahrt.
„Taresnar“, erwidert Kaya daher knapp. Ja, dort wird sich heute wohl fühlen als an jedem anderen Ort. Auch wenn sie es immer noch nicht „Zuhause“ nennt, so ist es doch das einzige, was dem am Nächsten kommt.

→ Taresnar

This post has been edited 1 times, last edit by "Kaya" (May 7th 2017, 10:17pm)


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