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Rayyan

Hänfling

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Beruf: Hexerjäger

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Montag, 26. Januar 2015, 08:22

Am Tag des Buhurt, abseits der Zelte und Pavillons


"Tee als Friedensbringer." Die Vorstellung lässt Rayyan schmunzeln, auch wenn er den Gedanken an sich weniger belustigend, als ernüchternd findet. Als Mann der Tat hält er nicht viel davon sich mit unsinnigem Geschwätz aufzuhalten, aber er darf sich, im weitesten Sinne des Wortes, ein Gelehrter schimpfen und als solcher hat er unzählige mühselige Geschichtsstunden über sich ergehen lassen. Seine Lehrerin, eine junge, etwas dusselige Immerfrosterin mit dem Gesicht eines Pferdes, hatte die dumme Angewohnheit gehabt Texte mit der gleichen Monotonie vorzulesen, mit der ein Ochsenkarren über eine obsidianglatte Straße rollte. Er war regelmäßig im Unterricht eingeschlafen, nur nicht dann, wenn sie von großen Schlachten und verheerenden Kriegen erzählte und dann hatte er sich nach seinem Bruder und dem Leben in dessen Söldnerheer zurückgesehnt, weit fort von der Akademie und ihren strengen Regeln und verkorksten Sitten. Dort war Tee ebenfalls immer dann serviert worden, wenn es um delikate Gespräche oder Diskussionen gegangen war, als ob man hoffte, dass die harmonische Seele des Tees und die Geduld und Ruhe, welche in die Vorbereitungen einflossen, sich auf Worte und Taten übertragen würden. Und im Nachhinein kippt man großzügig Hamadat hinterher, um den Bund zu besiegeln. Das hat bei ihm und seiner har'adelah auch geklappt und zumindest die azurianischen Hüterinnen der Herdfeuer sind mindestens genauso trinkfest wie irgendein dahergelaufener Söldner.

"So früh am Tag ist das aber auf leeren Magen keine gute Idee. Und dann hat er mir von diesem Gewürzmarkt erzählt. Erárbhar. Und davon, dass er jemanden hier in der Nyzemia kennt, der weiß wie man die Speisen seiner Heimat zubereitet. Das klang nach einem guten Vorschlag, also bin ich ihm hierher gefolgt." Rayyan bleibt noch nicht einmal die Zeit ein paar beschwichtigende Worte dazwischen zu werfen, da stemmt Hakîma auch schon die Hände in die Hüfte und will erbost wissen, was er sich denn bitteschön dabei gedacht hätte dem armen Mädchen Hamadat auf leeren Magen zu füttern. "Nicht das, was du hören willst", kontert Rayan trocken und ohne jede Scham. Tadelnd schnalzt die alte Azurianerin scharf mit der Zunge. Ein Geräusch, das jeden halbwegs vernünftigen Gossenjungen dazu gebracht hätte die Hacken zusammenzuschlagen und stramm zu stehen, Rayan indes nur ein selbstzufriedenes Schnauben entlockt. Er ist von einer ganzen Horde scharfzüngigen Vetteln großgezogen worden und weiß ganz genau, wann sie sich nur aufplustern und wann man am besten ganz schnell die Beine in die Hand nimmt.

Dabei fällt ihm etwas ein und er muss prompt lachen, was selbstverständlich das Interesse der zwei Frauen weckt. "Teile deine Erheiterung mit uns, Junge", fordert Hakîma ihn auf und schenkt Tee nach, kaum dass er ihr den Becher entgegen streckt und Rayyan, gut gelaunt, kommt dem Wunsch nach, wobei er nur ganz flüchtig einen Blick in Arúens Richtung wirft. Auf deren zeitlosen Zügen liegt ein kleines Lächeln und mit einem Anflug von halb belustigter, halb nachdenklicher Überraschung stellt er fest, dass ihm dieses Lächeln längt nicht mehr fremd ist. Irgendwo zwischen dem Feld der Pavillons und dem Platz der Händler hat er sich daran gewöhnt und es auf eine Art und Weise zu schätzen gelernt, von der er nicht weiß, woher sie kommt und was genau er damit anfangen soll. Also belässt er es einfach dabei und genießt die Ruhe, die es ihm bringt.

"Als ich noch ein kleiner Junge war und zu Besuch bei meinem Bruder und dessen Söldner, da schlich ich mich manchmal abends aus dem Zelt auf der Suche nach Futter. Vor allem nach einem erfolgreichen Kampf, wenn die Männer in Hochstimmung waren und ihren Sieg und ihre gefallenen Kameraden mit Hamadat und gutem Essen feierten, konnte man sich den Bauch vollschlagen. Ich futterte mich also quer durch sämtliche Feuerstellen, stibitzte hier einen halben Kebsahfladen, dort ein Stück Hammelkeule, da eine Handvoll Zimtsterne und machte mich dann auf die Suche nach einem guten Schluck. Da hörte ich einen der Männer seinen Tee anpreisen. Von Jungfrauenhänden über Stunden geschöpft, der Geschmack in einzelnen Tropfen abgewogen, die Pfefferminzblätter von Schatten und Sonne geküsst und geschmeichelt sei dieser Tee nur eines Mannes wie ihm würdig und seine Kameraden würden keinen Schluck davon kriegen, denn sie wären allesamt kulinarische Banausen und wüssten einen derart edlen Trunk überhaupt nicht zu würden." Grinsend nimmt er einen weiteren Schluck Tee und zuckt mit den Schultern: "Ich wusste es auch nicht, aber es klang lecker, also habe ich mir die Karaffe geschnappt, kaum dass er einen Moment nicht aufgepasst hat. Das hätte ich besser lassen sollen." Er ist nicht unbedingt der geborene Geschichtenerzähler, aber er weiß, dass kleine Pausen das Vergnügen an den richtigen Stellen verlängern können. Also verlegt er sich für einen Moment darauf die Neugierde der zwei Frauen zu so lange auszureizen, bis Hakîma ihn irgendwann mit einem ihrer schwer beringten Finger leicht gegens Knie tippt und meint: "Spiel nicht mit meiner Geduld, Junge, oder ich tische keine Halawets auf."

Das kann er natürlich nicht riskieren, also fährt er hastig fort: "Der Tee war köstlich, zugegeben, was ich allerdings nicht wusste war, dass die Kameraden meines Opfers sich dessen Prahlereien jeden Abend anhören durften und sich vorgenommen hatten ihm einen Denkzettel zu verpassen. Den Denkzettel, den ich dann an seiner Stelle komplett austrank. Drei Tage lange glaubte ich ich wäre der König von Azurien und würde auf meinem Sturmdrachen Sarurnir die Vierstädte vor dem Übergriff durch den Norden beschützen – der Drache war ein alter Besen, meine Soldaten die Mäuse und die Kamele und der Feind der Stallmeister, der irgendwann die Nase gehörig voll hatte davon ständig von mir als 'feiger Nordhund' bezeichnet zu werden und mich am Kragen an einen Zelthaken hängte. Dort ließ man mich baumeln, bis die Wirkung der Kräuter nachließ. Ich habe nie wieder irgendjemandes Tee gestohlen."

Arwen

Stadtbewohner

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107

Freitag, 30. Januar 2015, 22:12

Am Tag des Buhurt, abseits der Zelte und Pavillons


"Wenn es doch nur so einfach wäre… Tee als Friedensbringer." Für einen Moment huscht Melancholie durch ihre Augen, wird aber im nächsten Moment schon wieder von einem fröhlichen Funkeln verdrängt. Das Geplänkel zwischen Rayyan und Hakîma, nachdem sie erzählt hat, was sie hierher geführt hat, ist durchaus aufschlussreich. Die Menschenfrau erinnert Arúen in diesem Moment dermaßen an Cassandra, dass sie ein Auflachen gerade noch verschlucken kann. Sie scheint Rayyan und seinen Schlag bei Frauen mehr als nur ein wenig zu kennen. Wobei der Azurianer mit seinen Worten und Gesten sowohl über sich selber als auch über die Südländerin eine Menge offenbart. Sein >Nicht das, was du hören willst.<, lässt auf eine gesunde und ihm bekannte Neugier Hakîmas schließen und erinnert die Elbin zugleich daran, wie Rayyan vorhin in der für ihn so typischen, gelassenen Dreistigkeit erklärt hatte, dass er nicht vorgehabt hatte es bei einem Kuss zu belassen. Dazu, zu seiner Verteidigung einzuwenden, dass er erstens sie zu nichts gezwungen habe und sie zweitens durchaus in der Lage sei trotz Hamadat auf sich selber aufzupassen, kommt Arúen gar nicht erst. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie eine erwachsene Frau und schon lange kein Mädchen mehr ist. Aber Verteidigung oder Beistand hat der Azurianer ohnehin nicht nötig, wie das selbstzufriedene Schnauben unzweifelhaft erkennen lässt, mit dem er auf den wortlosen Tadel Hakîmas reagiert.

Sein plötzliches Lachen weckt die Aufmerksamkeit und die Neugier beider Frauen. Nur wo Arúen sich in Unkenntnis der hiesigen (oder eher der azurianischen) Sitten auf ein aufforderndes Lächeln beschränkt, fordert die Azurianerin ihn unumwunden auf, sie an seiner Erheiterung zu beteiligen. Während Rayyan also die Kindheits-Tee-Anekdote zum Besten gibt, lässt die Elbin sich ihren Teebecher ebenfalls wieder füllen. Mag er auch kein Geschichtenerzähler sein, er versteht es trotzdem durch Pausen die Spannung und Neugier der Zuhörer noch anzufachen. Zu Arúens Erleichterung ist es Hakîma, die der Neugier als Erste nachgibt und außerdem über ein wirksames Drohpotential (die Verweigerung azurianischer Gaumenfreuden) verfügt um Rayyan zum Weitererzählen zu bewegen. Als er endet, kann Arúen einfach nicht anders, sie muss lachen. Das Bild, wie Rayyan als Knabe an einem Haken unter dem Zeltdach hängt bis die Rauschkraut-Halluzinationen vergangen sind, ist aber auch zu komisch. Es braucht einen Moment, ehe sie sich wieder beruhigt und ihre Sprache wiedergefunden hat. Eigentlich will sie gerade fragen, was denn Kebsahfladen und Halawets sind, und all die anderen Speisen, die Hakîma auf dem Tisch hergerichtet hatte und die so verlockend duften. Doch der Magen kommt Arúen zuvor und verkündet mit deutlich vernehmbarem Knurren, dass es Stunden her ist, dass sie zuletzt etwas gegessen hat, was ihr eine leise Röte ins Gesicht treibt und sie entschuldigend mit den Schultern zucken lässt.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Rayyan

Hänfling

Beiträge: 129

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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108

Montag, 2. Februar 2015, 16:49

Am Tag des Buhurt, abseits der Zelte und Pavillons

Das Magenknurren fasst Hakíma als persönliche Kritik an ihrer Gastfreundlichkeit auf und ehe sich Arúen und Rayyan versehen, werden die kleinen, silbernen Platten vor ihren Nasen mit Köstlichkeiten überhäuft und sie werden und zwar sehr nachgiebig, aufgefordert zuzulangen. Das lässt zumindest Rayyan sich nicht zweimal sagen und hat sich schon halb die Backen vollgestopft, als er aus dem Augenwinkel wahrnimmt, wie seine har'adela neugierig an einem etwa taubeneigroßes, schwarzes Gebäck schnuppert, aufmerksam beobachtet von Hakíma, die natürlich wissen will, ob ihre Kochkünste dem exotischen Gast auch schmecken. "Das nennt man Baba Ghanoush, es wird aus überreifen Auberginen und Sesam gemischt und in einer Kruste aus Salzteig gewendet." Noch während er Arúen die feinen Unterschiede zwischen Baba Ghanoush und Baba Ghushan näherbringt und danach bei jedem Gericht, dass Arúen auswählt, kurz darauf eingeht aus was es besteht und wie es gekocht, gebraten oder hergerichtet wird, macht er sich selber über Fatteh und Dolma, Kibbeh und Halloumi her und rundet jeden Bissen mit einem süßen Schluck Tee ab.

Über das Essen hinweg verlieren sie sich in Plaudereien über Essen im Allgemeinen und die Speisen ihrer beider Völker im Spezifischen und Hakíma hängt wie gebannt an Arúens Lippen, als diese ihr von kleinen, in Tangblätter eingerollten Reisbällchen mit rohem Fleisch als Füllung erzählt und versichert sich gleich dreimal, dass man den Fisch tatsächlich roh, also roh wie in völlig ungekocht und ungebraten und auch wirklich nicht gesalzen, isst. "Ishuê", wiederholt Rayyan den Namen dieses ungewöhnlichen Gerichts und wirft ein, dass in Azurien ebenfalls Fleisch roh gegessen würde, kräftig gewürzt und auf Palmenblättern serviert nenne sich dieser delikaten Vorspeise Kibbeh'Nayé und würde mit kleinen, gerösteten Brotstückchen gegessen werden. Irgendwann, zwischen einem Happen Tahi'ka und einem Stück Fladenbrot, warnt Rayyan Arúen, dass sie sich nicht satt essen solle an der Mezze (der azurianischen Version kleiner Häppchen, die den Appetit anregen sollen), denn es würden noch ein Hauptgericht und eine Nachspeise folgen.

Hakíma kredenzt und serviert und das alles mit einer Hingabe, die über ihre alten, morschen Knochen und ihre schlechten Augen hinwegtäuscht. Rayyan nutzt den Moment zwischen zwei Gängen, um sich verschwörerisch zu Arúen hinüber zu beugen und mit einer hochgezogenen Braue anzumerken: "Sie ist vierfache Witwe und wenn du mich fragst, dann sind ihre Männer irgendwann einfach fett und glücklich geplatzt." Die Vermutung ist durchaus gerechtfertigt, denn kaum sind sie mit der Mezze fertig, wird ihnen Mahschija aufgetischt, ein Reisgericht garniert mit saftigen Tomaten, überbacken mit würzigem Ziegenkäse und versetzt mit süßen Rosinen, gemahlenen Mandeln und zerhackten Haselnüssen. In genießerischer Eintracht schlemmen sie sich durch das Hauptgericht, setzen alles mit einem guten Schluck glasklarem Hamadat ab und widmen sich dann dem Dessert in Form von drei Dutzend Knafas, die eine ganze Armee hätten sättigen können.

Als sie sich irgendwann dann doch in die Höhe hieven, weil es spät wird (und weil sie befürchten müssen wie Hakímas fünf Ehemänner zu enden, wenn sie noch eine Stunde länger verweilen), reicht Hakíma ihnen beiden noch einen letzten, kleinen Becher Hamdata. "Für den Bauch", erklärt sie, während sie mit einer Hand kreisende Bewegungen auf Höhe ihres Nabels vollführt. Erst dann tritt sie noch einmal an Arúen heran, nimmt deren Hände wie schon bei der Begrüßung zwischen ihre eigenen und drückt jeweils einen kleinen Kuss erst auf die Rechte, dann auf die Linke: "Ma'a as-salaama weyjewz lelseyad kebyer yedheb m'ek. Fey beytey, kent da'ema mewd' terheyb." Über Hakímas geneigtes Haupt hinweg wirft Arúen ihm einen hilfeheischenden Blick zu, woraufhin er freundlich übersetzt: "Sie sagt: Gehe friedlich mit der großen Jägerin. In meinem Haus bist du jederzeit Willkommen." Eine passende Erwiderung kann er ihr in diesem Fall nicht geben, woraufhin Arúen mit einem Lächeln erst kurz ins Shidar wechselt, ehe sie in der Allgemeinsprache erklärend hinzufügt, dass Astoe, die Archonin des Herdfeuers und die Hüterin der Glut, ihre Hände schützend über dieses Haus hält und es eine Ehre für sie war unter diesem Dach gegessen zu haben. Rayan muss ebenfalls eine paar Küsschen über sich ergehen lassen, allerdings auf Wange, Stirn, Kinn und Nase und erst als er Hakíma versichert schon bald wieder vorbeizusehen, entlässt sie ihn aus ihren Fängen.

Als sie aus dem Zelt treten, empfängt sie die samtblaue Dunkelheit einer lauen Sommernacht. Der letzte Rest Sonnenlicht hängt in blassen, perlenhellen Streifen über den Wipfeln des Larisgrüns, doch ein unterschwelliges Dröhnen und Summen in der Luft verrät ihnen, dass die Feier noch lange kein Ende gefunden hat. Auf dem gleichen Weg, über welchen sie in das orientalische Labyrinth hineingelangt sind, führt Rayyan Arúen auch wieder hinaus, bis sie den Rand des Platzes der Händler und damit die Festlichkeiten wieder erreichen. Dort, zwischen dem Stand eines Teppichhändlers, der sich zwischen seinen Waren zusammengerollt hat und so laut schnarcht, dass der Trommelspieler auf dem Podest fünf Schritt entfernt immer wieder irritiert sein Instrument überprüft, und den funkelnden und glänzenden Auslagen eines Silberschmied, der schwer damit beschäftigt ist einer vornehmen Dame ein besonders prächtiges Collier schmackhaft zu machen (zu einem derart dreisten Preis, dass er eingekerkert gehört), dreht Rayyan sich zu Arúen um und ehe sie sich versieht ist er so nahe an sie heran getreten, dass kein Windhauch mehr zwischen sie gepasst hätte. Auf seinen Zügen liegt das altbekannte, selbstversierte Lächeln, als er die einzelne widerspenstige Strähne, die sich schon den ganzen Tag auf Entdeckungstour begibt, aus ihrer Stirn pflückt und behutsam wieder hinter ihr Ohr streicht, wo seine Finger für einen Herzschlag auf der eleganten Spitze ruhen bleiben und unter die Arroganz auf seinem Gesicht schleicht sich aufrichtiges Wohlwollen. "Pass auf dich auf Har'adelah… und lass es mich wissen, wenn dir wieder einmal der Sinn nach einem guten Schluck steht. Ma'a as-salaama weyjewz." Und mit diesen Worten wendet er sich von ihr ab und verschwindet im nächtlichen Festtagstreiben.

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