Sie sind nicht angemeldet.

Riaril

Super Moderator

  • »Riaril« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 379

Beruf: Vollzeitmami

Wohnort: Elbenlande

  • Nachricht senden

1

Mittwoch, 5. März 2014, 16:20

Der Wolfsmarkt

Tief unter Talyra, im schwarzen Herzen der Unterstadt, befindet sich der berühmt-berüchtigte Wolfmarkt, Tummelplatz tückischer Giftmischer, gerissener Hehler, hinterlistiger Diebe und ähnlichem zwielichtigen Gesindel. Der Platz ist schmutzig, das Kopfsteinpflaster ist uneben und enthält unzählige Schlaglöcher, die Häuser am Rand des Wolfsmarktes sind alt und verkommen und die zahlreichen Stände stellen lediglich ein Zerbild jener dar, die auf dem oberirdischen Markt von Talyra und dem Platz der Händler zu sehen sind. Um den Platz herum und zwischen den einzelnen Ständen sind Kohlepfannen und Feuerkörbe aufgestellt, die Licht und Wärme spenden; an den meisten Hauswänden und sind zusätzlich Halterungen für Fackeln angebracht. Im Zentrum des Wolfsmarktes, um das herum die Stände in einem heillosen Durcheinander angeordnet sind, befindet sich ein dunkler, massiger Holzpfahl auf dessen Spitze der bleiche Totenschädel eines erlegten Wolfes angebracht ist – hierbei handelt es sich um das Wahrzeichen des Marktes, welchem er seinen Namen verdankt.

Bekommen kann man auf dem stinkenden, dreckigen Wolfsmarkt alles, was irgendwie verboten ist, sei es nun Hehlerwahre, Gift oder ähnliches Zeug. Solange man nur genügend Gold in den Taschen hat, lässt sich hier alles erstehen, was dunkle Herzen höher schlagen lässt: Von Waffen und Rüstungen, Flüchen und Verzauberungen, von Amuletten über Gifte und Heilmittel bis hin zu den geraubten Schätzen längst versunkener Könige. Es gibt verbotene Schriften, schwarze Bücher, Informationen und Geflüster, magische Artefakte - zu selten oder zu kostbar oder schlicht zu gefährlich, um sie im Licht der Oberwelt feilzubieten -, seltene Ingredenzen, die mit purem Gold aufgewogen werden und nicht zuletzt so absonderliches wie Basiliskenblut, Sphinxenaugen, Greifenfedern, Jungfrauenmilch, Drachenschuppen, Gargoylstaub oder gar Karfunkelsteine. Kurz um, einen Händler findet sich hier für alles, und wenn sich doch einmal etwas nicht auftreiben lässt, so gibt es gewiss jemanden, der in der Lage ist, es einem zu beschaffen. Zimperlich ist hier am Platz allerdings niemand und wer übermäßig feilschen will, sollte sicher sein, dass er seinen Kopf nötigenfalls zu verteidigen weiß, so er ihn denn behalten will. Denn mit einer Klinge an der Kehle, da sind sich die meisten Händler auf dem Wolfsmarkt einig, lässt es sich viel besser verhandeln - immer vorausgesetzt, dass es nicht der eigene Hals ist, der dem geschärften Stahl zu nahe kommt.

Umringst wird der Wolfsmarkt von mehreren kleinen und großen Kampfgruben, in denen todesmutige Kämpfer, des raschen Goldes wegen, ihre Kräfte miteinander messen - oder gar bis zum Tod – gegeneinander kämpfen. Die wahren Gewinner in diesen Arenen sind allerdings nicht die siegreichen Streiter, sondern die Buchmacher im Hintergrund, welche die Kämpfe organisieren und sich auf das Wettgeschäft verstehen, und ihre Schuldeneintreiber, die sich all jener annehmen, denen die Glücksmaid nicht so hold gesonnen ist. Seid gewarnt: Besonders vor Torren Weißauge und seinem Handlanger, dem Schwarzen Jaq, sollte man sich in Acht nehmen, wenn man sich in die Kampfgruben wagt, denn beide verstehen ihr Geschäft, das eine wie das andere.
Ansonsten findet man am Wolfsmarkt Spelunken und Absteigen aller Art. Am bekanntesten ist sicherlich die Schwarze Orchidee, ein Gemäuer, welches schwerlich zu übersehen ist. Und wer nicht genug in seiner Geldkatze mit sich trägt, um dort sein Glück zu wagen, der sieht sich eben anderweitig um, genügend Auswahl gibt es ja, wie bereits erwähnt. Und wo genau man sich nun in zweifelhafte Gesellschaft begibt, ist letztlich egal, denn einen griffbereiten Dolch sollte man bekanntlich überall in der Unterstadt parat halten, wenn einem sein Leben lieb ist.



Die NSCs vom Wolfsmarkt

Baertram, ehemaliger Kapitän der „Kreischenden Nymphe“, ein abgewrackter Schmuggler und Pirat, meistens in einer der Spelunken rund um den Wolfsmarkt anzutreffen. Statt einer rechten Hand trägt er einen bösartigen Eisenhaken. Versäuft das letzte bisschen Hirn, das er noch hat und würde für ein wenig billigen Fusel alles tun.

Baitras findet man in unmittelbarer Nähe des Wolfskopfes. Der wortkarge Haudegen handelt in erster Linie mit seltenen, exotischen Fellen und Pelzen, aber auch mit (gestohlenen) Bekleidungsstücken und Schuhen. Auf Wunsch besorgt er einem auch ausgesprochen gerne lebende Ware, sprich seltene Tiere z.B. Vögel, Schlangen und so weiter und so fort - der Preis dieser Angebote ist selbstverständlich deutlich höher.

Harun Ihab und Kalifar, Vater und Tochter südländischer Herkunft. Harun stützt sich immer auf einen alten, gewundenen Stab. Er wirkt alt und hässlich, hat einen Buckel und eine schiefe Nase, seine Tochter Kalifar ist nicht besonders hübsch, wirkt aber auf ihre Weise dennoch anziehend, vor allem vor ihren dunklen Augen sollte man sich in Acht nehmen. Das Geschäft der beiden befasst sich vor allem mit dunklen Schriften und Büchern, unheilbringenden Zaubern und Flüchen und Amuletten aller Art. Kalifar betätigt sich darüber hinaus recht erfolgreich als falsche Weissagerin.

Die Kalte Caibre hat keinen festen Stand, aber feste Stellen am Rand des Wolfsmarktes, an denen sie regelmäßig anzutreffen ist. Sie versorgt ihre Kunden nicht nur mit den absonderlichsten Tränken und Kräutern sowie echten und falschen Zauberutensilien wie Basiliskenblut, Sphinxenaugen, Greifenfedern, Jungfrauenmilch, Drachenschuppen, Gargoylstaub oder gar Karfunkelsteine, sondern auch mit Neuigkeiten und Gerüchten aller Art. Caibre ist rotblond, besitzt unergründliche, grüne Katzenaugen und ist ebenso schön wie durchtrieben. Zudem ist sie ausgesprochen stolz darauf, nicht mehr zu Madam Grappes Orchideen zu gehören. Obendrein ist sie eine ausgekochte Trickbetrügerin, die ihr Handwerk noch von ihrer Großmutter, der Falschen Tama persönlich – Möge ihr der Dunkle gnädig sein. - , erlernt hat. Nicht stellten betätigt sie sich darüber hinaus als Quacksalber- und Kurpfuscherin und nimmt hemmungslos all diejenigen aus, die es nicht wagen können, sich an einen richtigen Heiler zu wenden. Ob ihre Behandlungen Erfolg zeigen oder nicht, ist Caibre eher gleichgültig.

Krätze, ein Unterstädter, ehemaliger Schmuggler auf der „Kreischenden Nymphe“, Gefolgsmann Baertrams, meistens in einer der Spelunken rund um den Wolfsmarkt anzutreffen. Ein guter Führer durch diese Schattenstadt, solange man ihm nicht den Rücken zukehrt und entweder genug Gold hat, ihn zu bezahlen, oder ihm genug Angst machen kann.

Madame Grappe, die Leiterin des Bordells Zur Schwarze Orchidee, eine alte, dicke Matrone mit einem ebenso fetten, langfelligen weißen Kater. Früher einmal war die ehemalige Hure eine schöne Frau, aber ihre Glanzzeiten sind längst vorbei. (Ausführlichere Informationen findest du in den Threads Die Unterstadt und Die Schwarze Orchidee unter NSCs.)

Nurio Kulgur, ein Steingartenvetter Borgils. Er handelt vor allem mit Informationen, kostbarem Diebesgut und erlesener Schmuggelware, und ist Besitzer der Schwarzen Orchidee. (Ausführlichere Informationen findest du in den Threads Die Unterstadt und Die Schwarze Orchidee unter NSCs.)

Nurzhan besitzt einen Stand in der Nähe von Huran Ihab und Kalifar und handelt mit Drogen und Rauschmitteln aller Art und Stärke. Er ist etwa 45 Götterläufe alt und macht Ihabs Tochter, die nur einige Götterläufe jünger sein dürfte als er selbst, bereits seit längerem den Hof – bisher immer erfolglos! Nurzhan, kurz Nur genannt, ist groß und mager, seine Haut bleiche Haut weist eine ungesunden Gelbstich auf, während unter seinen Augen dunkle Schatten liegen; des Weiteren kleidet Nur sich gerne in schlichte, elegante Roben, verzichtet auf Schmuck, legt aber großen Wert auf gepflegte Fingernägel und sorgsam frisiertes Haar.

Tarot Streitaxt, Steingartenvetter von Baril Faustkeil und bekanntester Hehler am Wolfsmarkt, ein Zwerg mit dem selten gut Kirschen essen ist. Ebenso wie Nurio Kulgur, und nicht selten in dessen Auftrag, vertreibt er die unterschiedlichsten Hehlerwaren und besorgt was immer man verlangt, wenn man ihn gewinnbringend beteiligt oder fürstlich dafür entlohnt.

Torren Weißauge führt das am meisten florierende Wettgeschäft am Wolfsmarkt. Er besitzt ein kleines unscheinbares Haus nahe der größten Kampfgrube am Platz, doch findet man ihn dort eher selten. Für gewöhnlich treibt er sich in den Gruben herum, wo er zu bestimmten Zeiten an bestimmten Plätzen anzutreffen ist. Torren ist ein hagerer, hohlwangiger Mann, altmodisch und übertrieben protzig gekleidet. Sein schlammbraunes Haar wird bereits licht, seine Hakennase erinnert an einen Krähenschnabel und seine Fingernägel sind immer eine Spur zu lang und spitz. Am auffälligsten an Torren sind allerdings seine Augen: das Linke glänzt wässrig blau, dass Rechte hingegen ist mit Blindheit geschlagen und kommt schaurig tot und nutzlos daher.

Der Schwarze Jaq, ein Berg von einem Mann, ist Torrens persönlicher Leibwächter und Schuldeneintreiber, kurz gesagt, der Mann fürs Grobe. Er ist nicht besonders helle, aber das ist auch nicht notwendig, solange es seinen Fäusten nicht an Schlagkraft mangelt.

Bei Yorath Eisenhand bekommt man Waffen aller Art und Größe, solange man nur ausreichend Gold vorweisen kann. Einst war der breitschultrige Yorath Schmied, doch seitdem er im Kampf eine Hand verloren hat, hat er sich auf den Waffenhandel verlegt und in diesem Geschäft macht ihm so schnell keiner was vor.
★| Für Schwarz-Weiß-Denker hört die Welt dort auf, wo sie bunt zu werden beginnt. (Ernst Ferstl)
07/27

Rayyan

Hänfling

Beiträge: 129

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

  • Nachricht senden

2

Samstag, 22. März 2014, 18:15

--> Das Häuschen am Waldrand

Pechschwarze, kalte Finsternis umschliesst sie und nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor der Riss in ihrem Rücken lautlos verblasst, kann man grauen Fels und schwarzes Wasser erkennen. Nur noch schlimmer als die Kälte ist der Gestank, als ob man mitten in einen verrottenden Fleischberg getreten wäre. Rayyan, aufgrund der Lage des Häuschens direkt am Rand des Larisgrüns, bereits zu sehr an den frischen, belebenden Geruch nach Holz, feuchter Erde und Wald gewöhnt, muss mehrmals leer schlucken um den Brechzeit in seiner Kehle zu bezwingen. Ein Blick über die Schulter verrät ihm, dass Táhirih ebenfalls (bislang erfolgreich) dagegen ankämpft sich zu übergeben. Sie hat beide Hände fest vor ihren Mund gepresst, ist käsweiss, hat die Augen geschlossen und atmet gepresst durch die Nase. Wahrscheinlich kommt von ihr nur kein angeekeltes „Uwäh, das stinkt ja fürchterlich!“, weil sie sonst befürchten müsste den Kampf gegen ihren sich windenden Magen zu verlieren. „Keinen Zauber, um die Luft aufzufrischen. Das würden sie riechen“, verlangt Rayyan unerbittlich, um dann selber eine magische Fackelkugel zu erschaffen, nicht grösser als eine Sommerbeere, die gerade genug Licht spendet, damit sie sehen, was vor ihren Füssen liegt. Dann legt er ihr einen Arm um die Schultern und schiebt sie vorwärts. Unter ihren Sohlen quillt Schlamm, Dreck und Anderes auf und hin und wieder hört man das feine Knacken von hauchzarten Knochen.

Wortlos dirigiert Rayyan Táhirih durch die dunklen Tunnel, geradeaus, nach rechts, nach links, bis irgendwann ein unheimliches Rumoren laut wird, gleich dem dumpfen Summen im Herzen eines Wespennests. Zeitweise scheint der Ursprung des Geräuschs direkt um die nächste Ecke, dann wieder Hundertschritt entfernt, bis der schmale Gang vor ihnen eine scharfe Kehrtwendung um beinahe eine volle Himmelsrichtung beschreibt und sich zu einer riesigen Höhle weitet – in der ein munteres Treiben zugange ist. Ohne grosse Hast, aber sehr bestimmt drängt Rayyan Táhirih in den Schatten einer halb zerfallenen Baracke, in welcher Heu gelagert wird. Dem Geruch nach zu urteilen ist es nass geworden und schimmelt bereits. Dann sieht er sich noch einmal um, eher er beiseite tritt und ihr damit den Blick freigibt auf das schwarze Herz der Unterstadt, das sich mit einem riesigen madenzerfressenen Wolfskopf auf einem Speer krönt „Der Wolfsmarkt.“
Im flackernden Licht riesiger Pechfackeln und rostiger Feuerkörbe spielt sich der unterstädtische Alltag ab, dem geschäftigen Getümmel auf dem talyrischen Marktplatz oder dem Platz der Händler nicht unähnlich. Allerdings finden sich hier nebst allerlei weltlichen Dingen von der Obefläche, wie Lederhäute, Stoffballen, Fische, Bohnen, Salz, Flechtwerk, Tonware und Getreide- und Mehlsäcke, auch noch ganz andere Güter. Ein Stand nur wenige Schritt weiter hat Schlangenhäute, Rattenzähne, Forellenaugen und, will man dem Geschrei des Händlers Glauben schenken, sogar Milch von einer unbestiegenen, heiligen Kuh im Angebot. Irgendjemand bietet lauthals Gifte feil, ganz ohne sich um Zurückhaltung zu bemühen, und ein Scharlatan auf einem bunt angemalten Karren, dessen Farbe bereits grossflächig abblättert, will eine Kur gegen jede Kranktheit auf den Immerlanden gefunden haben. Schwarze Schriften, gefährliche Geheimnisse, wunderliche Tinkturen und eine Menge Humbug, wie etwa Drachenzahnstaub, Pulver aus gemahlener Lilliwidhhaut und Mondstaub (wobei der sich bei Letzterem nicht so ganz sicher ist, er hat hier schon Feen in Käfigen gesehen). Auch hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen reich und arm, trotzdem macht der ganze Platz allgemein einen verlotterten, düsteren und sehr schmutzigen Eindruck, von den schäbigen Tüchern mit denen manche ihre Stände eingewickelt haben, um das morsche Holz zusammenzuhalten, über die riesigen Löcher in dem buckligen Kopfsteinpflaster bis hin zu den halb zerfallenen Häusern mit ihren schiefen, moosüberwucherten Dächern und den fleckigen Fassaden, die den Platz zu beiden Seiten säumen.

Viele mögen einst prachtvoll gewesen sein, geblieben ist davon in den meisten Fällen nichts weiter als ein wenig weisser Putz und der eine oder andere gerade Balken. Ein Grossteil der Kundschaft, welche sich interessiert über die Auslagen beugt oder bereits mitten in eine Verhandlung verstrickgt ist, trägt selber nur Lumpen. Und sind damit immer noch besser gekleidet, als die zahlreichen Bettler, Trödler und Kupferfrauen, die sich in winzigen Gruppen oder allein in die dunklen Nischen und Ecken gepresst haben und um milde Gaben jammern, oder mit grossen Augen nach leichter Beute Ausschau halten. Was sie an Stoff besitzen reicht nicht aus, um ihre faulgraue Haut und die bleichen, blutverkrusteten Stellen zu verbergen, wo sie sich die Flöhe aus dem Fleisch gekratzt haben. Einige Gesichter sind mit hässlichen, rotgelben Pusteln übersäht, andere dieser armen Kreaturen tragen eiternde Geschwüre, manchen fehlt ein Finger, ein Fuss, eine Hand oder auch die Nase. Hier steck man seine Nase tatsächlich nicht in fremde Sachen, ausser man will sie verlieren. Kinder toben ebenfalls durch die Menge, die wenigsten an der Hand einer Frau, die ihre Mutter sein könnte. Manche von ihnen sind so mager, dass man die Knochen unter der fast durchsichtigen, pergamentartigen Haut klappern hört. Nirgendwo ist auch nur der Zipfel eines blauen Mantels zu entdecken, dafür entdeckt Rayyan nach einer Weile mehrere Männer und Frauen, welche das Treiben auf dem Platz scharf beobachten. Sie gehören sehr wahrscheinlich zu Nurio Kulgur und sollen für einen reibungslosen Ablauf der täglichen Geschäfte sorgen. Für den Frieden sind sie auf jeden Fall nicht angestellt, denn als zwei Männer miteinander über ein Stück Fell in Streit geraten, greifen sie nicht ein, sondern beobachten den Kampf, der entbrennt, mit allerhöchstens gelangweilter Wachsamkeit. Nur wenige Augenblicke später ist alles vorbei, als einer der beiden Kontrahenten bewusstlos zusammenbricht. Sein Gegner tritt noch einmal kräftig nach, bezahlt das Leder und geht und keine Seele kümmert sich um den Mann, der nach Luft röchelnd auf dem Boden liegt.

„Allein auf diesem Platz gibt es mehr Schindluder, Huren, Quaksalber, Söldner, Halunken, Halsabschneider, Diebe und Mörder als in ganz Talyra“, bricht Rayyan plötzlich das Schweigen, ohne den Blick von dem Verletzten zu nehmen, der Blutblasen atmet. „Das Leben hier unten verdirbt dich. Weil es kein wirkliches Leben ist. Mehr ein Überleben ohne Hoffnung auf Morgen. Ein Sack Getreide kostet auf dem Wolfsmarkt ungefähr viermal weniger als oben, dafür verdirbt dir das geschnittene Zeug den Magen und verschafft dir wochenlangen Dünnschiss. An frische Ware ist schwer zu kommen. Das meiste gute Zeug ist Schmuggelware. Da drin“, fliessend wechselt er das Thema und weist mit einem Kopfnicken auf eine breite Grube hinter einem Stand, die im Moment leer und schwarz im Boden klafft. Sie ist bestimmt drei Schritt tief und zwei der Wände sind halb eingestürzt: „habe ich gekämpft. Man kann gutes Gold verdienen“, noch einmal lässt er den Blick schweifen, ehe er Anstalten macht weiter zu gehen: „oder aber erbärmlich verrecken. Das Gold habe ich nicht bekommen, dafür Uios neuen Meister. Es hat mich sieben Monde gekostet überhaupt einen Weg zu finden, den Namen seines neuen Schutzherren in Erfahrung zu bringen. Es hat mich weitere neun Monde gekostet das kleine Arschloch in die Finger zu kriegen.“ Sie hat mehr als einmal nach seinem Auftrag gefragt und er hat ihr mehr als einmal deutlich zu spüren gegeben, wie ungerne er darüber reden will. Weil es noch immer an ihm nagt und er noch immer wütend ist. Auf so viele Dinge, dass er sie nicht einmal alle aufzählen kann. Im Augenblick aber vor allem auf Táhirih und ihre Art das, was er erreicht hat, mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch den Schmutz zu ziehen mit der sie sich auch über schlechtes Wetter oder einen Flecken auf in einem ihrer Saris beklagt.

3

Sonntag, 22. Juni 2014, 20:26

Natürlich war Táhirih schon in Armenvierteln gewesen. Auch in Mar’Varis gibt es schlimme Ecken und Rayyan sollte sich daran erinnern, dass gerade er sie als noch Kinder waren regelmäßig dort hin mit sich geschliffen hat. Aber all das ist Jahre her und obwohl Táhirih gedacht hat, sich noch lebhaft an alles erinnern zu können, ist der Dreck in ihrem Kopf langsam in Vergessenheit geraten, der Gestank in ihrer Erinnerung erträglicher geworden und die Armut, nun diese allumfassende Armut hatte sie damals vielleicht auch einfach noch nicht begriffen. Natürlich waren die Ausflüge ins Armenviertel auch immer etwas eklig und vor allem furchteinflößend gewesen, aber im Endeffekt sind es Abenteuer gewesen und Ausflüchte aus ihrem strukturierten goldenen Käfig.

Jetzt nimmt ihr der Gestank der sie umgibt sobald sie aus dem Gewirr tritt beinahe den Atem und ihre Augen werden wässrig bei der Bemühung sich nicht zu übergeben. Sie möchte gar nicht wissen wo sie überall hinein steigt und beschließt sofort diese Schuhe nachher zu verbrennen. Und den Umhang! Schon nach wenigen Schritten zieht sich ein graubrauner Dreckrand über den weichen Wollstoff, aber Táhirih versucht es zu ignorieren und lässt sich von Rayyan weiter hinaus auf den Markt schieben. Sie versucht sich so nahe wie möglich an Rayyan zu halten ohne sich wie ein verängstigtes Kind an seinem Ärmel fest zu krallen. Eine Frau mit fauligen schwarzen Fingern greift nach Táhirihs Mantel, und sie kann sich gerade noch so von ihr weg drehen. Der Anblick eines völlig ausgehungerten kleinen Jungen der sie aus großen blauen Augen in einem dreckverschmierten Gesicht anstarrt lässt sie schlucken, doch Rayyan zieht sie unerbittlich weiter.

Nur wenige Schritte von ihnen entfernt geht ein Mann nach einem „Kaufgeschäft“ blutspuckend zu Boden und niemanden hier scheint es groß zu interessieren. Mit offen stehendem Mund sieht Táhirih sich nach den Blaumänteln um, doch weit und breit ist keiner zu sehen und sie weiß nicht ob die Männer der Steinfaust überhaupt in die Unterstadt geschickt werden oder ob hier ein eigenes Gesetz herrscht.
>Allein auf diesem Platz gibt es mehr Schindluder, Huren, Quaksalber, Söldner, Halunken, Halsabschneider, Diebe und Mörder als in ganz Talyra. Das Leben hier unten verdirbt dich. Weil es kein wirkliches Leben ist. Mehr ein Überleben ohne Hoffnung auf Morgen. Ein Sack Getreide kostet auf dem Wolfsmarkt ungefähr viermal weniger als oben, dafür verdirbt dir das geschnittene Zeug den Magen und verschafft dir wochenlangen Dünnschiss. An frische Ware ist schwer zu kommen. Das meiste gute Zeug ist Schmuggelware. Da drin habe ich gekämpft. Man kann gutes Gold verdienen oder aber erbärmlich verrecken. Das Gold habe ich nicht bekommen, dafür Uios neuen Meister. Es hat mich sieben Monde gekostet überhaupt einen Weg zu finden, den Namen seines neuen Schutzherren in Erfahrung zu bringen. Es hat mich weitere neun Monde gekostet das kleine Arschloch in die Finger zu kriegen.<

Táhirih hält den Atem an als Rayyan plötzlich zu sprechen beginnt. Wie oft hat sie ihn schon nach seinem Auftrag hier in der Unterstadt gefragt und wie oft hat er ihr bitterböse vorgeworfen, dass sie es nicht verstehen würde. Doch die Antwort war immer die gleiche geblieben, er würde nicht darüber sprechen. Jetzt stehen sie hier, mitten im Geschehen und sie sieht ihn wieder vor sich, wie damals vor ungefähr 20 Jahren als sie ihn kennen gelernt hat, ausgehungert, verfloht und schmutzig. Schon damals hatte er die ernstesten Augen die sie jemals in einem Kind gesehen hat, aber auch das gleiche aufbrausende Wesen und noch etwas, Begeisterung und Freude und vor allem die treueste Freundschaft die sie je gekannt hat.
Sie stehen vor einer drei Schritt tiefen Grube in der man noch vereinzelt Blut und Knochen sehen kann, wie als Bestätigung für seine Worte. Sie weiß nicht was sie sagen soll, alles würde wie Mitleid klingen, doch das wäre nicht das was sie Rayyan vermitteln möchte. Sie möchte ihm sagen, dass sie sie fühlen kann, diese Hoffnungslosigkeit von der er spricht. Sie sieht sie in den Augen der Menschen rund um sie und sie hört sie, noch immer, in seiner Stimme wenn er hier steht und von dieser Zeit erzählt. Aber von Gefühlen und Verständnis zu sprechen hat Táhirih nie gelernt und so fehlen ihr die Worte auszudrücken was sie ihm sagen möchte. Stattdessen legt sie ihren Arm um seinen und drückt ihn sanft an sich.
„Zeigst du mir wo du gelebt hast?“
Cause darling I'm a nightmare dressed like a daydream

Rayyan

Hänfling

Beiträge: 129

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

  • Nachricht senden

4

Mittwoch, 25. Juni 2014, 17:45

Taumond 514


Er kann nicht sagen, was er in ihren Augen liest, als sie zu ihm aufschaut und ihn bittet ihr den Ort zu zeigen, an dem er neun Monde unter falscher Identität gehaust hat. Bei jedem anderen Menschen hätte er es als Mitleid abgetan, aber sie von allen weiß, dass er damit nichts anfangen kann. Vielleicht hat er deshalb damals auf ihre Frage mit „Hmpf…“, anstelle von „Verschwinde!“ geantwortet. Weil sie ihn nicht bedauert, sondern indirekt herausgefordert hatte. Auch ihr Gesicht bleibt ruhig und eben wie geschmolzene Bronze und liefert ihm keinen Hinweis auf ihre Absichten. Aber ihre Nähe und die Wärme ihrer Finger zwischen seinen sind echt und kein Ergebnis affektierten Mitgefühls und auch in ihrer Stimme findet er nichts außer aufrichtigem Interesse. Trotzdem hadert er, weil er um ihre Sicherheit fürchtet. Sie an den Rand des Wolfmarkts zu bringen ist bereits riskant gewesen, mit ihr weiter in die verschlungenen Tiefen der Unterstadt vorzudringen, die selbst gestandenen Männern zum Verhängnis werden kann, gleicht eher einer Herausforderung an Soris. Letztendlich zählt jedoch nur, dass sie es sehen will. „Dann zieh die Kapuze tief ins Gesicht und komm.“ Bewusst meidet er sowohl die schattenverhangenen Gässchen, die hinter den Häusern hindurch führen, als auch die breiten, belebten Wege in der Mitte, die sich sternförmig um den Wolfsmarkt und die Gruben herum ziehen. „Halt den Blick auf den Boden vor deinen Füssen gerichtet und starr nicht. Wenn dich jemand anspricht, lauf einfach weiter, sieh dich nicht um.“ Er selber hat keinerlei Mühe mit der Umgebung zu verschmelzen, ganz so als ob er die Shor’ifs nie verlassen hätte. Jetzt, im Nachhinein, haben die die vielen langen Stunden in den engen, dreckigen Tunneln unterhalb der Steinfaustgewölben sogar etwas Gutes, denn unter dem ganzen Staub und mit den vielen Kratzern und Schürfwunden, die er sich beim Kriechen durch die alten Kanäle eingefangen hat, sieht er tatsächlich nicht aus wie ein anständiger Bürger der Oberstadt.

Obwohl er die Unterstadt bereits vor über einem Jahr verlassen hat, kennt er sich noch immer aus und umgeht geschickt jeden potentiellen Gefahrenherd. Um das Haus der Giftschwestern, als auch den Platz der Scheelen Krähen schlägt er einen weiten Bogen, nimmt anstelle der Flickengasse, das Reich einer brutalen Kinderbande, blutrünstiger und goldgieriger als der schlimmste Grubenkämpfer, die drei Treppen zum Dreckigen Loch (sehr wörtlich zu nehmen) und weicht im Anschluss auf ein Tunnelgewirr aus, das sie unmittelbar vor ihr Ziel trägt. Die ganze Zeit über behält er sowohl Táhirih, als auch die Umgebung wachsam im Auge.
Das Totes End liegt ruhig und verlassen vor ihnen, als sie aus der Dunkelheit der Felsen zwischen zwei verfallene Halbmauern treten. Möglicherweise sind der Pockennarbige und seine Männer unterwegs auf einem Beutezug und nur die Weiber und die Krüppel Zuhause, möglicherweise noch ein oder zwei seiner Handlanger um unerwünschtes Gesindel fernzuhalten. Doch zumindest in diesem Teil des Totes End scheint es ruhig zu sein und das Haus nicht mehr weit. Mit einer eindeutigen Geste gibt Rayyan Táhirih zu verstehen still zu sein und zu warten, dann tritt er aus den tiefsten Schatten in das Halbdunkel, das grau und dick über und zwischen den Häusern hängt. Erst als er sich absolut sicher ist, dass niemand in der Nähe ist, winkt er Táhirih zu sich und spricht einen leisen Zauber. Gleich darauf tanzt eine fraustgrosse, glühende Kugel über seiner Schulter und hüllt die armselige Front seiner ehemaligen Behausung in blassblaue Schemen. Es wirkt verlassen, dennoch geht Rayyan kein Risiko ein und hält in sicherem Abstand inne. Das Letzte was er will, ist ungewollt Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Keeshar hat ihn und seinen Verrat bestimmt noch nicht vergessen und würde wissen die Götter was mit ihm (und Táhirih) anstellen, wenn er ihn in die Finger kriegt.

Der Anblick der modernden Holzfassade, an welchen die letzten schimmligen Putzreste kleben, rührt etwas in ihm, aber er könnte beim besten Willen nicht sagen was es ist und ob es gut ist. „Hier habe ich gewohnt“, beginnt er mit gedämpfter Stimme zu erzählen, hält dabei seinen Blick jedoch fest auf die mächtigen, altersdunklen Balken, das moosüberwucherte Reet und die Dunkelheit hinter den Fenstern gerichtet, mit der Befürchtung sich zu vergessen, sollte er so viel wie einen Funken Mitleid auf Táhirihs Gesicht erkennen. „Zusammen mit Lys, einer ehemaligen Hure, die an Graufäule erkrankt war und langsam vor sich hinkrepiert ist. Ihr letzter Wunsch war es das Tageslicht noch einmal zu sehen. Ich habe sie mit nach oben gebracht, aber das Fieber hatte sie bereits fest im Griff. Sie ist auf dem Schiff nach Sorbonn gestorben ohne noch einmal die Augen zu öffnen.“ Es schmerzt ihn nicht über ihren Tod zu sprechen. Die Frau war wie Nebel, leise und still, in sein Leben getreten und genau so war sie auch fortgegangen, die Erinnerung an sie friedlich zwischen all dem Zorn, der ihn bei dem Gedanken an seinen Auftrag eigentlich immer heimsucht. Tatsächlich denkt er gerne an sie zurück, obwohl er schon fast vergessen hat, wie sie aussieht. Inna lillahi wa inna ilayhi raaji’oon.
„Gearbeitet habe ich für Keeshar, ein pockennarbiges Arschloch und selbsternannter Heer des Totes End. Er hat mich in die Schwarzen Tunnel geschickt, die unterhalb dieses Lochs verlaufen, um sie für Schmugglerzwecke auszukundschaften.“ Mit einem knappen Nicken des Kinns weist er in Richtung einer steil abfallenden Gasse, von der ein unangenehm süßes, schwieliges Lüftchen herüberweht. Dabei fällt sein Blick auf etwas, das halb versteckt im Schatten einiger gesplitterter Fässer liegt. Es sieht aus wie ein nasser, schwarzer Fellball. „Dort unten watet man in der Scheiße der Scheiße“, fährt er ungerührt fort, derweil er Táhirih an der Hand nimmt und näher an den Lumpen herantritt. „Im Shor’if gab es wenigstens Sonne. Hier... hierher kommt Shenrah wenn überhaupt nur für einen ordentlichen Piss.“ Erst als sie direkt davor stehen bleiben, erkennen sie was es ist.

Mit der Fußspitze schiebt Rayyan die halbverwesten Überreste der Ratte zur Seite. Sie ist fast so groß ist wie Borgils Harfenkater – ein hundemordendes Monstrum. Was genau sie getötet hat, ist unklar. Es hatte auf jeden Fall scharfe Zähne und mächtig Hunger. Mit ausgestrecktem Finger deutet er auf einen der Hinterläufe, besser gesagt auf den fehlenden, wo nur ein blanker, graugelber Knochen aus dem durch Räude zerfressenen Kadaver ragt. „Der wurde mit einem Messer abgetrennt. Wahrscheinlich haben die Kinder das Vieh gefunden, als es noch halbwegs frisch war. Haben sich ein saftiges Stück mitgenommen. Ein Festmahl.“ Seine Stimme entbehrt jeder Ironie. „Vielleicht haben sie auch mit was immer die Ratten gerissen hat um das Fressen gestritten. So hat Tommen seinen Arm verloren. Ein Junge, der hin und wieder Botengänge für mich erledigt hat. Inzwischen dürfte er tot sein. Krüppel überleben hier unten nicht lange.“ Überhaupt ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle fünf seiner ehemaligen Mäuschen noch am Leben sind, verschwindend gering, selbst mit einem Patron wie dem Pockennarbigen, dafür ist das Leben in der Unterstadt zu hart und zu grausam. Kobold vielleicht. Und Oisin. „Ich musste während meiner Zeit hier unten nicht an Knochen nagen“, fährt er steinern fort: „sondern habe was Anständiges zwischen die Zähne gekriegt. Es hatte keinen Namen und was drin gewesen ist, will ich auch nicht wissen, aber es schmeckte zumindest nach Irgendetwas.“ Um zu verdeutlichen, dass hier unten keine fetten Kühe und saftigen Lämmer auf taugrasfrischen Wiesen zu finden sind von denen das Fleisch für den Eintopf stammen könnte, tritt er gegen die tote Ratte.

„Auch ich musste kämpfen. Wenn auch nicht ums Essen. Ich habe hier unten drei Männer getötet. Nur einer davon hatte es wirklich verdient. Die anderen zwei“, sein Blick heftet sich auf eine dunkle Nische in einer zusammengesunkenen Häuserwand, wo seine Auseinandersetzung mit einem von Keeshars Männer ein ebenso abruptes, wie kopfloses Ende gefunden hatte. Sein einziges Verbrechen war es gewesen mehr sein zu wollen, als ein simpler Halunke und Schmieresteher: „fielen dem alltäglichen Sterben zum Opfer. Friss oder stirb. Das ist die Regel, nach denen die Menschen hier, im Fliegengrund und auch im Shor’if leben – und es ist so ziemlich das einzige Gesetz, das unter diesen erbärmlichen Umständen Sinn ergibt.“ Kein Bedauern klingt aus seiner Stimme, als er über drei Männer erzählt und auch Reue findet sich keine. Das Töten ist nicht seine Bestimmung, aber es hat ihn ein halbes Leben lang begleitet und er hat sich nie öfters den Kopf darüber zerbrochen, als unbedingt nötig. Langsam schaut er sich um, lässt die Erinnerungen auf sich wirken, und erst dann, dann sieht er sie an, sucht ihren Blick und hält ihn eisern fest.
„Das hier. Das ist woher ich komme. Das ist arm. Jetzt habe ich ein dichtes Dach über dem Kopf und kriege jeden Tag genug zu Essen. Richtiges Essen. Ich muss nicht länger nur mit Sand und Staub zwischen meinen Zähnen einschlafen. Ich habe ein eigenes Bett, keine Ecke auf der kalten Erde.“ Das stimmt zwar so nicht ganz, immerhin verbringt er regelmäßig eine Nacht auf den Dielen neben dem Herd, allerdings auf weichen Fellen, Decken und Kissen gebettet. „ Ich muss nicht mehr frieren, kann mir richtige Kleidung leisten. Ich muss nicht mehr mitansehen, wie Freunde vor meinen Augen verhungern und muss keine Angst haben, dass ich meine eigene Familie später nicht ernähren kann. Meine Töchter und Söhne werden sich nicht mit anderen Kindern um Tierkadaver streiten müssen und nicht vor lauter Hunger fast an ihren eigenen Tränen ersticken.“

Er spürt den Zorn, wie lodernde Hitze sitzt er direkt unter seiner Haut. Es ist der gleiche Zorn wie damals, als der Hohe Magische Rat ihn in diese Hölle verbannt hat. Weil er kommt, woher er kommt. Mit ihrem unbedachten Ausruf, wahrscheinlich nur als Scherz gedacht, hat sie ihn erneut dorthin zurückversetzt. An einen Ort, den er niemals leugnen wird und trotzdem abgrundtief hasst. „Ich weiß du bist mit all dem Scheiß aufgewachsen, von dem andere nur träumen können und du verzichtest auf all das, um in einer beschissenen kleinen Hütte mit mir in Talyra zu leben, wo du dein eigenes beschissenes Essen kochen musst. Aber ich…“ Nicht geboren zum großartigen Redner und für gewöhnlich auch eher wortkarg brennt seine Kehle bereits von der Anstrengung alles, was sich über die letzten Jahre, seit er den Auftrag erhalten hat, in ihm aufgestaut hat, endlich loszuwerden ohne dabei wirklich laut zu werden und ein paar Stühle kaputt zu schlagen. Wie viel einfacher wäre es sich mit einem Schlauch voll schlechtem, saurem Hamadat ordentlich zu besaufen und eine Schlägerei anzuzetteln. Aber er hat weder Alkohol zur Hand, noch jemanden, mit dem er einen Streit vom Zaun brechen könnte. Vor ihm steht nur Táhirih, die schweigend darauf wartet, dass er den angefangenen Satz beendet. Was er mit bebender Stimme tut: „… kann dir nichts anderes bieten. Ich weiß. Ich erinnere mich genau an deine Worte in Narnia. Dass du dein eigener Herr bist und dass ich dich nicht beschützen muss, aber zum Dunklen, Táhirih, wir leben zusammen. Du bist zu mir gekommen und du lebst bei mir. Ich will auf dich aufpassen und ich will, dass du glücklich bist. Aber ich habe nichts anderes. Und ich habe verdammt nochmals hart dafür gearbeitet überhaupt dahin zu kommen, wo ich heute stehe. Mehr zu werden als der verlauste Bettlerjunge, als der ich geboren wurde. Ich bin nicht mehr arm. Du warst es nie. Hör auf dich aufzuführen, als wärst du es. Oder geh zurück zu deinem Vater.“

5

Donnerstag, 26. Juni 2014, 01:02

Sie ist sich sehr wohl bewusst, dass sie hier unten auffällt wie ein bunter Hund. Selbst der schlichte Umhang den sie trägt ist von zu guter Qualität, hat keinen einzigen Flicken und keinen Fleck außer den Dreckrändern die er sich auf dem Weg über den Wolfsmarkt eingefangen hat. Wie Rayyan es sagt zieht sie die Kapuze tief in ihr Gesicht, das ebenfalls zu sauber ist, ihre Haut zu strahlend, ihre Augen zu klar und noch dazu von diesem ungewöhnlichen blau in ihrer bronzedunklen Haut. Sie versucht die Schultern etwas nach vorne zu ziehen um nicht zu gerade zu stehen, eine Haltung der Reichen und Selbstbewussten und so schleicht sie hinter Rayyan her, den Blick auf ihre Füße gerichtet, deren Seidenpantoffeln sie ebenfalls versucht so gut wie möglich mit ihrem Umhang zu verdecken.
Sie weiß selbst nicht was sie da geritten hat, aber sie muss es einfach sehen und irgendwie sagt ihr Gefühl ihr, dass Rayyan es noch einmal sehen muss. Noch einmal durch die stinkenden Gassen streifen und vielleicht würde es ihm helfen es langsam hinter sich zu lassen, auch wenn sie sich bewusst ist, dass das wohl noch länger dauern würde.

Im Schatten eines Häuserecks bleiben sie stehen und Rayyan tritt vorsichtig hinaus um zu überprüfen ob sie tatsächlich alleine sind ehe er sie zu sich winkt. Immerhin es ist ein Haus vor dem sie stehen und keine Sandgrube. Táhirih hat auf dem Weg hier her wirklich begonnen mit allem zu rechnen. Zwar stinkt es faulig und modert auch sichtlich vor sich hin, aber der Geruch geht hier in wesentlich Schlimmerem unter. Das Reetdach ist von Moos überwachsen und hängt schwer und feucht auf das dunkle Holz hinunter. Sie zuckt beinahe zusammen als Rayyan plötzlich zu sprechen beginnt, seine Stimme irgendwie hohl und leise, aber vielleicht ist es auch nur der ganze Schimmel an den Hauswänden der jeglichen Hall seiner Worte verschluckt. Zum ersten Mal erzählt er auch von der Frau, Lys, von der Táhirih bis jetzt nur wusste, dass eine Frau an Bord des Schiffes gestorben war und auch das nur deswegen weil sie es von den Schiffsleuten gehört hatte. Rayyan hat bis jetzt kein Wort über sie verloren. In seiner Stimme schwingt jedoch kein Wehmut, obwohl er sie offensichtlich gern gemocht hat, er geht auch nicht näher auf sie ein, woher er sie kannte oder wie lange, sondern erzählt von seinem damaligen Arbeitgeber. Seine Hand um ihr Handgelenk ist beinahe etwas grob als er sie vor eine zerstörte tote Ratte zieht und ihr mit dem Fuß einen Tritt gibt.
Was er über den Shor’if sagt stimmt. Sicherlich, es ist das Viertel der Ärmsten der Armen in Mar’Varis, aber wenn sie sich in der Abenddämmerung auf ein Dach gestohlen haben, weit weg von all dem Elend konnte man sogar dort vergessen wo man eigentlich ist. Hier allerdings würde einem das nicht so einfach gelingen. Es schüttelt sie kurz, als Rayyan davon spricht was hier unten so am nicht ganz so täglichen Speiseplan steht, aber sie krallt ihre Fingernägel in ihre Oberarme um es vor Rayyan zu verstecken. Er ist wütend genug auf sie wie es ist, wenn sie jetzt auch noch die verwöhnte Prinzessin raushängen lässt würde er sie vermutlich an Ort und Stelle stehen lassen. Als er bei den Männern angelangt ist die er getötet hat, würde sie am liebsten die Augen schließen, die Hände auf die Ohren pressen oder einfach gehen. Sie hatte sich oft vorgestellt wo Rayyan wohl sein mag, damals als sie selbst in Mar’Varis oder in Hólar war und keine Ahnung hatte wo er gerade ist oder was er so treibt. In ihrem Kopf hatten sich die unterschiedlichsten Szenarios abgespielt, gute und weniger gute (wenn sie mal wieder zornig darüber war, dass er einfach so verschwunden war), aber nicht mal die wütendste Faser ihres Seins hätte ihn hier her gewünscht. Noch einmal lässt er den Blick über die Fassade streifen und starrt ihr dann fest in die Augen sodass Táhirih nur zurück starren kann, bemüht nicht mal zu blinzeln, weil es ihr vorkommt als hätte sie dann verloren.
>Das hier. Das ist woher ich komme. Das ist arm. Jetzt habe ich ein dichtes Dach über dem Kopf und kriege jeden Tag genug zu Essen. Richtiges Essen. Ich muss nicht länger nur mit Sand und Staub zwischen meinen Zähnen einschlafen. Ich habe ein eigenes Bett, keine Ecke auf der kalten Erde.< Sie sieht davon ab ihn in dieser Situation darauf hinzuweisen, dass das mit dem Bett so nicht ganz stimmt, sondern lässt ihn sich einfach weiter in Rage reden.
> Ich muss nicht mehr frieren, kann mir richtige Kleidung leisten. Ich muss nicht mehr mit ansehen, wie Freunde vor meinen Augen verhungern und muss keine Angst haben, dass ich meine eigene Familie später nicht ernähren kann. Meine Töchter und Söhne werden sich nicht mit anderen Kindern um Tierkadaver streiten müssen und nicht vor lauter Hunger fast an ihren eigenen Tränen ersticken.< Es ist manchmal leicht für Táhirih zu vergessen, dass ihre Leben unterschiedlicher nicht sein hätten können. Schließlich haben sie beide einen guten Teil ihres Lebens in ihren jeweiligen Magierakademien verbracht und dort alle Annehmlichkeiten genossen. Große Unterschiede in den Gesellschaftsschichten gibt es dort nicht, dein Mana weiß nichts von deinen Eltern oder deiner Herkunft, du kannst es kontrollieren und formen, bist gut in dem was du tust, oder eben nicht. Auch hat sie selbst Rayyan immer nur als Rayyan gesehen und nie einfach als arm, aber langsam fällt es ihr schwer hinter seiner zornigen Fassade den kleinen Jungen zu sehen der sich vor lauter Hunger in den Schlaf weint. Kein Mitleid, das verzeiht er dir nicht! Also schluckt sie den Kloß der in ihrem Hals aufgestiegen ist wieder hinunter. Sie hätte nie gedacht, dass Rayyan sich Sorgen darüber machen könnte ob er für eine Familie sorgen kann, ob er Kinder ernähren kann und ihnen ein besseres Leben bieten könnte als er hatte. Vermutlich weil sie selbst nie solche Gedanken gehegt hat. Für Táhirih waren Kinder untrennbar mit einer Heirat verbunden und diese mit einem Zwang und dem Abgeben ihres Lebens in eine fremde Hand. Nie hat sie sich Kinder gewünscht oder auch nur im Entferntesten daran gedacht was für ein Leben sie haben könnten.

>Ich weiß du bist mit all dem Scheiß aufgewachsen, von dem andere nur träumen können und du verzichtest auf all das, um in einer beschissenen kleinen Hütte mit mir in Talyra zu leben, wo du dein eigenes beschissenes Essen kochen musst. Aber ich…kann dir nichts anderes bieten. Ich weiß. Ich erinnere mich genau an deine Worte in Narnia. Dass du dein eigener Herr bist und dass ich dich nicht beschützen muss, aber zum Dunklen, Táhirih, wir leben zusammen. Du bist zu mir gekommen und du lebst bei mir. Ich will auf dich aufpassen und ich will, dass du glücklich bist. Aber ich habe nichts anderes. Und ich habe verdammt nochmals hart dafür gearbeitet überhaupt dahin zu kommen, wo ich heute stehe. Mehr zu werden als der verlauste Bettlerjunge, als der ich geboren wurde. Ich bin nicht mehr arm. Du warst es nie. Hör auf dich aufzuführen, als wärst du es. Oder geh zurück zu deinem Vater. Der letzte Satz entlockt ihr dann doch ein ungehaltenes Schnauben und zum wiederholten Male fragt sie sich warum er sie nicht einfach schon längst vor die Tür gesetzt hat. Pflichtbewusstsein weil sie sich schon so lange kennen? Gewohnheit? Ein schlechtes Gewissen für seinen Abgang aus Mar’Varis?

„Scheiße!“ ist schließlich das erste was sie sagt und es klingt ungefähr so vertraut aus ihrem Mund wie Seharimgesänge aus den Mündern eines dreiköpfigen Dämons. Táhirih flucht so gut wie nie einfach so vor sich hin, höchstens beschimpft sie jemanden, aber auch da bedient sie sich lieber gehässiger kleiner Gemeinheiten anstelle simpler Schimpfworte. „Das alles hier! Das ist scheiße, niemand sollte so leben müssen und du hast recht er war es nicht wert, aber das konntest du nicht wissen! Niemand hätte das wissen können und niemand kann wissen was noch mit ihm passiert. Und selbst eine kleine unbedeutende Person hier raus zu holen und ihr eine zweite Chance zu geben muss doch etwas wert sein, oder?“
Sie schüttelt ungehalten den hübschen Kopf und muss sich zügeln um ihre Stimme hier nicht laut werden zu lassen und ungewollte Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. „Und der ganze Scheiß mit dem ich aufgewachsen bin? Denkst du ich könnte nicht unser Leben im Handumdrehen wieder dagegen eintauschen wenn ich das wollte? Ich bin nicht zu dir gekommen weil ich von dir erwartet habe, dass du mir ein Schloss baust. Ich habe mir das hier ausgesucht, aber ich kann meine Vergangenheit nicht völlig vergessen und hinter mir lassen, so wie du deine nicht einfach vergessen kannst und auch nicht willst. Aber das hast du immer gewusst, du kennst mich doch! Und ich kann einfach verdammte Scheiße noch mal ums verrecken nicht Kochen!“ Das waren vermutlich die meisten Flüche in einem Satz die Táhirih jemals laut ausgesprochen hat. „Und jeden Tag stehe ich neuen Situationen gegenüber die jeder Mensch auf dieser scheiß Welt bewältigen kann und von denen ich keine Ahnung habe und ja, manchmal werde ich dabei vergessen dass hier unten und überall auf der Welt Kinder Hunger leiden und auch, dass du einer von ihnen warst. Dann werde ich wahrscheinlich etwas Unbedachtes sagen, aber das bedeutet nicht, dass ich unser Leben nicht schätze. Ich weiß wir hätten es schlimmer treffen können, du und ich, jeder auf seine Weise.“ Sie atmet tief durch und streicht sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht und steckt sie ordentlich zurück in ihre Frisur. „Und wenn du damit nicht leben kannst, wenn ich dir so ein Gräuel bin, dann sag es jetzt und ich gehe noch heute Nacht zurück in die Harfe!“
Bei diesen Worten beißt sie die Zähne so fest zusammen, dass ihr Kiefer knackt. Die Worte kommen ihr scheinbar so leicht über die Lippen, aber sie muss sie sagen. Sie kann Rayyan nicht versprechen sie würde niemals wieder etwas dergleichen sagen. Natürlich könnte sie sich für ihn bemühen, aber sie beide wissen wie ihr azurianisches Gemüt manchmal die Oberhand über ihre Vernunft gewinnt. Sie beide wissen sie würde nicht plötzlich auf magische Weise aufhören sich für edle Stoffe und funkelnden Schmuck zu begeistern oder sich beschweren wenn sie Blasen auf den Fingern bekommt weil sie die ganze (nicht gerade große) Hütte durch gekehrt hat. Sie hält noch immer seinem Blick stand, auch wenn es ihr zunehmend schwer fällt aus Angst er könnte sie hier und jetzt fort schicken, nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen und ihre Leben von jetzt an getrennt verbringen. Aber sie muss ihn vor die Wahl stellen, denn sie können nicht jede Woche wenn sie ihn erneut verärgert einen Ausflug hier her machen, auch wenn sie froh ist, dass er sich ihr endlich geöffnet hat.
Cause darling I'm a nightmare dressed like a daydream

Rayyan

Hänfling

Beiträge: 129

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

  • Nachricht senden

6

Sonntag, 13. Juli 2014, 16:07

Taumond 514

„Ich habe mir das hier ausgesucht, aber ich kann meine Vergangenheit nicht völlig vergessen und hinter mir lassen, so wie du deine nicht einfach vergessen kannst und auch nicht willst. Und ich kann einfach verdammte Scheiße noch mal ums verrecken nicht Kochen!“ Sie kann tatsächlich genauso gut fluchen, wie sie kochen kann. Gar nicht. Ganz im Gegensatz zu ihm, der beides meisterlich beherrscht. Allerdings genießen nur eine Handvoll Menschen das Privileg jemals in den Genuss von Rayyans Kochkünsten gekommen zu sein und wissen, dass er tatsächlich Spaß daran hat die köstlichsten Speisen auf den Tisch zu zaubern. Ganz ohne Magie. Für gewöhnlich ist es deshalb auch er, der alle naselang auf dem Markt und dem Platz der Händler um Gemüse, Fleisch und andere Lebensmittel feilscht und abends an der offenen Feuerstelle steht und in Pfannen und Töpfen rührt. Doch nach einem anstrengenden Tag, an dem er über dreizehn Stunden hinweg unablässig mit seiner Magie in irgendwelchen Tunneln herumhantiert hat, ist ihm nicht mehr danach auch noch wortwörtlich für sein Essen arbeiten zu müssen. Mehr als einmal hat er Táhirih (in seiner absoluten Ahnungslosigkeit) aufgefordert, das Kochen zu übernehmen, allerdings bislang immer ohne Erfolg. Heute hat er den Lohn für seine Hartnäckigkeit erhalten und fortan wird er sie wohl eher zwingen, einen Mindestabstand zum Herd einzuhalten.

„Und jeden Tag stehe ich neuen Situationen gegenüber die jeder Mensch auf dieser scheiß Welt bewältigen kann und von denen ich keine Ahnung habe und ja, manchmal werde ich dabei vergessen dass hier unten und überall auf der Welt Kinder Hunger leiden und auch, dass du einer von ihnen warst. Dann werde ich wahrscheinlich etwas Unbedachtes sagen, aber das bedeutet nicht, dass ich unser Leben nicht schätze. Ich weiß wir hätten es schlimmer treffen können, du und ich, jeder auf seine Weise.“ So wie Táhirih vergisst auch Rayyan in seinem straßengeborenen Stolz heraus gerne, dass ihr Leben nicht perfekt war. Einfacher. Vielleicht. Das absolute Gegenteil. Auf jeden Fall. Aber weit entfernt von jeder Art von wahrem Glück. Sonst hätte es ein Mädchen wie sie nie in die Shor’ifs gezogen, wo das horrende Vermögen ihres Vaters ihr wenn überhaupt nur zum Nachteil gereicht hat. Das Einzige was sie dort letztendlich gefunden hat, war ein verlauster, wütender, kleiner Möchtegern und dessen Familie, einer Bande von Huren und Dieben, Schlammratten und Söldnern und trotzdem ist er der festen Überzeugung das sie Zuhause niemals so oft und so laut gelacht hat, wie wenn sie mit ihm unterwegs war. Über die simpelsten Dinge im Leben, wie etwa eine ergaunerte Orange (wobei sie sich weniger über die Beute selbst, als den erfolgreichen Diebstahl gefreut hat), einen gelungenen Streich oder die Chal‘akia, süße, sternenförmige Dattelkekse, die seine Großmutter immer zum Tempeltag gebacken hat.

„Und wenn du damit nicht leben kannst, wenn ich dir so ein Gräuel bin, dann sag es jetzt und ich gehe noch heute Nacht zurück in die Harfe!“ Unerschrocken hält sie seinem Blick stand und wartet auf sein Urteil, bereit diesen Ort und sein Leben hoch erhobenen Hauptes zu verlassen, wenn das gefürchtete „Geh“ fällt. Es wäre möglicherweise die beste Lösung. Die unkomplizierteste mit Sicherheit. Ihre Freundschaft hat die jahrelange Trennung über hunderte von Tausendschritt überlebt, die eine Wegstunde von der Harfe bis zum Häuschen würden sie wohl auch meistern. Wenn Rayyan wollte. Aber er will nicht. Ganz davon abgesehen, dass es bei diesem Ausflug nicht darum ging sie loszuwerden (dazu gäbe es wesentlich einfachere Methoden), sondern darum ihr zu zeigen, wie gut es das Leben eigentlich mit ihnen meint. Mehr haben zu wollen, diesen innerlichen Wunsch kann er mühelos nachvollziehen und wäre er an ihrer Stelle gewesen, die absolute Abwesenheit von jeglicher Art von Luxus hätte ihn möglicherweise in den Wahnsinn getrieben, aber er ist nicht durch früheren Reichtum geblendet und kann das Glück, das ihnen zuteilwurde, sehen. So blass und fade es im Vergleich zu ihrem früheren Leben auch wirkt. So hast du dir das nicht vorgestellt. Er muss einsehen, dass in den wenigen Momenten, in denen er dem Traum einer gemeinsamen Zukunft nachgegeben hat, sich ihre zwei Welten einfach immer nahtlos zusammengefügt hatten und Hindernisse dieser Art gar nie zu Sprache gekommen waren. In Wahrheit aber wird es Zeit brauchen, bis sie die soziale Kluft zwischen ihnen überwunden haben und möglicherweise werden sie den Rest ihres Lebens mit profanen Missverständnissen zu kämpfen haben. Dann ist es eben so.

„Du bist kein Gräuel, du bist ein…“, in Ermangelung einer passenden Übersetzung wechselt er einfach in ihrer beider Muttersprache und beendet die Feststellung ganz nonchalant: „aln’dakh ejyzh.“* Dann rückt er die Kapuze seines Umhangs über ihrem Kopf zurecht, so dass ihr Gesicht wieder vollständig von Schatten verborgen wird: „Aber damit kann ich leben.“ Dafür hätte sie ihm einen giftigen Konter gegeben. Es bleibt allerdings beim `hätte‘, denn noch bevor sie den Mund öffnen kann, hat er ihren Kopf in beide Hände genommen und ihr einen sanften Kuss auf die weiche Haut zwischen ihren Brauen gedrückt. Er hätte auch einfach sagen können: ‚Weil du mir wichtig bist‘, oder aber: ‚Weil ich dich liebe‘, aber Worte, sind sie einmal ausgesprochen, können nicht wieder zurückgenommen werden und bringen in diesem Fall eine Verbindlichkeit mit sich, der er noch nicht gewachsen ist, es vielleicht auch nie sein wird. Also lässt er stattdessen Taten sprechen. Und sogar dann schaffst du es zu lügen. Ihre Lippen sind nur wenige Sekhel entfernt, es wäre ihm ein Leichtes ihr Kinn einen Fingerbreit anzuheben und sie endlich so zu küssen, wie er es damals tun wollte, als sie sich nach fünf langen Jahren der Trennung zum ersten Mal wieder gesehen haben. Sie war dreizehn Sommer alt gewesen, er siebzehn, ein junger Mann und völlig unbedarft was die wirkliche Liebe anbelangte. Táhirih war für ihn nie mehr gewesen, als sein kleiner, braungelockter, blauäugiger und überaus nervtötender, aber heißgeliebter Schatten – bis zu jenem Sommertag, als sie sich auf dem Marktplatz getroffen hatten.

Ein selbst für mar’varische Verhältnisse ungewöhnlich heißer und trockener Sonnenthronmorgen. Der Sand hatte in schimmernden Dunstwolken in der Hitze gehangen und alles und jeden mit einem dünnen Staubfilm überzogen. So auch seinen neuen türkisfarbener Salwar Kameez, den ihm seine Schadati als Willkommensgeschenk geschneidert hatte, da er aus seinen alten Kleidern längst rausgewachsen war. Inmitten dieses Graus war Táhirih aus einer Sänfte ausgestiegen, eine prachtvolle Merah Hewa** aus dunklen, zu glänzenden Schlangen gewundenem Haar, unglaublich klaren, blauen Augen und einem Traum aus pfirsichfarbenen, reich bestickter Seidenschleier. Von dem kleinen Mädchen aus einer Erinnerung war nicht viel übrig geblieben – und mit der jungen Frau, die ihm ohne jegliche Zurückhaltung um den Hals gefallen war, hatte er einfach nicht gerechnet. Táhirih war immer hübsch gewesen, schon als vorlaute Sechsjährige, aber das hatte ihn damals, als er selber noch mehr Kind als Mann gewesen war, einfach nicht interessiert. Viel wichtiger war es gewesen die Backen mit Chal’akias vollzustopfen, im Boxen zu gewinnen, Táhirih das Dachrennen beizubringen, mit seinen Bruder das Lager der Unsterblichen Zehntausend zu besuchen, ein glorreicher Speerwerfer zu werden, Datteln aus den streng bewachten Gärten des Scheichs zu stehlen und natürlich sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Das alles hatte sich geändert, als er konfrontiert mit Táhirihs Magie seine eigene arkane Begabung eingestanden hatte und nach Narnia entsendet worden war. Und dann hatten sie sich nach fünf langen Jahren wieder getroffen und in dem Moment, als er ihr gewahr worden war, hatte sich die innige, aber durch und durch unschuldige Freundschaft, die er einmal für sie empfunden hatte, in etwas ganz anderes verwandelt. In etwas, das er damals nicht verstanden hatte, bis Colevar ihn in einem Schreiben auf das Offensichtliche hingewiesen hatte.

Seither gab es genug Möglichkeiten ihr seine Gefühle zu offenbaren, aber keine davon hat er genutzt. Weil man in der Liebe gewinnt, oder verliert und er lieber bis an sein Lebensende in selbst aufgezwungener, mal mehr, mal weniger qualvollen Unwissenheit verbringen wird, als von ihr zurückgewiesen zu werden. „Ich will, dass du nirgendwohin gehst. Außer mit mir zurück ins Häuschen.“ Bereits die Hände zum Zaubern erhoben, hält er noch einmal inne und bedenkt sie mit einem undurchdringlichen Blick, der nicht preigibt wie es wirklich gemeint ist, als er verlangt: „Nachdem du mir beim Grab meiner Großmutter versprochen hast, dass du niemals wieder versuchen wirst mich zu vergiften.“ „Versprochen“, erwidert sie mit einem Augenrollen, doch das feine Lächeln, das an ihren Mundwinkeln zuckt, straft ihrer Geste Lügen und entlockt auch ihm ein kleines Schmunzeln. „Ajwa, dann lass uns gehen. Ich habe Hunger.“ Dabei blickt er noch einmal über die Schulter zu dem Haus, das er für so viele Monde bewohnt hat und das ihm seltsam vertraut geworden ist. „Ich habe mich meiner Herkunft nie geschämt. Aber ich wollte auch nie wieder an einen Ort wie diesen zurück. Ich verstehe den Entschluss des Rates mich zu schicken, trotzdem hat es mich wütend gemacht. Weil es sich anfühlte, als würde man all meine Bemühungen der letzten fünfzehn Jahre mit Füßen treten. Nur noch viel wütender hat es mich gemacht, dass der ibn il’Nargha*** das alles wirklich nicht wert war, Táhirih. Der Hohe Magische Rat hätte gut daran getan diesen Jungen in seiner eigenen Arroganz verrotten zu lassen und es ist mir vollkommen egal, ob ich sein erbärmliches Leben gerettet habe, oder nicht. Aber vielleicht…“ Ein bleiches Gesicht, umrahmt von dünnem, strohigem Haar, wie brüchiges Pergament, taucht vor seinem inneren Auge auf und das dankbare Lächeln auf den rissigen Lippen legt sich wie Balsam um seine Seele: „… ging es gar nicht um ihn.“ Langsam dreht er den Kopf wieder zu ihr: „Vielleicht war ich einfach nur blind in meiner Wut.“

*In Ermangelung einer passenden deutschen Übersetzung hier auf Englisch: Pain in the ass!
** Fata Morgana
*** Sohn einer Nargin

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Azra« (20. Juli 2014, 12:19)


Ähnliche Themen