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Kalam

Stadtbewohner

  • "Kalam" started this thread

Posts: 81

Occupation: Sithechjünger a.D.

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Friday, February 26th 2016, 1:48pm

Ein Schatz, ein Drache und 'ne Buddel voll Rum

Titten aus Stein


Irgendwann in Langschnee und Silberweiß

Der dunkle Mann steht am Rand des Waldes oberhalb einer Böschung, vor ihm die endlose Weite des Ildorel und über ihm der offene Himmel, übersät von Sternen, die allmählich verblassen. Der Morgen naht. Noch zeigt sich keine Dämmerung am Firmament fern im Osten, aber der Morgen naht. Der dunkle Mann ist empfänglich für die Geräusche der sterbenden Nacht, die des Waldes in seinem Rücken. Dort unter den Bäumen, verborgen selbst vor dem Licht der Sterne, sind die Schatten zuhause und in ihnen er. Jetzt verlässt er sie und ihren Schutz, bewegt sich auf die Weite zu, auf die Ahnung eines Morgengrauens, das fahl heraufdämmert. Er bewegt sich rasch, doch seine Stiefel hinterlassen keinerlei Geräusch auf dem weichen Boden, wo die Schichten und Schichten von jahrtausendealtem Humus in den Sand der Dünen und den Strand dahinter übergehen. Er riecht das Wasser, die Erde, das Alter des Waldes, die Kälte der Nacht, die Entrücktheit der Sterne. Er ist allein in der Dunkelheit. Niemand ist hier außer ihm, obwohl das schlafende Dorf mit seinem kleinen Friedhof, auf dem er eben ein Grab geplündert hat, nicht weit hinter ihm liegt, verborgen unter den Bäumen. Niemand hatte ihn bemerkt, auch wenn die Dorfbewohner vielleicht einen kalten Hauch in ihrem Schlaf gespürt hatten, als hätte sie alle gleichzeitig ein böser Traum berührt. Er ist ein großer Mann unbestimmten Alters, ins dunkle, weiche Leder eines Jägers gekleidet, im Schatten der Bäume so unsichtbar wie der Nachtwind selbst, an seiner Seite ein graues Schwert. Aber er steht nicht mehr im Schatten der Bäume – er steht allein und ungeschützt unter dem weiten, samtblauen Himmel, und er wartet. Sein langes, schwarzes Haar fällt ihm offen über den Rücken und die Möglichkeiten… die Hoffnung… lässt seine Augen glänzen. In seinem Gesicht liegt eine Art düsterer Ausgelassenheit und vielleicht auch in seinem Herzen. Um seinen Hals hängt an einer schlichten, altertümlichen eisernen Kette ein matt glänzender, rot- und purpurfarben schimmernder Stein mit ebensolch eiserner Fassung. Kein Gemmenschneider oder Edelsteinschleifer hat ihn behandelt, doch seine Formen scheinen weich, wächsern gar, rund geschliffen vom Alter und der Berührung zahlloser Hände. Nun berührt ihn die des dunklen Mannes. Eine große Hand mit kräftigen Fingern, eisern, rau und schwielig, die Hand eines Kriegers. Wird die Legende sich als wahr erweisen? Wird es… funktionieren?

Der Morgen graut und der Himmel hat die Farbe von mit Roststreifen durchzogenem Eisen. Die Sterne verblassen, der Horizont färbt sich perlgrau. Hinter dem dunklen Mann locken die Schatten des Waldes unter ihrem endlosen, wogenden grünen Meer von Baumwipfeln, überzogen von grauweißem Frost, versprechen Sicherheit, versprechen… Leben. Nein. Kein Leben. Dasein. Der dunkle Mann dreht den Kopf und blickt in die Schatten hinter sich - und in diesem Moment strahlt sein Gesicht eine entsetzliche Einsamkeit aus, eine labyrinthische Verlorenheit, die sich in jahrhundertealte Schreie hüllt. Vor langer Zeit war er ein Mensch. Er vergisst das nie, auch wenn er sich oft so gibt. Und er weiß, dass er nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Wie viel Unendlichkeit wird er noch ertragen? Die Unsterblichen mögen sich der Melancholie ihrer endlosen Zahl an Jahren opfern, aber er und vielleicht alle seiner Art... ihr Fluch ist nicht die Nacht, nicht das Blut, nicht der Untot. Nein. Ihr Fluch ist, nicht dafür geschaffen zu sein, die dürren Jahrhunderte vorüberziehen zu sehen und von den hungrigen Jahrtausenden verschlungen zu werden, bis nichts mehr übrig ist, bis selbst verblasste Erinnerungen nur noch Schatten sind, die sich selbst verzehren. Doch der Moment geht vorüber und der dunkle Mann blickt wieder nach Osten, den Stein um seinen Hals fest in der geschlossenen Faust. Dann kommt das Licht, und für einen Moment ist das Bedürfnis in die Schatten zu flüchten so groß, dass er sich zwingen muss, an Ort und Stelle zu verharren, dass es all seine Willensstärke braucht, keinen Muskel zu rühren, zu bleiben und zu warten. Dann lacht er, ein kurzes, atemloses Lachen - die letzte Beklommenheit vor dem Augenblick der Wahrheit, aber auch die Entschlossenheit, dem Herren der Knochen notfalls ins Gesicht zu lachen. Das Licht kommt und es eilt über den See, erobert sich die weiten, zinngrauen Flächen, setzt sie in flammenden Brand, leuchtet schon in den weißen Frostkristallen der Baumwipfel, die es einfangen und brechen wie eine Schicht von Perlmutt. Der dunkle Mann erstarrt - selbst wenn sich jetzt noch hätte bewegen wollen, er hätte es nicht mehr gekonnt, denn was er fühlt, hält ihn mit eisernen Banden an Ort und Stelle. Dann kommt die Sonne, nicht langsam, sondern plötzlich, flammt über den fernen, fernen Berggipfeln des Wyrmschwanz irgendwo hunderte von Tausendschritt entfernt, vergoldet die spiegelglatte Oberfläche des Sees und verbannt die Nacht vom Antlitz Rohas. Und mit ihr kommen eine Wärme und Farben, Geräusche und Düfte, die der dunkle Mann schon sehr, sehr lange nicht mehr gefühlt und gesehen, gehört und gerochen hat, die ihm fremd geworden sind, die er nicht mehr zu kennen glaubte. Er hat keine salzigen, farblosen Tränen, aber als er dort steht und den ersten Sonnenaufgang seit fünfhundert Jahren erlebt, rinnt es rot und kühl über seine Wangen und tropft lautlos in den Frost zu seinen Füßen.

Zwei Stunden später trifft der dunkle Mann - nicht weit von der Stelle, an der er die Sonne aufgehen sah - an der Großen Nordstraße den Magier, den Zauberer und den Loaritter, und geht mit ihnen nach Ambar. Nur dass er in seinem immer wirrer werdenden Traum auf einem Mehara reitend mit neun Bechern jongliert, der Loaritter beständig in Flammen steht, der Zauberer als Zimmermann verkleidet ist und der Magier, vollkommen in Gold gehüllt und bei jedem Schritt klingelnd, eine leuchtende Acht wie ein Brandmal auf seiner Stirn trägt. Und dann träumt er gar nichts mehr sondern versinkt in Schwärze.


Hmmm… Kalam erwacht davon, dass er etwas rund und kühl unter seiner Wange spürt, prall und fest, sehr glatt und diese Form… Yara? Nein. Zu groß. Zu rund. Wie hieß diese kleine Hure in Mawr Hafran… Bronwyn? Branwen? Nein, zu hart. Zu kalt. Branwen war groß und alles an ihr ausladend, aber ihr Fleisch war weich und nachgiebig gewesen, und das hier… Er klappt unter allergrößter Mühe ein blutunterlaufenes Auge auf und nach einem Moment verfestigt sich die schwankende Kontur vor seiner Pupille zu… Brüsten? Tatsächlich. Zufrieden schließt er das eine Auge wieder und macht es sich bequem. Es sind auch ganz wundervolle Brüste, um genau zu sein. Und sie sind vollkommen aus Stein. Verwirrt will er den Kopf heben, schließt seine Augen aber beinahe sofort wieder, lässt sich äußerst behutsam in die Kissen zurücksinken und hält stöhnend seinen Stakkato hämmernden Schädel fest, damit der nicht ganz aus Versehen von seinen Schultern rollen und einfach zu Boden poltern würde. Er kann sich nicht erinnern jemals in seinem Dasein als Vampir schon einmal solche Kopfschmerzen gehabt zu haben – genau genommen kann er sich an überhaupt nichts erinnern. Irgendetwas in seinem Mund schmeckt nach verrottendem Moos. Wo sind eigentlich diese verdammten Selbstheilungskräfte, wenn man sie mal braucht? Das ist sein letzter zusammenhängender Gedanke, dann sinkt er dankbar in die gnädige Bewusstlosigkeit zurück.

Eine Weile später erwacht Kalam wieder, kann aber nicht sagen, wovon. Doch – jemand schnarcht. Laut. Zu seiner Rechten. Zu seiner Linken stieren ihn noch immer - und irgendwie vorwurfsvoll, wie er findet - splitterfasernackte Titten aus Stein an. Er liegt in einem riesigen Bett und neben ihm… Sein Schädel dröhnt, als würde eine Heerschar wütender Zwerge darin Kriegstrommeln schlagen. Er kann nicht denken, aber immerhin funktioniert sein Sehvermögen halbwegs wieder. Er ist seit gut fünfhundert Jahren ein Vampir, aber er hat nicht gewusst, dass er einen solchen Rausch und einen solchen Kater haben kann, nicht einmal auf zu viel Blutwein. Viel zu viel... gna...Die Brüste gehören zu einer Statue und die Statue ist… Oh. Oh, sturmverdammt! Sprachlos und immer noch ein wenig mit dem räumlichen Sehen kämpfend, stiert er neben sich. Was einmal das steinerne Bildnis einer überirdisch schönen und absolut makellosen Frau aus milchhellem Harchamarmor mit funkelnden Saphiren als Augen gewesen war, bietet im blassen Morgenlicht einen ziemlich desolaten Anblick: ein Saphir fehlt, so dass das Abbild der Göttin wie ein einäugiger Zyklop wirkt, der linke Arm, der sich irgendwann einmal vermutlich verführerisch um ihre Seite geschmiegt hatte, ist oberhalb des Ellenbogens abgebrochen (und außerdem nirgendwo zu entdecken) und überall auf dem feinen Marmor sind Kratzspuren, obszöne Schmierereien, klebrige Handabdrücke und so literarische Kunstwerke wie "Rayyan war hier" oder "Inari ist ein Miststück". Wer beim Herrn der Knochen ist Rayyan? Mit größter Mühe hebt er den Kopf noch ein Stück weiter - hinter seiner Stirn nichts als tönendes Blech und bimmelnde Zimbeln - und lässt desorientiert den Blick schweifen. Ein lindgrünes Strumpfband rutscht dabei von seiner Stirn und landet in den Laken. Goldmünzen, die an seiner Haut geklebt waren, lösen sich und kullern mit einem leisen Klingeln davon, eine, zwei, drei... Es dauert noch eine geraume Weile, bis sein Blick sich genug schärft, um wirklich etwas erkennen zu können - was er dann sieht, lässt ihn jedoch augenblicklich jedes Strumpfband und alles Gold Rohas vergessen. Es hätte ihm auch ganz bestimmt die Sprache verschlagen, wäre er denn in der Verfassung für so etwas wie Sprache gewesen (oder wüsste in diesem Augenblick mehr als seinen eigenen Namen).

Das Gemach ist ein einziges Schlachtfeld. Nahezu das gesamte Inventar scheint verschoben oder umgekippt; der massive Diwan mit seinen tatzenartigen Füßen hat alle Viere von sich gestreckt und ist wie ein verendetes Kamel zusammengebrochen. Der dazugehörige Tisch sieht aus, als habe jemand versucht, Kleinholz aus ihm zu machen. Sämtliche Türen aller Kommoden, Schränke und Truhen stehen sperrangelweit offen oder hängen schief in den Scharnieren. Die Polster eines der mit teurem Brokat bezogenen Armlehnstühle - des einzigen von vieren, der noch steht - schwelt dünne Rauchfäden kräuselnd vor sich hin und stinkt zum Göttererbarmen nach verbranntem Rosshaar. Ein Spinnennetz aus Seidenstrümpfen und bunten Organzatüchern spannt sich zwischen dem wuchtigen, schmiedeeisernen Kronleuchter, der halb aus seiner Halterung gerissen wurde und nun windschief von der Decke baumelt. Über einem Balken der offenen Dachstuhlkonstruktion hängt etwas, das irgendwie einer Brouche mit ordinärer Schamkapsel ähnelt. Auf dem Boden unter dem Kronleuchter ist ein See aus halb erstarrtem Wachs im azurianischen Seidenteppich und darin klebt etwas, das verdächtig nach einem Skalp aussieht… hoffentlich ist es eine Perücke. Die Kupferwanne hinter dem Rosenholzparavent, in dessen feinen Schnitzereien faustgroße Löcher prangen, ist übergelaufen und hat den Nebenraum einen Fingerbreit tief unter Wasser gesetzt… zwischen den Schaumfetzen watet leise gackernd ein weißes Huhn herum und pickt hier und da nach Seifenresten. Inmitten der zersplitterten Reste des Tisches blubbert ein silberner Samowar vor sich hin was das Zeug hält und zwischen den überall unordentlich verstreuten Kleidungsstücken von Männern und Frauen jedweder Form, Farbe und Größe, haucht eine zerbrochene Shisha die schummrigen Gerüche nach bunten Pilzen und zu viel Traumkraut aus. Abgesehen davon liegen und stehen auf jedem Fußbreit Boden leere oder undefinierbare Reste enthaltende Weinkelche, Amphoren, Flaschen, Krüge, Becher, Humpen, Hörner und sogar ein umgekipptes Fass, aus dem noch eine bernsteingelbe Flüssigkeit tropft, kurz – was immer in der vergangenen Nacht hier geschehen sein mag, hat das gesamte Gemach in Mitleidenschaft gezogen und eitel Chaos und Verwüstung hinterlassen. Doch das ist nicht einmal das Merkwürdigste. Überall, wirklich überall im Raum zwischen all dem Durcheinander stapeln sich kleine Häufchen von Gold- und Silbermünzen, türmen sich glänzende Geschmeide, funkelt es vor Edelsteinen, Ringen, Perlenketten. Das riesige Himmelbett mit seinem blauen Baldachin, in dem er liegt, scheint das einzig unbehelligte Möbelstück im Raum zu sein, ein unbeteiligter Zeuge im Auge des Sturms – bis auf die Statue. Und das Gold, in dem er im wahrsten Sinne des Wortes schwimmt. Und ihn. Und…

"Hrrrchchrrr…" Da ist es wieder. Das Geräusch, das ihn geweckt hat. Jemand schnarcht. Neben ihm. Sithech, lass es eine dicke Hure sein, lass es eine dicke, dralle Hure sein, und lass sie keine blutenden Wunden haben… Auch nur den Kopf zu drehen und über seine Schulter zu blinzeln kostet ihn eine gewaltige Anstrengung und fühlt sich in etwa so an, als schraube ihm jemand genüsslich glühende Eisenstangen durch den Nacken - seine Selbstheilung ist ganz offenbar noch immer im Vollrausch. Hinter ihm liegt der Magier. Das ist Rayyan. Da war etwas… Nackt und bis auf sein Schnarchen völlig komatös, den dunklen Lockenschopf auf die nackte Schulter eines ebenso nackten jungen Mannes gebettet. Sie baden in Goldmünzen und sind mit Ketten und Armspangen behängt wie azurianische Hauris. Keiner von beiden hat irgendwelche Bissspuren. Das ist das letzte, das Kalam wahrnimmt, ehe er wie von der Tarantel gestochen mit wehenden Hemdschößen – immerhin hat er eines an wenn auch sonst nichts - aus dem Bett schießt, über Tiuri stolpert, der in die Reste des Teppichs eingerollt auf dem Boden schläft, prompt von dessen Schulter zu Fall gebracht wird und mit der eigenen hart auf den Boden kracht. Als er sich mühsam wieder aufrappelt, knallt er mit dem Kopf gegen den Fuß eines eisernen Kohlebeckens und ein Schauer winziger Funken regnet auf ihn herab und hinterlässt ebenso winzige, kleine schwarzumrandete Löcher in seinem Hemd und blutende Brandmale auf seinen Schultern. Aaah… Stöhnend rollt er sich zur Seite und für einen Moment sieht er selbst nur rote Funken, sogar mit geschlossenen Augen. Dann müht er sich fluchend auf die Füße und schwankt bei jeder Bewegung. An seinen Beinen kleben Granatsplitter und Silbermünzen. Die zusammengerollte Gestalt des Loaritters in seinem Kokon aus Teppich regt sich ebenso stöhnend und… rasselt dabei von Kopf bis Fuß? "Steh auf. Was bei allen.. Neun… Höllen und… beim Herrn der Knochen ist hier passiert? Wo sind wir überhaupt?"
I do very bad things, and I do them very well

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Tiuri

Stadtbewohner

Posts: 38

Occupation: Stadtgardist

Location: Goldene Harfe, Talyra

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Friday, February 26th 2016, 5:46pm

Harter Boden.... nicht ganz hart, irgendetwas war da noch.... und dunkel. Stockfinster um genau zu sein. Oder sind seine Augen geschlossen? Wenn nur endlich sein Folterknecht aufhören würde ihm mit dem Stiefel gegen den Kopf zu treten, er könnte sich bestimmt wesentlich besser konzentrieren.
Doch noch ehe Tiuri irgendeinen klaren Gedanken fassen kann, steigt ihm allerdings tatsächlich ein Fuß in den Bauch und die daran hängende Person fällt fluchend und von klirrenden Silbermünzen begleitet gegen ein Wärme spendendes Kohlebecken, der bis dato praktisch einzige Gegenstand im Raum der noch an seinem angestammten Platz gestanden ist.

„Byfandarryachyislinn, was bei allen neun Höllen ist hier eigentlich passiert?!“ Ist was Tiuri gerne sagen möchte. „Ahhaaa.....uh.... au!“ Ist was aus seinem Mund kommt nach dem er endlich die Augen geöffnet hat und ins fahle Morgenlicht oder eigentlich auf die fahlen Fußsohlen des Sithechjüngers blickt. Langsam und vorsichtig möchte Tiuri sich aufrappeln, doch irgendetwas hält ihn davon ab. Egal wie er sich dreht und wendet, er kann diese seltsame Decke einfach nicht los werden. Unter Aufbringung all seiner Kräfte rollt er sich von einer Seite auf die andere, schlägt sich dabei drei Mal den Kopf an herum liegenden Dingen, schreckt ein Huhn auf das bis zu diesem Zeitpunkt friedlich zwischen ihnen herum gewandert ist.

>Steh auf. Was bei allen.. neun… Höllen und… beim Herrn der Knochen ist hier passiert? Wo sind wir überhaupt?<
Steh auf leichter gesagt als getan! Erst beim dritten Anlauf schafft Tiuri es sich aus seinem seidenen Teppichgefängnis zu befreien und versucht sich mit genügend Schwung auf Augenhöhe des Vampirs zu bringen. Er schafft es nicht einmal bis auf die Knie, sondern fällt unter lautem Metallklirren wieder vor die Füße Kalams und landet mit dem Gesicht genau auf einem Paar eiserner Handfesseln. Erst jetzt fallen ihm die modischen Schmuckstücke an seinen Händen und Füßen auf und jetzt ist ihm auch klar warum ihm das Aufstehen gar so schwer fällt.
Wesentlich vorsichtiger als beim letzten Mal rappelt er sich hoch und steht, schwankend aber doch, inmitten eines unglaublichen Chaos dem Vampir gegenüber. Kalam sieht zu gleichen Teilen verwirrt und wie von einer Herde azurianischer Dreihörner überrannt aus, außerdem trägt er nichts anderes als ein knielanges Leinenhemd und sein dunkles Haar steht ihm in allen Richtungen vom Kopf ab. Zögerlich blickt Tiuri an sich selbst herunter. Nackte Füße, Fußfesseln – ja sie sind echt und immer noch da – Hosenbeine, hervorragend! Besagt Hose steht zwar meilenweit offen und droht ihm von den Hüften zu rutschen, aber sie ist wenigstens hier. Schon allein das Gewicht an seinen Händen sagt ihm, dass auch dort die Fesseln sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst haben und langsam hebt er die Arme um sie näher zu begutachten. Bei dieser Bewegung rutschen ihm seine ehemals weißen Hemdärmel in die Armbeugen. Entgeistert streckt er die Arme weit von sich, denn die Armel die um seine Unterarme baumeln, sind alles was von seinem Hemd noch über ist.

„Byfandarryachyislinn“, jetzt sagt er es tatsächlich. „Ich hab keine Ahnung! Wo sind Rayyan und Nathan?“ Er will sich in einer sehr Tiuri typischen Geste den mit Wachs verklebten Haarschopf aus dem Gesicht streichen, schlägt sich dabei aber nur die Eisenkette gegen die Nase und stöhnt leise auf. Kalam deutet hinter sie und scheppernd watschelt Tiuri auf die andere Seite des Bettes wo Rayyan, splitterfasernackt wohl gemerkt, mit einem fremden, blonden Jüngling inmitten von Gold und Silber liegt und laut schnarcht. Nicht besonders fest tritt er mit dem nackten Fuß gegen das Schienbein des Blondschopfs. „Das ist nicht Nathan, wer ist das?“ Kalam zuckt als einzige Antwort nur mit den Schultern, der Jüngling seufzt nur ein Mal auf und vergräbt seinen Kopf in Rayyans Nacken.
„Rayyan!“ Der Azurianer regt sich kein bisschen und Tiuri schnappt sich kurzer Hand einen Krug von dem er glaubt dass er mit Wasser gefüllt ist und schüttet den gesamten Inhalt – leider doch Bier – über Rayyans Kopf aus.

Rayyan

Hänfling

Posts: 129

Occupation: Hexerjäger

Location: Talyra

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Friday, February 26th 2016, 7:04pm

Abtritt besetzt

Irgendwann in Langschnee und Silberweiß


Rayyan, den blondegelockten Jüngling an seiner Seite und dessen linke Pobacke fest in der Hand, schnarcht und träumt von einem ganzen Harem nur mit hauchdünner Seide verschleierten, überirdisch schönen Sklavinnen, die sich im Wüstensand zu seinen Füssen räkeln und um seine Gunst buhlen. Makellose Haut, flammende Blicke voller Leidenschaft, runde, pralle Brüste, willig gespreizte Beine wohin das Auge blickt. Schon will er sich ein besonders kostbares und erlesenes Juwel mit mahagoniedunklen Locken, einem verboten sinnlichen Mund und prallen Kurven auf seinen Schoß ziehen… als eine Tausendschritt hohe Welle plötzlich direkt vor seiner Nase vorbeirauscht und die kreischenden Weiber einfach mit sich reißt.

Prustend und fluchend schießt Rayyan in die Höhe. "Ayereefeewijimaaksayi-sift…" Allerdings hat auch er, wie Tiuri, Artikulationsschwierigkeiten, weshalb es eher klingt wie ein erbostes, sich im Stimmbruch befindlichen und gleichzeitig sehr heiseres Liktikäffchen. Durch die abrupte Bewegung befördert er prompt den Jüngling vom Bett, der hart und mit einem lauten Klirren auf dem mit Gold- und Silbermünzen übersäten Dielenboden aufschlägt – wo er sich schmatzend zusammenrollt und einfach weiter schläft, an eine ausladende, rosa Spitzenhalskrause gekuschelt. Rayyan indes blinzelt für einen Herzschlag lang wie ein aufgescheuchter Kauz erst Tiuri, dann Kalam an, dann, ganz langsam, kippt er stöhnend wieder in die Waagrechte zurück, wo er sein Gleichgewicht vergessen hat. Nass. Weich. Seide. Warm. Das sind die ersten, klaren Gedanken, die er fassen kann, was in Anbetracht des alkoholgefluteten Chaos hinter seiner Stirn durchaus eine Leistung ist. Dann gesellen sich plötzlich derart verwirrende Eindrücke wie: Klimpere ich? Bin ich nackt? Warum tut mein Arsch so weh?, hinzu und, noch immer liegend und die Augen fest geschlossen, tastet er mit den Fingern über die Decke und das klingelnde Metall. Unter allergrößter Anstrengung schafft er es ein Lid so weit in die Höhe zu ziehen, dass er darunter hindurch auf ein paar der Münzen in seiner Hand schielen kann. "Gold… Gold?" Dann blinzelt er und schielt noch einmal.

Als er endlich erkennt, was er da in Händen hält, schnellt er zum zweiten Mal hoch, dieses Mal ist jedes Gleichgewicht vergessen und krächzt: "Gold!" Fassungslos und schlagartig hellwach (zumindest halbwegs), aller stampfenden Branhorden hinter seiner Stirn zum Trotz, starrt er auf das kostbare Chaos im Zimmer, wo großzügig verstreut Unmengen an Gold-, Silber- und Kupfermünzen, glänzendem Geschmeide und Häufchen von funkelnden Edel- und Halbedelsteinen auch den hinterletzten Sekhelrin des Fußbodens bedecken. Närrische Glückseligkeit befindet sich in fließendem Wechsel mit stirnrunzelnder Verstörtheit, als er erst der völlig verschandelten Statue neben sich, dann den Ketten an Tiuris Armen und Beinen und schließlich dem schlummernden Jüngling – der sich als nicht Nathan herausstellt - neben dem Bett gewahr wird. Prompt schweift sein Blick zurück zu Tiuri und Kalam. Sithechjünger, Ritter, ich… Zur Sicherheit zählt er noch einmal nach, aber es sind immer noch nur drei. Nicht vier. Der Jüngling zählt nicht. "Wo ist… Wo ist der Hexer? Wo kommt das Gold her? Was ist mit der Statue?" Irgendetwas auf seiner Zunge klebt und schmeckt außerdem, als wäre ein Tier schon vor längerer Zeit darauf verendet. Schmatzend und kauend versucht er seine Zunge vom Gaumen zu lösen, doch es will ihm nicht gelingen. Eins nach dem anderen. Nach eins kommt zwei. Ajwa. Es gibt Prioritäten im Leben – vor allem nach einer offenbar vollständig durchzechten Nacht, an die man überhaupt keine Erinnerung mehr hat. "W… wartet mit der Antwort. Ich muss erstmal pissen."

Kurzerhand rutscht er vom Bett, klaubt sich Münzen von den Oberschenkeln und vom Arsch – völlig ignorant hinsichtlich seiner eigenen Nacktheit und der Tatsache, dass seine Träume sich deutlich an einem gewissen Körperteil widerspiegeln – und stolpert an Tiuri und Kalam vorbei in Richtung Abtritt. Kaum hat er die Tür zu dem kleinen Nebenraum aufgerissen, erstarrt er mitten in der Bewegung, neigt den Kopf leicht zur Seite, beugt sich ein wenig vor und richtet sich wieder auf, schwenkt zurück und deutet hinter sich: "Ist das ein Steppenlöwe?"

Kalam

Stadtbewohner

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Friday, February 26th 2016, 11:32pm

Katerfrühstück

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Während Tiuri auf unnachahmlich mitfühlende Art den Magier aus dem Branntweinrausch holt, sucht Kalam im infernalen Chaos nach einem Paar Hosen, findet irgendwo sogar seine eigenen und schlüpft hinein, so dass er das folgende Schauspiel immerhin nicht mit blankem Hintern erlebt. Rayyan scheint genauso rat- und fassungslos wie sie selbst zu sein und sich an keinen Deut mehr erinnern zu können… und allmählich kommt Kalam das Ganze mehr als nur ein wenig azurianisch vor… außerdem riecht es hier nach… nach… Raubtier? Er kann es nicht sagen, aber irgendetwas sticht ihm in die Nase. Dummerweise scheinen seine Sinne noch genauso betäubt wie seine Selbstheilung, abgesehen von seinem Gehör vielleicht, das viel zu gut funktioniert und ihn geradezu foltert. Sich bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen war eine Sache – aber ihm zumindest fehlt jede Erinnerung an die vergangene Nacht und wenn er ehrlich ist auch an den halben gestrigen Tag. Er befördert den Diwan zurück in die Senkrechte, hört Rayyan im Hintergrund reden und ist gerade auf der Suche nach seinem zweiten Stiefel, als der Magier mitten in der weit aufgerissenen Tür zum Abtritt abrupt erstarrt und sich dann im Plauderton erkundigt: >Ist das ein Steppenlöwe?< Kalams Mundwinkel verziehen sich nur zu einem mitfühlenden Grinsen, während er sich auf der Suche nach seinem Schuhwerk durch dreckiges Geschirr, einen Haufen Frauenkleider - Wo zum Dunklen sind eigentlich die ganzen Weiber, denen sie gehören? Und wie viele waren das um Himmels Willen? - und die Reste diverser Möbelstücke wühlt. "Bestimmt nicht, du hast nur zu viel Traumkraut geraucht… wie soll denn ein… da ist er ja… " In seinem Stiefel liegt ein Ei. Das Huhn, dem es gehört, pickt inzwischen in einer leeren Kommode vor sich hin, wahrscheinlich auf der Suche nach ein paar Holzwürmern.

Kalams Schädel dröhnt und pocht noch immer, jedes Geräusch, das er wahrnimmt unerträglich laut, das Klopfen des Hühnerschnabels auf dem Holz ein hämmernder Höllenlärm, jedes Licht viel zu grell… Moment… das Licht! Sonne! Verdammt! Hektisch tastet er nach dem Amulett und findet es kühl und glatt auf seiner Brust. Du bist kein Sithechjünger, du bist ein Volltrottel! Schimpft er sich selbst. Draußen ist heller Tag, du hättest selbst hier drin angefangen zu kokeln, die Sonne scheint ja durch alle Fenster. Einen Herzschlag lang hält er die Zwielichtflamme fest in seiner Faust… er trägt den Stein einfach noch nicht lange genug, um nicht bei jedem Erwachen eine latente Angst zu verspüren, ihn vielleicht verloren oder das alles nur geträumt zu haben. Außerdem hat er sich immer noch nicht ganz an den verschobenen Rhythmus gewöhnt… schließlich war fünfhundert Jahre lang die Nacht sein Tag gewesen. Die abrupte Bewegung lässt jedoch den aufgebrachten Hornissenschwarm hinter seiner Stirn wieder losdröhnen als hätte jemand eine brennende Fackel hineingestoßen, und er hat außerdem das unangenehme Gefühl, als schwappe sein Gehirn völlig haltlos zwischen den Knochen seines Schädels herum. Das muss aufhören! Huhn ist ganz sicher nicht seine erste Wahl, nicht bei einem solchen Kater, aber er hat schon vor langer Zeit gelernt, nicht immer wählerisch sein zu können. Kalam kann zwar nicht gerade behaupten, hungrig zu sein und der Gedanke an Hühnerblut macht die Sache auch nicht besser, aber er scheint Blut zu brauchen… vielleicht würden seine Selbstheilungskräfte dann ja endlich anfangen, wieder zu wirken. Er visiert also gerade die vor sich hin gackernde Kommode an, als er hinter sich hektisch Tiuri herumrasseln hört… "Um der Himmel Willen, Mann, klirr leiser…" der im selben leutseligen Plauderton verkündet: "Japp. Ist ein Löwe." Das veranlasst Kalam dann doch dazu, sich umzudrehen, zu Magier und Ritter zu treten und zwischen den beiden hindurch ins Halbdunkel des Abtritts zu spähen.

Da sitzt tatsächlich ein Löwe, ein verdammt großer noch dazu - und sie alle drei blinzeln ihn bestimmt dreißig Herzschläge lang völlig verblödet an. Der Löwe blinzelt aus gelben Augen zurück und sieht dabei überhaupt nicht blöd aus. Noch nicht einmal sonderlich verwundert - wahrscheinlich unterteilt er sie in Gedanken schon in helles und dunkles Fleisch. Dann reißt er sie mit einem leisen, unheilverkündenden Grollen aus ihrer Schreckstarre und sie erinnern sich gerade noch rechtzeitig daran, dass es da ja so etwas wie eine Tür gibt, die man auch schließen könnte. Der Magier knallt dem Löwen also selbige vor der Nase zu und Tiuri hechtet seine Hose festhaltend davon, um zur Sicherheit noch eine der leeren Truhen vor den Abtritt zu schieben. Kalam indessen reicht Rayyan lakonisch das erstbeste Gefäß, das ihm in die Finger kommt… schließlich drängt da ein gewisses Menschenbedürfnis, Löwe hin oder her. Dass er dabei eine Jadevase der letzten Jararankhazdynastie aus der ersten Dekade des Dritten Zeitalters erwischt, entgeht ihm völlig und dem Magier wohl auch - oder es ist Rayyan einfach egal, jedenfalls schnappt er sich das Ding recht dankbar, dreht sich um und erleichtert sich mit einem ebensolchen Seufzen. Dann jedoch kommt Kalam ein schrecklicher Gedanke. "Äh… hat jemand nachgesehen … ich meine Nathan ist nicht da drin oder..."
Er hat den Satz noch nicht beendet, da hechten sie schon alle drei in Richtung Abtritt, verschieben die Truhe, öffnen die Tür noch einmal, diesmal nur einen spaltbreit, und spähen nacheinander wieder hinein. "Nein, kein Nathan. Sieh du nach!"
"Ajwa, ich kann überhaupt nichts erkennen außer… Sarurnirs verschimmelter Arsch, was haben wir nur gemacht!?"
"Ich sehe ihn nicht."
"Kannst du denn nichts riechen? Ich meine Blut müsstest du doch…"
"Meine Nase funktioniert nicht richtig. Die Selbstheilung auch nicht."
"Verdammt, ich kann mich an überhaupt nichts erinnern."
"Geht mir genauso."
"Was ist das letzte, das ihr noch wisst?"
"Rayyan, zieh dir endlich was an!"
"Wir… haben mit… Blutwein angestoßen?"
"Waren wir dabei auf dem Dach?"
"Was? Wieso sollten wir auf dem Dach gewesen sein?"
"Keine Ahnung, nur so ein Gedanke. Wie sehen meine Augen aus?"
"Ziemlich rot."
"Verdammt… "
"Kalam, iss etwas. Du bist nicht du selbst, wenn du Hunger hast."
"Äh… wartet kurz."

Ein leises Rumpeln, ein erschrockenes 'Gack!' und ein paar gerupfte Federn später kehrt Kalam zu den beiden zurück und legt die schlaffen Überreste des Hühnchens auf die Truhe vor der Tür zum Abtritt. "Wir können es ihm ja nachher reinwerfen. Vielleicht hat er nichts gegen… Reste." Das Blut wirkt und wie immer wirkt es schnell, auch wenn er bald mehr brauchen wird – er kann förmlich spüren wie die krachenden Trommeln und kreischenden Todesfeen hinter seiner Stirn wieder leiser werden. Da keiner von ihnen sich an irgendetwas nach dem Blutwein erinnern kann, der blondgelockte Fremde noch immer seinen Rausch ausschläft, ihr Gemach aussieht, als sei eine größere Tharndrakhihorde hindurchgefegt und auf dem Rückweg gleich noch einmal vorbeigekommen, weil Tiuri im wahrsten Sinne des Wortes in Ketten liegt und außerdem in die hektische Suche nach seinem Schwert vertieft fluchend durch das eitle Chaos stolpert, weil Nathan wie vom Erdboden verschluckt scheint, weil eine geschändete Inaristatue in ihrem Bett liegt, weil das Wasser aus der übergelaufenen Wanne bestimmt bald durch die dicken Eichenbohlen sickert und ein götterverdammter Steppenlöwe auf ihrem Abtritt hockt, weil ihr ganzes verwüstetes Gemach voller Gold und Geschmeide ist – Schätze, von denen sie keine Ahnung haben, wo sie herkommen oder wem sie gehören -, und weil keiner von ihnen auch nur einen Wimpernschlag länger als nötig halbnackt und unwissend hier herumsitzen will (schon gar nicht mit dem Löwen auf dem Scheißhaus), entscheiden sie einstimmig, dass es höchste Zeit ist, etwas gegen ihre offensichtlich missliche Lage zu unternehmen. Um einer misslichen Lage zu entkommen, müsste man nur erst einmal wissen, wie die Lage eigentlich ist – und wo sie ist. Und wann. Da Kalam der einzige ist, der schon so etwas wie ein Katerfrühstück hatte (wenn auch mehr schlecht als recht), wird er zum auskundschaften erwähnter Lage geschickt. "Wir brauchen etwas zu Essen. Salzig. Sauer. Und Cofea… danweise Cofea. Vielleicht ist Nathan ja unten… und versuch, herauszufinden, was passiert ist und wo wir sind…." wird ihm aufgetragen.
"Ja… und welches Jahr wir haben", murmelt Kalam, doch so leise, dass niemand darauf reagieren muss und wagt sich auf den Flur hinaus. Er kämmt sein Haar notdürftig mit den Fingern, verflucht wohl zum tausendsten Mal die Tatsache, dass er kein Spiegelbild mehr hat und bindet es im Nacken zusammen. Nun, seine Augen sind nicht mehr rot… respektabler wird er nicht werden.

Sie sind – soweit er das auf den ersten Blick beurteilen kann – in einem Gasthof. Und zwar einem von jener Sorte, die mehr leichtbekleidete Schankmaiden und Mägde beschäftigt, als irgendein Gasthaus brauchen kann, sich aber die Hurensteuer sparen will. Trotzdem scheint es ein besseres Haus zu sein… nicht gerade die Rote Halle, aber schon ziemlich nah dran, das schreit ihm jedenfalls die gesamte Inneneinrichtung entgegen. Kostbare Teppiche, keine Binsen. Öllampen und Laternen aus durchbrochenem Bronzedraht. Gediegenes Holz, sauber gescheuerte Böden, in warmen Farben gestrichene Wände. Das Stockwerk ist offenbar menschenleer und abgesehen von dem Gemach, aus dem er gerade getreten ist, gibt es nur noch zwei weitere Türen. Als er aufblickt, sieht er Balken an der Decke – sie befinden sich also im zweiten oder dritten Stock unter einem hohen Dach… hier oben liegen die besten Zimmer, soweit entfernt von den stinkenden Kanälen und dem Geschrei in den wenigen, verwinkelten Gassen Ambars wie nur möglich. Von unten dringen nicht nur leise Geräusche herauf, sondern auch der Geruch nach gebratenem Speck und Hering, Eiern, Haferbrei… hätte er noch einen menschlichen Magen besessen, hätte der sicher geknurrt und ihn daran erinnert, dass zu viel Blutwein und der Lebenssaft eines mageren Hühnchens im Verlauf eines Tages und einer Nacht völlig unzureichend sei. Menschenessen bedeutet ihm zwar nichts mehr, aber zu den wenigen Dingen aus seinem früheren Leben, an die er sich noch erinnern kann, zählen Gerüche – also folgt er den verlockenden Düften die Treppe hinunter. Der Wohlgeruch kommt aus einem großen Raum im ersten Stock, zwei Treppen unter ihm, der anscheinend als eine Art Speisesaal dient. Gut zwei Dutzend Frauen sitzen und hocken in entspannter Haltung um einen langgestreckten, breiten Tisch herum. Ein paar sind nach typischer Ostländerinnenart für den Tag gekleidet, doch die meisten tragen nichts als spinnwebzarte Gewänder, die mehr zeigen als verhüllen. Eine Frau am Ende der Tafel sieht ihn zögernd in der Tür stehen, nickt ihm zu und rückt ein Stück, um ihm auf der Bank neben sich Platz zu machen. "Du bist wohl der Neue, hm?" will sie wissen und mustert ihn neugierig. "Groß genug bist du ja und dein Kreuz ist schön breit. Sehr beeindruckend. Ich bin sicher, du wirst dich gut machen."

"Kräftig, muskulös und schwarzhaarig, schön abschreckend", bemerkt eine ausgesprochen hübsche Rothaarige ihnen gegenüber und mustert Kalam so gelassen, als handele es sich um ein Stück Bratenfleisch. "Och… und dein Haar, da wird man ja grün vor Neid! Die Augen sind auch nicht schlecht, so goldbraun. Wie Branntwein. Ich wette, damit kannst du ganz schön finster dreinschauen."
"Och, seht mal, sein ganzer rechter Arm ist tätowiert…" neckt ein dunkelhaariges Mädchen, das sich in einem geschnitzten Stuhl an der Stirnseite des Tisches räkelt und ein nacktes Bein über die Lehne baumeln lässt. "Gibt ihm etwas Exotisches, findet ihr nicht?"
"Wie heißt du eigentlich, Schätzchen?" Ein ziemlich rundliches Mädchen mit freundlichem Gesicht lehnt sich vor und lächelt ihn an. "Wir reden alle auf dich ein und haben uns noch nicht mal vorgestellt. Ich bin Beileag, das ist Ceana…" sie deutet mit dem Daumen auf die Rothaarige neben sich, dann auf die Dunkelhaarige und die Blonde, die ihn an den Tisch eingeladen hatte, "und das sind Rut und Ùna."
"Ich bin Kalam." Er hat keine Ahnung, wie er den Eindruck zerstreuen soll, er sei hier kürzlich angeheuert worden – für was auch immer. Die freundliche Ùna will ihm wohl einen Gefallen tun und schiebt Platten voller Essen in seine Richtung, doch dabei verrutscht ihre Chemise und ein großer, roter Fleck lugt unter dem Saum ihres Hemdes hervor. Rut neben ihr wirft einen Blick auf ihre Brust und schnalzt ungehalten mit der Zunge. "Deiner ist wohl ziemlich hart rangegangen, ja? Er hat dich geschlagen oder? Du solltest schreien, du lässt sie immer zu grob werden, Ùn. Irgendwann tut dir noch einer wirklich etwas an!"

"Ay, Rut hat recht", mischt sich die Rothaarige – Ceana – ein. "Sìlis, hol noch mehr Ale, der Neue hat noch nichts abbekommen", ruft sie einer Dienstmagd zu, dann wendet sie sich wieder an Ùna. "Du weißt doch, dass die Mistress nicht duldet, dass uns die Kunden misshandeln. Und der Wirt auch nicht, auch wenn er… na ihr wisst schon. Der Wirt", fügt sie an ihn gerichtet hinzu, "ist ihr Mann. Wir nennen ihn nur Spring. Wenn die Mistress sagt, "spring", fragt er nur wie hoch. Und nun spitz die Ohren Kalam, das hier ist wichtig für dich. Ich weiß ja nicht, ob du schon mal in einem anderen Hurenhaus gearbeitet hast und wie der Hase dort gelaufen ist, aber hier sorgt die Mistress ganz gut für uns. Wenn die Kerle ein bisschen grob mit uns umspringen, ist das eine Sache und wir hetzen dich natürlich bloß keinem guten Kunden an den Hals, sonst ist hier der Dunkle los. Aber wenn wir wirklich Angst haben oder glauben, dass uns einer verletzen will, dann brüllen wir aus Leibeskräften und du musst sofort zur Stelle sein, wenn das geschieht, verstanden? Und wenn du deine Aufgabe gut machst, ist vielleicht mehr für dich drin als nur das bisschen Silber, das die Mistress dir zahlt." Sie wirft ihm eine Kusshand zu und öffnet einladend ihre Beine, was die anderen losgackern lässt wie eine Schar Hühner. Die Versuchung, ihr lachend seine Zähne zu zeigen ist ziemlich groß, aber er belässt es vorerst bei einem wölfischen Grinsen. "Warum macht das nicht der Wirt, wenn er… ihr wisst schon. Euer Zuhälter ist?"
"Hast du dir den Knirps schon mal angesehen? Herrje, Kalam, der setzt ja noch nicht mal eine Fliege vor die Tür! Nein, nein, mein Hübscher – das ist deine Aufgabe. Deine und Cormags, aber der schnarcht bestimmt noch."
"Na, du hast ja die Tagschicht fürs erste Mal", wirft Beileag ein und tätschelt freundlich seinen Arm. "Da sollte nicht allzu viel los sein. Nicht nur Cormag, auch die Mädels von der Nachtschicht liegen noch fast alle flach und schnarchen, die faulen Stücke. War wohl einiges los gestern Nacht…."
"Einiges los?" Echot Ùna ungläubig und Kalam spitzt die Ohren. "Ja, diese Azurianer und diese Abenteurer, hast du's nicht gehört? Maíli und Leitis haben es doch wirklich jedem erzählt, also hör zu…"

Noch bevor sie zum Besten geben kann, was es mit Azurianern und Abenteurern auf sich hat, erscheint eine füllige und walkürenhafte, aber elegant gekleidete Mittvierzigerin mit einer voluminösen Hochsteckfrisur und zu viel Schminke im Gesicht in der Tür. Es ist allerdings schwer zu sagen, ob das Erstaunen oder das Entsetzen größer sind, die sich auf ihrem Gesicht malen. Dann stößt sie ein erschrockenes "Oh!" aus und stürzt auf ihn zu, als wolle sie ihn gleich am Arm packen und von der Bank zerren, überlegt es sich jedoch im letzten Moment anders. "Was macht Ihr denn hier?"
"Mich unterhalten", erklärt er ungerührt. "Eure Mädchen halten mich für den neuen Rausschmeißer."
"A'bhuineach!"* Entfährt es ihr. "Hat man Euch heute noch kein Morgenmahl hinaufgebracht?"
"Nein", erwidert er kühl und fragt sich einmal mehr, was hier vor sich geht – oder besser gegangen war.
"A Naeyris bheannaichte!*" Zischt sie unwirsch und wirft derart zornfunkelnde Blicke in die Runde, dass sich Kalam die Überzeugung aufdrängt, dass der sprichwörtliche Pantoffel im Osten der Immerlande dieselben geheimnisvollen Kräfte besitzt wie im Westen. Jedenfalls erklärt sich der Spitzname ihres Mannes damit von selbst. "Ich werde diese nichtsnutzigen Mägde auspeitschen lassen. Ich bitte tausendmal, tausendmal um Vergebung, Sire. Und ihr dummen gackernden Hühner", wendet sie sich noch einmal an die Huren, die ihn erstaunt anstarren, "seid froh, dass er euch nicht zum Frühstück gefressen hat, wisst ihr denn nicht, wer das ist?"

Sie weiß es offenbar – und auch, dass er ein Vampir ist. Was sie jedoch nicht im Mindesten zu stören scheint, jedenfalls entschuldigt sie sich unentwegt, während sie ihn hinausdrängt und will gleichzeitig wissen, ob sie – damit sind wohl Rayyan, Tiuri und er selbst gemeint – denn sonst noch irgendetwas bräuchten. Vielleicht mehr Mädchen oder Lustknaben, falls ihnen das lieber wäre, oder Nachschub an Branntweinen, Traumkraut, Sorispilzen… er bräuchte es nur zu sagen. Selbstverständlich würde sie auf der Stelle ein Morgenmahl hinaufschicken lassen. Cofea? Natürlich. Gebratenes? Selbstverständlich. Saure Gurken? Wenn die Herrschaften es wünschten… und was ihn angehe, so mache es wirklich ü-b-e-r-h-a-u-p-t keine Umstände, ihm Blut zu besorgen, ihr Vetter sei Schlachter und habe immer frische Ware, ganz gleich was er wünsche, ob Lamm, Kalb, Rind, Schwein, Büffel, Pferd, Esel… oder vielleicht unter Umständen wäre eines der Mädchen bereit…
Das ist der Moment, in dem ihm einfällt, was die rothaarige Hure gesagt hat: Hier sorgt die Mistress ganz gut für uns. "Rind wird völlig genügen", entgegnet er entsprechend frostig. Selbst wenn das hier das gastfreundlichste Haus auf Rohas weitem Rund wäre, kommt ihm das Verhalten dieser "Mistress" doch ein wenig übertrieben vor, vor allem angesichts der Tatsache, dass sie immer wieder die Hoffnung äußerst, die Herrschaften mögen noch recht lange bleiben, man habe selten so geschätzte Gäste, man würde alles, wirklich alles zu ihrer Zufriedenheit gestalten. Du scheinheiliges altes Luder, du weißt von dem Gold… Mag sein oder auch nicht, die Frage ist: was weiß sie vielleicht noch? "Mistress…" Kalam nimmt ihren Arm, gerade fest genug um ihr eine vage Ahnung seiner Kraft zu vermitteln, und schmiert entschlossen süßen Sirup auf seine Stimmbänder. "Da gibt es tatsächlich etwas, das Ihr für mich tun könnt", beginnt er und lächelt sein charmantestes Lächeln – samt Raubtierzähnen. Sie ist schon blass, aber nun wird sie noch um einige Schattierungen bleicher. "Ich muss wissen, was gestern Abend und letzte Nacht eigentlich geschehen ist."
"Wie… Ihr wisst nicht…nicht mehr?" Mistress' Augen werden so groß und rund wie Silberlinge und ihr Mund formt ein tonloses kleines 'Oh' des Verstehens. Kalam schüttelt gequält den Kopf und bemüht sich um seinen hilflosesten Gesichtsausdruck und sein jungenhaftestes Lächeln. Gleich darauf tätschelt sie beruhigend seinen Arm und zwinkert ihm irgendwie verschwörerisch, irgendwie aber auch wie ein Klatschweib, das gerade Blut geleckt hat, zu. "Also, Sire, das war so…"

*Scheiße!
*Heiliger Naeyris!
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Tiuri

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5

Saturday, February 27th 2016, 10:58am

Während Kalam das unglückselige Huhn auswringt versucht Tiuri erst mal seine schwergewichtigen Anhängsel los zu werden. Einfach die Hände raus zu ziehen ist natürlich absolut unmöglich, außer vielleicht wenn er sich beide Daumen brechen möchte. Möchte er aber nicht. Nicht als erste Maßnahme jedenfalls. Schon gar nicht wenn man ein Ritter ist und ein Drachenstahlschwert sein eigen nennt. >Fahl!< schießt es ihm durch den Kopf, denn schließlich wäre es nicht das erste Mal dass die Klinge Eisen durchdringt ohne dabei auch nur einen Kratzer abzubekommen. „Fahl, fahl, fahl, fahl,...ficken...verdammte scheiße... “ so und so ähnlich murmelt er also vor sich hin und nickt nur zwischendurch dem Vampir aufmunternd zu als dieser erklärt er würde nach unten gehen um Nathan zu suchen und vor allem um Cofea zu holen.
„Wo ist dieses verdammte Schwert!?“ Tiuris rechtes Augenlid zuckt schon unkontrolliert während er völlig unsystematisch durch den Raum irrt, dabei ständig mit seinen Fußketten irgendwo hängen bleibt und einmal sogar das Gleichgewicht verliert und dabei gegen den verbleibenden Arm der goldenen Statue zwischen den Seidenlaken knallt.

Ein goldener Finger im Auge hilft ihm auch nicht dabei sich zu erinnern. Absolut gar nicht. Was ist eigentlich überhaupt das letzte woran er sich entsinnen kann? Warum sind sie eigentlich noch mal hier? Achja, das Buch der Prophezeiungen. Daran kann er sich noch erinnern, sie haben das Buch nicht bekommen. Und dann? Hamadat.... Rayyan und sein elendiger Hamadat! Mühselig rappelt er sich hoch während sich der Boden unter ihm wesentlich schneller dreht als ihm lieb ist. Konzentrier dich Tiuri, woran kannst du dich noch erinnern? Blutwein? Er ist sich ziemlich sicher das giftige Gesöff nicht angerührt zu haben, oder doch? So wie er sich fühlt wäre das die einzig logische Erklärung.
Er dreht sich zu Rayyan um als der Magier gerade zwischen Gold und Scherben zum dritten Mal ein Stück Stoff hervor zerrt, diesmal offensichtlich etwas das für Männer gemacht ist und nicht nur aus Spitze und durchsichtiger Seide besteht.

„Hast du mein verdammtes Schwert gesehen?“ Rayyan schüttelt nur den Kopf während er sich in ein knallenges, leicht schimmerndes, blaugrünes Lederhemd zwängt von dem Tiuri sich relativ sicher ist es wären ihm aufgefallen hätte der Magier es schon auf ihrer Reise hier her getragen. So gut es mit gefesselten Armen und Beinen geht, schiebt Tiuri also Gold und Einrichtungsgegenstände von links nach rechts in der Hoffnung sein Schwert zu finden während langsam die Panik in ihm aufsteigt. Ich bin tot. Ich bin sowas von tot! Borgil wird mich in seinem Waffenkeller an die Wand hängen wo Azra mich frühestens nächstes Jahr zum Frühjahrsputz wieder findet.

>Was machen wir mit dem Löwen auf unserem Scheißhaus?<
Tiuri dreht sich klirrend zu dem Magier um, der weiter nach einer besseren Bekleidungslösung sucht. „Ich glaub der war schon da!“ antwortet er, nicht allzu überzeugend und dreht sich dann langsam einmal um die eigene Achse. „Was machen wir eigentlich mit all dem Gold? Und...“ so weit er es mit seinem schwer beeinträchtigten Gleichgewichtssinn wagt beugt sich der hochgewachsene Loaritter nach vorne und starrt seinem Freund auf die nackte Arschbacke als dieser sich auf der Suche nach einer geeigneten Hose gerade wieder nach unten beugt. „Was beim Dunklen hast du da am Hintern?“

Rayyan

Hänfling

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6

Friday, March 4th 2016, 11:58pm

Arsch

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß


Glücklich – weil entleert – macht sich Rayyan auf die Suche nach seinen Kleidern. Allerdings fehlt davon jegliche Spur. Stattdessen findet er Frauenunterwäsche aus feinster laiginer Spitze, rüschchenbesetzte Kniesocken, Stehkrägen, die schon beim Anschauen kratzen, Korsetts aus Samt und Brokat mit zerrissener Schnürung, hauchzarte Strümpfe aus Seidenbatist – die um die Bettpfosten geknotet sind -, Hemden und Hosen aus glänzend poliertem, schwarzem Leder mit allerlei Verschlüssen, von denen Rayyan nicht genau weiß, wozu man sie braucht, ein fein säuberlich geordnetes Sortiment Peitschen – Was beim….-, aber weder seinen Salwar, noch seine Leinenhosen, geschweige denn seine Stiefel kann er erspähen. In der einen Hand eine brillantenbesetzte Verbindungskette eines Brustschmucks, in der anderen die Leine eines Nietenhalsbands fragt er sich einmal mehr, was genau sie gestern Abend eigentlich getrieben haben… und ob er es überhaupt wissen will. "Wo verdammt nochmals sind meine Kleider?"

Leise fluchend pflügt er noch einmal durch das Durcheinander, stapft klimpernd um die umgestürzten Möbel, überprüft, reißt Decken und Laken vom Bett, soweit die Steinstatue es zulässt und kontrolliert, ob der Jüngling sich vielleicht auf seinen Sachen zusammengerollt hat. Letztendlich muss er einsehen, dass ihm die Wahl zwischen einem hautengen, aus glänzend blaugrünem Schlangenleder gefertigten ärmellosen Hemd mit tiefer Schnürung auf der Brust und einer viel zu kleinen, rosa Weste mit Perlmuttschüppchen und besticktem Saum. Pest oder Cholera. Grummelnd entscheidet er sich für Pest, zwängt sich hinein – es muss jemandem gehört haben, der mindestens einen Fuß kleiner ist – und versucht gar nicht erst die Schnüre zu binden, die einzig und allein dafür sorgen, dass das Stück Stoff nicht sofort entzwei reißt. „Hast du mein verdammtes Schwert gesehen?“, will Tiuri, der, die Nase fast im Gold, vor Rayyans Füßen vorbeigräbt, wissen. Rayyan schüttelt nur den Kopf und blickt prüfend an sich hinab, sich sicher, dass er noch irgendetwas vergessen hat und siehe da. Ah. Hallo. Hose. Richtig.

Dabei fällt ihm auch noch etwas anderes ein, auch wenn er nicht genau weiß, wie er seine Hose mit dem Löwen in Verbindung bringt. Auf der anderen Seite spielen seine Gedanken gerade Hamadat-Ping-Pong und lassen sich nur unter größter Anstrengung in so etwas wie eine logische Abfolge zwängen. "Was machen wir mit dem Löwen auf unserem Scheißhaus?" Am besten wir lassen ihn einfach laufen und tun so, als wüssten wir von nichts. Zumindest der letzte Part sollte ihnen nicht schwer fallen, immerhin scheint sich niemand von ihnen so wirklich genau – beziehungsweise überhaupt – daran erinnern zu können, was sie gestern Abend getan haben. Tiuri scheint seine unausgesprochene Meinung zu teilen und meint nur achselzuckend: "Ich glaub der war schon da!" Das ist gut. Der war schon da. Nicht unser Problem. Damit kann Rayyan leben.

Just hat er etwas entdeckt, was annähernd so aussieht, als könnte es mehr verdecken, als nur seinen Schritt und müht sich vornübergebeugt hinein, da tönt es plötzlich verstört hinter ihm: „Was machen wir eigentlich mit all dem Gold? Und... Was beim Dunklen hast du da am Hintern?“ "Hintern?", echot Rayyan dämlich und verrenkt sich schier den Hals bei dem Versuch sich über die Schulter auf den eigenen Arsch zu schauen. "Wo?" Langsam – weil schnell geht einfach nicht – dreht er sich erst rechts, dann nach links, dann wieder nach rechts: "Was?", drückt an seinen Pobacken herum, aber kann nichts erkennen, also streckt er Tiuri seine werte Kehrseite einfach noch einmal entgegen: "Was ist denn da, verdammt nochmals? Es tut scheißweh."

Kalam

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7

Saturday, March 5th 2016, 9:24am

Ärsche

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Als Kalam, von der Mistress des Hauses über die Ereignisse des vergangenen Abends soweit aufgeklärt, wie es ihr rudimentäres Wissen zugelassen hatte (das lässt zwar immer noch drei Dutzend brennende und ziemlich unerklärliche Fragen offen, ist aber nach seinem Geschmack schon viel zu viel), wieder im zweiten Stock des "Saftigen Schenkels" ankommt und in ihr Gemach zurückkehrt, bietet sich ihm ein derart pittoreskes Bild, dass er prompt wieder rückwärts auf den Gang tritt. Rayyan stiert ächzend vor Anstrengung über die eigene Schulter und schielt nach unten, wobei er dem Loaritter quasi den blanken Arsch ins Gesicht streckt, den dieser so eingehend mustert wie ein Schafzüchter ein vielversprechendes Mutterschaf auf dem Bauernmarkt von Midforêt. "Ahem." Kalam räuspert sich vernehmlich. "Mit einem durchgeknallten Magier, einem verrückten Loaritter und einem irren Zauberer nach Ambar reisen um ein verschollenes Buch zu finden, fein. Sich mit ihnen bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen, auch schön. Nathan im Vollrausch als Nathanette für ein Schiff an einen azurianischen Scheich verscherbeln, bitte, was tut man nicht alles. Aber das geht jetzt zu weit – ich bin raus." Er lässt die Tür wieder ins Schloss fallen, doch es dauert keinen Herzschlag bis sie vor seiner Nase wieder aufgerissen wird und ihm zwei verständnislose Gesichter entgegenblicken. "Nathan? Wo ist Nathan? Ist er unten? Hast du ihn gefunden?"
"Nein. Ja. Nein. Was ist mit deinem Hintern?"
"Vergiss meinen Arsch. Was ist mit Nathan?"
"Byfandarr… ich hab auch einen!" Tiuri starrt mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen in seinen immer noch halb offen stehenden Hosenbund.
"Einen was?"
"Einen Schlüssel, wie Rayyan, nur ist meiner tätowiert. Und nicht am Arsch, sondern…"
"Hey, damit kannst du die Kronjuwelen aufsperren. Wo ist deiner, Kalam?"
Er sieht in zwei synchron spekulativ-lüsterne Gesichter, schüttelt vehement den Kopf und hält unwillkürlich seine Beinkleider fest. "Oh nein… das vergesst ihr ganz schnell wieder."
"Och… äh… Nathan?"
"Ihr erinnert euch, dass wir Nathan zur Tarnung in Frauenkleider gesteckt haben, weil er sich in der Stadt ja nicht blicken lassen kann? Tja… wir haben ihn außerdem irgendwann gestern Nacht für ein Schiff, mit dem wir unser Gold aus der Stadt schaffen können, an ein paar Azurianer verkauft - als siebte Braut für deren Scheich. Außerdem haben wir mit einer geheimnisvollen Fremden gesoffen und mit Gold nur so um uns geworfen. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vielleicht noch rechtzeitig als Treuzeugen in den Hafen."
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Tiuri

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8

Saturday, March 5th 2016, 4:55pm

Am Arsch

"Wir haben was?!?"
"Und das wollte jemand?" Die Azurianer waren wohl auch schon ziemlich betrunken! Mit einer Hand hält Tiuri immer noch seine Hose nach oben, um die Schlüsseltätowierung in seiner Leiste zu verstecken, mit der anderen versucht er, sich den Haarschopf aus dem Gesicht zu streichen und schlägt sich dabei die Handschellen gegen die Nase. So kann er sich jedenfalls nirgendwo als Trauzeuge blicken lassen. Aber bevor er sich mit den anderen zusammen überlegen kann, wie sie Nathan aus diesem Schlamassel befreien, muss er erst wissen was mit seinem besten Stück, oder besser gesagt dessen Umgebung passiert ist. Und wer würde besser darüber Bescheid wissen als die freundlichen Damen dieses Etablissements. Jedenfalls hofft er dass sie freundlich sind… oder wenigstens weiblich – mit einem Blick auf den blonden Jüngling zieht er die Hose noch ein wenig höher und verkündet nach unten zu gehen um mehr über ihre missliche Lage – also eigentlich seine, nämlich die des Schlüssels und dessen Herkunft herauszufinden. Kurz überlegt er, ob er vorher irgendetwas gegen seinen nackten Oberkörper und die baumelnden Hemdärmel tun soll oder überhaupt kann, den Kampf gegen die Ketten hat er sowieso erstmal aufgegeben. Er lässt nur kurz einen Blick über das vorherrschende Chaos schweifen und entscheidet sich spontan für: Nein, es muss jetzt einfach egal sein!
Klirrend und scheppernd hüpft er mehr als er geht – immerhin trägt er immer noch diese dämlichen Fußfesseln – die Treppen hinunter wo die Mädchen der Tagesschicht immer noch zusammen um den Frühstückstisch sitzen. Sie alle blicken höchst interessiert in Richtung Treppenaufgang wo Tiuris Eisenketten ihn schon lautstark ankündigen. Man hat es ja leicht in der Damenwelt wenn man in glänzendes Yalaris gehüllt, ein berühmtes Drachenstahlschwert am Gürtel den stattlichen Ritter mit wallendem Haar mimt. Diese Vorzüge kann er im Moment nicht vorweisen, also setzt er stattdessen sein strahlendstes Lächeln auf und lässt einfach die Hüllen fallen.
"Mädels, kennt sich eine von euch damit aus?" Ein Kichern zieht sich durch die Gruppe. "Ja, bestens!" bestätigen ihm ein paar von den Mädchen mit anzüglichem Lächeln.
Kurz gerät Tiuri in Versuchung, aber dann schiebt sich das Bild von Nathan in Frauenkleidern vor sein inneres Auge und zerstört die Stimmung völlig. "Nein, nicht damit! Hiermit!" protestiert er und deutet auf den schwarzen Schlüssel auf rotgeschwollener Haut.
"Was ist denn mit Euch passiert!"
"Das kann man aber so nicht lassen! Wartet, wir wachsen das gleich!"
"Ihr solltet zu einem Heiler, das sieht nicht gut aus!"
"Hoffentlich ist das nicht ansteckend…"
"Das hat sicher nicht Baralis gestochen, seine Tätowierungen sind viel sauberer."
"Dann war das wahrscheinlich Fyler, das ist der nächste hier!"
"Fyler? Wo kann ich den finden?" fragt Tiuri dazwischen, während er versucht sein Blut im Hirn zu behalten als eines der Mädchen die Tätowierung mit ihren Fingern untersucht. Er fängt ihre Hände ab, weil er sonst bestimmt in wenigen Augenblicken nicht mehr die geringste Ahnung hat was ihm die Huren gerade erzählen, prägt sich die Wegbeschreibung ein und bringt dann sein bestes Stück vor gerade heiß werdenden Wachsstreifen in Sicherheit.
Im Zimmer oben angelangt befüllen Rayyan und Kalam gerade jegliche Truhen, Kiste, Körbe und Säcke mit Gold, Edelsteinen und allem was sonst noch so an Kostbarkeiten in diesem Raum herum liegt.
"Wir müssen zu Fyler, dem Tätowierer, der hat das hier verbrochen und vielleicht weiß er mehr davon was uns letzte Nacht so passiert ist! Und habt ihr mein Schwert gefunden?"

Rayyan

Hänfling

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9

Saturday, March 5th 2016, 8:12pm

Gold oder Nathan, das ist hier die Frage

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Rayyan starrt noch immer ins Leere, im vergeblichen Versuch zu verstehen, warum bei Sarunirs schimmligen Arsch denn bitteschön irgendwelche Azurianer Nathan kaufen sollten. Dann fallen ihm die Burka, die Zöpfe, die mit Henna bemalten Hände und die rasierten und dadurch sehr zarten, milchweißen Knöchel wieder ein und allmählich dämmert ihn, wie die Azurianer auf diesen Heiratsschwindel hereinfallen konnten. Und all das haben wir im Vollsuff geschafft. Das wäre uns nüchtern nie gelungen… Unter anderen Umständen wäre er stolz gewesen auf dieses gelungene Tauschgeschäft, immerhin kriegt man nicht jeden Tag ein ganzes Schiff für eine falsche siebte Braut – da es sich allerdings um seinen Freund handelt, ist er doch ein bisschen hin- und hergerissen. Als Tiuri irgendetwas von einer Idee faselt und prompt nach unten verschwindet, tauschen Rayyan und Kalam einen Blick und wenden sich dann in stummem Einverständnis den Bergen von Gold zu. Nathan hin oder her, es ist viel Gold und da noch niemand anders Anspruch darauf erhoben hat, gehört es jetzt ihnen. Zumindest hofft Rayyan, dass niemand Anspruch darauf erhebt. Und selbst wenn, es wäre ihm ehrlich gesagt egal. Sie müssen es irgendjemandem ehrlich oder weniger ehrlich abgeknöpft haben und Rayyan fragt sich ernsthaft, wie sie das in ihrem wahrscheinlich völlig desolaten Zustand geschafft haben, aber so oder so liegt es jetzt hier rum und jemand muss sich darum kümmern.

Es stehen genug Truhen herum – umgedreht, schräg an die Wand gelehnt, auf- oder zugeklappt, manche leer, andere halb voll -, um all die funkelnden und glänzenden Schätze zu verstauen. Und während Rayyan mit beiden Händen aus den klimpernden Geldmassen, den Haufen an Geschmeide und anderen glitzernden und funkelnden Kostbarkeiten (unter anderem ein seltsames, ziemlich großes Steinei in einem Mantel wundervoller Goldschmiedearbeiten) schöpft, wird ihm zum ersten Mal klar, wieviel Gold es eigentlich ist. Viel, wird ihm bewusst. Richtig viel. Wir sind reich. Bei Sarunirs schimmligem Arsch. ICH bin reich. Ich bin verdammt nochmals reich! Was ihn schlagartig an Colevar und Olyvar und die unheimliche Begegnung mit einer besseren Turbanschnepfe erinnert. Scheiße. Es ist wahr. Meine Prophezeiung ist wahr… Olyvar bringt mich um. Für einen Augenblick ist er derart fassungslos, dass er fast über seine eigenen Füße stolpert. Was offenbar Kalam prompt daran erinnert, dass Rayyan ab der Hüfte abwärts noch immer komplett nackt ist. Eine Sekunde später landet eine Hose vor Rayyans Fingern, was diesen vorerst aus den wirren Gedanken um Prophezeiungen und deren Wahrheitsgehalt reißt. Prüfend hält er das gefleckte Stück Leder in die Höhe und wirft es dann kopfschüttelnd hinter sich: "Zu klein." Prompt landen die nächsten Beinlinge vor seiner Nase. "Zu kurz." Und in diesem Takt geht es weiter, während sie sich von einer Ecke des Zimmers zum anderen vorarbeiten. "Zu lang." "Die hat ein Loch." "Die hat zwei Löcher." "Ist das Glitzer?", bis Kalam am Ende tatsächlich etwas findet, dass alle nötigen Stellen bedeckt und Rayyan immerhin ansatzweise passt, ohne unnötig einzuengen.

Als der Loaritter zurückkehrt, mit einer Hand noch immer die eigene Hose festhaltend, haben sie alle Kostbarkeiten sauber in den Truhen verstaut, selbige geschlossen und sogar schon einen Ort gefunden, wo sie ihren neu gefundenen (geklauten) Reichtum zwischenlagern können. Tiuri indes hat wohl herausgefunden, wo die Schlüssel herkommen. "Wir müssen zu Fyler, dem Tätowierer, der hat das hier verbrochen und vielleicht weiß er mehr davon was uns letzte Nacht so passiert ist! Und habt ihr mein Schwert gefunden?" Einstimmiges Kopfschütteln gibt die Antwort. Sie haben alles Mögliche gefunden, unter anderem ein Schwert, aber nicht Tiuris Schwert. Leise stöhnend, weil ihm immer noch der Schädel dröhnt, richtet Rayyan sich auf und streicht sich mit den Fingern durchs Haar. "Fyler, ajwa?" Noch einmal blickt er an sich hinunter. Dann an Tiuri. Dann an Kalam. Der sieht wenigstens aus, als könnte er sich auf die Straße wagen, ohne gleich einen mittleren Aufstand heraufzubeschwören. Einmal abgesehen von seinen Augen. Die leuchten schon wieder verdächtig rot. Knurrend versucht Rayyan das Porridge in seinem Gehirn zu sortieren. Nathan. Nathan ist wichtig. Dann das Gold. Genauso wichtig. Einen Moment schwankt er leicht vor und zurück und korrigiert dann: Wichtiger. In betrunkenem Zustand ist man zur Wahrheit verpflichtet, ob man will oder nicht. Also erst das Gold wegschaffen. Dann Nathan retten. Irgendetwas – später wird er es als Verstand identifizieren – beschwört ihn allerdings, dass es eine schlechte Idee wäre in ihrer derzeitigen Aufmachung auf die Straße zu gehen. Stimmt, gibt er der Stimme in seinem Kopf Recht.

"Du", wendet er sich an Tiuri und verengt die Augen zu Schlitzen: "Nein."
"Doch", erwidert der instinktiv, halb trotzig, halb verwirrt.
"Nein", besteht Rayyan: "Einfach nein."
Kalam übersetzt gnädigerweise, bevor ein Missverständnis entsteht: "Er meint, du sollst dir was anziehen."
"Ich habe was an", protestiert Tiuri.
"Nein", sagt Rayyan.
"Was anderes", souffliert Kalam: "Was Ganzes."
Wie schon Rayyan zuvor, sieht nun auch Tiuri an sich herab und sein Gesicht erhellt sich, als hätte er gerade eine großartige Erkenntnis gehabt: "Aah!"
"Und du", schwenkt Rayyan zu Kalam herum: "… rotes Zeug."
"Blut", hilft ihm Kalam einmal mehr, dieses Mal allerdings mit einem resignierten Seufzen und verschwindet kurzerhand noch einmal in den Gang hinaus auf den Weg nach unten.

Anscheinend begegnet er draußen aber direkt einem der Mädchen, die gerade im Begriff war ihnen das Morgenmahl zu bringen, denn es dauert keine dreißig Herzschläge, da ist er auch schon wieder zurück, vollbeladen mit einem Tablett voller herrlich duftender Köstlichkeiten – die Rayyan vorerst jedes Gold der Welt und jeden Nathan vergessen lassen.
Sie schlemmen sich also quer durch süße Milch, cremige Butter, Haferbrei, gebratenen Speck, Eier, frisches Brot, Marmeladen, Schinken, Waffeln mit Sahne und für Kalam einen Krug geschütteltes, nicht gerührtes, noch warmes Rinderblut. Das Essen sorgt dafür, dass die Alkoholnebel in seinem Schädel sich immerhin ansatzweise lichtet und ganz allmählich richten sich die Prioritäten, die beim Anblick von Gold und Essen ein wenig durcheinander geraten sind, wieder aus. Er hat den letzten Bissen noch im Mund, als er von den Truhen, zu der Statue, zu dem – immer noch schlafenden Jüngling -, zu dem mit Eisenketten gefesselten, hemdlosen Tiuri, an seinem eigenen, schimmernden Oberteil hinab und hinüber zu Kalam, der bis auf das Blut um seinen Mund am anständigsten aussieht von ihnen dreien. "Zayy iz-zift! Kann sich einer von euch an irgendetwas erinnern?" Es folgt synchrones, gequältes Kopfschütteln, was Rayyan nur noch finster dreinblicken lässt.

Gestern Abend hatten sie sich, unfähig das Buch zu finden und ebenso erfolglos im Versuch an den Schatz der Malsebior zu gelangen, in eine etwas schäbige Taverne irgendwo im Hafen zurückgezogen, um sich ihren Frust von der Seele zu trinken. Danach fehlt Rayyan jede Erinnerung. Aber irgendwie – und er weiß wirklich nicht wie – haben sie es danach noch geschafft nicht nur einen Schatz zu stehlen, sondern auch irgendwo einen Löwen aufzusammeln – Wo? Und wem gehört er? -, Tiuri sieht aus als wäre er festgenommen worden – Wofür? Was hatten sie noch angestellt? -, eine Inaristatue zu entwenden und zu verschandeln – Bei allen Göttern, Inari würde ihn nie im Leben wieder einen ihrer Tempel betreten lassen, die ganzen armen Maiden würden ihn fürchterlich vermissen -, sie haben sich brandmarken lassen – Rayyan hoffte inständig, dass jemand sie gebrandmarkt hat und sie das nicht selber gemacht haben… auch wenn er es nicht ausschließen kann, so unsauber wie die Male aussehen - und sie müssen sich mit mindestens zwei Dutzend Weibern vergnügt haben – zumindest implizieren das die ganzen Kleider, die auf dem Boden verstreut liegen.

"Ajwa", entschieden leckt er noch die letzten Waffelkrümel von den Fingern und erhebt sich: "Wir brauchen einen Umhang für dich. Und wir müssen das Gold in einem der Kanäle zwischenlagern." "Wo?", hakt Tiuri nach.
"Wir können das Gold hier nicht stehen lassen", ergreift Kalam das Wort: "Die Hurenmutter spekuliert darauf."
Rayyan deutet erst auf die hinter ihnen gestapelten Schätze und dann auf Tiuris Ketten: "Die trägst du bestimmt nicht, weil wir uns gestern wie mustergütige Tempelnovizen benommen haben. Irgendjemand ist also mit Sicherheit hinter uns her. Und wenn nur weil wir den Tempel vom Miststück entweiht haben." Womit sich drei Blickpaare gleichzeitig auf die Statue im Bett richten. "Solange das Weib mit Gold rechnet, hält sie mit Sicherheit den Mund", fährt Rayyan fort: "deshalb haben Kalam und ich uns überlegt, dass wir das Gold am besten durchs Fenster hier rausschaffen und irgendwo sicher verstauen, bis wir Nathan und dieses Schiff finden, für das wir ihn angeblich eingetauscht haben. Und der sicherste Ort in Ambar sind die Kanäle. Dort sieht niemand nach. Und wenn wir Nathan und das Schiff haben, kann Kalam einfach abtauchen und es wieder hochholen."
"WiegutdassihreinenVampirdabeihabtKalamkanneinfachabtauchenundeshochholenKalammussjanichtatmen…", äfft Kalam ihn grummelnd nach, was Rayyan einfach ignoriert und Tiuri mit einem Schulterzucken abtut. Er ist nun einmal der Vampir in ihrer Runde und der Einzige, der die Truhen alleine schleppen kann und außerdem nicht atmen muss.

Gesagt, getan, eine halbe Stunde später haben sie das Gold (und aus taktischen Gründen auch die traurigen Überreste der Inaristatue) sicher in den Kanal direkt hinter dem Etablissement geschafft, haben Umhänge aufgetrieben und der Hurenmutter – mit genug Gold - glaubhaft versichert, sie wären innerhalb kürzester Zeit wieder zurück, um die andere Hälfte der Mädchen zu beglücken (woraufhin sie sich tatsächlich erkundigt, ob Rayyan auch wieder einen blonden Jüngling wünsche, allerdings sofort zurückrudert, als dieser sie einen Moment lang aus schwarzen Augen fast schon mordlüstern anstarrt). Kurz darauf haben sie das als Gasthof getarnte Hurenhaus hinter sich gelassen und sind in das verwirrende Kanalnetz der Lagunenstadt eingetaucht, auf der Suche nach einem Tätowierer namens Fyler, sich selbst, Nathan, der Wahrheit, dem Karma, einem Löwenbesitzer und so etwas wie Niveau.

Kalam

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10

Saturday, March 5th 2016, 10:17pm

Ambar sehen und sterben…

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Sie finden weder das eine, noch das andere, und Niveau vorerst schon gar nicht, dafür bekommen sie reichlich Gelegenheit, sich die Lagunenstadt bei Tage anzusehen und wenigstens eine vage Ahnung davon, wo in Ambar sie sich überhaupt befinden. Anscheinend sind sie irgendwo im Westen der Stadt zwischen dem Großen Kanal und dem Amurkanal im Süden. Genauer gesagt im Viertel der Handwerker und Geldwechsler, was bedeutet, das zwischen ihnen und dem Großen Hafen in der Lagune von Ambar nur ungefähr ein Dutzend Kanäle, sieben Straßen, eine unüberschaubare Anzahl von Hinterhöfen und vier Cernogs oder Marktplätze liegen. Einer davon ist außerdem der Bragor, ein großer Umschlagplatz für Rohstoffe und Schiffsladungen, und da heute - wie sie bald erfahren - Amirtag ist, herrscht dort Großmarktbetrieb und die ganze Stadt summt wie ein aufgebrachter Bienenstock. Das macht es einerseits zwar leichter, in der schieren Menge in allen Gassen und den vollgestopften Kanälen unterzutauchen, bedeutet aber auch ein Großteil mehr Menschen und Wachen auf den Straßen. Sie drücken sich durch die Schatten winziger, verwinkelter Gassen, hüpfen unter dem lautstarken Protest der Gondoliere über irrwitzige schmale Boote, die sich in ebenso engen Kanälen stauen und bewegen sich durch ein raia'teisches Sprachgewirr, das über der ganzen Stadt liegt wie eine Glocke und selbst das allgegenwärtige Kreischen der Möwen spielend übertönt. Mit dem herrschenden Markt sind auch allerlei fahrende Händler auf Booten oder mit Eselskarren unterwegs, Kanalschwalben, Hausierer, Bettler und dazwischen Heerscharen ambarianischer Hausfrauen, bewaffnet mit Weidenkörben, Geldkatzen und einem nie still stehenden Mundwerk. Auf diese Weise schnappen sie jedoch im Vorbeigehen die neuesten Gerüchte auf, die in der Stadt gerade aufgeregt die Runde machen.

Vor dem Versammlungshaus der Schuhmacherzunft erfahren sie, dass es in der vergangenen Nacht anscheinend einen Thrarndrakhiüberfall gegeben hat und es wird ausgiebig über die nichtsnutzigen Ritter von Ètreda geschimpft, die ja wohl für gar nichts gut sind, noch nicht einmal dafür, die Stadt vor solchen Angriffen zu bewahren. Außerdem geht an jeder zweiten Straßenecke die Rede von vier Fremden, die gesucht werden, deren Beschreibung sich aber in einem "zwei sehen gut aus, eine steckt in einer Burka und einer ist wirklich, wirklich groß" erschöpft. Kalam, Rayyan und Tiuri tauschen zweifelnde Blicke - ein Tharndrakhiüberfall? Und sie hatten dabei gesoffen und all das angestellt, was sie offenbar angestellt haben? Vielleicht noch unter den Hufen vorbeidonnernder Reiterkrieger, während überall um sie her eine der Triadestädte zum Krieg bläst? Eher nicht… Am Platz des Heiligen Adomnán sind es schon drei Tharndrakhihorden geworden, aber über die Toten und angerichteten Schäden sind sich die allwissenden Klatschweiber nicht wirklich einig, denn ihre Ausführungen reichen von "eigentlich ziemlich vernachlässigbar" bis hin zur "Zerstörung halb Ambars" und man sucht immer noch die beiden Gutaussehenden, die Burkaträgerin und den "wirklich, wirklich großen" Kerl. Wer's glaubt. Als der Magier, der Ritter und der Vampir - unter dem lauten Gezeter der Bootsführer von Gondel zu Gondel springend (und dabei laut klirrend) wie zahllose andere Passanten (nicht klirrend) auch - den Kanal der Toten Jungfern überqueren, hören sie, dass der Palast des Dronte überfallen wurde, und zwar von mindestens zwei Dutzend wirklich üblen Schurken… vielleicht auch von der Burkaträgerin, den beiden Gutaussehenden und dem vierten, dem wirklich, wirklich Großen. Das lässt sie zwangsläufig hellhörig werden und die vage aufkeimende Ahnung allmählich von ihnen Besitz ergreifen.

Unter dem Gelächter der Kanalschwalben und Bettler etwas weiter südlich am Kettensteg der Verdammten heißt es dagegen, das geschähe dem aufgeblasenen Drontfurz ganz recht und man amüsiert sich königlich über die Wache, die seit den Morgenstunden schon durch die Viertel der Lagunenstadt gackert wie eine Schar aufgeschreckter Hühner – auf der Suche nach ein paar Fremden, eine in einer Burka, zwei, die gut aussehen und – natürlich - einem wirklich, wirklich großen Kerl. Diesmal ist der Blick, den Rayyan, Tiuri und Kalam tauschen schon alarmiert und der Loaritter ist außerdem langsam beleidigt und versucht sich krampfhaft kleiner zu machen. Kalam hat andere Sorgen - eine Stadtgarde, die am Ende hinter ihnen her ist, kommt ihnen jetzt gerade so recht wie ein Furunkel am Arsch. Zwei füllige Matronen mit züchtigen Hauben und eine Wasserträgerin am Querinbrunnen wollen wissen, dass dem Herrscher, die Götter mögen ihn selig halten (Ambar besitzt zwar einen Stadtrat, aber der Dronte ist nun einmal wer er ist) selbst war zwar kein Haar gekrümmt wurde, aber die feigen Hundsfotte von Räubern, hätten ihm seinen treuen, stolzen Leòmhann gestohlen und nun war die halbe Wache auf der Suche nach dem armen Tier, während die andere Hälfte die götterlosen Tharndrakhiheiden jagt, die den ehrwürdigen Inaritempel geschändet hatten. Oder nach zweien, die gut aussehen, einer Südländerin in einer Burka und einem wirklich, wirklich Großen. Damit ist es klar – sie sind das Gespräch der Stadt, sie und niemand sonst, und das bedeutet, dass sie jetzt nicht nur eine Wache am Hals haben, sondern auch noch den aufgebrachten Klerus und einen Dronte, der vor Wut wahrscheinlich tobt wie ein verschnupftes Branhorn.

"Großartig", knurrt Kalam. "Ambar sehen und sterben… was für Aussichten…." Wahrscheinlich hängen bald die ersten Steckbriefe von zwei Kerlen, die ganz gut aussehen und einem der wirklich, wirklich groß ist…. Und einer mit einer wandelnden Burka. Er kommt jedoch nicht dazu, sich noch weiter im Selbstmitleid zu suhlen, denn der Magier zerrt ihn abrupt in eine Schmiede, die sich unvermutet zu ihrer Rechten auftut und sich dort zwischen zwei hohe Steingebäude schmiegt. Der Schmied ist keine Gefahr, denn der schläft hingegossen auf einen Stapel Lederstücke, eine Flasche billigen Branntweins noch in der Hand, einen Rausch aus der so groß wie ihr eigener sein muss. Sonst ist niemand in dem halbdunklen Raum, der praktisch nur von der noch schwelenden Esse erleuchtet wird. Mit einem leisen, aber triumphierenden "Ha!" stürzt Tiuri hinein und sucht in fliegender Hast und unter beständigen Ermahnungen, gefälligst leiser vor sich hin zu scheppern, die nötigen Werkzeuge zusammen. Den komatösen Schmied stört das alles nicht, der schnarcht so laut, dass es klingt, als säge er gerade im Alleingang den Dunkelwald ab. Rayyan wird als Wachposten des Schmiedes abkommandiert und Kalam muss Tiuri helfen, mit Hammer und Stemmeisen endlich die Hand- und Fußketten loszuwerden. Sie sind so leise, wie sie nur sein können, auch wenn Kalam das Gefühl hat, das rhythmische "Klong" des Hammers muss meilenweit zu hören sein. Mittendrin zieht Rayyan dem armen Schmied einen Holzknüppel über den Schädel und verteidigt sich auf Tiuris erschrockenen Blick hin damit, dass der Kerl gezuckt habe. Ganz bestimmt. Er habe das genau gesehen. Ajwa. Dem Herrn der Knochen sei Dank brauchen sie nicht allzu lange, um auf dem Amboss die verräterischen Eisen loszuwerden und das Glück bleibt ihnen insofern hold, als dass sie in der Schmiede nicht nur einen Strick finden, mit dem Tiuri endlich seine Hosen zusammenbinden kann, so dass sie ihm nicht alle Naslang in die Kniekehlen rutschen, sondern auch ein ledernes Hemd, das zwar an den Ärmeln ein wenig kurz sein dürfte, dem baumlangen Loaritter ansonsten aber leidlich passt – es ist nur so oft ausgebessert und gestopft worden, dass es aus mehr Nähten und Flicken besteht, als sonst etwas. "Na dann… sehen wir zu, dass wir diesen Fyler finden."

Laut den Huren des 'Saftigen Schenkels' hat Fyler seine schmierige Taverne und Tätowierkammer nahe der Brücke des unglücklichen Esels am Platz der Schreienden Eselstreiber der jedoch völlig friedlich unter der matten Wintersonne liegt und nur ziemlich unangenehm nach fauligem Brackwasser und altem Fisch stinkt. In der Taverne mit dem klangvollen Namen Lagunengarten herrscht dafür die anheimelnde Atmosphäre eines azurianischen Hamams und sie ist bist auf den allerletzten Fußschemel vollgestopft mit Händlern, Schauerleuten aus dem Hafen, Kanalschwalben und dem ein oder anderen Beutelschneider sowie ein paar alten Säufern, die über Krügen mit schalem Bier zusammensitzen und über "gute alte Zeiten" schwadronieren. Fyler selbst ist ein sehr schlanker Mann mittleren Alters, zwei Köpfe kleiner als er, mit einem Gesicht, das angenehm gewesen wäre, hätte sich nicht ein schütterer, rötlicher Bart wie ein Mopp um sein Kinn gelegt. Graue Strähnen durchziehen das nicht minder schüttere Haar auf seinem ovalen Kopf und seine dürren Arme sind über und über mit verblassten Tätowierungen verunziert, die erstens überhaupt nicht zusammenpassen und zweitens keinerlei Sinn ergeben… außer dass sie verraten, dass Fyler offenbar eine große Schwäche für dicke nackte Frauen mit vier Brüsten zu haben scheint. Allerdings begrüßt sie der Kerl, als seien sie seit Jahrzehnten beste Freunde, fällt ihnen der Reihe nach um die erschrockenen Hälse (in Tiuris Fall eher um die Brust, weil er höher nicht hinaufreicht) und krakeelt, wie könnte es anders sein: "Die zwei Hübschen und der wirklich, wirklich große Kerl! Wo habt ihr Nathanette gelassen, meine Freunde?" Dann schmeißt er ihnen zu Ehren – und noch bevor irgendjemand es verhindern kann – eine Tavernenrunde für alle und lässt sie für ihre heroischen Heldentaten, nämlich das Foppen von Obrigkeit, Klerus, Dronte und Orden (wen immer er damit meint) hochleben. "Äh… verdammt."
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Tiuri

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Sunday, March 6th 2016, 12:07am

Schöne Knöchel

Die Taverne mit dem klingenden Namen Lagunengarten ist alles andere als ein heimeliger Garten. Eher ein stinkendes, schmieriges Loch das wirklich nicht dazu einlädt jemanden mit einer Nadel an irgendeine Körperstelle zu lassen, schon gar nicht an eine etwas sensiblere, so wie die an der sich Tiuris Schlüssel befindet. Sie haben noch kaum die Türschwelle überquert da fliegt ihnen schon ein drahtiger Mann mit rotgrauem Haar – jedenfalls das was noch davon übrig ist- entgegen und umarmt jeden von ihnen so herzlich als wären sie langvermisste Kriegskameraden.
Ein Blick zur Seite in die Gesichter seiner beiden Freunde verrät Tiuri, dass sich auch hier keiner von ihnen an den Kerl erinnern kann und sie nicht absolut sicher sind wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Doch bevor sie auch noch irgendetwas sagen können, hat jeder von ihnen auch schon einen Bierkrug in der Hand – worauf Tiuri immer noch wirklich getrost verzichten kann, er ist ja schon froh sein Frühstück nicht noch einmal nach oben befördert zu haben.
>Die zwei Hübschen und der wirklich, wirklich große Kerl! Wo habt ihr Nathanette gelassen, meine Freunde?<
"Was? Wen?"
"Ich bin auch hübsch!"
"Nathanette?!"
Sie sprechen alle drei gleichzeitig durcheinander, aber Fyler lässt sich davon nicht beirren, genauso wenig wie von ihrer offensichtlichen Verwirrung. "Na, Nathanette, eure schüchterne Freundin unter der azurianischen Burka! Was für Knöchel!" Fylers Stimme klingt ehrlich beeindruckt als er von Nathanettes lieblichen Vorzügen spricht, was Tiuri leicht das Gesicht verziehen lässt. Für ihn ist Nathan, Burka hin oder her, nun einfach eindeutig ein Kerl und seine Knöchel sind ihm nicht einen Moment lang aufgefallen. Aber andererseits bevorzugt Fyler auch vierbrüstige Frauen, was weiß der schon von schönen Knöcheln. Oder überhaupt davon wer hier hübsch ist und wer nicht. Auf jeden Fall wissen sie jetzt, dass sie Nathan zu dem Zeitpunkt als sie bei Fyler aufgeschlagen haben noch bei sich hatten.
"Und du mein freundlicher Riesenelch, du bist deine Ketten losgeworden!" sagt er lächelnd und klopft Tiuri dabei überraschend stark auf den Rücken, für Tiuris Empfinden etwas zu knapp an seinem Allerwertesten vorbei. "Ja", erwidert er und hebt dabei mit einer Todesverachtung den Bierkrug an die Lippen. "Sagt, hatte ich als wir bei euch waren mein Schwert dabei? Großes, rauchgraues Teil. Sehr scharf!" Fylers Augenbrauen ziehen sich amüsiert nach oben. Langsam dämmert offensichtlich auch dem Tätowierer, dass sie sich nicht wirklich an die Vorkommnisse der letzten Nacht erinnern können. "Nein, das muss in der Hafenwache sein, das haben sie dir doch abgenommen bevor ihr bei mir herein gestolpert seid und euch vor der Wache versteckt habt! Wir haben zusammen getrunken, ziemlich gut und dann hattet ihr die großartige Idee euch alle von mir verschönern zu lassen, gefallen euch die meine Kunstwerke auch noch am Morgen?"
Tiuri bekommt die Fylers Ausführung über ihre Tätowierungen gar nicht mehr so wirklich weg. Sein Mund steht ihm offen, sein Gesicht ist schreckverzerrt! Versteht dieser arme Irre nicht was er da so eben gesagt hat? Fahl in den Fängen der Stadtwache! Das ist eine Katastrophe! Ich bin tot, ich kann nie wieder nach Hause gehen. Borgil rupft mir eigenhändig die Eingeweide raus.

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Rayyan

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Sunday, March 6th 2016, 2:53pm

Yaatak Darba fi 'albak

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Neben ihm schrammt der wirklich, wirklich Große am Rand eines ausgewachsenen, hysterischen Anfalls entlang. Rayyan versteht nichts von Schwertern, weder von solchen aus Drachenstahl, noch aus irgendwelchen anderen Metallen, auch nicht von Geweihten, Heiligen oder Antiken. Natürlich können sie in den richtigen Händen ganz nützlich sein (Gemüseschneiden, Köpfe abhacken, Eingeweide durchbohren, Stockbrot über dem Feuer backen), aber letztendlich ist es nicht mehr als ein größeres Buttermesser, und deshalb kann er Tiuris Panik hinsichtlich des potentiellen Verlusts einfach nicht nachvollziehen. Hätte er darum gewusst, von wem Tiuri das Schwert erhalten hat, er hätte ihn tatsächlich bemitleidet, denn von Borgils hingebungsvoller Liebe für besondere Waffen hat auch er schon gehört. So aber wirft er Tiuri nur einen genervten Seitenblick zu, ehe er dem alten Tätowierer lauscht, der mit den blumigsten Ausschweifungen von ihrem gestrigen Treffen erzählt – und dabei nicht ein einziges, verdammtes Detail auslässt, weshalb sie unweigerlich irgendwann zu der Stelle kommen, wo Rayyan ihm, stockbesoffen, den blanken Arsch entgegen gestreckt, auf seine linke Pobacke gezeigt und lautstark gefordert hatte: 'Machs's mir genau hier!' Das der Drecksack seine Rede auch noch mit sehr anschaulichen Gesten untermalt trägt nicht dazu bei, Rayyans Laune zu bessern. "Yaatak Darba fi 'albak", knurrt er unter angehaltenem Atem und ist nahe dabei, Fyler wenn nötig tatkräftig zum Schweigen zu bringen, als dieser glücklicherweise auch schon von Rayyans Pech auf Tiuris umschwenkt.

"Und dann hat der Riesenelch hier versucht euch auszutricksen. Ihr hattet offenbar keine Ahnung, dass ein Brandmal bei einem Ritter unserer heißen Loa nicht hält. Er hat also brav seine Schulter hingehalten, aber nichts ist passiert." Lachend klopft sich der Wirt des Lagunengartens auf die Oberschenkel und amüsiert sich auch nach Stunden noch immer köstlich über ihre dämlichen Gesichter, als sie gesehen hatten, wie das Mal vor ihren Augen auf Tiuris Schulter zu nichts weiter als einem zarten, roten Hauch verblasst war. "Aber", mit einem knochigen Finger wedelt Fyler vor ihren Nasen herum und schüttelt seine schüttere Mähne: "das habt ihr ihm nicht durchgehen lassen. Und ehe ich mich versah, wurde mir ein prächtiges Gemächt präsentiert. Wo ist eigentlich das Pferd, mein Junge, dem du das geklaut hast? Du hast ihn festgehalten", er deutet auf den Vampir, der schreckensbleich werden würde, wenn er es nur könnte, sich reumütig an Tiuri wendet und lautlos flüstert: 'Es tut mir leid. Du bist wirklich, wirklich groß, und es tut mir wirklich, wirklich leid.' "Und du und Nathanette haben ihm die Hosen runtergezogen." Rayyan, nicht weniger entsetzt als Kalam, aber eindeutig weniger reumütig als angewidert, wischt sich demonstrativ die Hände an der Hose ab und schwört sich insgeheim, dass wenn sie das alles hier tatsächlich heil überstehen und Ambar mit dem Gold und mit Nathan verlassen sollten, er die anderen zwingen würde, einen Schwur abzulegen, dass keiner von ihnen jemals irgendwem gegenüber irgendetwas über diesen Abend erzählen würde. Oder ich muss sie umbringen.

Kalam

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13

Sunday, March 6th 2016, 3:48pm

Mitgefangen, mitgehangen

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Kalam schämt sich wirklich nicht oft im Leben – oder im Dasein, er lebt ja nicht mehr (auch wenn er so eine vage Ahnung hat, dass Scham auch keinen großen Stellenwert hatte, als es noch so war) – und Bescheidenheit gehört auch nicht unbedingt zu seinen herausragenden Charaktereigenschaften, aber den armen Loaritter auf dem Tisch festgehalten zu haben, während man ihm seine edelsten Teile verunstalten wollte… das tut ihm schon ein wenig leid. Ganz aufrichtig. Ehrlich. Er ist ja nicht ohne Mitgefühl. Tiuri wirft ihm und Rayyan nur einen vernichtenden Blick zu, lässt Schlüsseltätowierung Schlüsseltätowierung sein und stürzt sich nach dem ersten Schock postwendend auf die Neuigkeiten zu seinem verschollenen Schwert. "In der Hafenwache? Ausgezeichnet! Dann gehen wir jetzt Fahl holen!" Der Magier aber schüttelt den Kopf und widerspricht: "Erst holen wir Nathan."
"Nein, wir holen zuerst Fahl."
Dem folgenden, hitzigen Streitgespräch schenkt Kalam nur wenig Aufmerksamkeit. Er wendet sich an Fyler und sieht den Schmuddelwirt fragend an, woraufhin dieser nervös mit den Schultern zuckt. "Aber ja doch, ja doch. Nur… also bei Euch… es tut mir ja leid… hält einfach keine Tätowierung, wir haben das noch so oft versucht…" Nachdem er an sich selbst einfach nirgendwo (nein, noch nicht einmal da) verräterischen Brandnarben oder sonstige Verunstaltungen entdecken konnte, erst recht keinen Schlüssel, hatte er sich so etwas schon gedacht. Beim Herrn der Knochen… er kann einfach nicht glauben, was er gleich tun wird, aber andererseits. "Habt Ihr den Schlüssel noch?"
"Den Ambarschlüssel? Natürlich, der ist hier irgend…"
"Holt ihn und bringt ihn zum Glühen. Er muss wirklich heiß sein, am besten brennt er schon fast."
"Seid Ihr sich… oh."
"Ja."
Im Hintergrund streiten Rayyan und Tiuri noch immer.
"Erst Nathan."
"Erst Fahl."
"Nathan!"
"Fahl!"
Es folgen ein paar sehr blumige azurianische Flüche, Kraftausdrücke, Schimpfworte und Phrasen, von denen Kalam nicht alle versteht, doch der Loaritter gibt keinen Sekhelrin nach. "Es ist mir scheißegal, was du in deiner Kameltreibersprache faselst, es bleibt bei Fahl!"
"Nathan!"
"Fahl! Nathan können wir zur Not auch noch aus Azurien retten. Ich wollte schon immer mal eine Hochzeit sprengen!"
Fyler bringt den wortwörtlich glühenden, flammenschlagenden Schlüssel und Kalam krempelt seufzend den Hemdsärmel seines linken Armes hoch.
"Klappe, alle beide", knurrt er. "Zuerst…" Er gibt dem Wirt einen Wink und beißt die Zähne zusammen. Nur weil er irgendwie tot ist heißt das nicht, dass er keinen Schmerz fühlen würde, vor allem wenn der mit Feuer zu tun hat. Er ist sogar absolut unbeschreiblich. "Gnnnarrrrghhh", Kalam atmet heftig durch die Nase, während die anderen beiden ihren albernen Streit beenden und ihn erst erstaunt, dann mit hochzufriedenen Mienen mustern. Kalam zuckt mit der rechten Schulter, auf die ihm kameradschaftlich geklopft wird - die linke brennt wie Feuer, während sich das glühende Eisen durch Haut und Fleisch frisst und sein Mal hinterlässt. "Mitgefangen, mitgehangen." Mit rot tränenden Augen mustert er das schlüsselförmige Brandzeichen, derweil Fyler sich hastig in Sicherheit bringt, wer weiß schon, auf welche Ideen der verrückte Blutsauger sonst noch kommt. "Können wir jetzt bitte gehen? Wohin auch immer?"
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Rayyan

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14

Sunday, March 6th 2016, 7:00pm

Fahl oder Nathan, das ist hier die Frage

Irgendwann im Langschnee und Silberweiß

Gönnerhaft klopft Rayyan dem Vampir auf die tätowierte Schulter. Er konnte den Kerl von Anfang an gut leiden und dass der sich ihrer peinlichen Pein solidarisch anschließt, lässt ihn in Rayyans Achtung nur noch steigen. "Also dann, auf zu Nathan."
"Nein, zur Hafenwache", kommt es sofort von Tiuri.
Wütend blafft Rayyan ihn an: "Bei Sarunirs Gammelarsch, hast du's bald mit deinem Drecksschwert. Kauf dir halt einfach ein Neues."
Kalam fletscht im Hintergrund die Zähne und knurrt: "Fangt ihr schon wieder an? Nochmal lass ich mir kein Brandzeichen verpassen."
Doch dieser blöde Loaritter will einfach nicht nachgeben, sondern besteht starrsinnig darauf, dass sie jetzt erst Fahl holen. Eindeutig Borgils Sohn, denkt sich Rayyan und kann Zwerge gleich noch weniger leiden. "Ich werde Nathans Leben nicht für deinen Drachenzahnstocher aufs Spiel setzen", weigert sich Rayyan allerdings ebenfalls beharrlich, auch nur so viel wie einen Sekhelrin nachzugeben. "Ohne meinen Drachenzahnstocher gehe ich nirgendwo hin", kreuzt Tiuri daraufhin seine Arme vor der Brust: "Was ist, wenn die mein Schwert verscherbeln? Ich kann mich nie wieder in Talyra blicken lassen. Borgil bringt mich um. Der köpft mich, bäckt mich in Fischöl, wischt mit meinen Eingeweiden den Boden auf, nachdem er mich kastriert hat und das auch nur, wenn ich das viel Glück habe, in dieser Reihenfolge."
Kalam lehnt inzwischen völlig erschöpfte Geduld am Tresen und murmelt etwas von einer schweren Kindheit, derweil Rayyan zornig die Arme über dem Kopf verwirft und brüllt: "Schön! Sarunir yin'al abuuk! Holen wir eben erst den Drachenzahnstocher. Aber wenn Nathan irgendetwas passiert ist, weil wir getrödelt haben, dann brat ich dich in Fischöl, kastrier dich und wisch mit deinen Eingeweiden den Boden auf und zwar genau in DIESER Reihenfolge."

Dann stürmt er aus der Schenke hinaus in die feuchtkalte Morgenluft und wünscht den Loaritter, dessen Vater und Zwerge und deren Starrsinn ganz im Allgemeinen zum Dunklen. Kalam folgt ihm auf dem Fuß und auch Tiuri gesellt sich gleich darauf dazu, viel zu offensichtlich zufrieden damit, den Streit für sich entschieden zu haben. "Behalt dein dämliches Grinsen für dich", schnauzt Rayyan ihn von der Seite an, holt einmal tief Luft und wirft dann noch einen flüchtigen Blick hinter sich, wo die Türe der Spielunke gerade wieder ins Schloss fällt. Dann streifen seine Augen erst Kalams noch immer schmauchenden Oberarm, gleiten ganz kurz über Tiuris Hosenbund und wandern dann zu seinem eigenen Hinterteil. Die Blicke der anderen folgen stumm dem Seinen und angesichts dessen, was noch vor ihnen liegt, beziehungsweise noch viel wichtiger, was sie bereits hinter sich haben, verfliegt jeder Ärger.
Geräuschvoll holt er Luft: "Was auch immer in Ambar passiert ist und noch passieren wird…"
"Bleibt in Ambar", kommt es synchron zweistimmig zurück.
Dann laufen sie geschlossen los.

Sie marschieren zügig durch die noch wenigen, verbleibenden Gassen und Brücken, die zwischen ihnen und der Hafenwache liegen, bis sie die Hafenbrücke erreichen, die zum Bragor führt. Sie überqueren den großen Marktplatz völlig unbehelligt, passieren die Menschenmassen ohne größeres Aufsehen und halten direkt auf die Garnison zu – nur um in allerletzter Sekunde im Gleichschritt einen Bogen zu schlagen und in eine Seitengasse einzutauchen, als sie alle gleichzeitig die drei funkelniegelnagelneuen Steckbriefe direkt neben dem eisenbeschlagenen Eingangstor entdecken.
Fluchend drückt sich Rayyan in den Schatten der Hausmauer und schielt ums Eck, um zu sehen, ob irgendjemand auf sie aufmerksam geworden ist. Doch die Wachen sind glücklicherweise abgelenkt durch eine Horde freilaufender Ziegen, die aus ihrem Gatter ausgebrochen sind. Soris sei geküsst, fast wären wir denen direkt in die Arme gelaufen. Beruhigt will sich Rayyan umdrehen und erstarrt in der Bewegung, als er an der Mauer direkt gegenüber weitere Steckbriefe entdeckt. Und an dem Töpferstand am anderen Ende der Gasse. Und an den Fensterläden vier Fassaden weiter. Zwei davon zeigen Kalam und sein Konterfei und auf einem ist eine wandelnde Burka mit einem vergrößerten, schlanken Knöchel samt Schlüsselbrandmal - das er inzwischen nur zu gut kennt - abgebildet. Nur von Tiuris Steckbrief fehlt bis auf vier abgerissene Ecken jede Spur. Wohin er auch blickt, er kann sich, Kalam und Nathans schönen Knöchel entdecken, aber keinen Tiuri.

"Zayy iz-zift. Die hängen überall. So kommen wir nie unbemerkt irgendwohin." Sicherheitshalber zieht Rayyan die Kapuze seines Umhangs über seinen Kopf und tief ins Gesicht. Die anderen tun es ihm gleich, selbst der Loaritter, von dessen Steckbriefe nur Fetzen übrig sind. "Und wer bei Sarunirs schimmligem Arsch hat deine abgerissen?", richtet er sich missmutig an Tiuri, ohne eine wirkliche Antwort darauf zu erwarten, schon gar nicht die, die er bekommt. "Ich bin einfach so schön, die haben sich die Weiber mit nach Hause genommen, um sie sich über ihre Bettstatt zu hängen." Bevor er irgendetwas Schlagfertiges darauf erwidern kann, wittert der Vampir hinter ihnen und prüft argwöhnisch die Luft: "Warum stinkt es hier nach Goblin?"
"Wirklich?", schnaubt Rayyan ganz entnervte azurianische Geduld und deutete auf die Steckbriefe: "Haben wir kein anderes Problem?"
Das entlockt Kalam nicht mehr als ein Schulterzucken und ein süffisantes: " Bist du vielleicht Steckbriefjungfrau? Ist das dein erstes Mal?"
"Fick dich, Vampir."
"Ja, ich kann dich auch gut leiden."
"Abmarsch, ihr Turteltäubchen", interveniert Tiuri: "Wir können nicht ewig hier herumstehen", und tut entschieden den ersten Schritt in Richtung Wachgebäude, wird allerdings von Vampir und Magier ausgebremst, die hinter dessen Rücken einen Blick tauschen.
"Hey, Herr der Flammen", ruft Kalam ihm hinterher, woraufhin der Loaritter sich zähneknirschend noch einmal zu seinen beiden Kameraden umdreht, die immer noch völlig entspannt an Ort und Stelle stehen.
"Du hast das was vergessen", ergänzt Rayyan und Kalam übernimmt fließend: "Es gibt da ein Problem mit deinem Plan." "Ajwa", stimmt Rayyan zu: "du hast keinen."
Für einen Augenblick starrt Tiuri sie an und auf seiner Stirn pocht eine Ader, dann will er trocken wissen: "Echt jetzt? Jetzt beendet ihr schon gegenseitig eure Sätze?"
"Ja", antworten beide aus einem Mund und schlagen ein, völlig ungerührt und ohne sich anzusehen.

Tiuri, ein bisschen am Ende mit seiner Geduld, winkt einfach ab und fordert: "Rayyan, los."
"Los?" Argwöhnisch verengt Rayyan die Augen zu Schlitzen.
"Hüpf. Spring, oder husch ins Netz, oder wie auch immer ihr das nennt, mach einfach. Rein, raus, geht ganz schnell, tut auch nicht weh."
Grantig, weil er wie ein besserer Fussbodenhexer zur Arbeit angetrieben wird, zieht sich Rayyan tiefer in die Gasse zurück, damit niemand sehen kann, wie er ins arkane Gewebe eintritt: "HüpfMagier.SpringMagier.MachMagier.ReinrausMagier.GehnachAmbarhabensiegesagt,werdereichhabensiegesagteswirdSpasshabensiegesagt… ha… ha… ha…" Trotzdem webt er den Zauber, denn tatsächlich scheint dies derzeit der einzige Weg an den Wachen und den Steckbriefen vorbei. Die nächsten Minuten ist er damit beschäftigt relativ ziellos durch blühende Farben und bunte Lichtkringel zu wandern, hier und dort vorsichtig einen Spalt aus dem Netz heraus zu öffnen und nach der Asservatenkammer zu suchen. Diese ist glücklicherweise verlassen. Genauso wie der Rest des Gebäudes. Wahrscheinlich sind die alle hinter uns her. Und dem Löwen. Und den Tharndrakihorden, die angeblich den Inaritempel geschändet haben. Bislang ist ihnen das Glück ziemlich hold gewesen, - abgesehen von kleineren Schwierigkeiten- er kann nur hoffen, dass Soris sie weiterhin durch diesen Wirrwarr von vergessenen Geschehnissen begleitet.

Rasch durchsucht er die Gestelle, Schränke und Kisten nach dem Schwert, findet mehrere, aber keines davon sieht aus wie Fahl. Zumindest glaubt er das, aber sicher kann er sich nicht sein. Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen zieht er sich erneut ins arkane Gewebe zurück, öffnet direkt neben Tiuri und Kalam ein Portal und macht sich gar nicht erst die Mühe hinaus zu treten, sondern winkt den Loaritter einfach zu sich: "Ich kann das Ding nicht finden. Schau selbst." Also geht es erneut zurück ins Innere, wo nun auch Tiuri alles auf den Kopf stellt und mit jeder verstreichenden Sekunde, in der er sein Schwert nicht findet, hektischer wird. Aber Fahl ist und bleibt verschwunden, und bevor der sieben Fuß große Irre einen mittleren Tobsuchtanfall kriegt, zieht ihn Rayyan auch schon wieder ins Netz und bringt ihn hinaus an die kalte Luft. Sofort fragt Kalam: "Und?", erntet aber nur Kopfschütteln, bevor auch er genötigt wird durch das magische Flirren zu reisen und mithilfe seiner Nase nach diesem Schwert zu suchen. Allerdings kommt sein Geruchsinn nicht zum Einsatz, denn kaum hat Rayyan sie zurück in die Kammer gebracht, das Portal hinter ihnen wieder geschlossen und sie sich umgedreht… sehen sie sich Auge in Auge mit einer Schar halbwüchsiger, aber fest entschlossener und bis an die Milchzähne bewaffneter Rekruten, die offenbar den Lärm gehört haben und sich zum Einsatz berufen fühlen.
Ganz langsam lehnt sich Rayyan zu Tiuri und grollt: "Und jetzt, Herr der Flammen?"

Tiuri

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15

Sunday, March 6th 2016, 8:16pm

Jungfrauen in Nöten

>Und jetzt Herr der Flammen?<
"Scheiße", knurrt Tiuri in seinen struppigen Dreitagebart. Die halbwüchsigen Rekruten denen sie sich gegenüber sehen, haben vor Aufregung gerötete Wangen und Ohren und halten ihre Lanzen fest umklammert, wild entschlossen sie auch gegen diese drei Eindringlinge einzusetzen. Obwohl nicht alle von ihnen aussehen als könnten sie sie auch hoch heben, geschweige denn jemanden damit aufspießen.
Das ist wirklich das letzte was der Loaritter noch gebraucht hat. Er versteht es einfach nicht. Dieses verdammte Schwert hätte doch hier sein sollen. Sie haben es doch angeblich selbst diesem schmierigen Tavernenwirt (bei Tag) oder auch Tätowierer (bei Nacht) erzählt. Es würde auch Sinn machen, der Tempel, die Eisenketten, die fehlende Waffe! Bis auf die winzig kleine Tatsache, dass Fahl nicht aufzufinden ist.
Aus den Augenwinkeln kann Tiuri die nonverbale Kommunikation zwischen Rayyan "Chaos" Leyal und Kalam "Körperverletzung" Chelain viel zu gut erkennen und weiß ganz genau worauf das hinaus laufen wird. "Denkt nicht mal dran!" warnt er seine beiden neuen Saufkumpanen. "Von den Rekruten hier hat noch kaum einer Bartwuchs!" Er spürt mehr, als dass er sieht wie die Körperspannung der beiden neben ihm steigt, ehe er sich zu ihnen umdreht und den Rekruten einfach den Rücken zu kehrt. Jedes Lächeln ist von seinem Gesicht verschwunden und ein warnender Unterton schwingt in seiner Stimme mit, als er klar und deutlich: "Nein!" sagt. Er kann einfach nicht aus seiner Haut, die längst so blau ist wie der Mantel, den er normalerweise trägt. Diese Rekruten könnten genauso gut aus der Steinfaust sein, seiner Verantwortung unterliegen. Ganz abgesehen davon, dass sein innerer Ritter diese Milchbärte als "Jungfrauen in Nöten" erkennt – wenn auch hässliche Jungfrauen in Nöten – und sich sofort dazu berufen fühlt, für ihren Schutz einzutreten.

Er ist trotzdem, ein klein wenig überrascht, dass sein Befehlston auch bei Kalam und Rayyan ankommt. Insgeheim hat er sich schon auf eine längere, schlagkräftige "Diskussion" eingestellt. Aber Rayyan lässt die Hände sinken und Kalam sieht nicht länger aus wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung. Langsam und mit einem auffordernden Nicken hebt Tiuri beide Hände, die Handflächen nach außen gedreht. "Wir… ergeben uns?" Ein paar große, sehr verwirrt drein blickende Kinderaugen blinzeln zu ihnen hoch und keiner von den Knirpsen rührt sich auch nur einen Sekhelrin. Geduldig wartet Tiuri, ob sich da noch etwas tut, während die Rekruten gerade versuchen festzustellen, wer von ihnen denn eigentlich das Sagen hat. Offensichtlich niemand und sie wissen auch wirklich nicht, wie es jetzt weiter gehen soll, also beugt sich Tiuri freundlich zu ihnen herunter, lächelt aufmunternd und sagt: "Ihr müsst uns jetzt festnehmen!" Von hinter ihm erklingt nur ein gequältes Stöhnen und vor ihm schubst die Gruppe jetzt doch einen pickelgesichtigen, vor Angst zitternden Jungen vor, (seine Kollegen mit den Lanzen im Anschlag hinter ihm halten tapfer die Stellung) der sich ihnen vorsichtig mit einem Paar Eisenketten nähert. Artig wie ein gut erzogener Schuljunge streckt Tiuri ihm die Hände entgegen. "Gut gemacht!" lobt er den Jungen und kassiert dabei von hinten einen festen Schlag auf den Hinterkopf. "Verräter!" Tiuri zuckt mit keiner Miene, als er sich zu ihnen umdreht und sagt: "Los, festnehmen lassen!"

Sie lassen sich abführen, verweigern aber beide vehement die Eisenketten und weil sie nicht wissen was sie sonst machen sollen, belassen es die Rekruten auch einfach dabei (was ihnen von Lehrmeister Tiuri einen gestrengen Blick und ein tadelndes Zungenschnalzen einbringt), und dackeln im Gänsemarsch mit vor Anstrengung roten Gesichtern hinter den "Gefangenen" her zu den Zellen. Auf ihrem Weg kommen sie an einer Zelle mit weit aufgebogenen Eisengittern vorbei und können sich lebhaft vorstellen, wie sie beim letzten Mal entkommen sind. Die Jungen verschließen sorgsam ihr Gefängnis und stellen einen von ihnen mit einer gespannten Armbrust als Wache ab. Tiuri seufzt kopfschüttelnd, aber er erspart sich weitere Lektionen. Der Wille ist das, was zählt! "Wie ist dein Name, Rekrut!" fragt er stattdessen und deutet dann auf die Armbrust. "Die kannst du wirklich runter nehmen, ist ja auch schwer und wir sind ja sicher verwahrt!" >Edrad!< krächzt der junge – offensichtlich gerade im Stimmbruch befindliche – Möchtegerngardist. "Edrad, Sire!" korrigiert Tiuri und die Augen des Jungen werden, wenn das überhaupt noch möglich ist, noch etwas größer.
"Seid Ihr ein Ritter, Sire?" fragt der junge Mann und Tiuri nickt gönnerhaft und milde lächelnd. "Ein Loaritter. Und ich brauche deine Hilfe, Rekrut! Hast du, oder irgendjemand hier, mein Schwert gesehen? Es ist eine berühmte, sehr alte Klinge, aus Drachenstahl."
>Aus Drachenstahl?< ruft der Junge begeistert aus. >Aus Drachenstahl…< tönt es spöttisch aus dem Hintergrund der Zelle.
"Ja, Drachenstahl, habt ihr eine solche Klinge hier?"
>Wir hatten Sire, aber sie ist heute Morgen einfach ver…< weiter kommt er nicht mehr, denn mit einem dumpfen "Dong" fällt er wie ein Stein zu Boden, und was hinter ihm zum Vorschein kommt lässt Tiuri den Mund offen stehen. "DU?!

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