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Raven

Unregistered

1

Monday, June 18th 2012, 1:28pm

Der Anukistempel

Im Tempelviertel, inmitten der weitläufigen, lichten Haine die sich um den Faeyristempel erstrecken, liegt ein kleiner Wald mit dichterem Baumbestand. Schwarzkiefern und mächtige Buchen sind ungewöhnlich hoch und bilden ein undurchdringliches Laubgewölbe, das den Himmel fast völlig verdeckt. Ein schmaler Pfad führt etwa fünfzig Schritt tief in den Wald hinein und mündet dann unvermittelt in eine Lichtung. Zwei Wolfsstatuen flankieren das Ende dieses Weges zu beiden Seiten, eine aus milchweißem, andere aus mattschwarzem Marmor. Ihre Augen aus Bernstein und Jett scheinen den Pfad mit funkelnder Wachsamkeit zu beobachten - Nachtjäger und Schwarzfell, die steten Begleiter der Anukis, Göttin der Wälder, der Wildtiere, der Jagd, der Kobolde und Feen.
Hinter ihnen erhebt sich das steinerne Rund des Anukistempels: die Außenwände sind mit wundervollen Steinreliefs geschmückt, die in eindrucksvollen Bildern von den Legenden künden, die sich um Anukis und ihre Archonen ranken und sich rund um das ganze Gebäude ziehen. Der Eingang zum Tempel selbst führt über drei flache, breite Stufen hinauf zu einem Tor, das von zwei schlanken Goldbuchen aus gelbgoldenem Erikarmarmor gebildet wird, deren Kronen sich als hochgewölbter Torbogen ineinanderverschlingen.
Das Innere des Tempels ist ein einziger, hoher runder Raum. Er hat keinen Boden, doch duftendes, stets blühendes Smaragdgras bewächst ihn. Schlanke, wie Bäume geformte Säulen tragen das gewölbte Dach, umrankt von weißblühenden Lianen mit herzförmigen, dunklen Blättern. Handtellegroße Schmetterlinge in leuchtenden Farben schwirren in dem Säulenwald umher und saugen Nektar von den großen Blütenkelchen der Lianen. Stets herrscht im Inneren des Anukistempels grünes Zwielicht und goldener Dunst.
Inmitten dieser Lichtung thront die Statue der Anukis, ganz in ein Gewand aus Laub, Lianen und Blütenranken gehüllt. Ihre Augen sind aus faustgroßen, rundgeschliffenen Smaragden und der weiße Alabaster ihrer Haut ist mit Goldstaub überpudert. Zu ihren Füßen, die sich zwischen Gräsern und Farnen verlieren, erhebt sich ein Schwarm Schmetterlingsfeen, die Flügel aus bunter Jade und Kobolde aus Bronze und Stein sind um sie her. So erhaben diese Statue wirkt, sie hat dennoch etwas wildes, geheimnisvolles an sich und stets ist ihr smaragdener Blick wachsam und tief.
Im Rund der Mauer um den Säulenwald sind die Schreine ihrer Archonen eingelassen und deren Abbilder stehen in Wandnischen über kleineren Opferaltären - Nimrod Schattenjäger mit seinem mächtigen Bogen und dem gewaltigen Jagdhorn, daneben Sechmet, deren Unterleib einem Skorpion gleicht, die Herrin der Insekten und Gifte. Hinter Anukis zur Linken der Schrein Tapios, des Herren der Tiere, dessen Bronzestatue einen gewaltigen Höhlenbären zeigt. Neben Tapio, rechts hinter der Göttin, steht Wer, der Wandler mit den gelben Raubtieraugen und schließlich, winzig klein unter den anderen, die Statue von Schnellzunge, Königin der Kobolde und Feen, einem kleinen geflügelten Wesen mit riesigen Augen.


NSC's:

Frau Eluna,
Anukispriesterin und Novizenmeisterin, freundlich und grauhaarig.

Bruder Galbert,
ein etwas ängstlicher Anukispriester mit haarlosem Kopf und rosigem Mäusegesicht.

ein namenloser Kräutermeister

Halyn,
ein junger Novize mit dem Hang impertinente Fragen zu stellen und leicht zu erröten.

und noch etwa zwanzig weitere Priester und doppelt soviele Novizen und Tempeldiener.

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Arwen

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Posts: 1,148

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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2

Wednesday, February 12th 2014, 8:40pm

Der Weg durch die mittäglichen Straßen ist rasch zurückgelegt, und Arúen verschwindet im Schatten uralter Schwarzkiefern und Fichten, die den Tempel ihrer Göttin umgeben. Wie jeden Tag breitet sich ein vertrautes Gefühl warm in ihr aus, als sie die beiden Wolfstatuen erblickt, in deren Augen aus Jet und Bernstein ein lebendiges Funkeln zu liegen scheint, und die jeden zu mustern scheinen, der den Pfad verlässt.
Die Mittagsandacht ist noch nicht gefeiert, und der Platz vor dem Tempel menschenleer. Mit nahezu lautlosen Schritten tritt Arúen über die Stufen hoch zum Eingang des Tempels. Der goldene Marmor der Bäume schimmert trotz des fahlgrauen Lichtes dieses trüben Tages wie aus sich selbst heraus. Ein warmer Willkommensgruß für die Besucher der heiligen Hallen und eine Mahnung an die Macht Anukis'. Das grüngoldene Dämmern zwischen den baumgleichen Säulen und in den Kapellen der Archonen ist Arúen längst vertraut, und trotzdem kommt es ihr jeden Tag erneut so vor, als kehre sie nachhause zurück, wenn sie durch das Portal tritt und die Flügeltür sich hinter ihr leise wieder schließt. Hell schimmern die Kelche der weißen Blüten an den Säulen und die Falter und Schmetterlinge huschen wie goldene und grüne Funken um die Säulen und die Statue der Göttin, der dieser Tempel geweiht ist.

Die Sonne hat ihren höchsten Punkt schon längst überschritten, als Arúen mit einer Gruppe Novizen in einer der Seitenkapellen sitzt. Es ist eine kleine Gruppe von Jungen und Mädchen, die erst im vorangegangenen Jahr ihre Ausbildung begonnen haben, und mit denen sie in den letzten beiden Stunden seit der Mittagsandacht über die Worte des vierfältigen Glaubensbekenntnisses gesprochen hat. Über die Worte an sich und über die Bedeutung, die dahinter liegt. Und darüber, dass sich bis weit in das vierte Zeitalter hinein die Glaubensbekenntnisse der Elben und Menschen voneinander unterschieden haben - zwar nicht in ihrem tieferen Sinn, aber in der Wahl der Worte um das Bekenntnis zu den Zwölf Mächten und ihren Gesetzen auszudrücken.
Sie können das leise Geräusch hören, als die Pforte des Tempels von jemandem geöffnet und auch wieder geschlossen wird. Es dauert nicht lange, bis zwei zufrieden hechelnden Hunde im Durchgang zur Kapelle auftauchen, kurz verharren und dann die kleine Gruppe umrunden um zu Arúen zu gelangen, wo sie sich niederlassen wie zwei aus Erikarmarmor gehauene Sphinxen. Elthevir, der mit den beiden Hündinnen vor einer Weile den Tempel verlassen hat, damit Auris und Nevis Bewegung bekommen, lässt sich nur kurz im Durchgang sehen, zieht sich dann aber nach einer leisen Verneigung wie immer still und rücksichtsvoll zurück. Es genügt aber, um die Aufmerksamkeit von einigen der Novizen kurz abzulenken. Und bei einer von ihnen meint Arúen sogar zu bemerken, wie sie kurz zusammenzuckt, als die Silhouette des Elben zu sehen ist und sie den Kopf auf eine Weise zwischen den Schultern einzieht, dass es auf rührende Weise scheu wirkt. Sacht öffnet Arúen die Barrieren ein wenig, mit denen sie gemeinhin ihre empathischen Sinne umgibt, und nun ist es an ihr, beinahe zusammenzuzucken. Denn was sie bei dem Mädchen spürt, ist nicht wie erwartet Scheu oder Neugier, sondern schlicht Angst. Eine Angst, die sich sogar noch verstärkt, als die Novizin bemerkt, dass die Elbin sie aufmerksam ansieht.

"Jorun? Was ist mit dir? Was macht dir solche Angst? Niemand hier tut dir etwas, Shu're Elthevir nicht, die Hunde nicht," ein sachtes Lächeln lässt Arúens ohnehin ruhige Stimme noch ein wenig sanfter werden, "und ich auch nicht." Einige endlose Herzschläge lang sieht das Mädchen sie nur aus großen, ängstlichen Augen an. "Aber das wisst Ihr doch sowieso, Erhabene." Die Antwort ist so leise, dass Arúen sie fast nicht verstanden hätte, und dabei sitzt die Novizin noch nicht einmal zwei Schritt von ihr entfernt. "Was soll ich wissen? Wie kann ich von etwas wissen, wenn Du es mir nicht erzählst, Kind?" Das Mädchen ringt inzwischen seine Hände so sehr, dass die Elbin sich ernstlich Sorgen um die zarten Knochen zu machen beginnt. "Ihr s-seid ei-eine Elbin und Hohepriesterin... Ihr könnt... und dann wisst..." Die Kleine stottert so sehr, und heftiges Schluchzen verschluckt die meisten Worte, so dass Arúen so gut wie gar nichts versteht, und das Mädchen nur besorgt ansehen kann, in der Hoffnung, sie würde noch etwas mehr sagen, das Licht in das Ganze bringt. Doch Jorun ist so verstört, dass sie schlussendlich die Arme um ihre Knie schlingt und weinend das Gesicht verbirgt. Ein wenig ratlos wandert der Blick der Elbin über die Gesichter der anderen Kinder, und bleibt an dem eines andern Mädchens hängen, ein wenig älter als der Rest dieser Gruppe, und dessen Blick wandert unstet hin und her, so als sei sie sich nicht sicher, welche Entscheidung sie treffen soll. Schließlich erwidert sie aber den Blick der Priesterin. "Ich glaube, ich weiß, was sie meint." Die Stimme der Novizin ist leise, aber nicht zögerlich, und der Blick, den sie auf Arúen gerichtet hat ist fest. "Sie hat abends oft geweint, wenn wir in unserer Kammer sind um zu schlafen. Sie hat Angst... Angst vor euch, also nicht vor Euch, Erhabene, aber vor Elben. Sie hat noch nie vorher welche gesehen, bevor sie hier in den Tempel kam, wisst Ihr. Und... und sie ist der Meinung, dass Elben die Gedanken von andere lesen können, dass sie alles wissen, was wir denken und fühlen."

"Allmächtige Götter." Diese Eröffnung trifft Arúen wie ein Schlag ins Gesicht, und für einige Augenblicke kann sie erst einmal gar nichts darauf erwidern. Dann stellt sie die Frage, die sie einfach stellen muss, auch wenn ihr schwant, dass ihr die Antworten nicht gefallen werden. "Habt ihr alle Angst davor, dass ich oder ein anderer Elb eure Gedanken liest?" Und die Antworten gefallen ihr tatsächlich nicht. "Ja." "Nein." "Manchmal." "Ein wenig." Eine Weile macht sich betretenes Schweigen breit, während die Elbin nach Worten sucht, um den Kindern zu erklären, was es mit den empathischen Fähigkeiten der Elben auf sich hat, und - vor allem - wo deren Grenzen sind.
"Ihr braucht keine Angst zu haben." Es ist ihr erster Satz, und es ist auch das, was ihr am allerwichtigsten ist, dass die Kinder das verstehen und es auch glauben. "Kein Elb kann einfach so daherkommen und nach Belieben mit seinem Geist in eurem Kopf herumspazieren und eure Gedanken lesen. Elben sind empathisch begabt. Das bedeutet, dass wir in der Lage sind, die Stimmungen und Gefühlsregungen von anderen wahrzunehmen." "Aber Ihr wusstet auch, dass Jorun Angst hat." Der Knabe, der sie unterbricht, schlägt sich die Hand vor den Mund und schaut drein, als erwarte er dafür bestraft zu werden. "Ja, ich wusste, dass sie Angst hat. Aber ich wusste es nicht, weil ich ihre Gedanken gelesen habe. Wenn jemand Angst hat, dann kann man ihm oder ihr das manchmal ansehen, weil er die Augen ganz weit aufreißt und starr auf etwas schaut, oder weil die Ader hier am Hals ganz heftig anfängt zu pulsieren, weil das Herz vor Aufregung schneller schlägt. Und Hunde, wie meine beiden hier, die können Angst sogar riechen." Auris und Nevis sehen sie aus seelenvollen blauen Augen an, als sie ihnen kurz über die Köpfe streicht, so als wüssten sie, dass über sie geredet wird. "Dann ist das so was wie das Einfühlungsvermögen, von dem Frau Eluna uns letzten Mond erzählt hat, und das jeder Priester entwickeln muss, wenn er den Göttern und den Gläubigen richtig dienen können will?"
"Ja, so etwas ähnliches. Einfühlungsvermögen beruht auf einer guten Beobachtungsgabe, damit man solche Dinge bemerkt, die ich eben beschrieben habe. Es ist aber auch die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen, sich bewusst zu machen, wie er denkt, in welcher Situation er sich befindet, was in ihm vorgehen mag. Einfühlungsvermögen ist es, wenn ich sage: Ich weiß, wie es Dir geht. Es ist die verstandesmäßige Fähigkeit, die Gefühle anderer Leute nachzuvollziehen. Die Empathie der Elben geht noch einen Schritt darüber hinaus." "Darüber hinaus? Wie?" Die Neugier des Mädchens, das ihr von Joruns Ängsten erzählt hatte, funkelt unübersehbar in deren grauen Augen. "Nun, es ist ein großer Unterschied zwischen 'Ich weiß, wie es Dir geht' und 'Ich fühle, wie es Dir geht', meinst Du nicht?" "Oh... oh... Dann... dann könnt ihr es also fühlen, wenn jemand Angst hat, weil ihr die Angst dann selber spüren könnt, ja?" "Ja, genau. Aber nur dann, wenn wir unsere Sinne auch dafür öffnen. Wisst ihr, Kinder, das ist etwas, das alle Elben schon als kleine Kinder lernen, wie man seine Sinne gegen die Wahrnehmung der Gefühle von anderen verschließt und wie man auch seine eigenen Gefühle nach außen hin abschirmt. Wir tun es unbewusst, und es gehört zu den ethischen und moralischen Grundsätzen der Elben, dass man andere nicht auf diese Art und Weise ausspioniert. Manchmal, wenn man sehr müde ist und unkonzentriert, oder wenn jemand anderes sehr heftigen, starken Gefühlen ausgesetzt ist, dann kann es passieren, dass wir ungewollt diese Stimmungen wahrnehmen."

"Dann können Elben also gar keine Gedanken lesen?" Jorun scheint ihre Angst zumindest so weit überwunden zu haben, dass sie sich traut, ihre Frage direkt an Arúen zu richten. Und für einen Moment ist die Elbin versucht, dem Mädchen seine Angst mit einer gutgemeinten Halbwahrheit zu nehmen. Doch dann entscheidet sie sich dagegen. Wenn sie will, dass die Kinder ihr glauben und vertrauen, dann muss sie ihnen jetzt auch die ganze Wahrheit sagen. "Doch, aber nicht alle. Nur einige wenige, mächtige Elben könnten die Gedanken eines anderen Wesens lesen. Aber es müssten schon wirklich außergewöhnliche Umstände sein, die ihnen absolut keine andere Wahl mehr lassen, als so sehr gegen die moralischen Grundwerte der Elben zu verstoßen. Und selbst wenn sie es täten, könnten sie es niemals unbemerkt tun, der andere würde es immer merken, dass jemand versucht, sich Zugang zu seinem Geist zu verschaffen... Und es kostet denjenigen, der es versucht sehr viel Kraft, selbst dann, wenn ihm jemand seine Gedanken bereitwillig öffnet. Und es gegen den Willen eines anderen zu tun, hinterlässt bei beiden Spuren." "Könntet Ihr es?" Wieder zögert die Elbin mit ihrer Antwort. "Der Priester, der mich auf die Prüfung von Geist, Herz und Hand vorbereitet hat, meinte, ich hätte die Fähigkeit dazu. Aber ich habe es noch nie ausprobiert. Und wenn die Götter gnädig sind, werde ich nie an einen Punkt geraten, wo ich keine andere Wahl mehr habe, als zu sehen, ob der Priester Recht hatte."

Die ganze Aufmerksamkeit der Novizen gilt der Elbin, und was sie von ihnen wahrnimmt ist ein Durcheinander von Neugier, sachtem Unglauben gemischt mit einem unbestimmten Vertrauen und dem Wunsch glauben zu können. Nur Angst kann sie keine mehr spüren, auch nicht von Jorun, und das lässt das Lächeln Arúens sich noch ein wenig vertiefen. "Also gut, wenn ihr keine Fragen mehr habt, dann mal aufauf, es ist Zeit für das Abendessen. Und nicht rennen in den Gängen, denkt dran. Jorun, richtest Du bitte Frau Eluna aus, dass ich nicht an der Mahlzeit teilnehmen werde. Ich komme erst morgen wieder." Mit einem Knicks und einem Nicken ist das Mädchen verschwunden, den anderen Novizen so schnell hinterher, dass die Elbin nur lächelnd den Kopf schütteln kann. Novizen hin oder her, es sind vor allem immer noch Kinder. Schweigend und in Gedanken noch immer bei den Novizen und dem Gespräch von eben, macht Arúen sich auf den Weg in ihre Räume um sich ihren Mantel zu holen und den Tempel für diesen Tag zu verlassen.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]