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  • »Cinaed« ist der Autor dieses Themas

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Beruf: Schafzüchter

Wohnort: Glyn-y-Defaid

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151

Sonntag, 7. August 2016, 00:12

« Anwesen deWinter
~ Die Zeit steht nicht still ~
Grünglanz bis Beerenreif 516



As time goes on, you'll understand. What lasts, lasts; what doesn't, doesn't.
Time solves most things. And what time can't solve, you have to solve yourself.
(Haruki Murakami, Dance Dance Dance; The Rat, #4)


Wie nicht anders zu erwarten war, ruft Cináeds Rückkehr auf den Hof am Morgen des ersten Tages im Grünglanz allerlei Fragen auf. Man habe sich Sorgen gemacht, wird dem Elben mit tadelndem Blick von Rhona beschieden. Die ersten Auswüchse der wilden Gerüchte, die in den nächsten Siebentagen die Runde machen werden, haben es dank Liam und Gwyn bereits vor Cináed bis nach Glyn-y-Defaid hinaus geschafft. Der Gutsbesitzer nimmt es erheitert, alles in allem jedoch eher gelassen hin. Fragen weicht er jedoch geschickt aus, gibt auch in der nachfolgenden Zeit nichts auf das Geschwätz der Leute und lässt Anmerkungen gleich welcher Art, ganz gleich ob scherzhaft, anzüglich oder sonstwie geartet, einfach an einem schweigsamen vieldeutigen Lächeln abprallen. Im Großen und Ganzen gibt es für ihn nichts zu klagen. Seit das Gerede im Umlauf ist und die Damenwelt Talyras offenbar neue Hoffnungen hegt klimpert das Gold nur so in seiner Kasse. Endlich hat Cináed genug Geld beisammen um Aurian deWinter die gepachteten Ländereien abzukaufen und sogar noch zusätzlichen Grund dazu zu erwerben, um seine Herden weiter zu vergrößern.

Als nach und nach bekannt wird, dass der Elb häufiger den je im deWinterschen Anwesen ein und ausgeht, ebbt die Kaufwut der Wollhändler scließlich wieder etwas ab, die noch kursirenden Gerüchte nehmen eine neue Wendung, und etliche Frauenherzen zeigen sich schwer betrübt, scheint es doch so als hätte die deWinter es nach all den Jahren geschafft einen der begehrtesten Männer der Stadt und des Umlandes an Land zu ziehen. Jedenfalls fragt man sich neuerdings aller Orten wann im Haus deWinter die Hochzeitsglocken läuten...
...von der tatsächlichen Wahrheit haben hingegen weit weniger Kenntnis. Freunde und Vertraute, die sowohl Lyall als auch Cináed nahe stehen, und die sich, im Gegensatz zu den meisten Klatschmäulern und Tratschtanten, aufrichtig für das neue Paar freuen und ihnen ihr gemeinsames Glück von Herzen gönnen.

Und der Shida'ya genießt es in vollen Zügen. Wann immer es seine Zeit erlaubt ist er im Anwesen deWinter anzutreffen. Nicht jedoch um der jungen Hausherrin den Hof zu machen, wie fälschlicherweise angenommen wird, sondern um möglichst oft in Lyalls Nähe sein zu können. Dafür ist der Gutsbesitzer sich auch nicht zu schade um überall dort im Anwesen mit anzupacken, wo zwei kräftige Männerarme gebraucht werden. Tiefe Zufriedenheit erfüllt Cináed, wenn er Seite an Seite mit Lyall arbeitet, ganz gleich ob sie dabei lange Gespräche führen, miteinander scherzen oder auch mal nur schweigen und einfach die Nähe des jeweils anderen zu genießen. In den Abendstunden wird es ihnen derweil zu einer netten Angewohnheit den Strand entlang zu spazieren (nicht selten zu ihrem gemeinsamen Platz) und bis spät in die Nacht hinein miteinander zu reden. In Stunden wie diesen erzählt Cináed nicht nur von seinem Hof, sondern vor allem auch von seiner Familie in den Elbenlanden und dem Leben, welches bereits hinter ihm liegt.

Da Lyall sich im Gegensatz zu ihm nicht so leicht von ihren Pflichten im Anwesen frei machen kann (auch wenn Aurian und Avila ihr nur zu gerne entgegenkommen und helfen wo es nur geht) kommt die Wargin sehr zum Bedauern des Gutsbesitzers bisher eher selten nach Glyn-y-Defaid hinaus. Umso mehr freut es ihn, wenn es ihr doch einmal gelingt--so wie an diesem schönen Tag im Beerenreif. Der Shida'ya ist wie immer bereits seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen (damit beschäftigt eine Lieferung für Shu'ra Niniane vorzubereiten und mehrere Briefe an Bekannte in den Elbenlanden aufzusetzen) und erwartet voller Vorfreude Lyalls Eintreffen, welches sie ihm bei ihrem letzten Zusammenseinsein in der Stadt für den heutigen frühen Abend angekündigt hat. Äußerst gutgelaunt verrichtet Cináed daher sein Tagwerk, lässt jedoch augenblicklich alles stehen und liegen, als die Hunde ihm schließlich mit lautem Freudengebell Lyalls Ankunft verraten.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

Lyall

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152

Dienstag, 23. August 2016, 20:57

~ ein schöner Abend im Beerenreif 516 ~


Time is very slow for those who wait.
Very fast for those who are scared.
Very long for those who lament.
Very short for those who celebrate.
But for those who love, time is eternal.

William Shakespeare




Herrlich fühlt sich die Sonne auf Lyalls Gesicht an, als sie dieses mit geschlossenen Augen kurz in Richtung der hellen Strahlen wendet, um dann wieder blinzelnd vor sich auf die Straße zu blicken. Um sie herum ist der Sommer in vollem Gange, zirpen Grillen im Gras und den Kräutern des Wegrandes und Vögel jubilieren in den Zweigen der Bäume über ihr und in den dichten Hecken darunter. Hoch oben in der hitzegeschwängerten gläsernen Luft über der kleinen Senke, in der sich der Weg schlängelt, ziehen zwei Habichte träge ihre Kreise. Die Luft über der staubigen Straße flirrt leicht, doch eine laue Abendbrise spendet - Ea sei Dank - hin und wieder eine Abkühlung. Hell setzen sich Milliarden kleinster Staubkörnchen auf dem dunklen Leder ihrer schmalen Schuhe ab, aufgewirbelt durch ihre Schritte auf dem fein zermahlenen Lehmboden und werden hin und wieder durch Grashalme oder Kleeblätter abgestreift, die auf dem grünen Mittelstreifen zwischen den Karrenspuren wachsen.
Ihr Schritt ist beschwingt und ihr Herz klopft aufgeregt, denn bald hat sie ihr Ziel erreicht und kann ihren Liebsten endlich wieder in die Arme schließen. Wann immer Cináed Zeit erübrigen konnte, war er in den letzten Monden zu ihr ins Anwesen de Winter gekommen, die Sehnsucht zu vertreiben und ihrer beider Verlangen nacheinander zu stillen. Pures Glück und Geborgenheit durchströmt die Wargin in seiner Nähe und noch so viel mehr tiefgreifende Empfindungen, die sie nicht ein mal benennen könnte und mit ihm Hand in Hand zu arbeiten... wortlos zum Teil und doch vollkommen im Einklang miteinander... dieses Gefühl ist schier unbeschreiblich. Denn obwohl er ihretwegen den langen Weg bis in die Stadt auf sich nahm (Lyall kann nicht so häufig vom Anwesen de Winter fort, da sie nicht so viele Bedienstete haben, wie der Herr des Schafhofes), so packt er doch jedes Mal kräftig mit an und half Lyall bei Reparaturen oder Arbeiten jeder Art, vom Brunnenrand erneuern bis hin zum Aufbocken der kleinen Kutsche, die schon so lange ein neues Rad gebraucht hatte, dass das damals 'neu' angefertigte Rad sich nicht mehr wirklich mit diesem Wort schmücken durfte. Er half ihr beim Umsetzen der Pflöcke für die große Koppel, beim Erneuern der Schindeln des kleinen Gesindehauses und beim Herausrollen der wuchtigen Fässer aus der Vorratskammer, damit Avila und sie dort richtig sauber fegen konnten. Und nach getaner Arbeit kam der wohl schönste Teil... nun hatten beide wirklich Zeit für sich, zum spazieren und flanieren am Seeufer, ein paar müßigen Stunden im schattigen Garten des Anwesens mit dem Blick auf den Himmel und die vorbeiziehenden Schäfchenwolken, während beide zunehmend mehr über ihr vorheriges Leben preisgaben oder dem stillen Beisammensein mit dem Blick auf die über dem See untergehende Sonne.

Gerne würde sie immer bei ihm sein, neben ihm aufwachen und einschlafen, seine Nähe spüren wann immer möglich. Doch noch geht dies nicht, müssen sie weit entfernt voneinander allein zurechtkommen und auch wenn dies der Wargin das Herz schwer werden lässt, so fürchtet sie sich schon fast vor dem Gedanken eines Tages ihrer Herrin die unausweichliche Frage zu stellen...
Energisch schüttelt sie den Kopf und umklammert den in ein ungefärbtes Leinentuch eingeschlagenen Gegenstand in ihrer rechten Hand fester. Keine Zeit für trübe Gedanken! Von denen hast du dir schon genug gemacht..., mahnt sie sich selbst, während ihre Augen erneut über die hübschen Blüten der am Wegesrand wachsenden Kräuter wandern und sie mit dem Gedanken spielt eine Handvoll für Cináed zu pflücken.
In einem mit der Sonne um die Wette leuchtenden Gelb strahlen sie die großen rispigen Blütenstände des Rainfarns an, daneben wiegen sich die schweren traubenartigen Blütenköpfe von wildem Schmetterlings-Flieder in der sachten Brise und die blauen Äuglein der Wegwarte lugen zwischen hüfthohem Gras hervor. Auch Goldrute, Glockenblumen und die wie gestickt wirkenden kleinen Blütchen der Schafgarbe recken sich ihr entgegen, sodass sie gar nicht anders kann, als sich einen Strauß der herrlich duftenden Blüten zu pflücken.

Am Ende hat sie doch etwas mehr gepflückt als nur eine Handvoll und es ist eher ein ansehnlicher Strauß daraus geworden. Tief saugt sie den süßen Honigduft der Blüten ein und senkt ihr Gesicht etwas zu weit in die Blütenpracht hinab, sodass Pollen an ihrer Nase und ihren Augenbrauen hängen bleiben, bevor sie sich sputet wieder auf den Weg zu kommen. Weit ist sie jedoch nicht mehr entfernt, nur noch eine Kurve, durch ein kleines Birkenwäldchen hindurch, über eine mit Farn bewachsene Lichtung, um die letzte Kurve herum und... da liegt es auch schon vor ihr.
Glyn-y-defaid.
Das Tal der Schafe.
Schon von weitem kann sie das Blöken der weißen, flauschigen Tiere hören wenn sie die Ohren spitzt, ansonsten ist es still auf dem Hof, welcher so friedlich und heimelig vor ihr im goldenen Schein der Sonne liegt, dass die Wargin augenblicklich ruhiger wird. Langsam, fast schon andächtig überquert sie die kleine Brücke und passiert die steinernen Löwen auf ihren hohen Säulen, während sie Ausschau nach Cináed oder einer der Bewohner des Anwesens hält. Und da, hinter dem großen Blutbaum wird sie fündig. Da steht er, tief über seine Arbeit gebeugt, die Haare im Nacken zusammengebunden und von ihr abgewandt, völlig vertieft in sein Tun. Wie schön er doch ist...
Allein sein Anblick lässt Lyall heiße und kalte Schauer über ihre Haut jagen und trotz der Hitze eine Gänsehaut auf dieser erscheinen. Ein schelmisches Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, als sie daran denkt, dass sie nicht nur das in das Leinentuch gewickelte Geschenk und den eben gepflückten Strauß für ihn dabei hat, sondern noch eine andere Art 'Geschenk', von dem sie nur hoffen kann, dass es ihm gefällt und vor allem auffallen wird.
Vor ein paar Tagen erst hat sie sich an eine alte Gewohnheit ihrer Mutter erinnert, die sie beschloss ebenfalls auszuprobieren. Als sie noch klein war – und vor allem, als noch alles in Ordnung war... -, hatte sie ihre Mutter immer dabei beobachten können, wie diese sich unterschiedliche Stellen ihres Körpers mit verschiedensten Ölen einrieb, wenn ihr Vater nach einer mehrere Siebentage dauernden Jagd in das Zelt heim gekehrt war. Als Lyall eines Abends danach gefragt hatte, warum ihre Mutter dies tat, so lächelte diese nur und meinte: „Um deinem Vater besser zu gefallen.“, während dieser wiederum Lyall freundlich aber bestimmt zum Zelteingang herausgeschoben hatte, damit diese 'Kräuter holen könnte' oder 'diese kleinen süßen Früchte sammeln' sollte. Immer Dinge, die sehr weit weg wuchsen und sie ein paar Stunden beschäftigt hielten. Damals wusste sie nichts von den Geschehnissen im Inneren des Zeltes und war eher grummelig fort geschlurft, um die aufgetragenen Dinge zu holen, aber heute...
Heute hat auch sie dieses Ritual übernommen. Schon früh ist sie auf den Markt gegangen, um sich reine Duftöle zu besorgen, manche von diesen unfassbar teuer. Lyall hat jedoch über die Jahre einiges von ihrem Lohn gespart, sodass sie nach Herzenslust die Öle heraussuchte, die sie für geeignet hielt: Rose für ihre Arme, Zitrone für Hände, Orange für Hals und Brüste, Lavendel aus dem freien Herzogtum Hochwald für Bauch und Schenkel, Salbei und Lorbeer für Beine und Füße. Es ist eine betörende Mischung von Gerüchen, riecht sie doch nach Speisen, Früchten und Kräutern gleichzeitig.

Gerade will sie sich dem Elb auf den letzten paar Schritt hinter dem Blutbaum unerkannt nähern und sich heranpirschen, da kommen Cináeds Hunde bellend und schwanzwedelnd um die nächste Häuserecke geschossen. Freudig springen sie an ihr hoch, bellen ihr Grüße entgegen, die sie mit kleinen Geistbotschaften freundlich erwidert und bedauert, dass sie keine Hand frei hat, um auch nur einem der Hunde über den weichen Kopf zu streicheln. „Ist ja gut, ist ja gut! Lasst mich erst zu eurem Herren und die Hände frei machen, dann kraule ich euch. Versprochen!“ Natürlich ist ihr Plan sich anzuschleichen somit dahin, schaut ihr Liebster doch gerade auf und erwidert ihr Lächeln herzerwärmend.
Von den Hunden flankiert beschleunigt Lyall ihren Schritt, schlingt ihre Arme um Cináeds Nacken und presst sich fest an ihn. Seine Arme legen sich um ihre Taille und auf Zehenspitzen stehend beginnt sie seinen Nacken zu küssen. „Leannan, ich habe dich vermisst. Schrecklich vermisst!“, haucht sie zwischen den Küssen, bevor sie ihr Gesicht an seinem Hals vergräbt und seinen wunderbaren eigenen Duft gemischt mit dem würzigen Geruch nach Heu und Stroh einatmet. Eigentlich möchte sie ihn nie wieder loslassen, beständig in ihren Armen halten... doch einer der Hunde quetscht sich winselnd zwischen die Beiden, um seine Streicheleinheiten ebenso einzufordern. „Ach, Mabon! Du kannst wie immer nicht warten, oder? Ich sagte doch, ich streichle euch, wenn ich die Hände frei habe!“, spricht Lyall gespielt tadelnd an den Hund gewandt, lässt sich wieder auf ihre Fersen hinab gleiten, um dann mit ausgestreckten Armen einen Schritt zurück zu treten. „Hier, für dich!“, sagt die Wargin laut und ihr Lächeln wird noch strahlender. Was er wohl zu den Geschenken sagen wird?
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Mittwoch, 21. September 2016, 19:34

~ Dein Duft ~
Beerenreif 516, abends


I love your smell
I love the scent of you
Suits you so well
The adolescent redolence of you
[...] I love your smell.
(Marilyn Rucker, I love your smell)


Der Abend ist angenehm ruhig und die Temperaturen, tagsüber teilweise nahezu unangenehm hoch, mittlerweile erfreulich mild. In rhythmischen Schlägen saust die Spaltaxt in Cináeds Händen auf den Hackklotz nieder, während der wuchtigere Spalthammer derweil ungebraucht an dem schweren Holzklotz lehnt, neben dem sich bereits ein beachtlicher Haufen Ofenholz stapelt. Das Haar hängt dem Elben lose auf die Schultern herab und fällt ihm immer wieder ins Gesicht ohne das er sich groß darum kümmert. Die Ärmel seines groben Leinenhemdes sind locker hochgekrempelt, die Haut darunter braungebrannt und von kleinen glänzenden Schweißperlen bedeckt. Eigentlich wäre es Emrys oder Liams Aufgabe, die Feuerholzvorräte für den täglichen Bedarf sowie den Winter zu schlagen, doch Cináed stört die eintönige Arbeit nicht. Im Gegenteil, die körperliche Anstrengung gefällt ihm sehr gut. Der Elb ist daher sehr mit sich zufrieden, als die Hunde anschlagen und er lächelnd die Axt in seinen Händen herabsinken lässt, während er sich umwendet.

Natürlich kann der Shida'ya sich bereits denken, wer soeben auf dem Hof eingetroffen und das Lächeln auf seinen Lippen vertieft sich noch eine Spur mehr, als er seinen Vermutung bestättigt und Lyall bei den Hunden stehen sieht. Allein ihr Anblick genügt um ihn die Anstrenungen des zurückliegenden Tages augenblicklich vergessen zu lassen. Kurz huscht ihm der Gedanken durch den Kopf, dass er sich vorher zumindest etwas waschen sollte, bevor er sie in seine Arme schließt. Doch noch ehe Cináed besagten Gedanken bis zu Ende verfolgen kann, hat Lyall ihre Arme bereits um seinen Nacken geschlungen und seine Hände legen sich wie von selbst auf ihre Taille, um sie näher zu sich heranzuziehen. Und der Elb merkt es sofort: ihr Duft, stets wild und sanft zugleich, ist heute auf eine Weise betörend, die so trunken macht wie feiner Wein. Fast ist der Gutsbesitzer ebenso unwillig zu winseln wie sein Hund, als Mabon sich ungeduldig zwischen sie drängt und Lyall wieder von ihm trennt. Doch wie seine Liebste so strahlend vor ihm steht, die Arme weit ausgestreckt. Ein Bündel aus ungefärbtem Leinentuch in der einen, einen leuchtenden Strauß frisch gepflückter Wildblumen in der anderen Hand haltend, geht ihm gänzlichdas Herz vor Freude über.

Langsam tritt Cináed näher und streckt eine Hand aus und seine Fingerspitzen berühren sacht die zarten Blütenblätter, während sein Blick kurz von den herrlichen Farben der Blumen gefangen genommen wird. Als er spricht, ist sein Blick jedoch längst wieder fest auf Lyall gerichtet. “Wunderschön”, antwortet er leise und seine Augen verraten, dass mit diesem einen Wort nicht allein die duften Blüten gemeint sind. Von dem Strauß in Lyalls Hand wandern Cináeds Finger hinab zu ihrer Taille, legen sich sacht auf ihre Hüften. Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen sieht der Gutsbesitzer zwischen dem kleinen Leinenbündel und seiner Liebsten hin und her. “Darf ich selbst entscheiden, welches Geschenk ich zuerst öffnen möchte?”, erkündigt er sich mit einem warmen Lachen, während er Lyall zurück in seine Arme zieht und er sein Gesicht an ihrem Hals vergräbt, um den verführerischen, der sie umgibt, tief einzuatmen. “Mmmmh”, murmelt der Shida'ya leise. “Orange?”, erkundigt er sich nach einer kleinen Weile. “Soll ich auch den Rest alleine herausfinden...?” Seine Stimme klingt dunkel und leicht belegt, als Cináed endlich wieder aufblickt.

Leise, entfernte Stimmen, die jedoch näher kommen zu scheinen, erinnern Lyall und den Gutsbesitzer schließlich wieder daran, wo sie sich befinden: nämlich mitten auf dem gepflasterten Platz des Hofes, im Schatten des alten großen Blutbaumes zwar, aber dennoch gut sichtbar für jederman. Mabon und Modron streichen lautlos um ihrer beider Beine und Cináed lacht leise auf. Sein Blick huscht erst zum Haupthaus und in Richtung der Schafstallungen hinüber, von wo aus die sich nähernden Stimmen nun immer deutlicher zu hören sind. Der Shida'ya schüttelt kaum merklich den Kopf. “Komm...” Seine Rechte umschließt behutsam aber trotzdem bestimmt Lyalls Handgelenk. Eilig zieht er sie über den Platz zu den Pferdestallungen hin mit sich fort. Mit ist gerade nicht nach teilen”, meint er rau. Mit langen Schritten führt er seine Liebste über den Hof, fort von den nahenden Stimmen und den Menschen zu denen sie gehören. Die beiden Hunde folgen ihnen noch eine Weile schwanzwedelnd, bleiben schließlich aber auf ein Wort des Elben hin zurück. Nach einem kleinen Halt im Pferde- und Geschirrstall, den der Elb und die Wargin schon bald darauf wieder verlassen—Cináed nun mit einigen Decken unter dem Arm—verschwinden die zwei in einem wogenden Meer goldgelber erntereifer Getreideähren.
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Lyall

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Montag, 26. September 2016, 21:08

~ ein schöner Abend im Beerenreif 516 ~

We'll forget the sun in his jealous sky
as we lie in fields of gold
See the west wind move like a lover
so upon the fields of barley.
Feel her body rise when you kiss her mouth
among the fields of gold
Sting






Cináeds Augen sind wie wogende grüne Wälder, in deren Mitte ein schwarzer, tiefer und unergründlicher Teich liegt, der Lyall zu sich zieht, sie fasziniert und erschaudern lässt. Ganz zart und für den Hauch eines Augenblicks nur berühren die Fingerspitzen des Shida'ya die filigranen Blättchen der Blumen in der ausgestreckten Hand der Wargin.
Leise haucht er ein >>„Wunderschön.“<< und die Art, wie er die Worte ausspricht lassen keinen Zweifel daran, dass der Elb nicht allein die Blumen meint. Der dunkle Unterton seiner Stimme lässt Lyalls Innerstes wie eine Bogensehne schwingen und summen und ein Prickeln legt sich auf ihre Haut, dort, wo Cináeds Hände sie berühren. Lyall muss kurzzeitig schlucken und den Blickkontakt zu ihm für einen flüchtigen Moment abbrechen, bevor ihre Gefühle für diesen wunderbaren Mann sie zu überwältigen drohen. Doch sein Anblick hat sich auf ihre Netzhäute eingebrannt und allein dadurch läuft es ihr schon jetzt heiß und kalt den Rücken hinab. Allein sein Lächeln, welchem sie gewahr wird, als sie erneut aufschaut, lässt ihr Herz im Brustkorb hüpfen.
Sein Blick springt zu ihr, dann wieder auf das Bündel in ihren Händen und mit einem amüsierten, leicht doppeldeutigen >>“Darf ich selbst entscheiden, welches Geschenk ich zuerst öffnen möchte?”<<, zieht er sie wieder in seine Umarmung, um sein Gesicht an ihren Hals zu betten. Kaum noch kann die Wargin an sich halten, als seine Haare sie neckisch an der Nase kitzeln und sich seine warme Haut an die ihre schmiegt. Mit bebendem Körper drückt sie sich an ihn, unfähig für den Augenblick etwas zu sagen. Stattdessen küsst sie seinen Nacken erneut, schließt die Augen und genießt seine Umarmung vollkommen.
Erst als er den Geruch eines der Öle erschnuppert hat und daraufhin ein Brummen von sich gibt, was sie an das wohlige Schnurren einer Katze erinnert, kommt auch wieder Leben in die Wargin. Mit geröteten Wangen sieht sie ihn wissend um die Wirkung ihres 'Geschenks' an, als der Shida'ya sich ein Stück weit von ihr löst. Seine Stimme klingt tief und voll, als er verführerisch fragt: >>„Soll ich auch den Rest alleine herausfinden...?“<< Wortlos nickend, blickt Lyall unter ihren Wimpern zu ihm empor und antwortet leise, jedoch mit vor Verlangen bebender Stimme: „Natürlich. Geschenke sind doch immer auch Überraschungen... oder nicht?“

Der Druck seiner Hände auf ihren Hüften wird gerade fester und Lyalls Atem schneller, als sich Stimmen nähern und sie beider wieder gewahr werden lassen, wo sie sich befinden. Fast ertappt lassen beide etwas voneinander ab, Lyall spielt kurz einer Übersprungshandlung folgend mit einer ihrer schwarzen Strähnen, während der Elb leise auflacht. Seine grünen Augen richten sich erst auf den Quell des Stimmengewirrs, bevor er sacht seinen Kopf schüttelt, ihr Handgelenk mit dem knappen Wort >>„Komm...”<< ergreift, um sie in Richtung der Pferdeställe zu entführen. Als er ihr zuraunt, er wolle nicht teilen, huscht kurz ein amüsiertes, wissendes Grinsen über ihr Gesicht. Die Hunde folgen ihnen noch über den ausladenden Platz des Gutes, doch ein Wort des Shida'ya genügt, um sie anhalten und umkehren zu lassen. Und so sind es nur der Elb und die Wargin, die in das nach Pferd, Stroh und Sattelfett duftende Halbdunkel des Pferde- und Geschirrstalls treten. Während der Herr des Schafhofes in einem großen Schrank nach mehreren Decken kramt, fällt der Blick der Drachenländerin auf den Blumenstrauß in ihrer Hand. Etwas gelitten hat er ja schon in der Hitze und ein paar der Blütenblätter sind leicht gequetscht dort, wo sich unachtsame Blütenköpfe zwischen die Liebenden verirrt haben. Auch hängen schon die ersten grünen Blättchen schlaff herab und sind ein untrügliches Zeichen von Wassermangel. Mit ein paar schnellen Schritten ist sie jedoch zum nächsten Trog gelaufen und hat den Strauß im erfrischenden Nass abgestellt. Nicht eine Sekunde zu früh, wie sich herausstellt, schon spürt sie, wie sich seine Finger mit den ihren verschränken und er sie nun zur anderen Seite des Stalles mit sich hinfort führt. Ich werde sie später holen, wenn wir wiederkommen..., denkt sie und ist leicht verdutzt, hat sie sich doch innerlich schon auf ein Stelldichein im Heu eingestellt.

Es geht jedoch hinaus auf die Felder und hinein in ein golden wogendes Ährenmeer. Obwohl ein laues Lüftchen weht, und die Hitze des Tages mit sich fort nimmt, flirrt die Luft direkt über dem Feld doch noch merklich, da der Boden die Wärme in die beginnende Dämmerung abgibt. Hoch über ihnen ziehen Feldlerchen mit flinkem Flügelschlag über sie hinweg, singen dabei ihr auf- und absteigendes trillerndes Lied, welches im Kontrast zu dem monotonen Zirpen der Grillen fast schon jubilierend anmutet. Lächelnd und einfach nur Glücklich, folgt Lyall ihrem Liebsten durch das reife Korn, eine Hand mit der seinen verbunden, die andere hält das verhüllte Geschenk eng an ihren Leib gepresst. Seine Haare wogen mit seinen Schritten und werden leicht durch den Wind zerzaust, und immer wenn er sich zu ihr umsieht und lächelt, eingerahmt von den goldgelben Stahlen der untergehenden Sonne im Hintergrund... Kann es etwas Schöneres geben?
Ewig könnte dieser Moment für die Wargin dauern, doch dann erreichen sie eine Stelle, an der ein kräftiger Windstoß eine größere Fläche von Ähren niedergedrückt haben musste, die perfekt für ein Lager geeignet ist. Mit ein paar schnellen Handgriffen hat der Shida'ya die Decken zu einem angenehm weichen Lager ausgebreitet und bevor die Wargin sich versieht, hat er sie zu sich herabgezogen. Mit einem leicht erschreckten Laut, gemischt mit einem Lachen fällt die Wargin in seine Arme und kuschelt sich sofort an ihn. Als er sich zu ihr wendet, um sie zu küssen, erwidert sie diesen Kuss innig und kostet all die Süße seiner Lippen, auf die sie so lange Siebentage hatte verzichten müssen. Die Haut seiner Kehle ist fest, samten und schmeckt salzig, doch bevor das körperliche Verlangen überhand nehmen kann, holt sie ein kleiner Holzgegenstand, der unbequem zwischen ihnen zu liegen gekommen ist, wieder in das Hier und Jetzt zurück. Sich von im lösend – nicht ganz ohne leichte Protestbekundungen des Elben – , richtet sie sich auf ihren Ellenbogen auf und blickt neckisch zu ihm herab, während sie den verhüllten Gegenstand auf seine Brust legt. „Erst musst du die Wahl treffen. Was öffnest du zuerst?“
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Donnerstag, 27. Oktober 2016, 17:46

~ Dein Duft II ~
Beerenreif 516, abends


You are my favorite crayon,
the one I never have enough of,
the one I use to color my sky.
(a.r. asher)

I never want to stop
making memories with you.
(Pierre Jeanty)


Der Himmel über ihnen ist strahlend Blau, Blau wie Kornblumen, in welches sich jedoch allmählich abendliche Töne von zartem Rosa und glühendem Rot mischen, und die sanfte Brise, die das Ährenmeer um sie herum in einem Fort sacht rauschen zerzaust nicht nur immer wieder spielerisch Lyalls Haar, sondern trägt auch immer wieder die verlockende Mischung unterschiedlichster Düfte, in welche sich die Wargin gehüllt hat zu Cináed hinüber. Absolut zufrieden und im Einklang mit sich und der Welt hält der Shida'ya die Drachenländerin in seinen Armen und genießt die samtene Wärme ihrer vollen Lippen, die so perfekt auf die seinen passen. Und als Lyall sich schließlich von ihm löst protestiert er leise, musste er doch für sein Empfinden viel zu lange darauf verzichten sie zu küssen und nun nach einem einzigen Kuss damit aufhören zu müssen—und sei es auch nur für wenige Augenblicke—fällt ungemein schwer. Cináed seufzt gespielt theatralisch. Wie gerne würde er jeden Morgen neben der schönen Wargin erwachen und abends neben ihr in Trance versinken. Aber er drängt sie nicht, weiß er doch wie wichtig Aurian und Avila und ihr Leben im Anwesen deWinter für Lyall sind. Abende wie dieser jedoch erfülen den Gutsbesitzer mit Zuversicht und Hoffnung. Hoffnung auf ein gemeinsames Leben im Tal der Schafe. Gemeinsam würden sie einen Weg finden... zumal das Anwesen deWinter ja nicht aus der Welt wäre.

Lächelnd betrachtet Cináed das kleine Bündel, welches Lyall demonstrativ auf seiner Brust platziert und richtet sich, auf einen Ellenbogen gestützt nun seinerseits auch etwas auf. “Habe ich denn wirklich eine Wahl?”, erkundigt er sich schmunzelnd und weiß mit einem kleinen Kopfnicken auf das sorgsam in Leinen gehüllte Geschenk. Vorsichtig nimmt er es in eine Hand und prüft sorgsam sein Gewicht. Was auch immer in dem ungefärbten Leinentuch verborgen sein mag, es ist leicht. Vielleicht etwas Selbstgebackenes?, vermutet der Shida'ya. Nein, Cináed hat absolut keine Ahnung, was er beim Öffnen vorfinden wird.
Wieder trägt ihm ein sanfter Lufthauch den betörenden Duft von Rose, Zitronen und Orangen, Lavendel, Salbei und Lorbeer entgegen und er seufzt einmal mehr leise. “Also gut”, murmelt er schicksalsergeben, “wenn ich wirklich wählen soll...” Ohne ein weiteres Wort beugt sich der Elb vor und stiehlt sich einfach einen Kuss von Lyalls süßen Lippen. “Wähle ich dich”, raunt er ihr schließlich atemlos ins Ohr, als sie sich wieder von einander lösen. “Immer zuerst dich.”

Erst dann macht der Shida'ya sich daran die Verschnürung des Leinentuches zu lösen und den darin ruhenden Gegenstand endlich zu befreien: eine geschnitzte Wolfsstatue, etwas größer als seine eigene Hand. Eine Weile betrachtet Cináed die Statue einfach nur eingehend, wendet das aus Treibholz gefertigte Bildnis sorgsam zwischen seinen Fingern hin und her und bewundert anerkennend die mit Holunderbeeren- und Walnusssud sorgsam tiefschwarz gefärbte Schnitzerei. Helle Augen—bestehend aus goldgelben Flusskieseln—blicken dem Elben gelassen, aber aufmerksam entgegen. Die sitzende Haltung des Tieres wirkt entspannt und doch wachsam. Der Schwanz eng am Körper und über die Vorderpfoten gelegt. Behutsam fährt Cináed die Linien der Statue mit einem Finger nach. “Die Wölfin ist dir wirklich wunderbar gelungen”, erklärt er der Wargin schließlich. “Hab Dank dafür.” Ein warmes Lächeln umspielt seine Lippen. “Deine Arbeiten werden von Mal zu mal trefflicher.”

Langsam lässt der Gutsbesitzer die Hand sinken, die die Statue hält. Vorsichtig hebt die andere an Lyalls Gesicht, streicht über ihr Kinn, ihre Wange, vergräbt sie schließlich in ihrem weichen duftenden Haar, dich an ihrem Ohr. “Im Blätterfall, wenn sich die Blätter färben und das Larisgrün ein einziges Meer aus Rot, Orange und Gelb ist, komm mit mir in die Wälder...”, flüstert Cináed Lyall zu. “Lauf mit mir. In deiner zweiten Gestalt.” Zärtlich haucht er einen leichten Kuss auf ihre Lippen. “Ich habe dich noch nie gewandelt gesehen...” Sacht drückt er Lyall zurück auf die Decken ihres gemeinsamen Lagers. Die kleine Statue ist seiner Hand längst entglitten und neben ihnen beiden zu liegen gekommen. Die Ähren um sie herum neigen sich neugierig unter einer schwachen Abendbrise zu ihnen herab und die tiefer und tiefer sinkende Sonne taucht alles um Lyall und Cináed herum in gleißendes Rot, doch der Gutsbesitzer hat nur Augen für seine Liebste, deren goldener Blick ihn gefangen hält und alles andere, zumindest für eine eine Weile, vollkommen vergessen lässt.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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Lyall

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Montag, 7. November 2016, 20:52

~ ein schöner Abend im Beerenreif 516 ~


His red hair burns
like the rays
of the sun,
I see him and I am lit.

For he is beautiful
beyond compare,
the man with green eyes
and fire for hair.
Christy Ann, Martine (abgewandelt)


Doubt though the stars are fire;
doubt the sun doth move;
doubt truth to be a liar:
but never doubt
I love.
Shakespeare, Hamlet



Das Rauschen seines Atems in ihren Ohren lässt sie wonnevoll die Augen schließen, während der warme Hauch seiner Lippen auf den ihren langsam verblasst. >>“Immer zuerst dich.”<<, schließt er seinen Satz. Eine zarte Röte überzieht Lyalls Wangen bei diesen wundervollen Worten und ein dicker Kloß aus Ergriffenheit lässt sie nur stumm nicken. Als sein Blick den ihren trifft und sie in diesem nur Liebe, Verbundenheit und reine Güte erkennen kann, weiß sie erneut, dass es nie einen anderen Mann für sie gab und geben wird, als diesen Elben; ein so unsagbar kostbares Geschenk Ealaras. Und ich wähle dich, immer nur dich... Mit einer Hand liebkost sie seine Wange, bevor er sich schlussendlich zurücklehnt, um das Geschenk zu öffnen.
Voller aufkeimender Spannung und Erwartung, was er wohl zu dem kleinen Wolf sagen wird, richtet sie sich ebenfalls etwas weiter auf, und beobachtet jeden seiner Handgriffe eingehend. Nachdem er das schützende Tuch entfernt hat, betrachtet der Shida'ya ihre Handarbeit längere Zeit schweigend und sehr akribisch. Lyall muss doch sehr an sich halten nicht wie ein kleines Kind unruhig herum zu rutschen oder ein „Na? Wie findest du es? Hm?“ hervor platzen zu lassen, sondern nestelt nur fahrig an einem Zipfel ihrer Kleidung herum. Doch dann hebt ihr Gefährte seinen grünen Augen und ein Lächeln legt sich auf seine ebenmäßigen Züge. Es ist für die Wargin als würde die Sonne erneut aufgehen und seine Worte lassen ihre Brust vor Stolz schwellen.
„Die Wölfin habe ich nur für dich gemacht. Sie soll auf dich achten, wenn ich es nicht kann.“, sagt sie leise und ein klein wenig Wehmut schwingt in ihrer Stimme mit. Doch bevor die Melancholie über gewisse Entfernungen zwischen zwei Wohnstätten Überhand nehmen kann, spürt sie seine warme Hand an ihrem Kinn. Langsam wandert sie über ihr Gesicht und als seine Handfläche ihre Wange streift, legt sie ihren Kopf schief und genießt seine Berührung mit vollen Zügen. All ihre Haarwurzeln stellen sich erschauernd auf, als deine Finger durch ihr Haar fahren und nahe an ihrem Ohr zu liegen kommen. Mit geschlossenen Augen schmiegt sie ihren Kopf in seine Hand, die Wärme des Abends und seiner Haut genießend.

Seine Stimme ist nur ein Flüstern, wie das Rascheln des Herbstwindes im Laubteppich, und doch lassen seine Worte Lyall ihre Augen weit aufreißen. >>“Im Blätterfall, wenn sich die Blätter färben und das Larisgrün ein einziges Meer aus Rot, Orange und Gelb ist, komm mit mir in die Wälder... Lauf mit mir. In deiner zweiten Gestalt. Ich habe dich noch nie gewandelt gesehen...”<<
Als er sich zu ihr herüber beugt und einen Kuss auf ihren Lippen hinterlässt, ist die Wargin noch immer dabei das eben Gehörte zu verdauen. Auch als seine Hände ihre Schultern sacht zurück auf ihr Lager senken, überschlagen sich ihre Gedanken und sie folgt geistesabwesend seiner vorgegebenen Bewegung.
Kann das wirklich wahr sein? Seine Worte? Diese wunderschönen, traumhaften Worte? Er will mit ihr Laufen... die Gestalt ihrer Wölfin vollkommen annehmen. In Einklang sein. Und doch hat er sie nie als Wolf gesehen. Erst jetzt wird ihr Bewusst, dass dies tatsächlich stimmt. In all den Zwölfmonden hatte er sie nur als Mensch gesehen. Wenn überhaupt. Und doch hat er keine Furcht, keine Scheu. Natürlich hatte die Wargin nicht wirklich mit Ablehnung gerechnet, doch ein kleiner Funke des Zweifels ist bis jetzt immer da gewesen. Obwohl sie und ihr zweites Ich immer im Einklang miteinander sind, hatte Lyall nie einen Gedanken daran verschwendet in seiner Gegenwart ein Wolf zu werden. Nicht absichtlich zumindest. Viel zu kostbar ist doch die schon so geringe Zeit gewesen, die sie in seiner Nähe sein konnte.
Doch nun? Seine Worte lassen den letzten Schutzpanzer brechen, den sie sich all die Jahre unbewusst aufgebaut hatte. Für diesen Mann würde sie alles tun, ihm immer folgen, ihn beschützen, für ihn sorgen, für ihn sterben. Ihre Seele wird auf Ewig untrennbar mit der Seinen verbunden sein. Früher hatte sie nie geglaubt, dass man jemanden so sehr lieben könnte, dass es schier körperliche Pein verursacht. Hatte den Alten nie geglaubt, wenn sie von tiefer Gram geplagt von ihren Gefährten gesprochen hatten, die bei der Jagd oder im Kampf gefallen waren. Doch es stimmt. Und wie. Wessen sie sich jedoch nie bewusst gewesen ist, dass man jemanden noch mehr lieben kann, als den Tag zuvor. Jeden Tag mehr. Stetig. Unaufhaltsam. Am liebsten möchte sie ihn für immer ansehen und dem Klang seiner Stimme lauschen. Sie wird nie müde werden, sein ausdrucksvolles Gesicht zu betrachten. Alles an ihm erscheint ihr wie ein Wunder, und sie beginnt gerade erst wirklich zu verstehen, dass Cináed nicht bloß ein schöner Traum ist, sondern die Wirklichkeit.

Als das rotgoldene Licht auf die beiden herab scheint und den Elben in ein Meer aus flammendem Rot taucht, füllen sich ihre Augen unweigerlich mit Freudentränen. Mit beiden Händen rahmt sie sein schönes Gesicht ein, lehnt sich vor um erst seine Lippen, dann den Punkt des dritten Auges und seine Stirn auf Höhe des Haaransatzes zu küssen. Mit dem Herz voll überquellender Emotionen, schlingt sie ihre Arme um seinen Nacken und zieht ihn auf sich herunter. Sein Gewicht auf ihrem Körper ist tröstend und anziehend zugleich.
Wortlos bettet sie seinen Kopf auf ihrer Schulter, streicht sacht über sein Haar und blickt in die Dämmerung über ihnen. Die Sonne ist hinter dem Horizont verschwunden; ihr letzter Schimmer vergoldet die zahlreichen Wolken, welche wie eine Schafherde über sie hinwegziehen.
„Kannst du dir vorstellen, was mir deine Worte bedeuten?“, fragt sie mit zittriger Stimme in die Stille hinein und küsst sein Haar erneut. „Ja, ich will mit dir laufen. Nichts lieber als das, Leannan! Nichts lieber als das!“ Ihre Umarmung wird fester. Sie drückt ihn an sich so fest sie kann, dann gibt sie ihn wieder frei. „Du bedeutest mir alles. Alles... verstehst du? Tha thu an lasair sin tha ea 'biadhadh sradagan beatha.* Ich liebe dich mehr, als dieses kleine Wort je ausdrücken kann.” Langsam schiebt sie zwei Hände unter ihn, und bedeutet ihm so sich aufzurichten damit sie ihm in seine waldgrünen Augen blicken kann. “Ich möchte immer für dich da sein. Zu jeder Tages und Nachtzeit. Hörst du?” Ihre bernsteinfarbenen Augen sehen dem Lodern in den Seinen entgegen und ein sachtes Kopfnicken seinerseits bestätigt, dass er ihre Worte vernommen hat. “Dann möchte ich auch jetzt für dich da sein. Nur für dich... also öffne dein zweites Geschenk...”
Atemlos bäumt sie sich ihm entgegen, als seine Küsse ihren Körper entflammen und wohlige Schauer ihr Rückgrat herabrieseln. Als ihre Kleider fallen und nur noch der süße und herbe Duft der Öle sie umgibt, verschwimmt die Welt um sie herum zu einem berauschenden Spektakel aus Düften und Farben. Doch in all dem taumelnden Tosen ist eins stetig und das Zentrum von Lyalls Welt: Cináed.


*Du bist die Flamme, die meinen Lebensfunken nährt.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Dienstag, 3. Januar 2017, 22:53

~ Sunday Epihpany ~
Beerenreif 516, nachts


Suddanly I landed.
The wind knocked out of me.
Heavy gasps.
Breathing in slowly.
Fingers checking.
Nothing broken.
Eyes closing.
You smiling.
Me realising.
How hard I have fallen.
In love.
(Michael Faudet)


Arme. Beine. Finger. Wild in einander verschlungen. Ein Gewirr zweier Körper. Kaum möglich zu entwirren. Das Ende des einen, den Anfang der anderen zu finden. Cináed seufzt leise und streicht Lyall ein paar wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ohne das sie es gemerkt haben, ist die nacht über ihnen hereingebrochen. Der Himmel über ihnen ist klar, fast wolkenlos und die Sterne an seinem Firmament leuchten ungewöhnlich hell. Oder so scheint es den Liebenden zumindest. Eine Weile liegen sie einfach nur regungslos da. Erschöpft. Euphorisch. Bis zum Bersten angefüllt mit Glück. Berauscht. Betört von der Nähe des jeweils anderen. Die Augen in die Weite der Nacht gerichtet lauschen sie ihrer beider Atem. Dem Klang ihrer pochenden Herzen. Und Cináed wünschte dieser Augenblick würde nie vergehen. Der Nachhall von Lyalls Küssen geistert noch immer über seine Haut. Liegt schwer und süß auf seinen Lippen. Der unglaubliche Duft, in welchen sie sich eigens für ihn gehüllt hat, schwebt nach wie vor wie ein Zauber in der Luft. Vermischt sich allmählich mit dem Wohlgeruch der sie umgebenden Wiesen und Felder. Und dem Elben wird klar wie gründlich er sein Herz verloren hat. Nein, nicht verloren. Verschenkt. Eingetauscht. Ja, eingetauscht.

"Tas Lyres hjir ti", raunt der Shida'ya Lyall zu. "Die Sterne für dich." Einen Augenblick lang sieht er sie unverwandt an. "Alles. Ich würde alles für dich tuen", flüstert er ihr schließlich leise zu, eine Hand sacht an ihre Wange gelegt, ihr Gesicht zärtlich haltend. Behutsam legt Cináed Lyall einen Finger auf die Lippen, als sie sich anschickt zu einer Antwort anzusetzen. "Schh", erklärt er leise. "Kein Wort. Es ist wie es ist. Meine Liebe ist dein. Genauso wie alles andere. Nichts könnte daran etwas ändern. Und was immer ich für dich tun kann, werde ich tun." Zärtlich haucht er einen Kuss auf Lyalls Stirn. Dann wandert sein Blick hinauf zum Himmel. Kalte Nachtluft umweht sie. Noch sind ihre Körper warm, doch so können sie nicht die ganze Nacht hier draußen zubringen. "Komm", erklärt Cináed bedauernd, "wir sollten langsam aufbrechen."
Langsam, unwillig lösen sich die zwei Liebenden voneinander um ihre in alle vier Himmelsrichtungen verstreuten Gewänder zusammenzusraffen, sich anzukleiden und ihr heimeliges Lager abzubrechen. Kichernd wie zwei frischverliebte Backfische--und irgendwie sind sie das ja auch--laufen sie schließlich Hand in Hand zum Hof zurück. Barfuß, ihre Stiefel in den freien Händen. Cináed die Decke unter den Arm geklemmt, die Wolfsstatue sicher im Schaft seines Stiefels verstaut.

Während sie so nebeneinander herlaufen gleitet der Blick des Elben immer wieder zu Lyalls strahlendem Anlitz hinüber. Irgendwann wird er sie fragen. Nicht heute. Nicht in dieser Nacht und auch nicht in den kommenden. Aber irgendwann. Weil es unausweichlich ist. Zumindest für ihn. Doch noch fürchtet er ihre Antwort. Keine Sekunde lang zweifelt er an ihrer Liebe, aber der Elb will die Wargin auch nicht bedrängen. Ihre Herzen mögen länger für einander schlagen, als ihnen beiden klar war, doch das sie tatsächlich endlich zueinander gefunden haben, scheint erst wenige Augenblicke her. Dennoch beginnt ein sonderbares Sehnen, Wünschen in Cináed zu keimen, als er Lyall so neben sich sieht--mit lachendem Gesicht, vor Freude und Jugend geröteten Wangen, mit fliegendem Haar und voller Leben. Er will wirklich alles für sie tun. Mehr noch. Er will gehen wohin sie geht. Mit ihr durchs Leben gehen. Ihr Leben teilen... und es nicht einfach nur begleiten wie er es mit Tara getan hat. Der Gedanke kommt einfach so angeflogen, auf einem nächtlichen Lufthauch, von einem der vielen funkelnden Sterne vielleicht. Nahezu unbemerkt schleicht er sich ein. Setzt sich fest. Rollt sich wie eine kleine Katze in der wohligen Wärme von Cináeds Herzen ein, und spricht leise verführerisch schnurrend zu seiner Seele...

...als der neue Morgen anbricht und Lyall, Cináed und all die anderen gemeinsam beim Frühstück in Rhonas Küche sitzen und fröhlich schwatzend (die einen) oder herzhaft gähnend (die anderen) den neuen Tag beginnen, scheint der Gedanke verschwunden. Vergessen. Doch nicht ganz. Lachend reicht der Elb einen Korb mit frisch gebackenen Semmeln herum, lässt sich etwas Honig und reichen und schiebt Lyall ganz selbstverständlich einen Becher mit dampfendem Tee zu und eine halbe Honigsemmel zu.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

Lyall

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Sonntag, 12. Februar 2017, 15:12

~ am darauffolgenden Morgen bis knapp vor Mittag, Beerenreif 516 ~


One day, I'll wake up at three in the morning.
I won't be alone, I won't text you or call you,
I won't miss you or want to cry.
Because one day, when I wake up at three in the morning
you'll be laying next to me.

-(A.02)





Ihre Hände um die dampfende Tasse geschlungen, beobachtet Lyall die Anwesenden am Tisch über den tönernen Rand hinweg aus glänzenden Bernsteinaugen und leckt sich etwas Honig von den Lippen. Obwohl es früh am Morgen ist, sind alle gut gelaunt, mehr oder weniger hellwach, scherzen und lachen zusammen – oder werden wegen ihres Dauergähnens geneckt - und es herrscht eine ausgelassene und überaus herzliche Stimmung, die Lyall sofort ansteckt und sich geborgen fühlen lässt. Was natürlich zum Großteil an dem Mann ihres Herzens liegt, welcher neben ihr Platz genommen hat und sich nun sein Honigbrötchen sichtlich schmecken lässt. Leicht verstohlen lugt sie zu ihm herüber und lächelt ertappt, als Cináed ihren Blick liebevoll erwidert, bevor er erneut herzhaft in sein Frühstück beißt.
Auch die Wargin widmet sich erneut ihrer zuvor fallengelassenen Tätigkeit als stiller Beobachter, und lässt ihren Blick erneut über das Gesinde des Hofes streifen.

Da ist Nara, die Magd, welche über einen Witz von Emrys lacht, dass es ihr Tränen in die Augen treibt und sie sich fast verschlucken lässt, sodass ihr Emrys freundschaftlich auf den Rücken klopft. Verstohlene Seitenblicke von Liam lassen erkennen, dass er über die Vertrautheit der beiden gar nicht glücklich ist, sodass er verdrießlich seinen Blick in seine Tasse senkt und kurz leicht pikiert wirkt, doch ein paar aufmunternde Worte von Rhona lassen wieder ein kleinen Lächeln auf seinen Zügen erscheinen. Dass Nara an Emrys interessiert zu sein scheint, hatte die Drachenländrin schon vor längerer Zeit von ihrer Freundin Avila erfahren, als diese noch enger mit Emrys befreundet war, doch dass Liam offensichtlich mehr für Nara empfindet als nur Freundschaft, wird Lyall erst jetzt bewusst. Allerdings scheint diese Empfindung nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen, würdigt Nara Liam doch keines Blickes. Ihre ganze Aufmerksamkeit hängt an Emrys Lippen, wie er erneut zu einem etwas zotigeren Witz ausholt, was sofort von ein paar gebrummten Worten von Owyn unterbunden wird.
Owyn, der kräftige Rhìnemoor mit den kieselgrauen Augen und dem strohblonden Haar, ist der Großknecht des Anwesens und macht auf Lyall einen recht raubeinigen, strengen Eindruck, sodass sie sich noch nie wirklich lange unterhalten, geschweige denn länger in einem Raum aufgehalten haben. Er redet nie viel und der Wargin scheint es, als würde er sie nicht wirklich an der Seite seines Herrn tolerieren, aber die Wargin will keine voreiligen Schlüsse ziehen. So hält sie sich bedeckt, senkt den Blick und wendet sich Gwyn und Úna zu, die ihrem Vater Owyn am anderen Tischende gegenüber sitzen. Gwyn scheint vollkommen mit seinem Frühstück beschäftigt zu sein, schaufelt er doch so schnell seinen Haferbrei in sich hinein und spült die großen Happen mit Tee herunter, dass Lyall allein beim zusehen unwohl wird. Seine Schwester hingegen isst langsam und bedächtig, scheint offensichtlich schon recht satt zu sein und doch... wandern kleine Brocken Brot immer wieder in ihre Kitteltasche (allerdings nur dann, wenn sich Úna sicher ist, dass ihre Mutter gerade nicht hinsieht) und werden dort offensichtlich verspeist, denn die Finger des Mädchens kommen leer wieder heraus. Lyall kann nur den oberen Rand der kleinen aufgenähten Tasche sehen, da der Rest von der Tischplatte verdeckt wird, leise Kau- und Piepsgeräusche lassen jedoch auf einen kleinen pelzigen Bewohner schließen. Neugierig stellen sich die Ohren der Wargin auf und sie lehnt sich etwas vor, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu ihrer Rechten zu haben, was wiederum Úna auffällt, die daraufhin hektisch ihre Hände im Schoß faltet und ertappt zu Lyall herüber schaut.
Doch Lyall lächelt ihr ermunternd zu und sagt leise: „Was hast du da für ein Tierchen in deiner Tasche? Ist es eine Maus?“ Zuerst weiß das Mädchen nicht recht, ob es Lyall ihre kleinen Freunde einfach so am Tisch zeigen möchte, doch dann erscheint ein verschmitztes Lächeln auf dem hübschen Gesicht und Úna nickt bestätigend. „Ich hab sogar zwei Mäuse.“
Vorsichtig langt sie in ihre Kitteltasche und setzt erst die eine und dann die andere Maus vor sich auf den Tisch. Ihren Oberkörper lehnt sie jedoch so weit vor, dass er als Sichtschutz dient, denn offenbar soll ihre Mutter nicht sehen, was sie gerade macht.
Eine Maus ist braun, blinzelt keck dem nun helleren Licht der Küche entgegen und beginnt auch sofort ihr keines Näschen mit zitternden Schnurrhaaren in die Luft zu recken. Schließlich liegen allerlei Leckereien auf dem Tisch und es gibt so viel zu entdecken! Die andere Maus, kleiner als die erste und grau, sieht eher verschlafen drein, zuckt kurz mit dem Schwanz und macht gleich wieder Anstalten in das warme Dunkel der kleinen Tasche zu verschwinden, doch Úna hält sie sacht zurück, während sie auf beide Mäuse nacheinander deutet und sagt: „Das sind Haselnuss und Kieselstein. Kieselstein schläft viel, doch Haselnuss ist immer sehr abenteuerlustig!“
Belustigt sieht auch Lyall nun den kleinen Mäusen zu, wie sie über die zarten Hände des Kindes kriechen, bis Haselnuss sich abseilt, um sich an den Krümeln auf Únas Teller gütlich zu tun. Kieselstein scheint noch immer recht wenig interessiert und so steckt das Mädchen sie schlussendlich doch wieder in ihre Tasche.

Das Mäuschen auf Únas Teller hat alsbald alle Krümel vertilgt und sucht schnuppernd nach weiteren guten Dingen, die sich abstauben lassen. „Darf ich ihr auch etwas geben?“, fragt Lyall die Herrin der Mäuse, woraufhin diese bejahend nickt. Flugs ist aus einem Stück Brötchen eine kleine Kugel gerollt, die die Wargin dem Mäuschen wie einen winzigen Ball zuwirft. Kurz vor der Maus bleibt das Bällchen liegen und einen Moment lang scheint das Tierchen zu überlegen, ob es sich das Stück Teigware wirklich holen soll, doch ihr Appetit überwiegt und schon hält es das helle Kügelchen in winzigen rosa Pfötchen und lässt sich den Happen schmecken.
Die Wargin als auch das Mädchen beobachten die Szene lachend und merken nicht, wie es um sie herum still zu werden beginnt. Erst als ein tiefes Räuspern von Owyn beide aufschreckt, bemerken sie dass alle Augen auf ihnen Ruhen. Vor allem die braunen Augen ihrer Mutter, aus denen ein tadelnder Blick beide nacheinander trifft, lassen Lyall und Úna in ihren Stühlen kleiner und kleiner werden.
Dass Cináed währenddessen amüsiert in sich hinein schmunzelt, bemerkt die Wargin nicht.
„Úna, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst die Mäuse nicht mit zu Tisch bringen? Und du Lyall, hättest sie nicht noch ermuntern müssen.“ Still pflückt das Mädchen ihre kleine Maus vom Tisch und steckt sie zu der anderen in ihre Tasche. Schuldbewusst bleibt ihr Blick auf die Tischplatte gerichtet, während ein leises „Ja, Mama. Entschuldige, Mama...“, ihren Mund verlässt. Auch Lyall schaut recht gescholten drein, entschuldigt sich höflich und macht durch ihre hängenden Ohren und geröteten Wangen einen sehr verlegenen Eindruck.
Wahrscheinlich so verlegen und kleinlaut, dass Rhona nicht lange böse sein kann und auch schon wieder lächelt.
„So nun esst aber rasch auf, es wird Zeit, dass wir uns fertig machen. Es wartet genug Arbeit!“ Und so werden die letzten Bissen herunter geschluckt, die letzten Tassen und Becher geleert, bevor jeder seinen Platz abräumt, und Lyall Rhona noch beim Abwasch hilft.

Dann ist es auch fast schon wieder Mittagszeit und die Wargin muss sich sputen schnell wieder zum Anwesen zu gelangen. Auch wenn sie am liebsten hier geblieben wäre, wartet auch auf sie noch das Tagwerk des de Winter'schen Anwesens und sie will Avila nicht länger mit der Arbeit alleine lassen.
Der Abschied von ihrem Elben fällt ihr wie immer ausgesprochen schwer und auch wenn er nicht allzu weit von ihr entfernt wohnt, wird ihr Herz immer schwerer und bleierner je näher die Zeit des Abschieds rückt. So muss sie sich schlussendlich doch mit tränennassen Augen von ihm lösen, bedeckt seinen Mund zuvor noch mit so vielen Küssen wie sie kann und macht sich dann in der aufziehenden Wärme des neuen Tages auf den Weg zu ihrem Heim.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
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Mittwoch, 10. Januar 2018, 21:43

~ Mittwinter ~
21. Langschnee 517


Vorfreude
(n.) the joyful, intense anticipation that
comes from imagining future pleasures


Mittwinter. Julnacht. Seit Siebentagen bereitet man(n) (und frau) sich auf Glyn-y-Defaid, auf diesen Tag vor. In der Küche duftet es schon seit Tagen nach den wunderbarsten Wohlgerüchen. Das ganze Haus wurde vom tiefsten Keller bis unter den höchsten Dachgiebel geputzt und anschließend mit winterlichem Schmuck versehen. Überall riecht es daher sanft nach Tannengrün. Die zahlreichen Gewinde bieten einen schönen Kontrast zu dem unschuldigen Weiß, welches das gesamte Tal seid Tagen in eine kalte, weiche Decke hüllt. Allerdings nicht zu jedermans Freude, den Cináed und seine Knechte haben allerhand damit zu tun, die weißen Schneemengen im Zaum zu halten und Hof und Wege frei zu schippen, damit sie nicht völlig einschneien. Auch auf den Weg nach Talyra macht man sich dieser Tage nur selten und wenn es unbedingt notwendig ist, sehr zum Leidwesen des Elben, den Lyalls häufige notgedrungene Abwesenheit oft schmerzt. Natürlich kann er verstehen, dass ihre Arbeitskraft im Anwesen de Winter gerade in diesen Tagen beinahe unentbehrlich ist, dass macht seinen Kummer nur leider nicht erträglicher.
Doch in dieser Nacht wird er hoffentlich nicht allein im Dunkel seiner Kammer ruhen müssen. Auf weichen Samtpfoten wird die Wargin sich in den Schnee und hinaus nach Glyn-y-Defaid wagen, zumindest haben sie es so vereinbart. Das stetige Schneetreiben erfüllt den Gutsbesitzer jedoch mit Sorge, doch er vertraut darauf, dass Lyall sich nicht in Gefahr begeben und im Zweifelsfall in Talyra bleiben wird, wenn das Wetter sich verschlechtern oder gar ein Schneesturm aufziehen sollte. Selbstverständlich hofft er sehr, dass es nicht dazu kommen wird und sie stattdessen ein schönes Mittwinterfest feiern werden, aber sicher vermag er dies angesichts der weißen Flockenpracht nicht vorherzusagen.

Behutsam holt der Elb die kleine geschnitzte Schatule hervor, die er seid Tagen in der Hosentasche mit sich durch die Gegend trägt. Wobei, wie eine Schatule sieht das kleine Behältnis eigentlich nicht aus, ist es doch bis ins kleinste Detail einer geschnitzten Walnuss nachempfunden und ebenso groß.
“Zaubernuss”, haben Úna und Gwyn es einmal im Spaß getauft und damit auch irgendwie recht, denn die Zaubernuss lässt sich dank winziger Scharniere nicht nur behutsam auseinanderklappen, sondern behütet zudem einen ganz besonderen Schatz. Allein der Gedanke daran lässt Cináed lächeln und umso ungeduldiger darauf warten, das Lyall endlich auf dem Hof eintrifft. Wie sie sein Geschenk wohl aufnehmen würde? Er vermag es beim besten Willen nicht zu sagen und eine nervöse Ängstlichkeit mischt sich unter seine erwartungsvolle Vorfreude. Was, wenn seine Überraschung ihr nicht gefällt? Glücklicherweise gibt es noch immer viel zu viel zu tun, als das der Shida'ya sich lange unnötige Gedanken darüber was-wäre-wenn machen kann kann, denn die Schafe und sonstigen Tiere füttern sich nicht von allein, die Ställe müssen auch an einem Feiertag wie diesem ausgemistet werden, Schnee will geschippt und Feuerholz gehackt und in allen beheizbaren Zimmern und Kammern verteilt werden. Bei seinen letzten Besuchen in der Harfe hatte er dann und wann in einem kürzeren oder längeren Gespräch mit Borgil und Azra erfahren, dass ihr Schwiegersohn sich mit ihrer Ziehtochter Karamaneh in der Feenwasserbucht niederzulassen gedenke und gerade dabei sei dort ein kleines Häuschen zu errichten. Beim Stichwort Hausbau waren Borgil und er Elb prompt ins Fachsimpeln geraten—nun, genaugenommen hatte Borgil gefachsimpelt und Cináed interessiert zugehört—und so hatte Cináed unter anderem brühwarm erfahren, dass besagtes Häuschen nicht nur mehr als ein ganzes Dutzend Karmine und eine riesige Feuerstelle sondern auch ein richtiges Hypokaustum sein eigen nennen würde.
Von solchem Luxus kann Cináed hier draußen auf in Glyn-y-Defaid nur Träumen. Das Haupthaus sowie die meisten Nebengebäude wurden in jenen Tagen errichtet, als der Großvater seiner verstorbenen Frau Tara ein junger tatkräftiger Mann gewesen war. Alles auf Glyn-y-Defaid ist solide gebaut und hat dem Zahn der Zeit vortrefflich stand gehalten, von neumodischen Schnickschnack wie einem Hypokaustum hatte damals jedoch noch niemand zu träumen gewagt.

Als Cináed schließlich am späten Nachmittag durchgefroren in die Küche poltert und seine Stiefel unter Rhonas strengem Blick artig neben der Hintertür abstreift, funkeln winzige Schneeflocken auf seiner Kappe, den darunter vorblitzenden Haaren, seinem Schall und auf seiner Jacke.
“Noch keine Spur von Lyall?”, will die Köchin wissen und der Shida'ya schüttelt den Kopf.
“Nein”, noch nichts zu sehen”, brummt er und versucht sich seine Sorge nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Das Schneetreiben, dass in den späten Morgenstunden abgeflaut warm, hat wieder zugenommen und wenn die Wargin nicht bald auftaucht...
...hastig schiebt der Gutsbesitzer seiner düsteren Befürchtungen beiseite. Sie würde schon kommen. Und dann würde sie sich erst einmal aufwärmen können. Allles Nötige ist bereits vorbereitet, Handtücher und Decken liegen bereit, es gibt mehr heiße Getränke als sie alle je würden trinken können und schon vor Monden hatte Cináed dafür gesorgt, dass Lyall stets für alle möglichen Gelegenheiten eine ausreichende Auswahl an passenden Kleidern zur Verfügung steht, wann immer sie auf dem Hof weilt. Ein warmer Schauder läuft ihm den Rücken hinab als er das freudige Gebell der Hunde hört und seine Hand (die Rechte, die Linke hält noch immer seine abgestreiften Handschuhe) tastet einmal mehr ganz unwillkürlich nach der geschnitzten Nuss in seiner Hosentasche. Sogleich schmiegt sich das geriffelte Holz warm und weich in seine Handfläche wie ein Versprechen das Schönes verheißt...
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Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Cinaed« (23. Mai 2018, 19:01)


Lyall

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160

Mittwoch, 17. Januar 2018, 22:42

- Mittwinter, 21. Langschnee 517 vom Anwesen de Winter nach Glyn-y-Defaid -

Winter is the time for comfort,
for good food and warmth,
for the touch of a friendly hand
and for the talk beside a fire:
it is the time for home.

Edit Sitwell



Weiß ist seit mehreren Siebentagen die dominierende Farbe des Anwesens de Winter oder besser gesagt ganz Talyras, inklusive dessen Umland. In der Natur scheint es keine weitere Farbe mehr zu geben, ausgenommen von diversen Grauschattierungen oder sattem Schwarz. Selbst der Himmel ist bleiern und schwer, Wolken sperren das sonst so klare Blau des Firmaments wie grimmige Wächter aus und lassen keinen einzigen Sonnenstrahl hindurch blitzen. Der Winter hat Einzug gehalten und Schnee ist ihm auf frostigen Sohlen gefolgt. Überall türmt er sich mindestens bis auf Kniehöhe empor und in Verwehungen sogar noch um einiges höher, kriecht Häuserwände herauf, verstopft Talyras kleine Gässchen, verschüttet Hauseingänge mit der weißen Fracht und klebt in dicken Klumpen an der knotigen Rinde der Eiche im Hof des de Winterschen Anwesens. Und noch immer fällt das pudrige Weiß auf Talyra herab, addiert sich beständig mit leisem Zischeln zu den bereits liegen gebliebenen Flocken oder landet etwas unglücklicher auf jemandes Haupthaar, um dort leise in einem kleinen Tropfen kaltem Nass zu vergehen. Doch nicht so bei Lyall. Auf ihrem Kopf hat sich bereits ein Überzug aus winzigen Kristallen gebildet, welcher unbeeindruckt von der Hitze ihres Kopfes auf diesem thront. Oder besser gesagt auf ihrer Mütze. Braun und wollig-flauschig von Avilas flinken Fingern aus Wolle von Cináeds Schafen gestrickt, hält er Lyall warm und die Schneeflocken am leben. Auch auf ihren dicht mit Winterfell besetzten Ohren, welche aus zwei Löchern in der Mütze herausragen, hält sich der Schnee (wenn sie diesen nicht durch schnelle Bewegungen dieser herunter fegt) und denkt nicht daran zu schmelzen, während die Wargin die letzten Schippen voll Schnee auf die Haufen wirft, welche sich neben dem Weg zum Anwesen auftürmen. Kurz betrachtet sie ihr Werk, während sich kleine Atemwölkchen vor ihrem Mund formen, wendet sich dann dem Schuppen zu, um die Schaufel gegen einen Besen zu tauschen. Flugs ist so auch die Freitreppe frei gekehrt, wird noch mit kleinen Steinchen gegen das Ausrutschen bestreut, dann ist Lyall fertig. Sie hat ihre Arbeit gewissenhaft erledigt, jedoch schneller als sonst und mit einem dauerhaften Grinsen im Gesicht.
Heute ist der 21. Langschnee. Julfest, oder besser gesagt Wintersonnenwende und somit auch ein Hochtag Ealaras. Doch das ist nicht der eigentliche Grund warum die Drachenländerin schon seit Tagen nicht richtig still sitzen kann, ihre Gedanken oft abschweifen oder sie einfach nicht anders kann als – so wie jetzt – vom einen bis zum anderen Ohr zu grinsen.
Die Bewohner des Anwesens kennen diesen Zustand mittlerweile sehr gut und nehmen diesen duldsam und wohlwollend zur Kenntnis, freuen sich sogar sehr für sie, denn sie wissen, dass die Wargin an diesen besonderen Tagen Cináed endlich wieder in ihre Arme schließen darf. Durch die witterungsbedingten Arbeiten am und im Anwesen ist Lyall schon länger nicht fort gekommen und sehnt sich nun redlich nach Glyn-y-defaid . Ein Blick auf die immer dunkler werdende Wolkenplatte über ihr, die noch immer kontinuierlich Schneeflocken produziert, verheißt zwar nichts gutes, doch nichts auf Rohas weitem Rund wird Lyall an diesem Tag davon abhalten zu ihrem Gefährten zu kommen. Und wenn der Dunkle persönlich auftaucht!

Ein Klopfen zu ihrer Rechten lässt sie erschreckt zusammenfahren und reißt sie aus ihren Gedanken. Es ist Avila, die lächelnd an einem der Fenster steht und ihr mit einer Hand bedeutet herein zu kommen, während ihre andere den schweren Samtvorhang beiseite hält. Die Wargin kommt ihrer Aufforderung ins Warme zu wechseln zur gern nach, aber erst nachdem sie Besen als auch Eimer ordentlich neben der Treppe abgestellt hat (damit Avila später, wenn sie die Treppe erneut würde kehren müssen, diese gleich griffbereit hatte) und sich hinter der Tür ihrer Stiefel entledigt, um diese auf ein paar alte Lappen zu stellen. Jacke und Mütze hängt sie auf die Garderobe, wo sich die verbliebenen Schneeflocken auch sogleich in kleine tauartige Tropfen verwandeln.

Drinnen empfängt sie der wohlige Geruch von allerlei Gewürzen, der herben Duft von Tannen- und Kiefernnadeln sowie der rauchig-träge Geruch des Feuers, welches im Kamin des Salons vor sich hin lodert. Aus eben jenem Zimmer kommt Avila gerade hervor, ein leeres Silbertablett in der Hand.
„Komm,“ sagt sie einladend. „Setz dich zu uns. Ich habe auch heiße Getränke gemacht.“ Kurz greift die Herzländerin nach den Händen der Wargin und sieht sie dann tadelnd an, was Lyalls Ohren dazu veranlasst verlegen nach unten zu sinken. „Du hast wieder deine Handschuhe nicht angehabt, oder?“ Lyall bleibt eine Antwort schuldig, da sie Avila nicht verärgern indem sie zugeben müsste, dass sie gerade nicht weiß wo sich diese in ihrer Kammer befinden. „Na, dann wärme dich an deiner Tasse auf. Geh schon vor, die Herrin ist auch da. Ich komme gleich nach.“
Als sie in den Salon tritt, empfängt sie schon das warme Lächeln ihrer Herrin, welche ihr mit einer Geste bedeutet sich auf einen der weichen Sessel niederzulassen. Die Drachenländerin freut sich Lady Aurian de Winter zu sehen, hatten sie doch auf dem Anwesen des Öfteren auf ihre Anwesenheit verzichten müssen. Aber die Pflichten einer Gardemagierin ruhen wohl nur selten. Vor dem Sessel der Drachenländerin steht eine dampfende Tasse Gewürztee auf einem Beistelltischchen, aus der eine Zimtstange hervorlugt sowie ein kleiner Teller mit delikaten kleinen Keksen, die Avila und sie vor ein paar Tagen gebacken hatten. Während Lady Aurian sich nach ihrem Befinden erkundet, worauf Lyall freundlich antwortet und dann interessiert zuhört während Lady Aurian über Vorkommnisse in der Steinfaust berichtet, kann Lyall nicht anders als ihren Blick durch den geschmückten Salon schweifen zu lassen. Natürlich ist nicht nur dieser Raum geschmückt, sondern das ganze Anwesen, aber genau hier, mit dem prasselnden Kaminfeuer, den gemütlichen Sesseln, den Teearomen und dem friedlichen Zusammensein, scheint das Zentrum der anheimelnden Atmosphäre zu liegen. Und so lauscht Lyall den Worten ihrer Herrin, wirft ab und zu ein Kommentar ein (vor allem, dass ihre Herrin nicht vergisst Rhordri zu grüßen!) oder nickt nur, während ihre Finger sich genüsslich um das wärmende Steingut der Tasse schmiegen. Auch Avila ist nun wieder zu ihnen gestoßen und alsbald entwickelt sich ein reges Gespräch, mal um alltägliches, mal um dienstliches drehend oder einfach um Dinge, die einen der Sprecher gerade beschäftigen. Lange sitzen sie so und reden, genießen die Gesellschaft und trinken auf des jeweils anderen Wohl und auf die nun länger werdenden Tage, während sie Scheite nachlegen und die Wärme genießen, die sie an kommende Sonnentage denken lässt. Sie alle schenken sich heute Zeit. Zeit für den jeweils anderen, da diese doch öfter zu kurz kommt als sie zugeben mögen.
Erst als das Irrlicht Apfelgribs das kleine Köpfchen zur Tür herein streckt und sich schrill beschwert, man hätte sie doch wecken können, wird Lyall bewusst, dass sie nun doch recht spät vom Anwesen loskommen wird als ursprünglich geplant.
Als sie ihre Absichten kund tut und sich für ihre baldige Abwesenheit entschuldigt, winken beide Frauen nur ab und Lady Aurian entgegnet augenzwinkernd: „Wir haben uns schon gefragt, ob du doch hier bleibst. Geh nur, aber paß auf dem Weg zu Glyn-y-defaid auf! Es scheint einen Schneesturm zu geben.“ Versichernd nickend verspricht Lyall, dass sie acht geben wird, gibt der protestierenden Apfelgribs noch einen Kuss auf die kühle Wange und verlässt den Salon. Sie sputet sich, läuft flink über den Hof (natürlich ohne Jacke, Mütze und Stiefel... die selig an der Garderobe trocknen... dafür aber in ihren alten Holzpantinen) und ist flugs im Gesindehaus verschwunden. In ihrer Kammer fällt ihr Blick auf das Geschenk für Cináed, doch sie wird es hier lassen müssen und es ihm erst dann geben können, wenn sie das nächste Mal nicht in ihrer Wolfsgestalt auf dem Schafhof auftaucht. Er wird es ihr hoffentlich verzeihen, aber ihre Angst ist zu groß, dass sie es verschmutzen oder gar verlieren könnte. Dann beginnt sie die Wandlung, welche zwar schnell von statten geht aber deutlich schmerzhafter ist, als im Sommer, da sich das dichtere Winterfell wie eine Million kleiner Nadeln aus ihrer Haut herausschiebt und diese kurz unangenehm jucken und brennen lässt.
Doch lange lässt sie sich nicht von den Nachwirkungen der Wandlung ablenken, sondern ist schon aus der Tür hinaus und auf dem Weg zum Schafhof.

Ist sie innerhalb der Stadtmauern noch schnell voran gekommen, so ändert sich dies schlagartig, als sie das offene Umland betritt. Eiskristalle und klirrend kalte Luft wehen ihr scharf entgegen, piesacken ihre empfindliche Nase mit zwickenden, frostigen Fingern. Die Straße ist zwar als zerfahrenes, eisig glitzerndes Tal zwischen den Schneewehen erkennbar, doch je weiter man sich von Talyra entfernt umso schwerer wird das Vorankommen. Haben die Karren vor ein paar Stunden noch relativ sicher passieren können, so sind ihre Spuren jetzt kaum noch erkennbar. Im Gegenteil, der Wind und der umherpeitschende Schnee tun ihr Bestes um die letzten Hinterlassenschaften der Zivilisation auszuradieren. Hier herrschen nun die Frostriesen und Lyall kann ihre Spottlaute im Knacken der starr gefrorenen Rinde der umgebenden Bäume vernehmen und ihr hämisches Lachen verbirgt sich im Klang der tanzenden weißen Flocken.
Da sich die Schneewehen so hoch auftürmen, dass die Wargin nicht mehr über sie hinweg sehen kann, verwirft sie die Idee sogleich, eine Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Also trabt sie stoisch in der Senke weiter, kneift ihre bernsteingoldenen Augen gegen den Wind zusammen und legt ihre Ohren eng an ihren massigen Schädel an, während sich auch auf ihrem Pelz der Schnee zu sammeln beginnt und bald eine dicke Schicht bildet. Obwohl die beiden Monde nicht zu sehen sind, glüht die Welt um sie herum in einem gespenstischen fahlen Weiß, und die umherwirbelnden Schneeflocken schränken die Sicht auf wenige Schritt ein. Doch die Wargin kennt den Weg gut genug, um ihn blind zu finden und verfehlt ihr Ziel auch diesmal nicht.
Wie eine Oase in einer kalten weißen, toten Wüste kann sie den Schafhof erkennen, als sie die Brücke überquert und ihre Pfoten auf dem frei geräumten Weg nun schneller voran kommen. Ea sei Dank, hat sie der schlimmste Teil des Schneesturms noch verschont, doch was nicht ist, kann bekanntlich noch werden. Doch nur kurz hängen ihre Gedanken an einen Schneesturm in ihrem Kopf fest, denn sie hofft inständig er möge doch vorbei ziehen.
Als sie auf den Hof trabt, ist sie nicht mehr alleine sondern wird von Cináeds Hunden begeistert begrüßt und ihre Ankunft durch diese lautstark kundgetan. Und da öffnet sich auch schon einer der Türen von Glyn-y-defaid, wie ein Tor zu einer anderen Welt. Goldenes Licht flutet über das kalte Weiß, lässt die winzigen Flocken am Boden funkeln und blitzen und die Wargin muss kurz ihre Augen zusammenkneifen, um die Gestalt in der Tür zu erkennen. Es dauert jedoch nur einen Herzschlag.
Die wie von einem von Ealara gesandten Halo umgebene Gestalt ist Cináed, ihr geliebter Gefährte. Unbändige Freude lässt sie die letzten Schritt bis zu ihm mit riesigen Sätzen überbrücken, springt ihm entgegen und an ihm hoch, was ihn beinah von den Füßen gerissen hätte. Doch er fängt sich mit einem Ausfallschritt nach hinten gerade noch so ab, während Lyall unablässig damit beschäftigt ist herzerweichend zu winseln und ihren Kopf an ihn zu schmiegen.
Endlich ist sie wieder bei ihm. Die überschwänglichen Gefühle lassen ihr Herz tanzen und sie hätte ihn aus lauter Übermut wahrscheinlich quer über das Gesicht geleckt, hätte er ihre Pfoten nicht lachend von seinen Schultern gepflückt und sie so zur Raison gebracht. Hinter ihr fällt die Tür wieder ins Schloss, während Cináed nach einem bereitliegenden Handtuch greift und beginnt Lyalls Fell von Schneeklumpen und Nässe zu befreien. Mit vor Wonne geschlossener Augen genießt die Wargin jede seiner Berührungen sowie die sanften Worte, die er an sie richtet und ist die wohl glücklichste Wölfin auf ganz Roha, die jemals aus verliebt glänzenden Bernsteinaugen unter einem karierten Handtuch hervorgeschaut hat.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Mittwoch, 23. Mai 2018, 20:49

~ Mittwinter ~
21. Langschnee 517


i choose you
again and again
at the start and finish
of every single day
no matter the season
no matter the year

i choose you
to struggle and succeed with
to fight and make up with
to love and grow old with

i choose you
knowing there are still trails
we must to travel
knowing there are mountains
left to climb

i choose you
to always be by my side

(tyler kent white)


Unruhig tigert Cináed durch das Haus und geht damit allen übrigen Hofbewohnern gehörig auf die Nerven. Um sich abzulenken, versucht er wo er nur kann bei den letzten Festtagsvorbereitungen zu helfen, wird aber jedes Mal dankend nach einer Weile wieder fortgeschickt, denn seine Gedanken wandern immer wieder zu Lyall und so ist er, egal wo auch immer er mit anpackt, nie ganz bei der Sache und somit eher ein Störfaktor, als eine große Hilfe.
Das laute Gebell der Hunde erscheint daher nicht nur dem Gutsbesitze sondern auch allen anderen Hofbewohnern beinahe wie eine Erlösung und jeder atmet erleichtert auf als Cináed übereilt mit einem Berg Decken und Handtüchern unter dem Arm in die Eingangshalle des Hauses stürzt und die wuchtige Flügeltür aufstößt während Lyall gerade erst am unteren Ende der wenigen Stufen angelangt ist, welche zum Hauseingang hinaufführen. Eisiger Wind schlägt dem Elben ins Gesicht und dicke, weiche Schneeflocken wirbeln ihm entgegen, aber all das kümmert ihn nicht, während er Lyalls übermütige Begrüßung lachend über sich ergehen lässt, bevor er die Tür wieder zustößt und erst einmal nach dem erstbesten Handtuch angelt, welches zuoberst auf dem Deckenberg zu seinen Füßen liegt.

"Komm, wärm dich erst einmal auf", meint er lachend, während er den riesigen Schattenwolf vor sich sorgfälltig säubert und ausgiebig trocken rubbelt. So gerne Rhona Lyall und Cináed auch haben mag, Schneematsch in ihrer frischgeputzten Küche und im festlich geschmückten Haus würde sie ihnen beiden vermutlich nicht so schnell verzeihen. Und wer möchte an einem Festtag wie diesem schon dass der Haussegen wegen solcher Kleinigkeiten unnötig schief hängt? Also wird Lyall so lange und gründlich wie sie es sich gefallen lassen mag trocken und warm gerieben und, nachdem sie sich gewandelt hat, erst einmal in eine warme weiche Decke aus flauschiger Schafswolle gewickelt, bis sie sich in Cinaéds Gemach, in welchem bereits Kleider für sie bereitliegen, ankleiden kann.
Als sie schließlich wieder die Treppe herunter steigt, hält Cináed unwillürlich für einen Moment den Atem an: die Gewänder, die er für seine Liebste eigens für diesen Tag hat anfertigen lassen, sind weder prunkvoll noch protzig, dafür jedoch wirklich wie für Lyall geschaffen. Da er weiß, dass seine Liebste normalerweisen Hosen gegenüber Kleidern oftmals den Vorzug gibt, und weil er zudem noch einen Hausflug hinaus in den Schnee geplant hat, hat er der Wargin Hosen aus weichem Leder, eine dazu passende Bluse, deren weite Ärmel bei näherer Betrachtung mit filigranen Tier- und Pflanzenornamenten verziertet wurden und ein zweifarbiges Mieder in dunklem Tannengrün und Wacholderrot, dessen Ränder mit flauschigem Weißhörnchenpelz besetzt sind. Weich gefütterte Steifel und ein knielanger Wildledermantel, welche ebenfalls an den Säumen mit Orava-Pelz versehen wurden, würden das Bild später abrunden, im Augenblick noch reichen weiche Moccassins aus geschmeidigem Schafsleder völlig aus.

"Du siehst einfach zauberhaft aus", verkündet Cinaéd geradeheraus, zieht Lyall in seine Arme und verleiht seiner Begeisterung so gleich mit einem langen Kuss noch einmal etwas mehr Nachdruck. Einen Augenblick lang zieht er in Erwägung seine Liebste sofort zu entführen, aber Lyall hat eben erst einen weiten, anstrengenden Weg durch Schnee und Kälte hinter sich gebracht und da wäre es ziemlich egoistisch von ihm sie sogleich wieder hinaus zu schleppen. Außerdem muss sie ziemlich hungrig sein und Rhona dürfte mittlerweile mit dem Festtagsbraten auf sie warten.
Also geht es nach einem weiteren laaangen Kuss hinüber ins Kaminzimmer, wo die lange Speisetafel sich unter der Vielzahl der aufgetragenen Speisen geradezu verbiegt. Da gibt es Gänsebraten und glasiertes Wurzelgemüse, süße Bratäpfel und Rosienenpudding, in Salz und Kräutern geröstete Kartoffeln, knuspriges Knoblauchbrot, Preiselbeeren und allerlei andere Früchte, Keulen vom Lamm, Wein aus dem Osten und vieles mehr, den Rhona hat sich einmal mehr selbst übertroffen. Alle kommen sie zusammen vom jüngsten bis zum ältesten Hofbewohner und das fröhliche Gelächter, dass das Haus erfüllt, lässt Cináeds Herz vor Freude höher schlagen. Es wird gegessen und gesungen und gefeiert bis schließlich unter dem großen Julbaum neben dem Kamin die Festtagsgaben ausgetauscht werden.
Nervös tastet Cináed nach den kleinen Nuss in seiner Hosentasche und er spürt wie sich langsam sämtliche Blicke auf ihn richten. Er kann die Neugierde der Jüngeren geradezu an ihren Gesichtern ablesen: was würde er Lyall wohl schenken. Der Elb lächelt verschmitzt. Er würde Ùna und Gwyn und die anderen leider enttäuschen müssen.
"Komm", fordert er seine Geliebte geheimnisvoll auf. "Zieh dich warm an..."
Er hört wie Ùna enttäuscht seufzt, und zwinkert ihr amüsiert zu.
"Geduld", erklärt er ihr Augen zwinkernd. "Ich bringe Lyall rasch wieder zurück, versprochen."

Behutsam bugsiert der Elb die Wargin, nachdem sie sich beide warm angezogen haben, hinüber in die Küche und hinaus durch die Hintertür in den Garten. Sie haben Glück. Das wilde Schneetreiben scheint ein Einsehen mit ihnen zu haben und hat vorläufig etwas nachgelassen, sodass sie sich nicht blind durch weiße Schneemassen kämpfen müssen, was Cináeds Vorhaben ohnehin unmöglich werden ließe.
"Hier entlang", erklärt der Elb und geht voran, Lyalls behandschuhte Hand in der seinen. Ihr verwirrter Blick spricht Bände, doch Cináed setzt unbeirrt einen Fuß vor den anderen. Erst zwischen der alten Kastanie und der wuchtigen Schwarzeiche bleibt er schließlich wieder stehen.
"Schließ die Augen", bittet er Lyall geheimnisvoll.
Einen Augenblick lang herrscht absolute Stille und die Zeit scheint sich endlos auszudenen. Der Wind hat die Schneewolken am Nachthimmel beiseitegeschoben, sodass sich ein funkelnder Sternenreigen über ihren Köpfen erstreckt. Leise geht Cináed vor Lyall auf die Knie. Trotz der Kälte befreit er seine Hände aus den schützenden Handschuhen, nestelt die Zaubernuss etwas umständlich aus seiner Hosentasche und spricht einen winzigen Zauber.
"Schau", fordert er Lyall auf und seine Stimme vibriert leicht vor Auftregung.
Tausend kleine Lichter funkeln um sie herum im Schnee. Winzige Flammen, Gegestücke der Sterne am fernen Himmelszelt bilden ringsumher traumhafte Muster.
Die geschnitze Nuss nimmt sich mit einem mal unscheinbar klein in seiner offen ausgestreckten Handfläche aus und für einen Augenblick überkommen den Elben einmal mehr Zweifel, ob sein Geschenk der Wargin gefallen wird.
"Für dich", spricht er leise. "Öffne sie..."
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

Lyall

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162

Mittwoch, 13. Juni 2018, 17:01

Mittwinter, 21. Langschnee 517

Her hand in his,
he became her tomorrows.
Atticus



I swear i couldn't love you more than I do right now,
and yet I know I will tomorrow.
Leo Christopher



Leise und auf nackten Füßen betritt Lyall Cináeds Gemach, während sie die Decke langsam von ihren Schultern gleiten lässt. Es riecht angenehm zart nach Lavendel, dem reinen Geruch frischer Wäsche sowie schwach nach einer Räuchermischung, die ihr Gefährte vor nicht allzu langer Zeit für seinen Hausaltar benutzt haben musste. Und natürlich ist da der Geruch ihres Gefährten, welchen Lyall nun mit Wonne erschnuppert, während sie weiter in den Raum eintritt, langsam die Decke in ihren Händen zu einem ordentlichen Viereck faltend. Die schweren Vorhänge sind zugezogen, sperren den eisigen Wind aus, der mit vor Frost starr gewordenen Fingern an den Fenstern rüttelt und vernehmlich heulend um Einlass kämpft. Allerdings hatte er generell keine Chance, denn das zweite Bollwerk gegen die Kälte im Zimmer ist der Kachelofen, welcher hin und wieder leise knackend seine heimelige Wärme verbreitet. Obwohl sie weiß, dass der Shida‘ya unten an der Treppe auf sie wartet, kann sie nicht anders als sich langsam umzusehen und alles in sich aufzusaugen. Sie war natürlich schon des Öfteren hier gewesen und wirklich verändert hatte sich nicht viel, doch jedes Mal kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren ihm in genau diesem Zimmer am nahesten zu sein, ist es doch sein Reich, sein ganz privates Schlafgemach, dass so gut wie niemand außer ihm betrat. Und nun darf sie dieses Reich mit ihm teilen. Ruhe und Harmonie scheint dieses Zimmer auszustrahlen und genau diese Gefühle empfindet sie, wenn sie es betritt.
Die Wanderschaft ihrer Augen ist fast beendet, als ihr Blick auf die Kleidungsstücke fällt, welche auf dem Bett ansprechend drapiert sind. Vor dem Fußende des Bettes geht sie in die Hocke, die Augen auf die feinsten Stoffe geheftet, während sie beiläufig die gefaltete Decke auf die Wäschetruhe neben sich legt. Dies sind nicht ihre üblichen Kleider, welche sie sonst auf Glyn-y-defaid zu tragen pflegt, sondern komplett neue. Und sie sind in den Augen der Wargin wunderschön. Nicht, dass ihr die anderen Kleidungsstücke nicht gefallen, welche sie von ihrem Gefährten bekommen hatte, im Gegenteil! Doch diese hier strahlen eine schlichte Eleganz aus, sind aus feinsten Stoffen gefertigt und vom Schnitt sowie der Verzierung her an die Tracht der Waldkinder angelehnt, dass Lyall unweigerlich die Tränen in die Augen steigen wollen. Sacht zieht sie mit ihren Fingern die feinen Muster auf den ausladenden Ärmeln der Bluse nach, welche Tiere und Pflanzen darstellen und breitet dann das Mieder vor sich auf dem Bett aus. Es ist in den Farben des Waldes und seiner Früchte gehalten, dunkles Tannengrün und flammendes Wacholderrot ergänzen sich darauf hervorragend und eine schmale Borte aus seidig-weichem Weißhörnchenpelz rahmt die geschneiderte Perfektion vollends ein. Behutsam schlüpft sie in ihre neuen Gewänder, findet ganz zu Unterst sogar noch herrlich weiche Schafsledermoccassins, die sie auch sogleich anzieht, um sich dann dem Waschtisch mit dem Spiegel darin zuzuwenden. Sie kann dem Drang nicht widerstehen die Frau dort anzublicken, welche mit geschmeidigen Bewegungen Lyalls Gesten nachahmt und muss sich mit geröteten Wangen eingestehen, dass ihr gefällt was sie dort als Reflektion zu sehen bekommt. Rasch bürstet sie noch ihr schwarzes Haar, bis dieses weich und glänzend auf ihre Schultern herabfällt, wirft einen letzten Blick in den Spiegel bevor sie sich auf den Weg nach unten macht.
Schon auf dem Treppenabsatz verlangsamen sich ihre Schritte wieder, werden weicher und federnder und in ihrem Blick liegt grenzenlose Freude aber auch der Hauch von Nervosität. Wird ihrem Gefährten gefallen, was er sieht? Wird sie auch genauso aussehen, wie er es sich vorgestellt hatte, als er die Gewänder in Auftrag gab? Doch ihre Befürchtungen zerrinnen sobald sie das Funkeln erblickt, welches in seine Augen tritt als er sie sieht und seine Worte – sie sähe zauberhaft aus – dies noch einmal unterstreichen.
Die letzten Treppenstufen bemerkt sie kaum, da ist sie auch schon in seiner innigen Umarmung gelandet und wird mit einem Kuss belohnt, der ihre Knie weich werden und sich sogleich zurück ins Schlafgemach wünschen lässt. Sie schmiegt sich an ihn, umarmt ihn so fest, dass ihre Handgelenke knacken und ist kaum bereit ihn wieder los zu lassen, doch natürlich warten auch die anderen Bewohner des Anwesens auf ihre Ankunft und ein weiterer langer Kuss entschädigt sie dafür, ihren geliebten Elben nun doch aus der innigen Geste zu entlassen.
Als sie im Kaminzimmer ankommen, werden sie schon sehnlichst erwartet. Neugierige, erwartungsvolle aber auch anerkennende Blicke streifen Lyall, welche daraufhin zuerst scheu ihre Lider senkt, doch als Úna sie an der Hand fasst und herzlich begrüßt taut die Drachenländerin zusehends auf, begrüßt auch ihrerseits Rhona, Owyn, Gwyn und all die anderen nacheinander. Die Festtafel ist mehr als reichlich gedeckt, biegt sich wortwörtlich unter all den Gaben der großen Mutter und der schweren Hände Arbeit der Bauern als auch der Anwesenden und verströmt einen so verlockenden Duft, dass Lyall das Wasser im Mund zusammenläuft und ihr Bauch – zur Belustigung aller – laut knurrt. So winkt Rhona alle zu Tisch, um sich zu setzen und das Mahl zu genießen. Es ist wirklich von allem etwas und üppig vorhanden, dass die Wargin gar nicht weiß wo sie zuerst anfangen und welche Speise sie als nächstes ausgiebig loben soll. Rhona winkt ob ihrer Worte des Lobs bescheiden ab, während sie Lyall das nächste Testhäppchen – diesmal ein Stück Lammkeule – auf den Teller schiebt. Alles schmeckt vortrefflich, die Geschmacksnuancen sind fein abgestimmt, ergänzen oder unterstreichen sich gegenseitig und sind eine wahre Wonne für ihre Zunge. Während dem Mahl ist es nicht ruhig und jeder ist mit essen beschäftigt, nein, jeder unterhält sich mit jedem, das Stimmengewirr wogt auf und ab durch den Raum, trägt hier und dort ein Lachen mit sich oder sogar ein Lied. Kurzum: es ist ein richtiges Julfest, wie es im Buche steht.
Geborgenheit und Liebe füllen den Raum, dass es Lyall das Herz wärmt und ihr ganzes Ich in einen weichen Kokon aus Frohsinn gehüllt wird.
Dann, als das Nachtisch gegessen ist und jeder satt und zufrieden dreinblickt (und Lyalls Bauch das Mieder zu sprengen versucht) ist die Zeit der Geschenke gekommen. Alle versammeln sich unter dem festlich geschmückten Julbaum am großen Kamin, während alle kleinere oder größere Gaben hervorholen um sich diese gegenseitig zu schenken. Nun hört man viele Ah!‘s und Oh!‘s oder auch „Das habe ich mir schon immer gewünscht!“, während stolze Besitzer neuer Hosen, Socken, Werkzeuge oder auch Schmuckstücke diese stolz in die Höhe halten, damit jeder einen Blick darauf werfen kann. Lyall ist so damit beschäftigt dem Spektakel zu folgen, dass sie zusammenzuckend aufschreckt, als ihr wieder gewahr wird, dass sie Cins Geschenk auf dem Anwesen de Winter hatte zurücklassen müssen. Mit schuldbewusster Mine schleicht sie an ihren Geliebten heran, um ihm diesen Umstand bedauernd zu erklären. Ihr Elb lächelt daraufhin verständnisvoll, streicht ihr beruhigend über den Arm, den sie bei ihm untergehakt hatte, mit den Worten, dass dies nicht so schlimm wäre und er sich auch nach dem Julfest noch an ihrem Geschenk erfreuen würde. Dies tröstet und beruhigt sie zwar ein wenig, doch kann sie sich nicht dem Gefühl ganz erwehren, dass sie wütend auf sich selbst ist, weil er nun kein Geschenk bekam. Und das gerade von Ihr! Also kuschelt sie sich so eng an ihn, wie sie kann und es die Etikette gerade noch zulässt, und schaut nun etwas geknirscht den anderen beim Auspacken zu.
Schöne und ausgesuchte Geschenke finden in der nächsten Stunde ihren neuen Besitzer, vieles davon von den Bewohnern des Anwesens handgefertigt und manche Sachen werden auch sogleich ausprobiert. Zum Beispiel Owyns Wollmütze (sicher aus der weichen Wolle der hauseigenen Schafe), die er sich stolz auf den Kopf setzt und sich eine Grimasse schneidend bis fast über die Augen herunter zieht, was auch Lyall auflachen lässt. Oder Ùna, die sich ihr von Rhona genähtes Kleid bewundernd vor den Körper hält, bevor sie sich damit behände wie eine Tänzerin dreht.
Dann wird es plötzlich recht still im Raum und die Aufmerksamkeit wandert von den vielen Geschenken plötzlich zu Cináed und der Drachenländerin herüber. Irritiert versucht sie in den Augen der Anwesenden abzulesen, worauf diese nun so gespannt zu warten scheinen, doch sie findet keine Antwort. In den Blicken liegt ein erwartungsvolles Funkeln und eine Art Spannung, die auch sie zu erfassen beginnt woraufhin sie fragend und auch etwas Hilfe suchend zu ihrem Gefährten aufblickt. Auch in seinen grünen Augen kann die Wargin eine gewisse Nervosität erkennen, was sie fast dazu veranlasst hätte ihren Kopf wie ein junger Hund fragend schief zu legen.
„Komm. Zieh dich warm an…“, sind seine sanften Worte, die sie allerdings genauso verwirrt zurücklassen. Sie nickt zaghaft und leicht verdattert, doch sie folgt seiner Geste, welche ihr bedeutet das Kaminzimmer zu verlassen. Die versichernde Äußerung, welche er an die seufzende Úna richtet, hört sie nicht mehr, zu sehr ist sie damit beschäftigt sich ihre eigenen Gedanken zu machen wohin ihr Gefährte sie nun führen würde.
Als sie sich nach ihm umdreht steht er auch schon hinter ihr, in der einen Hand einen knielangen Wildledermantel und in der anderen dick gefütterte Stiefel. Ihre Augen huschen zwischen den neuerlichen Geschenken hin und her, denn die besagten Kleidungsstücke sind unverkennbar neuen Ursprungs, und kann nicht anders als leise zu flüstern: „Für mich? Du verwöhnst mich zu sehr…“ während sie zuerst feierlich anmutend die Stiefel in Empfang nimmt und sich diese über die Füße streift (sie sind sehr dick gefüttert, unglaublich weich und wärmen sie sofort) und dann den Mantel um ihre Schultern gleiten lässt. Sachte knöpft sie diesen zu, lässt ihre Finger über die polierten Knöpfe gleiten bevor diese in Handschuhen verschwinden, während auch Cináed sich neben ihr ankleidet. Alles passiert wortlos, ebenso als sie durch die Küche hindurch gehen und das Haus in Richtung Garten vollends verlassen wechseln sie kein Wort (abgesehen von einer groben Richtungsweisung von Seiten Cináeds her) miteinander.
Zu ihrer beider Glück ist das Schneetreiben verebbt, und nur noch spärlich fallen ein paar frostige Sterne aus dem schwarzen Firmament, nur der schneidend kalte Wind ist geblieben, welcher ihnen lose Haarsträhnen in die klammen Gesichter weht. Anspannung knistert zwischen ihnen während der Shida’ya sie an der Hand hinter sich her führt. Mit ausholenden, ja fast schon forschen Schritten watet er durch den Schnee, welcher sich im Garten türmt, Lyall immer dicht auf seinen Fersen folgend und derweil versuchend über seine Schulter hinweg den Weg und somit vielleicht auch einen Hinweis auf sein Vorhaben zu erkennen. Doch sie erspäht nichts, bis auf die beiden großen Bäume unter denen sie auch mit im Schnee knirschenden Stiefeln zu stehen kommen. Die Äste der urwüchsigen Schwarzeiche sowie der alten Kastanie heben sich nackt und schwarz von der in Grau- und Weißtönen gehaltenen Umgebung ab und die Kronen der Bäume verschmelzen mit der Farbe des Nachthimmels. Nur in den Astgabeln hat sich Schnee gesammelt zumindest dort, wo die Windstöße diesen nicht gleich wieder herunter gepustet haben. Die dünneren Zweige wiegen sich mit dem Takt der Windböen, woraufhin die dickeren und stämmigeren Äste protestierend knarren. Erfolglos gleitet ihr Blick über die Bäume und an deren Stämmen hinab, nirgends findet sich ein Hinweis auf das was nun folgen würde.
Aufgeregt tritt sie von einem Fuß auf den anderen und obwohl ihre modischen Geschenke sie hinreichend wärmen, läuft ihr doch ein erwartungsvoller Schauer den Rücken hinab und lässt eine Gänsehaut auf ihren Armen erscheinen als ihr Gefährte sie darum bittet die Augen zu schließen. So schließt sie ihre Augen auf sein Geheiß hin, sperrt einen Sinn und damit auch die weiße Welt um sich herum aus, während ihre nervös zuckenden Ohren ihr jedoch zumindest ein Stück weit verraten was um sie herum vorgeht.
Zuerst ist da nur das leise Zischeln der verwaist fallenden letzten Flocken, das Säuseln des Windes in den fingergleich emporgereckten Zweigen der Bäume sowie ihr rhythmisch an- und abschwellender Atem. Daraufhin ist das Rascheln von Stoff zu vernehmen, das Knirschen von Schnee zu ihren Füßen und zu ihrer Verwunderung gemurmelte Worte, welche der Shida’ya melodisch aber kaum hörbar als auch in einer der Wargin unbekannten Sprache ausspricht. Kurz ziehen sich ihre Augenbrauen zusammen, während sie versucht sich einen Reim darauf zu machen, kommt jedoch nicht wirklich weit.
Sein „Schau.“ lässt sie fast zeitgleich mit seiner Aufforderung die Augen wieder aufschlagen und was sie erblickt, lässt die Drachenländerin sprachlos zurück. Als müsste sie verhindern, dass ihr vorwitzige unbedachte Worte aus dem Mund kullern könnten, hebt sie eine Hand vor diesen. Ihre ganze Körperhaltung signalisiert pures Erstaunen, Fassungs- und Wortlosigkeit. Vor ihr kniet ihr Gefährte, in das ätherische Licht eines Meeres aus flackernden Flammen getaucht, welche um ihn herum nur ein paar fingerbreit über dem Schnee schweben. Wie Irrlichter sehen die Flämmchen aus, welche Cináed mit den gemurmelten Worten beschworen haben musste, flackern lieblich ohne den Schnee zum Schmelzen zu bringen vor sich hin und erwecken für die Wargin den Eindruck, als hätte er nur für sie die Sterne vom Himmel geholt. Das weiche Licht lässt sein lächelndes emporgerecktes Antlitz erstrahlen, bricht sich glitzernd in den wenigen zarten Schneeflocken, die sich auf seinen Haaren verfangen haben und lassen diese in allen Tönen, von Gold bis poliertem Kupferrot glänzen. Ihre Gedanken kriechen lahm durch ihren Kopf, als müssten sich diese durch zähen Honig kämpfen und daher bemerkt sie erst jetzt, dass er ihr eine Hand entgegenstreckt, auf der eine Nuss ruht. Es ist eine Walnuss, Lyall beäugt sie scheu und greift erst dann mit zitternden Fingern danach, als er ihr sagt: „Für dich. Öffne sie…“
Die Nuss fühlt sich ausnehmend leicht in ihrer Hand an, die Oberfläche ist wellig gerieft und strahlt noch die Wärme von Cins Hand ab. Nichts klappert in ihrem Inneren, als sie diese zu drehen beginnt und gibt somit keinen Hinweis darauf, dass sich etwas in dieser Nuss befinden könnte und zu ihrer Verwunderung ist sie dazu noch fest verschlossen. Die wulstigen Seitennähte sind wie versiegelt, es scheint keinen Weg hinein zu geben außer sie gegebenenfalls zu knacken, doch gerade als sich Lyall mit wachsender Verzweiflung fragt, wie sie an den vermeintlichen Inhalt dieser Nuss gelangen soll, da sie Cináeds erwartungsvollen Blick auf ihrer Haut prickeln spüren kann, fühlt sie mehr als dass sie sieht, wie die Nuss sich zu öffnen beginnt. Als hätten ihre Gedanken ausgereicht, geht ein Schaudern durch das hartschalige Früchtchen, die versiegelten Seiten brechen auf und geben die Sicht auf einen filigranen Ring frei.
Ihre Augen nur auf die unvermittelt freigelegte Kostbarkeit gerichtet zieht sich die Wargin abwesend den Handschuh von ihrer Rechten, um das Schmuckstück aus dem Nüsschen zu befreien. Ihre Hand zittert, als sie den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt näher an ihr Gesicht hält. Er ist ganz in Roségold gehalten, die Ringschenkel als auch der Ringkopf sind kunstvoll aus zwei ineinander verschlungenen Drähten gefertigt. Vier Krappen halten einen runden Opalcabochon sicher fest und an jedem Ende (oben und unten, sowie links und rechts vom Opal) funkelt ein winziger Brillantschliff-Diamant. Ihr Blick wird förmlich von dem runden mittig sitzenden Opal und seinen scheinbar wechselnden Facetten auf dem sonst weiß anmutenden Stein angezogen. Als wären kleine Universen in diesem Stein gefangen, schimmern winzige Galaxien in seinem Inneren und die Oberfläche reflektiert irisierend die tanzenden Lichter um sie herum, wie die bunt schillernde Außenhaut einer Seifenblase.
Lyall ist sich sicher, dass sie noch nie in ihrem Leben einen schöneren Ring oder Stein gesehen hatte. Solch ein exquisites Schmuckstück hatte sie noch nie ihr Eigen nennen dürfen. Auch auf dem Marktplatz hatte sie keinen solchen Ring jemals gesehen, er musste extra für Cináed angefertigt worden sein. Ihr Bick verschwimmt, der Ring in ihren Fingern wird undeutlich und erst nach ein paar Herzschlägen bemerkt sie, dass es nicht das angestrengte Konzentrieren auf den Ring ist, der ihre Augen feucht werden lässt sondern dass es dicke Tränen sind, die sich nun auch über ihre Wangen ergießen.
Cináed…
Ihr Kopf fährt ruckartig hoch und ihre bernsteingoldenen Augen suchen das tiefe Grün der Wälder in den Seinen. Noch immer kniend blickt er erwartungsvoll zu ihr hoch. „Oh, Cináed…“, entfährt es ihr trocken und heiser, bevor sie ihre Linke nach ihm ausstreckt und er sich daraufhin mit solch einem freudestrahlenden, nein überglücklichen Lächeln erhebt, dass die Wargin nun vollkommen blind vor lauter Tränen scheint.
Schluchzend drückt sie sich an ihn, findet einen Weg in seinen Mantel hinein und hält ihn so fest umklammert, wie sie nur kann. In all der Emotion hat sie vergessen, den Ring auf einen ihrer Finger zu stecken und so hält sie ihn in ihrer Faust geborgen, wo er sie durch ein leichtes Stechen in ihr Fleisch an seine Anwesenheit erinnert.
Lange stehen sie so unter den Bäumen, die Wargin schluchzend und um Fassung ringend, während ihr Gefährte still über das schwarze Haar streicht und die Flammen um sie herum lautlos dem nächtlichen Himmel entgegen züngeln.
Dann irgendwann verebbt ihr Weinen und sie findet die Kraft mit rot geäderten Augen zu ihm aufzublicken. Da steht er, sein flammendes Haar und der elegant gestutzte Bart wie eine Aurora anmutend, die Iriden grüngolden im Schein des magischen Feuers leuchtend und sein markant geschnittenes Gesicht, mit den von Lyall so heiß geliebten Lachfältchen, trägt ein liebevolles Lächeln. Aufmerksam studiert sie sein Gesicht, prägt sich jede Facette seines derzeitigen Seins ein bevor sie sich räuspert und mit zitternder Stimme zu ihm sagt: „Er ist so wunderschön… nein DU bist wunderschön! Ich liebe ihn, ich liebe dich, Leannan! Ich liebe dich so sehr, dass es schmerzt.“ Sie vergräbt die Finger in seinem Hemdkragen und zieht ihn für einen innigen Kuss zu sich herunter. Seine Lippen sind süß, weich, verstehend, fordernd, strahlen Geborgenheit aber auch solch eine Verheißung aus, dass es der Wargin im Kopf zu brummen beginnt.
Sie öffnet ihre Faust, als sie sich wieder voneinander trennen, blickt auf den Ring hinab, der sich in ihrer Handfläche verbirgt. „Würdest du… ich meine… Am bitheadh tu an fhàinne air mo mheur? Bhiodh e a 'ciallachadh tòrr dhomh.*“




*Würdest du den Ring an meinen Finger stecken? Es würde mir sehr viel bedeuten.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von »Lyall« (10. Juli 2018, 20:48)


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