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Mitarlyr

Stadtbewohner

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Occupation: Klingentänzer

Location: Lomirion

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31

Thursday, March 10th 2016, 4:14pm

~ Spätherbst 515 ~



Die Reise aus den Landen der Sterblichen zurück in die Elbenreiche ist längst nicht so reibungslos verlaufen, wie der Hinweg im Frühjahr. Das gebrochene Rad an einem der Fuhrwerke hatte sie schon einen Siebentag gekostet, denn es war natürlich nicht in der Nähe einer Siedlung oder eines Gasthauses gebrochen, nein, sondern ausgerechnet auf halber Strecke der vermutlich längsten Tagesetappe, einige Tausendschritt entfernt vom nächsten Stellmacher. Das Rad ohne wirklich geeignetes Werkezeug auszubauen und den Wagen aufzubocken hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Dann musste es zum nächstgelegenen Wagner geschafft werden, der es dann reparierte, dann der Transport zurück zum Wagen und den wartenden Männern - und schon war ein Siebentag verstrichen. Immerhin war ihnen das Wetter während der erzwungenen Wartezeit hold gewesen. Doch auch dieser Lichtblick hatte sich nur wenige Tage später verflüchtigt, als mit dem Morgengrauen auch dunkle, schwere Regenwolken aufgezogen waren und Dauerregen zwischen Unwetter und unangenehm durchdringendem Sprühregen sie für die nächsten Tage und Wochen unerbittlich auf ihrem Weg begleitete. Der Abend der Ankunft auf der Hohen Ayre war der erste gewesen, an dem sie zur Nacht nicht vor dem Regen in Zelte oder andere Unterkünfte geflüchtet waren. Dank der Gastfreundschaft des Hohen Lords des Hauses Arien hatten sie nicht nur die eine Nacht sondern einige Tage dort verbracht um sich und ihre Pferde zu erholen, ihre Kleidung endlich einmal wieder richtig zu trocknen (und zu reinigen). Eines der Zugpferde hatte sich in dem nasskalten Wetter erkältet und erholte sich trotz warmem Stall und guter Pflege nicht so rasch wie Andovar und die Männer weiter nach Lomirion wollten. Das Angebot Lord Ariens, ihnen eines seiner Pferde zu leihen und das kranke Pferd bei ihm lassen zu können, bis es gesunde, kam da nur zu gelegen und Andovar hat nicht gezögert, es anzunehmen. Sein Versprechen, dass man das geliehene Pferd umgehend zurückbrächte und natürlich für alle Kosten aufkäme, die das kranke Pferd verursachen würde war ebenso selbstverständlich wie absolut ernst gemeint.

Dieses und vieles mehr geht Andovar durch den Kopf, als er an diesem Abend auf dem Weg durch die Gänge Mita'Rôins zu jenem Kaminzimmer im ersten Stock ist, das von den Angehörigen des Haushaltes nur "das Familienzimmer" genannt wird, denn es ist ausschließlich der Familie und engen Freunden und Vertrauten vorbehalten. Für Fremde oder einfache Gäste gibt es ein weiteres im Erdgeschoss des Hauses.
Als er vor einigen Stunden eingetroffen ist, ist weder sein Vater noch Tennro Tianrivo oder Gildin zuhause gewesen, denn aller Erwartungen zum Trotz sind sie tatsächlich einen Tag früher eingetroffen, als er mit einem Botenraben angekündigt hatte. Immerhin auf der letzten Etappe ist Ama'auts Segen mit uns gewesen… So groß Andovars Freude auch ist, endlich wieder zuhause zu sein, so wenig freut er sich auf das Gespräch, das ihm an diesem Abend noch bevorsteht. Tianrivo Morgenstern steht ihm nahe, immerhin ist er zusammen mit dessen Kindern aufgewachsen als seien sie Geschwister. Aber er ist eben auch der älteste Freund seines Vaters und der Hohe Lord des Hauses Mitarlyr, also sein Dienstherr und der Lehensherr seines Hauses - und er ist Arúens Vater. Eine dumpfe (und vermutlich alles andere als unbegründete) Ahnung sagt dem Klingentänzer, dass es vor allem diese Seite Lord Morgensterns sein wird, mit der er sich in den nächsten Stunden wird auseinandersetzen müssen.

Doch Llaerons Muster meint es gut mit ihm. Als er das Kaminzimmer betritt, ist es nur Gildin, der dort auf ihn wartet. Eine Tatsache, die Andovar zur selben Zeit erleichtert wie enttäuscht. Er hatte gehofft seinen Vater hier anzutreffen, wenn er ihn schon nicht in ihrem eigenen Haus getroffen hat. Aber immerhin fällt die Begrüßung der beiden Elben so um einiges herzlicher (und weniger förmlich) aus, als wenn die ältere Generation anwesend wäre. "Wo sind unsere Väter?" Im wortlosen Verstehen einer sehr alten Freundschaft haben sie sich in den geschwungenen Sesseln aus geflochtener Weide vor den großen Fenstern hinaus zum Garten niedergelassen. "Mein Vater lässt sich entschuldigen, er wurde im Valonva Shaer aufgehalten und kann erst nach dem Abendmahl hier sein. Wir sollen mit dem Essen nicht auf ihn warten." "Und mein Vater?" Andovar nimmt das Weinglas entgegen, dass Gildin ihm reicht und stellt die Frage, die ihm mit am meisten umtreibt, seit er seinen Vater nicht in ihrem Heim angetroffen hat. "Dein Vater hätte eigentlich schon gestern aus Lyrtaran wieder hier eintreffen sollen. Aber er hatte sich irgendein Fieber eingefangen… nichts wirklich ernstes", beschwichtigt der Sternenwächter seinen Freund sofort, "aber der Aniran hatte ihm einige Tage strikte Bettruhe verordnet und er konnte erst gestern aufbrechen und sich auf den Weg zurück nach Lomirion machen. Und nun erzähl, warum hat Eure Reise so lange gedauert, wir hatten euch eigentlich schon vor Siebentagen zurückerwartet." Erst beim Wein und wenig später dann beim Essen berichtet Andovar von den Hindernissen ihrer Rückreise, die erst auf den letzten Tagen unter Ama'auts Segen gestanden hat. In stillem Einvernehmen machen sie alle beide in ihrer Unterhaltung einen Bogen um Talyra, Arúen und Rialinn und die Ereignisse des Sommers.

Später, das Essen ist schon längst wieder abgetragen, Gildin hat seinen Pagen zum Schlafen geschickt und sie warten noch immer auf Tianrivo Morgenstern, kann der Sternenwächter es dann aber doch nicht mehr abwarten. Auch wenn er um die Ereignisse selber noch immer einen Bogen macht wie ein Dämon um geheiligten Boden. "Wie geht es Arúen? Und Rialinn?" Für einen Moment kommt Schweigen zwischen den beiden Elben auf, als Andovar abwägt, was er schon jetzt erzählen kann und will – und was er in Arúens Sinne vielleicht zumindest vorerst für sich behalten sollte.

"Es geht ihnen gut. Sie haben es erstaunlich rasch und gut überstanden." Er muss nicht erklären, was mit "es" gemeint ist. Doch als der Blick Gildins mit dieser spekulativen Aufmerksamkeit auf ihm ruht, beginnt er sich innerlich zu winden. Er kennt diesen Blick, nur ist es sonst Gildins Vater, der mit diesem Blick mehr erreichen kann als mit jeder Frage, denn er sagt "Ich weiß, dass Du mir etwas verschweigst, also rede". Mit einem Seufzen gibt er also der stummen Aufforderung nach.

"Es gibt wieder einen Mann in Arúens Leben." "Einen… Ernsthaft? Arúen hat sich einen Geliebten genommen?" Das Glitzern in den Augen seines Eidbruders ist ebenso überrascht wie erfreut und doch schüttelt Andovar abwehrend den Kopf. "Nicht bloß einen Geliebten, sie hat wieder einen Gefährten. Erinnerst Du Dich an den Smaragdelben?" "Den, der sie mit dem Waldläufer auf die Jagd begleiten wollte? Wie hieß er noch… Tyalfen?" "Ja, genau der. Er hat mondelang um sie geworben, hat ihr Blumen geschickt-" "Blumen?" "Ja, Blumen, alle zwei Siebentage und das mondelang." "Einfach nur Blumen?" Gildin scheint entweder Probleme mit den Ohren zu haben oder einfach nicht glauben zu können, was er hört. "Sag mal, hörst Du mir eigentlich zu? JA, Blumen, diese kleinen blühenden Pflanzen, die man in den warmen Jahreszeiten finden kann… und kleine Karten, die in den Blumensträußen gesteckt haben." "Karten?" So langsam bekommen Gildins dauernde Nachfragen etwas Komisches und Andovar beginnt zu schmunzeln als der Sternenwächter auch gleich noch eine weitere Frage nachschiebt. "Was stand auf den Karten?" "Ich habe keine Ahnung. Sieh' mich nicht so an, ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung. Arúen hat sie immer an sich genommen, ehe irgendjemand einen Blick darauf werfen konnte. Aber Rialinn hat mir verraten, dass ihre Mutter die Kärtchen in ihrer Schmuckschatulle aufbewahrt." Nun steht beiden Männern ein unverhülltes Lächeln in den katzenhaften Augen.
"Dann ist es also etwas ernstes?" "Ja." Ein Wort nur, schlicht und doch eine vollumfassende Antwort. "Kann er an ihrer Seite bestehen?" Andovar schweigt für einen Moment, auch wenn er sich seiner Antwort im selben Augenblick vollkommen sicher ist, in dem die Frage gestellt wird. Er weiß worauf Gildins Frage abzielt. Nicht darauf, ob der Laikeda'ya seiner Schwester würdig ist, sondern ob er zu ihr stehen und auch in schweren Zeiten an ihrer Seite bleiben würde. Nicht wie der Templer, der alle Eide brach, die er Arúen je geschworen hatte und sich in der Stunde ihrer größten Not von ihr abwandte. "Kann er und wird er. Er war sogar bereit es auf einen Waffengang mit mir ankommen zu lassen, um sie nicht aufgeben zu müssen. Ihm war klar, dass er nicht wirklich eine Chance gegen mich gehabt hätte, aber er hätte sie nicht aufgegeben und war bereit es darauf ankommen zu lassen." Mit einem Schmunzeln gehen seine Gedanken zurück zu jenem denkwürdigen Morgen an dem zwei Elben in einer Gasse an einer Mauer lehnen und er erzählt dem Sternenwächter von seinem Besuch bei dem Aniran. "Zu Narnaras Hochtag hat sie sein Werben erhört und die Nacht der Sternreigentänze mit ihm verbracht." Den Morgen nach dem Überfall lässt Andovar ganz bewusst unter den Tisch fallen. Das geht in seinen Augen niemanden außer den beiden auch nur ansatzweise etwas an.
"Sie zusammen mit Tyalfen zu sehen, war… Ich habe sie noch nie zuvor so entspannt und ausgeglichen erlebt, Gildin, so als ob sie erst an seiner Seite wirklich ganz sie selbst ist… Ich hatte keine Ahnung, dass sie eine so leidenschaftliche Frau ist." Das Glitzern in den Augen des Elben lässt keine Zweifel daran, dass er nicht bloß temperamentvoll meint, wenn er leidenschaftlich sagt. Das lässt nun wieder Gildin schmunzeln. "Tja, vermutlich hat sie da etwas… Nachholbedarf." "Das dürfte Tyalfen dann zu einem sehr glücklichen Mann machen." "Oder zu einem sehr müden…" Für einen Moment ist es um die Beherrschung der beiden Elben geschehen und Lachen bricht sich Bahn. "Den Teil solltest Du vielleicht nachher bei meinem Vater besser auslassen, Andovar."

"Was sollte er bei mir besser auslassen?"

"Vater!" "Tennro." Wie zwei Lausbuben, die mit der Hand in der verbotenen Keksdose erwischt wurden, fahren die beiden (längst erwachsenen) Klingentänzer hoch und zum Herrn von Mita'Rôin herum. Die Begrüßung ist kurz aber nicht weniger herzlich. "Willkommen zurück in Lomirion, mein Sohn." Tianrivo hatte nie große Unterschiede zwischen seinen leiblichen Kindern und seinem Mündel, dem Sohn seines ältesten Freundes und Waffenmeisters gemacht. Und ganz nebenher klärt dieses kleine Wort für Andovar auch die unausgesprochene Frage, ob es ein Gespräch unter Freunden und Familie wird oder der Bericht bei seinem Dienst- und Lehensherrn. Auch wenn man ihm davon weder etwas ansieht noch anmerkt, atmet er doch innerlich erleichtert auf. "Also, was solltest Du mir besser nicht sagen?" "Das ist etwas Privates." Dass es um Arúens Privatsphäre geht und nicht um seine eigene verschweigt der Mondtänzer geflissentlich und spekuliert darauf, dass sein Ziehvater davon ausgeht, dass es um den Klingentänzer selbst geht und dessen Privatangelegenheiten ohne weitere Nachfragen als privat respektiert. Eine Taktik, die aufgeht, denn Tianrivo akzeptiert die Antwort mit einem leisen Lächeln, das alles und nichts bedeuten kann.
Und dann kommt das, was Andovar mehr oder weniger befürchtet hat. Gespräch in der Familie hin oder her, Tianrivo lässt sich alles sehr genau berichten und stellt Frage um Frage. Nicht gerade, dass er den Klingentänzer ins Kreuzverhör nimmt, aber er will nicht den Fehler wiederholen, nicht genug nachgefragt oder nicht die richtigen Fragen gestellt zu haben. Die Sterne stehen schon hoch und klar am Himmel, als Andovar dem Lord der Sternenadler schließlich von dem Gefährten seiner Tochter und dessen Werben erzählt.
"Dann ist es also etwas ernstes?" "Ja." Geschlossene Frage, geschlossene Antwort. "Kann er an ihrer Seite bestehen?" In diesem Moment kann sich Andovar ein Schmunzeln nicht verkneifen, als Morgenstern exakt die selben Fragen stellt wie sein Sohn einige Stunden zuvor. "Kann er und wird er." Und wie schon Gildin berichtet er auch dessen Vater von seinem Zusammentreffen mit dem Aniran.

"Was meinst Du, hat sie mit ihm den Richtigen gefunden?" Tianrivo stellt die Frage, die auch seinen Sohn bewegt. Gildin fällt es noch immer sichtlich schwer, sich seine stets sanfte und zurückhaltende Schwester (für ihn ebenso wie sein Vater die Selbstbeherrschung in Person) an der Seite eines temperamentvollen Laikeda'ya vorzustellen. "Ich denke schon. Ihm ist egal, wer sie ist oder wer ihre Eltern sind", eine entschuldigende Geste begleitet diesen Halbsatz und Andovars Blick kreuzt kurz die Gildins und Tianrivos, "und er kann sie so annehmen wie sie ist, mit all ihren Stärken und Schwächen und mit allen Aspekten ihres Wesens. Ich habe ihn nur wenige Siebentage zusammen mit ihr erlebt, zu wenig um ihn wirklich zu kennen. Aber er machte auf mich nicht den Eindruck, als würde er vor einer ihrer Seiten zurückweichen. Er kann mit ihrer sanften Seite ebenso umgehen wie mit ihrer Strenge gegen sich selbst, er schafft es sogar, ihre eiserne Disziplin zu durchbrechen… und er akzeptiert ihre wilde Seite als einen Teil von ihr, wie es vielleicht nur ein Laikeda'ya kann." "Wilde Seite? Arúen? Reden wir hier wirklich von meiner Schwester?"
Andovar wird schlagartig ernst. "Du kennst die Berichte, die ich Deinem Vater geschickt habe? Über unseren Kampf mit den AnCu?" Ein stummes Nicken ist die einzige Antwort und es schleicht sich unverhohlene Wachsamkeit in die Blicke Gildins und seines Vaters, denen bei Andovars Tonfall bewusst wird, dass der Klingentänzer in diesem Bericht ganz offensichtlich etwas ausgelassen hat, etwas Entscheidendes. "Ein Teil fehlt darin", bekommen sie auch umgehend die Bestätigung. "Arúen bat mich darum, es nicht zu schreiben sondern es Euch erst zu berichten, wenn ich wieder zurück bin und das von Angesicht zu Angesicht tun kann. Sie fand, das geschriebene Wort wäre ungeeignet um wirklich verständlich zu machen, was…" Andovar unterbricht sich selber und nimmt erst noch einen Schluck aus seinem Weinglas während er nach den richtigen Worten sucht. Arúen hatte recht, es ist verflucht schwer, dafür die richtigen Worte zu finden. "Sie musste kämpfen. Um Rialinns Leben. Um ihr eigenes Leben. Und das konnte sie nur, wenn sie der wilden Seite ihres Wesens freien Lauf ließ - eine Seite, die sie Zeit ihres Lebens vor allen verborgen gehalten hat, auch vor sich selber. Und in der selben Konsequenz und ohne Rücksicht auf sich selber, mit der ihre Mutter einst ihre Wahl traf, hat Arúen genau das getan: Sie ließ ihrer wilden Seite freien Lauf… und hat dem AnCu die Kehle herausgerissen als sie die Gelegenheit dazu hatte." "Du meinst, sie hat ihm die Kehle durchgeschnitten", korrigiert ihn Morgenstern. "Nein, ich habe es genau so gemeint, wie ich es gesagt habe." Nicht nur Tianrivos Augen weiten sich, als der Verstand schließlich das Begreifen des Unterschiedes (und der Konsequenzen daraus) zulässt. "Arúen mag ja grundsätzlich ein sanftes Wesen haben, aber sie ist eine Hohepriesterin der Wilden Herrin. Das sollten wir besser nie vergessen … Um den AnCu zu töten, der Rialinn verstümmelt hatte und der sie beide töten wollte, hat Arúen sich verwandelt,… sie nahm die Gestalt von einem von Wers Wölfen an… Eine zwei Schritt große, silbergraue Werwölfin, die um das Leben ihrer Tochter kämpft…" Andovar lässt den letzten Satz einfach so im Raum stehen. Jeder der Männer kann sich selber denken, was der AnCu da herausgefordert hat. Mütter, die um ihre Kinder kämpfen sind gnadenlos, das gepaart mit dem Wesen eines Raubtieres und einhundertzwanzig Stein geballter Wut… "Der AnCu hatte keine Chance." Tianrivos Feststellung klingt unbeteiligter als er ist - und seine Augen verraten ihn. "Nein", bestätigt sein Ziehsohn, um dann noch leise nachzusetzen, "Von dem Moment an, als er Arúen so weit getrieben hatte, dass sie bereit war alle Fesseln zu sprengen, die sie sich und ihrem Wesen je angelegt hatte, war sein Ende besiegelt."

"Wie kommt sie damit klar? Und Rialinn, wieviel hat sie davon mitbekommen?" Die Sorgen eines Vaters und Großvaters klingt offen in Tianrivos Fragen mit. "Sie hat etwas gebraucht, um diese neue Seite an sich zu akzeptieren, aber Tyalfen hat ihr dabei geholfen. Viel hat sie nicht darüber geredet, zumindest nicht mit mir, aber ich kann mir vorstellen, dass es im Nachhinein eine ähnliche Erfahrung ist, wie wenn ein Klingentänzer Brans das erste Mal Megarns Gabe ruft." Kurz kommt Schweigen auf, als Andovars Erinnerungen zu jenem Tag in seinem Leben wandern, als er in einem Kampf zum ersten Mal von dieser Gabe Gebrauch gemacht hat. Die beiden anderen Elben lassen ihm den Moment in stillem Verstehen. "Und Rialinn?"
"Rialinn hat alles mitbekommen. Die erste Verwandlung hat sie zwar nicht wirklich wahrgenommen, sie muss da halb ohnmächtig vor Schmerzen gewesen sein. Aber hinterher, als es vorbei war, hat sie mitangesehen wie Arúen sich zurückverwandelt hat." "Das meine ich nicht." "Ich weiß… Rialinn ist mit einem schier grenzenlosen Urvertrauen in ihre Mutter gesegnet. Ihr erinnert Euch, dass sie immer Angst davor hatte, dass 'dunkle Männer mit Roten Vögeln' sie ihrer Mutter wegnehmen? Ich habe sie gefragt, ob sie noch immer Angst hat. Sie hat mich angesehen, als sei ich nicht ganz bei Verstand und erklärt: Nein, die Männer wären ja jetzt alle tot. Und wenn jemand anderes ihr was tun würde, wären ja ihre Mutter und Tyalfen da um sie zu beschützen." "Ihre Mutter und Tyalfen?" "Ja, ihre Mutter und Tyalfen. Rialinn hat den Gefährten ihrer Mutter voll und ganz akzeptiert." "Dann sollte ich mich also darauf einstellen, dass ich über kurz oder lang einen Brief erhalte, in dem dieser Tyalfen um Arúen anhält." "Davon würde ich ausgehen. Aber so wie ich ihn erlebt habe, wird er nicht nur um Arúen anhalten. Er wird Anspruch auf sie beide erheben, auf Arúen und Rialinn." Das Lächeln Tianrivos, das eben noch so zufrieden und erleichtert gewesen ist, bekommt etwas Ernstes. "Ich will mehr über ihn wissen: Wer ist er? Was ist er? Woher stammt er? Kann er für sie sorgen?-" Das unverhohlene Schmunzeln Andovars lässt das Oberhaupt der Sternenadler sich selber unterbrechen. "Was ist daran so amüsant?" Alle Leichtigkeit ist aus seiner Stimme geschwunden. "Eure Tochter kennt Euch sehr gut, Tennro", wird Andovar ansatzlos förmlich. "Ich soll Euch folgendes von Arúen ausrichten: Sein Name ist Tyalfen aus dem Haus Laifaryn und er ist ein Silberner Aniran. Sein Lehrmeister ist Shadâno Arkendir… und alles Weitere steht in diesem Brief, den ich Euch geben soll." Das gefaltete und gesiegelte Pergament hat bisher gut verborgen in Andovars Schärpe geruht und knistert nun leise, als der Klingentänzer es hervorholt und Tianrivo reicht. Der nimmt es mit leicht hochgezogener Augenbraue entgegen und mustert den Siegelabdruck in dunkelgrünem Lack schweigend und mit einer Miene, als wisse er nicht wie er diese Nachricht und den Brief seiner Tochter einordnen soll. Als dieses gedankenverlorene Schweigen eine Weile andauert, bedeutet Gildin seinem Freund schließlich mit einer stummen Geste, dass sie seinen Vater jetzt besser sich selber und dem Brief überlassen. Still verlassen sie das Kaminzimmer und ziehen sich in Anbetracht der nächtlichen Stunde beide zur Ruhe zurück.


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Valonva Shaer = Palast der Sonne (Sitz des Hochkönigs der Elben)
Lyrtaran = Sternenhafen (eine Stadt an der Westküste der Elbenlande)
Lomirion = Hauptstadt des Grünen Tals von Erryn, des Reiches der Hochelben und Sitz des Hochkönigs
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Sunday, April 24th 2016, 4:20pm

~ Ende Kener 516 ~




Es ist früher Abend und Tianrivo sitzt in seinem Schreibzimmer im Licht der Kerzen über den Berichten, die sein Sohn aus Lyrtaran geschickt hat. Es sind viele eng beschrieben Seiten sahnehelles Pergament und dazu noch zwei dünne gebundene Bücher mit Papyrusblättern. Die zusammengefassten Tages- und Monatsberichte aus Elar Daemar, dem Lehen des Hauses Mitarlyr, die Buchführung seines Haushaltes in Lyrtaran ebenso wie die der familieneigenen Ländereien und Anwesen des Hauses Mitarlyr. Und nicht zuletzt die Aufzeichnungen und Abrechnungen des vergangenen Wirtschaftsjahres für jene Ländereien, die seiner Tochter gehören und die Tianrivo stets eingehend prüft, ehe er sie mit den Boten im Frühjahr zusammen mit einem Teil der erwirtschafteten Erträge nach Talyra in den Menschenlanden schickt. Nicht, dass er dem Verwalter von Arúens Ländereien misstrauen oder es seinem Sohn nicht zutrauen würde, die Berichte und Abrechnungen zu prüfen - im Gegenteil. Die Art und Weise, wie Gildin ihn in Elar Daemar vertritt, lässt den Hohen Lord des Hauses Mitarlyr nicht einen Herzschlag daran zweifeln, dass sein Sohn mehr als fähig und würdig ist, ihm eines (hoffentlich noch fernen) Tages als Oberhaupt der Sternenadler nachzufolgen. Die nächste Generation… lässt Tianrivo seine Gedanken für eine Weile von den Unterlagen abschweifen, die vor ihm liegen - eine für ihn eher untypische Abweichung von Pflichten. Doch an diesem Abend erlaubt er sich die hoffnungsvollen Spekulationen über die Zukunft seines Hauses und seiner Kinder, ehe er sich mit einem tonlosen Seufzen wieder den Pergamenten zuwendet, die vor ihm auf der polierten Tischplatte liegen.

Als es Stunden später an der Tür des Schreibzimmers klopft und nur einen Herzschlag später ein hochgewachsener Elb eintritt, siegelt Tianrivo gerade die beiden gebundenen Papyrusbände. Er braucht den Kopf nicht zu heben um zu wissen, wer eingetreten ist, denn er kennt den nahezu lautlosen Gang seit zahllosen Jahrestänzen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es nicht einmal eine Handvoll an Personen gibt, die das Vorrecht des jederzeitigen Zutritts besitzen und eintreten dürfen ohne erst abwarten zu müssen, ob sie dazu aufgefordert werden. "Therlas."
Mit einem Lächeln wendet Morgenstern sich jenem Elben zu, mit dem er schon seit seiner Jugend in Freundschaft verbunden ist. "Was führt Dich zu so später Stunde noch hierher? Hat Andovar schlechte Nachrichten geschickt?" Sorge schimmert kurz in Tianrivos Augen auf. Denn ebenso wie Tianrivo Briefe und Pergamente von seinem Sohn erhalten hat, hat auch Therlas von seinem Sohn Nachrichten erhalten, der als geschworenes Schwert Gildins zusammen mit diesem in Lyrtaran weilt. "Nein, keine schlechten Nachrichten von Andovar", beschwichtigend hebt der Klingentänzer die Hände, "aber eine Nachricht… es ist ein Rabe aus Siam eingetroffen." Damit hat der Lord des Hauses Tyrian definitiv die volle Aufmerksamkeit seines Freundes und Lehnsherrn.
"Siam?" Das 'endlich' kann Tianrivo sich gerade noch verkneifen. Auf diesen Brief wartet er seit so vielen Siebentagen, dass es unterdessen Mondläufe sind. Er muss es aber auch nicht, wie er Therlas ansehen kann, als der ihm den Brief reicht. Sein Freund weiß nur zu gut, wieviel Selbstdisziplin es ihn gekostet hat auf diese Brief zu warten und nicht zu wissen, warum es so lange dauert. Er runzelt die Stirn, als sein Blick auf das Siegel fällt. Er kennt es, aber… "Das ist nicht das Siegel von Arkendir oder dem Haus Faêrladir."

Das Stirnrunzeln legt sich auch nicht, nachdem er das Siegel gebrochen hat und den Inhalt überfliegt, eher verstärkt es sich noch. Hier, in der vertrauten Gegenwart eines alten Freundes lässt Tianrivo seine Maske sonst so undurchschaubarer Gefasstheit fallen. "Was ist es? Sind die Nachrichten so schlecht?" Therlas hat sich längst dem Hausherrn gegenüber auf einem der Stühle niedergelassen und sich eine Schale Tee genommen, während der den Brief erst überflogen und dann zweimal gelesen hat, als könne oder wolle er nicht glauben, was er dort liest. Insgeheim ist er nicht weniger gespannt auf die Nachrichten aus Siam als sein Freund.
"Schlecht? Nein. Sie sind… es sind… hmpf… nichts… da ist… nichts…" In einem kurzen frustrierten Ausbruch wirft Tianrivo das Pergament auf die Tischplatte. "Was meinst Du mit 'nichts'? Für 'nichts' ist der Brief ziemlich lang." "Arkendir hatte auf meinen ersten Brief nicht geantwortet. Etwas, das für ihn absolut untypisch ist. Auch der zweite blieb unbeantwortet, das hat mir Sorgen gemacht. Also habe ich einen anderen Bekannten in Siam kontaktiert, ihn nach Arkendir gefragt und gebeten sich absolut diskret nach Arúens Gefährten umzuhören… Dieser Brief ist von ihm." "Jetzt mach es nicht so spannend. Was schreibt er?" "Na, nichts eben." Mit einem unterschwelligen Grollen in der sonst so melodischen Stimme füllt Tianrivo sich Tee nach und lässt den Blick für einige Herzschläge auf den Reflektionen der unruhigen Oberfläche ruhen. "Sein Name ist Tyalfen, ein silberner Aniran aus dem Haus Laifaryn… Nichts, was wir nicht schon seit dem Herbst von Arúen selber wissen… Weißt Du, warum Arkendir nicht auf meine Briefe geantwortet hat?" Eine rhetorische Frage, auf die Tianrivo die Antwort auch gar nicht erst abwartet. "Arkendir ist seit fast einem Zwölfmond nicht in Siam, er ist nicht einmal in den Elbenlanden. Er ist zusammen mit einer Gruppe zu der auch ein von ihm ausgebildeter Silberner Aniran gehörte, dessen Schwester dort einen Sterblichen heiraten wollte in die Herzlande gereist und wird frühestens im kommenden Sommer zurückerwartet… Sie hat es gewusst, sie muss es gewusst haben, als sie mir so freimütig Namen, Herkunft und seine Berufung genannt hat… Ich hätte schon stutzig werden sollen, als sie mir einfach so den Namen seines Lehrmeisters genannt hat, der außerdem mit mir bekannt ist."

Ein leises Lachen lässt Tianrivo abrupt den Blick von dem Brief auf seinen Freund richten. Therlas sitzt ihm völlig entspannt gegenüber, trinkt Tee und… lacht. Er lacht leise und mit schalkhaftem Glitzern in den Augen. "Was ist daran so lustig?" Therlas schindet ein wenig Zeit und stellt erst die Teeschale auf den Tisch, allerdings ohne das Lachen aus seinen Augen zu verbannen. "Sie ist Deine Tochter, alter Freund. Wundert es Dich da wirklich, wenn sie das Spiel ebenso gut beherrscht wie Du oder Gildin? Mich nicht." Dann stutzt er kurz und fasst Morgenstern fest in den Blick. "Oh. Lass mich raten: In dem Brief, den Arúen Dir geschrieben hat, da hat sie Dir nicht nur mitgeteilt, wen sie sich zum Gefährten gewählt hat, sondern auch, dass Du Dich aus diesem Teil ihres Privatlebens heraushalten sollst. Richtig?" Tianrivo muss ihm nicht antworten, Therlas kann es in seinen Augen sehen, dass er richtig liegt.
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